Das Nordkap fasziniert viele Motorradfahrer. Einmal dorthin, wo die Straße aufhört und der Himmel beginnt. Auch für mich ein Traum.
Die Vorbereitung und Anreise
Gerd wollte ja eigentlich nicht mit dem Motorrad zum Nordkap, zu kalt, zu nass, zu weit, zu anstrengend. Das waren die Argumente. Doch jetzt ist die Fähre nach Norwegen gebucht.
Drei Wochen hatte ich Zeit, eine grobe Route, offen für Abstecher. Ich sollte nicht der einzige mit diesem Ziel sein: Auf einem Rastplatz hinter Hamburg traf ich Michel, einen Schweizer mit seiner Moto Guzzi. Ebenfalls unterwegs in Richtung Nordkap.
Die Reisevorbereitungen unserer Nordkap Tour sind abgeschlossen. Alle Fähren und Unterkünfte sind gebucht. Das hat sich bei vorherigen Motorrad-Touren als vorteilhaft erwiesen. Die Unterkünfte sind überwiegend über ein Internet-Buchungsportal gebucht und bis einen Tag vorher wieder kostenfrei stornierbar.
Anfangs hat mich das total verunsichert, weil ich nichts in der Hand halte, außer einem zu Hause selbst gedruckten Fährticket, aber inzwischen lasse ich mich davon nicht mehr aus der Ruhe bringen. Buchungscomputer an Abfertigungsschaltern von Fährlinien funktionieren anfangs nie. Vermutlich Windows.
Am Skandinavienkai in Lübeck gesellte sich Frank aus Jena zu uns. Drei Fremde, ein Ziel und sofort war da dieses Gefühl von Zusammenhalt, das ich am Motorradfahren so liebe.
Als wir mit der Planung begonnen haben, schien der Reisebeginn noch ganz weit weg. Plötzlich rückt der Termin immer näher und das Packen beginnt. Was nehmen wir alles mit? Wie wird das Wetter sein? Letztendlich müssen wir es nehmen wie es kommt und zum Glück gibt es da ja noch die Griffheizung.
Für ungefähr 200 € gibt es die Fährpassage mit Motorrad in guten Einzelkabine mit Bad, Fernseher und Kühlschrank. Die Abfertigung am Schalter der Norwegenfähre verläuft exakt so, wie ich es schon von Finnlines und DFDS kenne: Die Ampel schaltet grün, man fährt an den Counter heran, stellt den Motor ab, sagt der hübschen jungen Frau am Schalter nett Guten Tag und überreicht ihr die Buchungsbestätigung.
Schließlich platzt der Knoten, das System läuft, natürlich ist meine Buchung in Ordnung, ich bekomme meinen Kabinenschlüssel und einen roten Zettel mit einer Nummer, die ich am Motorrad befestigen muss. Greeny bekommt wie selbstverständlich die Startnummer 1 und wir dürfen vorfahren bis zum nächsten Posten, wo man auf die Zufahrt zum Kai warten muss.
Um 12 Uhr beginnt das eigentlich Boarding. Dann öffnet sich die Schranke und man darf vorfahren bis zum Schiff, wo man noch einmal eingewiesen wird. Ich rolle hinter einer Honda VFR und einer BMW K1300S über die kurze Rampe in den Bauch der MS Color Fantasy. Leider versemmele ich die Videoaufnahme, weil ich vor Aufregung die kleinen Knöpfe nicht richtig treffe.
An Bord werden wir über eine zweite, schmalere Rampe ein Deck höher gelotst, wo wir mit insgesamt 17 Maschinen auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Ich habe Glück (=unverschämte Ellenbogenmentalität) und bekomme den besten Platz links hinten außen. Die anderen haben kaum genügend Platz, um von ihren Maschinen zu steigen.
Die Schiffe Color Fantasy und Color Magic fahren täglich die Strecke Kiel-Oslo. Von Oslo aus ging es mit dem Schiff Color Fantasy über Nacht nach Kiel, von wo aus ich nach Hause fuhr. Die Color Fantasy ist eines der größten Kreuzfahrt-Fährschiffe der Welt.
Sicher an Bord
Jetzt schlägt wieder meine große Stunde, denn wenn ich etwas kann, dann Motorrad auf Fähre: Ich stelle die KLX auf dem Seitenständer ab, den 1. Gang lasse ich drin, stecke Helm und Handschuhe auf den Spiegel (der Diebstahl MakeUp verschmierter Helme auf Fähren ist zuletzt sehr zurückgegangen) und nehme den Tankrucksack ab.
Ich stecke den einen Haken in die Decksöse, ziehe den Gurt einmal quer über die Sitzbank und hänge den zweiten Haken in die gegenüber liegende Öse. Drei-, vier-, fünfmal die Ratsche betätigen bis der Gurt stramm sitzt und die Maschine sicher steht.
Die ganze Aktion hat kaum drei Minuten gedauert von dem Moment, als ich den Motor abgestellt habe. "Ja.", sage ich, knipse mein Erinnerungsfoto, nehme den Tankrucksack und gehe zu meiner Kabine. Ich drehe mich noch einmal um und merke mir B2-Deck 5.
Erste Eindrücke und Routenplanung
Die Kabine ist total schön und geschmackvoll eingerichtet. Teppiche und Gardinen sind nagelneu und sogar ein Flachbild Fernseher hängt überm Bett. Kein Wunder, das Schiff ist erst vor sechs Wochen aus einer dänischen Werft gekommen, wo es umfassend modernisiert worden ist.
Eilig haste ich vier Decks nach oben aufs Sonnendeck, beame mich durch die Luftschleuse nach draußen und ergattere einen der begehrten Winkeplätze an der Reling. Kiel zeigt sich heute von seiner besten Seite, Kaiserwetter.
Nachts um zwei Uhr legten wir mit der Fähre Finnlady ab, in zwei Tagen sollten wir in Helsinki sein. An Bord genoss ich den Blick aufs Meer, beobachtete wetterresistente Finnen nach der Sauna auf dem Sonnendeck.
Frank und Michel, die ich am Anfang meiner Reise kennengelernt habe. Ankunft in Helsinki, ich fuhr direkt in die Innenstadt. Der Dom war zwar hinter einem Baugerüst versteckt, aber die alte Markthalle entschädigte für vieles.
Die Leute in der Schlange hinter mir werden langsam rebellisch. Natürlich denken die, es läge an mir, sie hat ihre Buchung nicht bezahlt, gefälschte Daten, ein blinder Passagier.
Ganz langsam läuft die Color Fantasy durch die Kieler Innenförde. Dreimal muss ich meinen Platz gegen dreiste Drängler verteidigen, die sich unbedingt vor mich stellen wollen, um irgend einen belanglosen Schnappschuss zu machen. Ein Typ guckt mich empört an, als ich ihn entschlossen zurückschiebe.
Entlang der Route
Nach dem Frühstück ging es weiter Richtung Norden. Ich folgte dem Fjord vom Vortag, entlang einer zerklüfteten Küste. Und dann plötzlich tauchte es vor mir auf: das Nordkap. Mit anderen Touristen stand ich an der Nordkap-Kugel und genoss den Moment aufs endlose Meer zu blicken.
Die Strecke zwischen Olderfjord und Alta werde ich so schnell nicht vergessen, obwohl es teilweise regnete. Geröll, graue Berge und Eis. Teilweise sah es aus, als hätte jemand das Land in Schwarz-Weiß-gezeichnet. Einfach unfassbar schön.
Der Weg ist das Ziel war das Motto meiner Reise. Nach gut 100 Kilometern erreichte ich meine erste Fjord-Fähre auf dieser Reise. Nach dem eisigen ersten Streckenabschnitt tat das heiße Getränk auf der Fähre richtig gut. Nur blöd, dass der Seegang so stark war.
Am Abend erreichte ich den Küstenort Tromsø. Mein erster Halt, die Eismeerkathedrale, die einem Eisberg nachempfunden wurde. Sie soll die raue Schönheit des arktischen Nordens symbolisieren. Noch mehr Lust auf Reiseberichte?
Ein Motorradfahrer aus Stuttgart sprach mich an Bord grinsend an: „Dich hab ich seit dem Nordkap schon öfter gesehen, wo ist die Kamera? Auf Senja wurde ich belohnt. Stabile zehn Grad, Sonne, Fjorde, Wasserfälle, Berge, die über 1000 Meter hoch sind und steil ins Meer abfallen.
Erster Stopp war der Sportplatz von Henningsvær. Statt auf der Hauptstraße ging es weiter auf einer Schotterpiste, dabei entdeckte ich alte Holzkirchen und weiße Strände. Zum Tagesabschluss ging’s ins Lofoten-Wikinger-Museum, ein bisschen Kultur musste auch sein.
Saltstraumen, der stärkste Gezeitenstrom der Welt. Vor einer weiteren Übernachtung erreichte ich den Svartisen-Gletscher, der mächtig vor mir emporwuchs, sehr beeindruckend.
Bei Erreichen der Hauptschlagader Norwegens, der E6, überquerte ich auch das Nordlandsporten. Ein symbolisches Tor zwischen Nord- und Süd-Norwegen. Lee Jae Joon aus Südkorea war mit der Fähre über Waldiwostok angereist. Sein Ziel war Portugal.
Auf dem Weg dorthin nahm ich mir noch Zeit, alte Holzkirchen anzuschauen. Sozusagen auf der Zielgrade ging es eintönig durch Wälder fast nur gerade aus, ich dachte fast „langweilig“.
In Oslo blieb ich zwei Nächte, um mir die Stadt anzuschauen. Es war 24 Grad warm, eine leichte Brise, Oslo zeigte sich von seiner schönsten sommerlichen Seite.
Ich kam am bislang heißesten Tag des Jahres in Kiel an. Die knapp 300 Kilometer mit dem Motorrad bis nach Stemwede waren eine Qual. Ich verbrauchte mehr Wasser als mein Motorrad Benzin.
Tabelle: Geschätzte Tageskosten für Norwegen
| Kostenpunkt | Geschätzter Betrag |
|---|---|
| Benzin | 20 € |
| Maut und Fähren | 20 € |
| Camping | 20 € |
| Essen | 25 € |
Das Nordkap erreichen
Nach den ersten Eindrücken ging es zu einer kleinen Holzhütte, 15 Kilometer entfernt, die ich für die Nacht gebucht hatte. Das Nordkap, Traumziel vieler Reisender. Blick auf den eigentlich nördlichsten Punkt der Erde.
Um 2.45 Uhr nachts klingelte der Wecker aus einem bestimmten Grund: Ich wollte dieses eine Bild. Mein Motorrad vor der Nordkap-Kugel. Ohne Touris, nur ich. Klingt romantisch? War’s auch.
Bei 2,5 Grad fuhr ich los, der Wind eisig. Dazu feiner, gemeiner Schneeregen. Und als wäre das nicht genug, sprangen mir auf den 15 Kilometern auch noch Rentiere vors Bike. Angekommen um 3.27 Uhr hatte Wettergott Thor Mitleid mit diesem frierenden Biker aus Stemwede.
Kein Mensch dort. Nachts alleine am Nordkap. Unheimlich? Ja. Beeindruckend? Hier sollte meine Reise noch nicht zu Ende sein.
Weitere Highlights der Reise
Die Temperaturen lagen zwischen vier und zehn Grad, und gefühlt gab es alle 50 Kilometer ein neues Mikroklima. An einer Tankstelle traf ich tatsächlich Frank wieder, den Biker aus Jena, den ich auf der Überfahrt kennengelernt hatte.
Die Region Finnmark liegt am Arktischen Ozean und wird auch das Tor zur Arktis genannt. In Alta angekommen schien plötzlich die Sonne: 16 Grad, fast T-Shirt-Wetter.
Auf der anderen Seite des Fjords änderte sich das Landschaftsbild: fast wie im Allgäu, grüne Wiesen, dazwischen gelbe Blumen und schneebedeckte Berge. Der kleine Fährhafen von Svensby.
Am Fährhafen von Svensby hatte ich plötzlich dieser Zimtgeruch in der Nase. Man konnte gar nicht anders, als dem Duft zu folgen. Dort gab es die besten Zimtschnecken meiner Reise. Das Zimtgebäck ist in Norwegen eine Spezialität.
Am nächsten Tag ging es mit einer Fähre zur Insel Senja. Am nächsten Tag fuhr ich schließlich Richtung Lofoten. Das milde Wetter belohnte mich für alle Strapazen. Dazu glasklares, tiefblaues Wasser, kleine Inselgruppen, die verstreut im Meer lagen.
Über kleine Straßen ging es weiter ins malerische Fischerdorf Nusfjord. Die Strecke führte mich weiter nach Hamnøya, wo tatsächlich noch Stockfisch an Holzgestellen getrocknet wurde, was in Norwegen eine Spezialität ist. Mein letzter Abstecher auf den Lofoten: „Å“ der Ort mit dem kürzesten Namen der Welt.
Am nächsten Morgen brachte mich die Fähre in vier Stunden von den Lofoten nach Bodø. Von dort folgte ich mehrere Tage einer der schönsten Küstenstraßen Norwegens. Erster Stopp: die Saltstraumen, der stärkste Gezeitenstrom der Welt.
Ich überquerte bei meiner nächsten Fjord-Überfahrt erneut den Polarkreis, diesmal in Richtung Süden. Abends beim Einchecken im Hostel lernte ich einen Motorradfahrer aus Südkorea kennen, Lee Jae Joon.
Dort angekommen, musste ich alles zum Trocknen aufhängen. Mein letztes Ziel Oslo kam nun immer näher.
Und dann, plötzlich, stand er da: der weltgrößte Elch, eine Statue über zehn Meter hoch aus Edelstahl. Bei einem Hinweisschild zu einer Kirche bog ich spontan ab und fuhr zwei Kilometer Schotter.
Ich habe auf dieser Reise über 4000 Kilometer im Sattel gesessen. Und ich kann jetzt sagen: Ich habe gefroren, geschwitzt, gelacht, gestaunt und das Ende Europas erreicht. Ich habe die Einsamkeit gespürt und die Farben Norwegens in mich aufgesogen.
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