Nur zwei von hundert in Deutschland verkauften Rädern sind Rennmaschinen, so die Zahlen des Zweirad‐Industrie‐Verbandes (ZIV e. V.). Der Urtyp, in zahllosen Varianten auf dem Markt und seit Jahrzehnten nur im Detail verändert.
Merkmale des klassischen Rennrads
Die Eckdaten des Segments waren lange sehr klar umrissen: schmale Reifen auf 28‐Zoll‐Felgen, der charakteristisch geschwungene Lenker und kein Zubehör, das nicht der reinen Fortbewegung dient. Zudem ist geringes Gewicht beim Rennrad ein Muss; aktuelle Rahmen bestehen aus dünnwandigen Alu‐Rohren oder aus Carbon.
Mittlerweile werden die Reifen breiter, es finden sich Scheibenbremsen und kleinere Laufräder und die Übergänge zu Crosser und Reiserad verschwimmen zusehends. Bleibt der Rennlenker als Hauptmerkmal. Die Laufradgröße beträgt 28 Zoll; kleinere Laufräder finden sich bei Damen‐ und Jugendrennern.
Der Rahmen mit der klassischen Diamantform wird immer seltener mit waagerechtem Oberrohr gefertigt; sogenannte Sloping‐Geometrien (mit nach hinten abfallendem Oberrohr) haben sich durchgesetzt - ursprünglich mit dem Ziel, den Rahmen steifer und leichter zu machen sowie zur Verkleinerung des Größenspektrums (nur vier Größen statt Ein‐Zentimeter‐Abstufung).
Üblich sind zwei Kettenblätter vorne sowie zehn oder elf Ritzel am Hinterrad, geschaltet wird vom Lenker aus mit kombinierten Bremsschalthebeln.
Ein Spezifikum des Rennrades ist eine über die riesige Preisspanne hinweg weitgehend identische Funktionalität - die Bedienung von Schaltung und Bremsen ist gleich, für Vortrieb sorgen muss man sowieso selbst. Ein Unterschied zwischen einem Renner für tausend Euro und einer zehnmal so teuren Profimaschine besteht in der Gewichtsdifferenz von bis zu fünf Kilogramm, was starke Einflüsse auf Handling und Fahrverhalten hat.
Endurance-Rennrad: Komfort für längere Strecken
Dieser auch „Endurance‐Rennrad“ genannte Vertreter ist ein Trend der jüngeren Jahre, der der wachsenden Beliebtheit des Rennradsports Rechnung trägt und diese weiter befeuert. Hauptmerkmal solcher Maschinen ist die etwas aufrechtere Sitzposition (kürzerer Rahmen, längeres Steuerrohr), individuell können auch die Sättel stärker gepolstert und das Lenkerband teilweise weicher ausgeführt sein.
Komfort‐Renner sind entweder mit Dreifachkurbeln (bessere Bergtauglichkeit) oder mit Zweifach‐Kompakt‐Kurbeln (größere Entfaltung) versehen. Auch die Reifen sind hier etwas breiter ausgeführt, 28, 30 oder 32 Millimeter statt der 25 Millimeter bei den Rennmaschinen.
Aerodynamik im Triathlon: Zeitfahrräder
Der Triathlonsport hat der Rennradtechnik starke Aerodynamik‐Impulse gegeben. Weil das Windschattenfahren verboten ist, sind die Dreikämpfer ganz besonders auf schnelle, windschnittige Fahrräder angewiesen. Typisch für ein Rad, das im Triathlon oder bei Zeitfahrwettbewerben eingesetzt wird, ist vor allem die stark nach vorne verlagerte, flache Sitzposition: Der Sattel sitzt weiter vorne, seine Spitze liegt über dem Tretlager (steileres Sattelrohr), die Unterarme ruhen auf gepolsterten Schalen am sehr tief positionierten Speziallenker.
Cyclocross: Geländegängige Rennräder
Einst Wintersport für Radrennfahrer, später eigenständige Disziplin für ausgewiesene Spezialisten, blühten die knallharten Wettkämpfe mit geländegängigen Rennrädern größtenteils im Verborgenen - und erleben seit kurzem einen Hype in der jungen Radsportkultur. Das Cyclocross-Rad wird von Sportlern gerne als Alternative zum winterlichen Mountainbiken entdeckt.
Interessant ist der Geländerenner auch für Einsteiger, ist doch der Cyclocrosser quasi ein praktischeres Rennrad: Er ist robust und mit seinen breiteren Reifen gut ausgerüstet für Feldwege, dabei leicht und wendig. Die Montage von minimal profilierten Rennreifen verwandelt das Cyclocross‐Rad in einen straßentauglichen Flitzer, einige Modelle lassen sich leicht mit Schutzblechen und Gepäckträger versehen und so zum „Randonneur“ verwandeln.
Bahnräder: Minimalistisch und auf Leistung getrimmt
Bahnräder werden ausschließlich bei Wettkämpfen auf der Radrennbahn gefahren. Sie haben weder Bremsen noch Schaltung, nicht einmal einen Freilauf, sondern stattdessen eine starre Nabe - dauerndes Mittreten ist angesagt. Wichtig ist hier immense Rahmenstabilität wegen der kräftigen Antritte und der extrem hohen Trittfrequenzen.
Die Fahrradkuriere in den US‐Großstädten schufen einst diese Gattung. Sie benötigten schnelle, stabile Fahrräder, an denen wenig kaputtgehen konnte und die nicht so stark vom (Teile-)Diebstahl betroffen waren - dabei stießen sie auf die technisch sehr reduzierten Bahnräder. Mittlerweile haben Singlespeeder sich im Stadtbild etabliert.
Reiserennräder: Für lange Touren konzipiert
Mit dem Siegeszug des Trekkingbikes hatten reisetaugliche Rennräder an Boden verloren, doch neuerdings holen sie wieder auf. Dem Reiserennrad verdankt die Fahrradwelt Entwicklungen wie der Dreifachkurbel, doch das ist heute weitgehend vergessen. Reiserennräder („Randonneur“ ist der aus dem Französischen entliehene Begriff dafür) sind für größere Laufruhe mit etwas längerem Radstand als Rennräder gebaut; die Sitzposition ist oft etwas aufrechter. Der Haltbarkeit wegen werden die Rahmen häufig aus Stahl gefertigt.
„Audax“ übrigens ist Latein und bedeutet „frech, kühn, verwegen“. In unserem Zusammenhang ist Audax der Oberbegriff für Nonstop‐Langstreckenradfahrten auf Distanzen von 200 bis über 1.200 Kilometer (z. B. Paris‐Brest‐Paris), wobei der echte „Randonneur“ ohne fremde Hilfe unterwegs ist. Das Ziel von Audax‐Veranstaltungen ist nicht die schnellste Zeit, sondern das individuelle Durchhalten.
Gravel Bikes: Rennräder für jedes Terrain
Der jüngste Typ des Rennlenkerfahrrads hört auf den Namen „Gravel Bike“, vom englischen Wort für Schotter. Was auch des Pudels Kern ist: Diese Räder sind Rennräder, die auf der Straße schnellen Spaß bereiten - aber eben auch abseits des Asphalts. Erreicht wird das durch breitere Reifen, die nicht selten ohne Schlauch, also „tubeless“, montiert werden.
Die größere Reifenbreite wird durch die Scheibenbremse möglich, die auch witterungsunabhängig viel kräftiger und besser dosierbar ist. Gravel Racer finden sich mit dem herkömmlichen 28‐Zoll‐Radmaß (700C) und Reifenbreiten von 30 bis 40 Millimeter, aber auch mit der Laufradgröße 27,5 Zoll oder 650B. In extremeren Fällen wurden schon Reifenbreiten bis 60 Millimeter gesichtet. Nicht selten eignen sich die Rahmen für die Verwendung beider Laufradgrößen.
Ihren Vorteil spielen die Reifen nicht nur in der Pannensicherheit aus, sondern auch in der höheren Traktion und dem tatsächlich leichteren Lauf. Vor allem aber versinnbildlicht die neue alte Gattung eine technische Öffnung des Themas Rennrad: Nie waren die Vielfalt der verfügbaren Komponenten und die Möglichkeiten der Anpassung an persönliche Vorlieben größer.
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