Seit den ersten modernen Olympischen Spielen im Jahr 1896 ist der Radsport ein fester Bestandteil des Programms. Als eine von nur fünf Sportarten, die bei jeder einzelnen Ausgabe der Sommerspiele vertreten waren, spielt der Radsport eine wesentliche Rolle in der Geschichte der berühmtesten Sportveranstaltung. Die olympischen Radsportwettbewerbe beginnen am 24. Juli, nur einen Tag nach der Eröffnungsfeier, und werden mit dem Straßenrennen der Männer eröffnet.
Die Geschichte des Olympischen Straßenrennens
Der Beginn der Geschichte des olympischen Straßenradrennens gleicht einem Abenteuer: Als der Grieche Aristidis Konstantinidis 1896 auf der 87 km langen Strecke von Athen nach Marathon und zurück zum zweiten Mal eine Panne hatte, lieh er sich kurzerhand von einem Zuschauer ein Rad und fuhr zum Olympiasieg. Im Jahr 1996 erfuhr Gold eine Wertsteigerung im Radsport.
Seit den Olympischen Spielen von Atlanta dürfen Radprofis um das Edelmetall kämpfen - zuvor war der Wettbewerb im Zeichen der Ringe Amateuren vorbehalten. Seither siegten Pascal Richard (Schweiz), Jan Ullrich (Deutschland), Paolo Bettini (Italien), Samuel Sanchez (Spanien), Alexandre Vinokourov (Kasachstan), Greg van Avermaet (Belgien) und Richard Carapaz (Ecuador). Mittlerweile ist der Wettbewerb im olympischen Straßenrennen ein großes Karriereziel für viele Top-Profis.
Die Frauen gaben 1984 in Los Angeles ihr Debüt bei den olympischen Straßenrennen. Sofern es dieses Jahr möglich ist, wird der Straßenradsport bei den Spielen in Tokio im Jahr 2021 in zwei Veranstaltungen für jedes Geschlecht aufgeteilt - ein Straßenrennen und ein Zeitfahren. An den Straßenrennen werden 130 Männer und 67 Frauen teilnehmen, die als Massenstartrennen ausgetragen werden.
Olympisches Straßenrennen der Männer 2024 in Paris
Am Samstag, den 3. August 2024 startet das Olympische Straßenrennen der Männer um 11 Uhr. Gesucht wird der Nachfolger von Richard Carapaz, der 2021 in Tokio die Goldmedaille für Ecuador gewann.
Die Strecke
Insgesamt 272,1 Kilometer stehen für die Männer auf dem Programm. Zunächst geht es gen Südwesten aus Paris heraus und in größeren Schleifen zurück in die französische Hauptstadt. Das Profil ist den ganzen Tag über wellig, die drei Schlussrunden um den Montmartre haben es in sich - auch, weil der Anstieg mit 1,1 Kilometern bei sechs Prozent und auf Kopfsteinpflaster erfolgt.
Nicht nur in Ecuador - auch andernorts fiel die Auswahl für den Olympia-Start nicht mit Blick auf Verdienste, sondern nach Begutachtung, wem die Strecke in und um Paris am besten liegen dürfte. 273 Kilometer, 2800 Höhenmeter - das sind die reinen Zahlen. Vom Start am Trocadéro mit Blick auf den Eiffeltrum geht es stadtauswärts am Schloss von Versailles vorbei, hügelig über Vororte im Südwesten der französischen Hauptstadt, bevor es auf den 18 Kilometer langen Innenstadtkurs geht.
Eine Runde mit zwei Bergen
Dreimal geht es an der berühmten Basilika Sacré Coeur vorbei auf den Montmartre - hier dürften sich im Rennverlauf zunehmend die Besten vom Rest trennen. Dabei ist ein Kilometer mit durchschnittlich 6,5 Prozent Steigung für Radprofis nicht unbedingt furchteinflößend. Nach der dritten Fahrt auf die Anhöhe am Montmartre geht es noch 9,4 Kilometer bergab, am Seine-Ufer entlang Richtung Eiffelturm und über die Pont d’Iéna zum Ziel am Trocadéro.
Teams und Teilnehmer
Maximal 90 Startplätze gibt es - damit ist das Peloton nur etwa halb so groß wie beispielsweise bei der Tour de France. Es wird in Nationalteams gefahren, die aus maximal vier Startern bestehen. Einige Rennfahrer gehen ohne Helfer ins Rennen - das gibt es sonst bei Straßenrennen auf Profiniveau nie.
Ecuador, das in Richard Carapaz den letzten Olympiasieger stellt, darf nur einen Startplatz besetzen. Und selbst die Topnationen können den Kapitänen maximal drei Wasserträger zur Seite stellen - zu wenig, um die komplette Renndistanz zu kontrollieren. Manche Experten unken, es könnte eine Überraschung durch einen Sieger aus einer frühen Ausreißergruppe geben.
Die Favoriten
Mathieu van der Poel geht als amtierender Weltmeister ins Rennen. Der Niederländer blieb bei der Tour de France zwar weitestgehend blass, doch das muss nichts bedeuten: 2023 raste er in Glasgow nach unauffälliger Tour zwei Wochen später überlegen ins Regenbogentrikot des Weltmeisters.
Wout van Aert gewann in Tokio 2021 bereits Olympia-Silber im Straßenrennen und träumt nach Bronze im Einzelzeitfahren nun von Gold. Remco Evenepoel geht ohne Druck an der Seite von Wout van Aert ins Straßenrennen - schließlich gewann der 24-Jährige am vergangenen Samstag das olympische Einzelzeitfahren. Sollte das Rennen schwer werden, könnte der Belgier mit einem Solovorstoß die anderen Teams früh unter Druck setzen.
Mads Pedersen liebt lange, schwere Rennen bei denen am Ende aus einer Gruppe um den Sieg gesprintet wird - so wurde der Däne 2019 Straßenweltmeister. Allerdings hat der 24-Jährige keine Teamkollegen an seiner Seite, da sein Land nur einen Startplatz für das Straßenrennen erhält.
Nils Politt und Maximilian Schachmann vertreten den Bund Deutscher Radfahrer in Paris, haben aber kaum Medaillenchancen. Dennoch zeigten sich beide zuletzt in guter Form - Politt als bärenstarker Helfer von Tour-Sieger Tadej Pogacar, Schachmann als Neunter im olympischen Zeitfahren. Ein weiteres Top-Ten-Ergebnis von einem der beiden wäre ein zufriedenstellendes Ergebnis.
Top-Favoriten
- ***** Mathieu van der Poel (Niederlande)
- **** Tom Pidcock (Großbritannien), Remco Evenepoel (Belgien), Wout van Aert (Belgien)
- *** Julian Alaphilippe (Frankreich), Jhonatan Narvaez (Ecuador)
- ** Mads Pedersen (Dänemark), Biniam Girmay (Eritrea)
- * Alberto Bettiol (Italien), Michael Matthews (Australien), Marc Hirschi (Schweiz), Matteo Jorgenson (USA)
Die Deutschen
Zwei Startplätze durfte Bundestrainer André Greipel besetzen. Die zwei Startplätze gingen an unterschiedlich veranlagte Klassikerspezialisten: Nils Politt und Maximilian Schachmann. Politt, Spezialist für die eher flacheren Eintagesklassiker auf Kopfsteinpflaster, zeigte sich zuletzt bei der Tour de France in Topform. Auch Schachmann ist zurück in der erweiterten Weltspitze.
Die Übertragung: Eurosport und die ARD zeigen das Olympische Straßenrennen am Samstag, den 3. August 2024 in voller Länge jeweils ab 11 Uhr im Livestream bzw. die Entscheidung live im TV.
Olympisches Straßenrennen der Frauen
2021 gelang in Tokio die Riesenüberraschung, als die Österreicherin Anna Kiesenhofer als Solistin die hochfavorisierten Niederländerinnen narrte und als letzte verbliebene Ausreißerin die Goldmedaille errang. Mit einer ähnlichen Sensation ist zwar dieses Jahr nicht zu rechnen, dennoch scheint das Frauen-Rennen um Olympiagold sehr offen.
Die Strecke
Insgesamt 157,6 Kilometer sind für die Frauen zu absolvieren. Wie bei den Männern geht es zunächst gen Südwesten aus Paris heraus, allerdings nach nur einer Schleife schon wieder zurück. Es bleiben die drei anspruchsvollen Schlussrunden rund um den Montmartre, wo sich das Rennen zwischen den Sprinterinnen, Allrounderinnen und Bergfahrerinnen entscheiden wird.
Die Favoritinnen
Lotte Kopecky trägt das Regenbogentrikot der Straßen-Weltmeisterin und dominierte in dieser Saison die Eintagesrennen. Als Kapitänin des belgischen Teams gilt die 28-Jährige als Top-Favoritin. Demi Vollering ist die derzeit wohl beste Rundfahrerin und feierte auch bei anspruchsvollen Eintages-Events große Siege.
Lorena Wiebes ist die wohl beste Sprinterin im Frauen-Peloton und hofft auf einen Endspurt aus einer größeren Gruppe. Mit Vollering und Marianne Vos teilt sie sich jedoch die Kapitänsrolle - spannend, wie die Niederländerinnen die Rollenverteilung festlegen.
Marianne Vos gewann 2012 in London Gold im Straßenrennen und träumt von einer weiteren Medaille. Elisa Longo Borghini aus Italien gewann dank ihrer Vielseitigkeit bereits große Klassiker wie die Flandern-Rundfahrt, Strade Bianche oder Paris-Roubaix - und holte in Tokio 2021 sowie Rio 2016 die Bronzemedaille im olympischen Straßenrennen.
Juliette Labous trägt die Hoffnungen der Franzosen auf eine Medaille bei den Heim-Spielen. Liane Lippert, Franziska Koch und Antonia Niedermaier gehen für das Deutsche Team an den Start. Lippert wäre in Topform eine Medaille zuzutrauen, doch ein Ermüdungsbruch ließ die Firedrichshafenerin erst Ende April wieder Rennen fahren. Immerhin: Beim Giro d'Italia im Juli gewann sie eine Etappe.
Die Übertragung: Eurosport und die ARD zeigen das Olympische Straßenrennen am Samstag, den 4. August 2024 in voller Länge jeweils ab 14 Uhr im Livestream bzw.
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