Organische Bremsbeläge von Shimano: Vorteile und Nachteile

Organische Bremsbeläge gelten als leise und leistungsfähig bei Kälte, sollen aber schneller verschleißen und bei Hitze schwächeln. Beläge aus Sintermetall dagegen stehen im Ruf, extrem hitzebeständig und verschleißfest zu sein. Dafür sollen sie den Scheiben mehr zusetzen und zum Quietschen neigen. So weit die Klischees. Denn unser Test zeigt: Es kommt auch stark darauf an, wie Bremsen eingefahren werden.

Das Einbremsen: Eine entscheidende Phase

Beläge und Scheiben müssen sich aneinander gewöhnen. Dabei soll es ruhig heiß hergehen. Was viele nicht wissen: Das Paarungsverhalten von Belägen und Scheibe hängt entscheidend von den ersten gemeinsamen Momenten ab. Besonders wichtig: ein definierter Einbremsprozess, beim dem die Bremse erst eingeschliffen und schließlich behutsam auf Temperatur gebracht wird. Das ist wichtig, damit sich auf Belag und Scheibe die sogenannte Reibschicht bilden kann.

Dazu tauschen Belag und Scheibe so lange gegenseitig Material aus, bis eine mikroskopisch dünne Schicht entsteht, die chemisch nahezu identisch ist - Gleich und Gleich reibt sich eben am besten.

So bremst man richtig ein:

  • Einschleifen: Im Neuzustand oder nach dem Wechsel einer Komponente müssen sich Scheibe und Belag erst geometrisch anpassen. Dazu die Bremse bei langsamer Fahrt drei Mal circa 30 Sekunden leicht schleifen lassen.
  • Reibschicht erzeugen: Auf Belag und Scheibe muss sich eine mikroskopisch dünne Schicht bilden, die durch Materialaustausch von Scheibe und Belag entsteht. Erst auf ihr sind hohe Reib- und gute Verschleißwerte möglich. Beschleunigen Sie auf circa 30 km/h und bremsen Sie dann bis auf Schritt-Tempo ab - und zwar so lange, bis sich die Bremswirkung nicht mehr merklich erhöht, ungefähr 30 Mal.
  • Heiß bremsen: Sinterbeläge benötigen teilweise hohe Temperaturen, um eine tragfähige Reibschicht zu erzeugen, organische Beläge können ausgasen. Damit das nicht aus heiterem Himmel passiert, bremsen Sie auf einer langen, steilen Abfahrt die Bremse (einzeln) richtig heiß. Wenn es beißend stinkt, ist das jetzt ausnahmsweise ein gutes Zeichen. Dann gut abkühlen lassen!

Auch die Bremsen an einem neuen Bike solltest Du einbremsen. Widme Dich der Vorder- und Hinterradbremse jeweils einzeln! So funktioniert das Einbremsen besser als würdest Du versuchen, beide zugleich einzubremsen.

Schritte zum Einbremsen:

  1. Beschleunige auf etwa 30 km/h.
  2. Ziehe eine von beiden Bremsen so stark, dass das Rad gerade noch nicht blockiert.
  3. Lass sie so schleifen, bis du stehst.
  4. Wiederhole die ersten beiden Schritte so oft, bis Du spürst, dass die Bremsleistung zunimmt.

Testverfahren und Ergebnisse

Um herauszufinden, welche der vielen Beläge am Markt am besten mit den Bestseller-Bremsen harmonieren, haben wir 18 Paarungen bis an die Leistungsgrenze gebracht - Beläge der Marktführer Shimano, Sram und Magura, plus Nachrüstbeläge von BBB, Kool-Stop, Reverse, Sixpack, SwissStop und Trickstuff. Ein gewaltiger Aufwand. Denn jeder Hersteller bietet mittlerweile verschiedene Arten von Belägen an. Jede hat ihre Vor- und Nachteile.

Drei Wochen haben wir im Labor am Prüfstand verbracht, um den Testkandidaten in Sachen Bremskraft, Standfestigkeit und Verschleißverhalten auf den Zahn zu fühlen. In drei Trocken- und Nassbremsungen wurde schließlich die Bremskraft ermittelt. Dann ging es in den Wärmestandfestigkeitstest. Die Pärchen mussten 30 Bremsungen absolvieren, die einer kurzen, aber heftigen Vollbremsung bei 12 Grad Gefälle und 45 km/h entsprechen. War eine Stufe geschafft, wurde die Bremskraft erhöht - in drei Stufen bis auf 630 Newton, was 120 Kilo Systemgewicht entspricht. So wurde unter Last die Temperatur im Belag bis zur Messbarkeitsgrenze von über 600 °C getrieben - oder eben bis zum Kollaps.

Zum Test angetreten waren die Bremsenklassiker Magura MT6, Shimano XT und Sram Guide, auf denen je zwei Originalbeläge sowie insgesamt vier Nachrüstbeläge getestet wurden. Wobei die Bremsenhersteller betonen, dass nur eigene Originalteile optimal zu ihren Bremsen passen und bei Verwendung von Fremdprodukten Garantie-, Gewährleistungs- und Haftungsansprüche in der Regel verfallen.

Weil die Leistungsfähigkeit der Beläge von der verwendeten Bremse abhängt, haben wir die Bremsleis­tung für jedes Bremsmodell individuell bewertet. Auffällig, aber nicht in der Bewertung berücksichtigt: der hohe Scheibenverschleiß der organischen Beläge von Reverse und Sixpack. Jeder raspelte die Hälfte der dünnen Edelstahlschichten der XT Ice-Tech-Scheibe ab. Damit wandelten sie in unserem Test fast 25 Euro in Wärme um. Sonst spielte Verschleiß bei den Scheiben eher keine Rolle.

Testergebnisse im Überblick:

Testbremse: Magura MT6 mit Storm HC 180 Disc

Besonders Touren-Biker schätzen die Bremskraft und die Zuverlässigkeit der MT6. Die Beläge wurden, wie bei Shimano und Sram auch, auf einer 180er-Scheibe ermittelt.

Kool-Stop D160

  • Preis / Infos 22 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 20,0 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Stahl / organisch
  • Träger- / Belagdicke 1,65 / 2,18 mm
  • Belagverschleiß / Kosten² 13,6 % / 3,00 Euro
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 319 / 7338
  • BEWERTUNG Bremsleistung 4 von 6 Punkten Verschleiß 6 von 6 Punkten
  • Fazit: Leichtes Fading bei hohen Temperaturen und etwas schwache Nasswertung kosten den D160 auf der Magura Punkte. Aber: Top Verschleiß!

Kool-Stop D160S

  • Preis / Infos 27,50 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 23,0 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Stahl / Sintermetall
  • Träger- / Belagdicke 1,6 / 2,33 mm
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 368 / 3591
  • BEWERTUNG Belagverschleiß / Kosten² 27,8 % / 7,66 Euro Bremsleistung 6 von 6 Punkten Verschleiß 4 von 6 Punkten
  • Fazit: Höchste Bremskraft bei Nässe und auch bei extremen Temperaturen keine Schwäche. Top! Der D160S schont die Scheibe, kann aber laut werden.

Magura 7.C

  • Preis / Infos 15,90 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 21,1 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Stahl / organisch
  • Träger- / Belagdicke 1,65 / 2,29 mm
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 352 / 1854
  • BEWERTUNG Belagverschleiß / Kosten² 53,9 % / 8,58 Euro Bremsleistung 6 von 6 Punkten Verschleiß 2 von 6 Punkten
  • Fazit: Starke Bremswerte und bis in höchste Tempraturbereiche sicher. Der relativ hohe Verschleiß drückt auf die Kosten, trotz des günstigen Preises.

Magura 7.P

  • Preis / Infos 19,90 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 20,6 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Stahl / organisch
  • Träger- / Belagdicke 1,65 / 2,30 mm
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 349 / 3358
  • BEWERTUNG Belagverschleiß / Kosten² 29,8 % / 5,93 Euro Bremsleistung 6 von 6 Punkten Verschleiß 4 von 6 Punkten
  • Fazit: Lange Einbremszeit lohnt sich! Genauso stark, aber besserer Verschleiß als der hauseigene 7.C - bei extremer Hitze jedoch etwas früher an der Grenze.

Swissstop Disc 30

  • Preis / Infos 24,30 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 19,7 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Stahl / organisch
  • Träger- / Belagdicke 1,65 / 2,18 mm
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 348 / 3264
  • BEWERTUNG Belagverschleiß / Kosten² 30,6 % / 7,45 Euro Bremsleistung 4 von 6 Punkten Verschleiß 4 von 6 Punkten
  • Fazit: Starker, bissiger Belag! Ein zu frühes, leichtes Fading und eine nur durchschnittliche Laufleistung kosten dem Disc30 das Testurteil Sehr gut.

Swissstop Disc 30 E

  • Preis / Infos 19,80 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 20,3 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Stahl / organisch
  • Träger- / Belagdicke 1,65 / 2,3 mm
  • Belagverschleiß / Kosten² 22,3 % / 4,42 Euro
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 230 / 4481
  • BEWERTUNG Bremsleistung 3 von 6 Punkten Verschleiß 5 von 6 Punkten
  • Fazit: Der zahme E-Bike-Belag war 2014 auf Shimano Verschleißkönig, verliert auf der Magura MT6 aber mehr Material. Temperaturgrenze von 300 °C.

Testbremse: Shimano Deore XT

Shimanos Bremse der oberen Mittelklasse gilt als robust und ist an vielen Bikes verbaut. Doch welche Beläge harmonieren mit ihr am besten?

Reverse Air-Con

  • Preis / Infos 22,90 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 25,7 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Alu + Stahl / organisch
  • Träger- / Belagdicke 1,0 + 1,0 / 1,89 mm
  • Belagverschleiß / Kosten² 20 % / 4,57 Euro
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 263 / 5010
  • BEWERTUNG Bremsleistung 3 von 6 Punkten Verschleiß 4 von 6 Punkten
  • Fazit: Ein guter Systembelag mit separater, gut funktionierender Kühlplatte. Gute Bremskraft. Aber das leichte Initial-Fading kostet Punkte.

Reverse Disc Organic

  • Preis / Infos 13,90 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 18,5 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Stahl / organisch
  • Träger- / Belagdicke 1,65 / 2,34 mm
  • Belagverschleiß / Kosten² 41,9 % / 5,82 Euro
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 317 / 2387
  • BEWERTUNG Bremsleistung 3 von 6 Punkten Verschleiß 2 von 6 Punkten
  • Fazit: Noch gute Bremskraft, jedoch starkes Fading. Belagverschleiß gerade noch befriedigend. Aber: sehr hoher Verschleiß an der XT-Scheibe!

Shimano G02A

  • Preis / Infos ca. 7 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 9,5 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Aluminium / organisch
  • Träger- / Belagdicke 1,55 / 2,48 mm
  • Belagverschleiß / Kosten² 9,3 % / 0,65 Euro
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 356 / 10762
  • BEWERTUNG Bremsleistung 5 von 6 Punkten Verschleiß 6 von 6 Punkten
  • Fazit: Sehr niedriger Verschleiß und höchste Bremskraft auf der XT mit Ice-Tech-Scheibe. Leichtes Fading ab 300 °C verhindert die volle Punktzahl.

Shimano J02A

  • Preis / Infos ca. 15 Euro
  • Gewicht (Paar, o. Zubehör) 18,5 Gramm
  • Träger- / Belagmaterial Aluminium / organisch
  • Träger- / Belagdicke 1,55 / 2,53 mm
  • Belagverschleiß / Kosten² 10,4 % / 1,56 Euro
  • Bremskraft³ / Laufleistung⁴ 351 / 9609
  • BEWERTUNG Bremsleistung 5 von 6 Punkten Verschleiß 6 von 6 Punkten
  • Fazit: Genauso bärenstark und langlebig wie der G02A-Belag. Aber auch der J02A zeigt ab 300 °C ähnliches Initial-Fading wie der Bruder - damit verspielt er ein paar Punkte.

Vor- und Nachteile organischer Bremsbeläge

Im Handel findet man im Wesentlichen zwei Arten von Bremsbelägen: Organische Beläge, gefertigt aus mehrheitlich organischen Stoffen, und gesinterte Beläge, bestehend aus gepressten Metall- und Keramikteilen. Eher selten sieht man Semi-Metall-Beläge, eine Mischform aus organisch und gesintert.

Generell kann man sagen: Organische Beläge neigen weniger zu Quietschgeräuschen als gesinterte Beläge. Sie haben eine etwas höhere Bremsleistung, verschleißen aber unterm Strich schneller. Die Metall-Kollegen vertragen höhere Temperaturen, erzeugen aber auch mehr Hitze im Bremssystem. Die Beläge selbst sind standfest, aber sie verschleißen die Scheiben schneller als organische Beläge.

Organische Beläge sind meist leise und scheibenfreundlich. Typisch: der beißende Geruch beim Ausgasen des Harzes. Jedoch besteht Fading-Gefahr bei extremer Hitze!

Der Einfluss der Bremsscheibe

Auch die Wahl der Bremsscheibe hat Einfluss auf die Bremsleistung. Hier ein Vergleich verschiedener Modelle:

Modell Preis Gewicht Standfestigkeit Bremskraft Stärke Verschleißgrenze
Magura Storm HC 180 mm 30 Euro 140 Gramm extrem sehr hoch 1,95 mm 1,8 mm
Magura Storm SL 180 mm 35 Euro 116 Gramm hoch sehr hoch 1,95 mm 1,8 mm
Shimano XT (SM-RT76M) 180 mm ca. 27 Euro 150 Gramm mittel mittel 1,72 mm 1,5 mm
Shimano XT (SM-RT86) 180 mm ca. 35 Euro 131 Gramm mittel sehr hoch 1,72 mm 1,5 mm
Sram Centerline 180 mm 52 Euro 149 Gramm hoch sehr hoch 1,86 mm 1,55 mm
Sram Centerline X 180 mm 82 Euro 127 Gramm hoch sehr hoch 1,86 mm 1,55 mm

Nicht jede Paarung harmoniert also. Doch wenn man die richtige gefunden hat, kann es ruhig heiß hergehen. Auch nach der Eingewöhnungsphase.

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