Radfahren verändert unsere Sicht auf die Welt: Albert Einstein fiel während des Radfahrens die Relativitätstheorie ein. Ernest Hemingway befand, es gebe keine bessere Art, ein Land nachhaltig zu erkunden, als auf zwei Rädern.
Warum macht Fahrradfahren glücklich - trotz Regen, Gegenwind und steiler Berge? Warum geht alles schief, wenn man sich zum ersten Mal auf eine lange Fahrradtour wagt? Warum passieren die kuriosesten Ereignisse der Tour de France immer am Alpe d’Huez?
Die Philosophie des Radfahrens zeigt kenntnisreich, dass Philosophie und Radfahren ein perfektes Tandem bilden. In ihrer philosophischen Tour de Force nehmen die Autoren Helden und Antihelden aus der Welt des Radsports ins Auge, schreiben über die Ethik von Wettbewerb und Erfolg, beleuchten Bewegungen wie 'We are traffic' und gehen der Frage nach, was Feministinnen vom Radfahren halten.
Und sie geben stichhaltige Argumente für das Radfahren in all seinen Ausformungen: als tägliche Fahrt zur Arbeit, als Sport, als Reise, als Lebensart.
Philosophische Dimensionen des Radfahrens
Die im vorliegenden Band versammelten internationalen Autoren - die meisten von ihnen akademisch versierte Fachleute in der Philosophie und angrenzenden Fächern - bringen beides in 16 Aufsätzen beieinander. Sie sind Radenthusiasten, die ihren Sport intensiv betreiben, und sie schreiben ihm genau deshalb eine unmittelbar philosophische Dimension zu.
So werden etwa die ersten großen Touren zu einer Abfolge von philosophischen Lektionen, die anders denn durch kräfteraubende Muskelarbeit nicht so schnell zu erlangen gewesen wären - etwa die Einsicht, die Wirklichkeit nicht mit selbstgemachten Illusionen zu verwechseln wie Platons Höhlenbewohner, oder die Erkenntnis des großen Wertes der stoischen Philosophie beim apathischen Erleiden von Anstiegen.
Beim Rennwettbewerb stellen sich unmittelbar Fragen von Rivalität und Fairness - und damit ethische Fragen von großer Tiefe. Und was hat die feministische Philosophie zum Fahrstil weiblicher Rennradfahrerinnen zu sagen?
Und warum, am Ende, macht Fahrradfahren glücklich, wie es die Autoren immer wieder beteuern? Die Antwort mag ganz einfach sein. Der Radfahrer weiß, dass der Weg wichtiger ist als das Ziel. Und das ist schon per se zutiefst philosophisch gedacht.
Ein Buch wie zwei Energieriegel und ein Dutzend Bananen für den Geist
Mit 15 ganz unterschiedlichen Aufsätzen darüber, was es eigentlich bedeuten kann, Fahrrad zu fahren, von ganz unterschiedlichen Autoren. Da ist ein isländischer Professor, der beim Mittagessen solange mit den Uni-Kollegen debattierte, warum es entgegen aller Vorurteile das perfekte Verkehrsmittel sei, um jeden Tag zur Arbeit zu gelangen, bis er schließlich die Theorie hinter sich ließ, sich ein Fahrrad kaufte und schließlich verstand, was Nietzsche meinte, als er riet, "keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung - in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern".
Oder Heather L. Read, eine amerikanische Philosophieprofessorin, die Radrennen fährt, sich zweimal fast für die Olympischen Spiele qualifiziert hätte und den wunderbaren Satz schreibt: "An der Startlinie sind wir alle Philosophen." Denn an der Startlinie ist niemand frei von Zweifeln, und das ist der Ausgangspunkt aller Philosophie.
Oder Raymond Angelo Belliotti, der selbst nach eigener Aussage nie ein Fahrrad besaß und ganz wundervoll leichtfüßig und unterhaltsam darüber schreibt, was die Dopingkarriere Marco Pantanis mit dem Gefangenendilemma zu tun hat.
Und obwohl einige der übrigen Essays so liebenswert überambitioniert sind wie die bierbäuchigen Herren, die sich für ihre Sonntagsfahrten in wurstpellenenge Trikots zwängen, ist gerade das gleichzeitig die große Leistung des Buches: Das Fahrrad ernst zu nehmen in all seinen Dimensionen. Nicht nur als Sportgerät oder Statussymbol.
Zwei der Essays schauen dorthin, wo unsere Welt diesem Ideal am Nächsten kommt. Der SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Holger Dambeck schreibt vom Glück, in Kopenhagen Fahrrad zu fahren. Und erklärt es damit, dass die Stadtplaner von Kopenhagen sich nicht ausschließlich für Durchflussmengen, Fahrwegbreiten und Ampelschaltungen interessieren, sondern zusätzlich die Radfahrer nach ihren Empfindungen fragen: Wo fühlen sie sich sicher? Was stört?
Und Zack Furness beschreibt das Phänomen der Critical Mass, einer Fahrrad-Fahr-Veranstaltung, die im Jahr 1992 in San Francisco zum ersten Mal stattfand und sich seitdem über die ganze Welt (auch bis nach Deutschland) ausgebreitet hat.
Jeden letzten Freitag treffen sich seitdem Fahrradfahrer pünktlich zur Rushhour, um gemeinsam die Straßen zu erobern. Eine Demonstration, die keine eigentliche Demonstration ist, eine Party, die keine eigentliche Party ist.
Das Fahrrad als Spiegel des Lebens
Steven D. Hales beschreibt jedenfalls die sechs philosophischen Lektionen, die man durch das Fahrradfahren lernen kann. Auf langen Touren über zu steile Berge mit zu schlechter Ausrüstung und zu wenig Kondition.
Aber so versöhnlich wie all diese Touren meist dann doch in einem Biergarten enden, so versöhnlich endet auch Hales: "Die sechste Lektion, die ich gelernt habe, ist, dass Radfahren einen nach Delphi führen kann, mit dem Wunsch, sich selbst zu erkennen (...).
Wie wäre es, in einer Welt zu leben, die nicht länger beherrscht ist vom Automobil? Einer entschleunigten Welt? In der Geist und Körper die Natur erfahren? Nun, wahrscheinlich wäre es viel schöner.
Radfahren verändert unsere Sicht auf die Welt dauerhaft.
Buchdetails
Die Philosophie des Radfahrens(Jesus Ilundáin-Agurruza, Michael W. Austin und PeternReichenbach)
- 16 philosophische Aufsätze von internationalen Radenthusiasten
- Per Radtour zu den philosophischen Dimensionen des Radfahrers
- Über Rivalität, Fairness, Fahrstil und warum Fahrradfahren glücklich macht
- 208 Seiten
- Erscheinungstermin (aktuelle Auflage): 28.07.2025
- Sprache: Deutsch
- Verlag: Suhrkamp Verlag, 7. Auflage
- ISBN: 978-3-518-46743-5
Das erste Sachbuch im mairisch Verlag!
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