Die Temperaturen steigen, die Tage werden länger - ideale Bedingungen für ausgedehnte Radtouren. Doch viele Radfahrer kennen das Problem: Hände und Handgelenke fangen an zu kribbeln, ein unangenehmes Taubheitsgefühl macht sich breit. Diese Beschwerden sind lästig, aber oft vermeidbar.
Ursachen für kribbelnde Hände beim Radfahren
Viele Freizeitradfahrer kennen das Problem: Wenn man längere Zeit im Sattel sitzt, werden die Finger taub, die Hände schlafen ein. Der Grund dafür liegt in gereizten Nerven. Die Nerven sind enorm wichtig, denn sie stützen je nach Rückenneigung (sehr aufrechtes bis sehr sportliches Sitzen) und Trainingszustand des Fahrenden einen großen Teil des Oberkörpergewichts auf dem Lenker.
Die häufigste Ursache ist hoher punktueller Druck auf deine Handinnenflächen und falsche Haltung des Handgelenks, meist ausgelöst durch unergonomische Griffe oder eine falsche Sitzhaltung. Durch den Druck werden der Medianus- und Ulnarnerv geklemmt, was zu tauben Fingern führen kann.
Unangenehmes Kribbeln in Daumen, Zeige- und Mittelfinger sind Folge eines zu stark abgeknickten Handgelenks, was den Karpaltunnel verengt. Auch Blutgefäße werden durch die Gewichtsbelastung komprimiert und zu eingeschlafenen Fingern führen.
Ein zu niedriger Lenker führt dazu, dass mehr Gewicht auf die Hände und Handgelenke verlagert wird. Die Symptome entstehen aber auch dann, wenn der Lenker falsch eingestellt ist. Deshalb sollte er nicht gerade verlaufen, sondern gekröpft, also leicht nach innen gebogen sein.
Das Handgelenk knickt bei einer falschen Stellung auf den Lenkergriffen nach oben ab. Dadurch werden die Muskeln an der Unterseite des Handgelenks überdehnt, an der Oberseite der Hand die Blutgefäße gleichzeitig schlechter durchblutet - wodurch nach kurzer Zeit das unangenehme Kribbeln ausgelöst wird“, sagt Froböse. In der Regel tritt dieses Gefühl ein, wenn man schon 20 bis 30 Minuten geradelt ist.
Anders als die Beine sind die Hände bei der Fahrt auch nicht in Bewegung. Ein suboptimaler Griff kombiniert mit einer falsche Griffhaltung sorgen insgesamt für eine falsche Sitzhaltung auf dem Rad. Das wirkt sich negativ auf das Gesamtgefühl aus. Die Nerven nicht nur in den Händen werden gereizt. Schon auf kurzen Touren können als Folge Nackenverspannungen und Rückenschmerzen auftreten.
Karpaltunnelsyndrom
Hervorgerufen werden die Schmerzen meist durch ein zu starkes Abknicken des Handgelenks, was Nerven, Sehnen und Blutgefäße komprimiert. Die Folge ist ein verengter Karpaltunnel und ein beschädigter Mediannerv, was auch als Karpaltunnelsyndrom bezeichnet wird.
Wenn die Symptome nicht nur beim Radfahren, sondern vor allem auch nachts auftreten, können dies Anzeichen für das Karpaltunnelsyndrom sein: eine schwerwiegende Druckschädigung des Mittelnervs im Handgelenktunnel. Bei dem Nervenkompressionssyndrom der Handwurzel kommt es zu einer Verengung des Karpaltunnels, sodass ein chronisch erhöhter Druck auf den Medianusnerv ausgelöst wird.
Das Karpaltunnelsyndrom (KTS) ist eine häufige Erkrankung, die durch die Kompression des Medianusnervs (Mittelnerv) im Handgelenk verursacht wird. Wenn der Tunnel verengt wird, sei es durch Schwellungen, Entzündungen oder strukturelle Faktoren, entsteht Druck auf den Nerv, was zu Schmerzen, Kribbeln oder Taubheitsgefühl in den Fingern führen kann.
Die Symptome können von leichtem Kribbeln, Missempfindungen und Taubheitsgefühl im Finger (oder den Fingern) bis hin zu starken Schmerzen und Funktionsverlust - so kann es zu Einschränkungen beim Bremsen und Schalten kommen - in diesen Bereichen und somit auch der gesamten Hand reichen.
In der Regel treten die Symptome zunächst bei zusätzlicher Druckbelastung durch bestimmte Handgelenksstellungen auf (Fahrradfahren, Telefonieren oder durch Beugung der Handgelenke im Schlaf).
Ursachen des Karpaltunnelsyndroms:
- Verschleißbedingte oder entzündungsbedingte Verdickung der Sehnenscheiden
- Hormonelle Umstellungen (Schwangerschaft)
- Diabetes mellitus
- Chronische Polyarthritis (Gelenkerkrankung)
- Nierendialyse
Was hilft gegen taube Finger beim Radfahren?
Um zu verhindern, dass oben genannte Probleme auftreten, ist es notwendig, den punktuellen Druck, der während des Fahrens auf die Hände ausgeübt wird, besser zu verteilen.
Die richtige Lenker- und Griffhaltung
- Ergonomische Griffe: Unterarm und Hand sollten eine gerade Linie bilden, das Handgelenk nicht abknicken. Ergonomische Griffe (erhältlich etwa von Ergon) erleichtern die richtige Handhaltung. Sie sind unterfüttert, leicht nach innen gewölbt und gewährleisten so, dass die Last des Körpergewichts auf der gesamten Handinnenfläche verteilt wird.
- Flügelgriffe: „Eine Lösung ist der Tausch des herkömmlichen Griffs gegen einen sogenannten Flügelgriff. Dadurch wird die Auflagefläche der Hand vergrößert und der Druck besser verteilt“, weiß Lothar Schiffner von Ergon, einem Hersteller für ergonomische Fahrradkomponenten. Ergon Griffe sind mit Flügeln versehen, welche die Auflagefläche für deine Hände vergrößern und so den Druck besser verteilen. Die Flügel sind in ihrer Größe und Form an ihren Einsatzzweck angepasst und sorgen so effektiv dafür, dass das Handgelenk nicht abknicken kann und stets eine ergonomische Haltung einnimmt, die deinen Karpaltunnel und deine Sehnen entlastet.
- Regelmäßige Positionswechsel: Wechsel die Handposition regelmäßig, um die Belastung auf die Hand und die Unterarmmuskulatur zu reduzieren. Achte bei der Auflage der Hände auf den Lenker, dass der Druck auf die Handflächen gleichmäßig verteilt ist. Verwende Griffe, die eine neutrale Handgelenkstellung fördern. Die Möglichkeit zum Umgreifen ist ebenfalls sehr wichtig, denn eine zu statische Haltung führt schnell zu eingeschlafenen Fingern. Die Griffe sollten daher Raum für Mikrobewegungen bieten und Features haben, die es dir ermöglichen, deine Hand-Stellungen zu variieren. Die Flügelgriffe der Ergon GP-Reihe hat beispielsweise verschieden lange Barends, die du nutzen kannst, um deine Hände durch Umgreifen regelmäßig zu entlasten, ohne dabei die Kontrolle über das Rad aufzugeben.
- Lenker mit Biegung: „Die Lösung ist ein Lenker mit einer Biegung nach hinten. Das Handgelenk wird weniger überstreckt und der Karpaltunnel entlastet. Die Versorgung der Hand wird wieder verbessert“, erklärt Stephanie Römer vom Fahrradhersteller Tout Terrain.
- Barends (Lenkerhörner): Als hilfreich haben sich auch Barends, also Lenkerverlängerungen, erwiesen. Die „Hörnchen“ an der Lenkeraußenseite gibt es in unterschiedlichen Größen und auch direkt in Griffe integriert. Andere Varianten lassen sich auch weiter in Richtung Lenkermitte montieren. Beide ermöglichen es, die Griffposition während der Fahrt einfach zu verändern.
Bikefitting und Lenkereinstellung
- Bikefitting: Ein professionelles Bikefitting sorgt dafür, dass dein Fahrrad optimal auf deine Körperproportionen abgestimmt ist. Achte dabei besonders auf die Position des Lenkers und des Fahrradsattels, um den Druck auf die Handgelenke zu minimieren.
- Lenkerhöhe: Ein zu niedriger Lenker führt dazu, dass mehr Gewicht auf die Hände und Handgelenke verlagert wird. Eine etwas höhere Position des Lenkers kann helfen, den Druck zu verringern. Hierzu kann oder muss eventuell der Vorbau eingestellt oder ausgetaucht werden.
- Lenkerneigung: Viele Radfahrer winkeln ihre Handgelenke zu stark ab. Auch der Backsweep (also die Biegung des Lenkers nach hinten zum Fahrer hin) kann eine Rolle spielen. Mit einem Lenker, der stärker nach hinten gebogen ist, wird oft die Gewichtsbelastung auf die Hände reduziert.
Weitere Tipps
- Ellbogen leicht beugen: Die beste Armhaltung für langen Fahrspaß auf dem Rad ohne Kribbeln oder Taubheitsgefühle: die Ellbogen leicht beugen, ansonsten lastet das Körpergewicht zu stark auf dem Ellbogengelenk.
- Regelmäßige Pausen: Mache regelmäßige Pausen, besonders auf langen Fahrten. Das hilft, die Belastung der Handgelenke zu verringern.
- Handgelenke neutral halten: Vermeide es, die Handgelenke zu stark zu beugen, während du den Lenker hältst.
- Ausschütteln: Bei den ersten Anzeichen von Beschwerden: „Hand vom Lenker nehmen, ausschütteln, hängen lassen und zudem die Sitzhaltung unbedingt beim Fahrradhändler kontrollieren und gegebenenfalls korrigieren“, rät der Experte.
Radhandschuhe
Spezielle gepolsterte Handschuhe für Radfahrer absorbieren Vibrationen und reduzieren den Druck auf die Handnerven. „Gut gepolsterte Handschuhe sind für viele Radfahrer:innen angenehm. Dank der verwendeten Schaumstoff- oder Gel-Polster werden die empfindlichen Bereiche auf der Handinnenseite zusätzlich gestützt und an die Ergonomie der Griffe angepasst“, erklärt Anna Rechtern vom Outdoor-Spezialisten Vaude.
Von speziellen Radhandschuhen rät der Experte allerdings auch bei tauben Fingern ab. „Sie enthalten zwar ein Gelpolster im Bereich der Handinnenfläche, dieses sitzt jedoch durch die konstante Bewegung nie an der richtigen Stelle, erfüllt seinen Zweck daher also kaum. Außerdem verursachen auch die Nähte bei längeren Fahrten Druckstellen“, warnt Froböse.
Handschuhe mit einer starken Polsterung verlieren jedoch an Taktilität. Wer eine sichere Lenkerkontrolle bevorzugt, wählt eher eine dünne Innenhandpolsterung. „Das ist vor allem für sportive Fahrer im MTB- und Rennradbereich zu empfehlen“, so Rechtern.
Behandlung des Karpaltunnelsyndroms
Die Behandlungsmöglichkeiten der Beschwerden des Karpaltunnelsyndroms hängt vom Schweregrad der Symptome ab. In leichten Fällen kann eine konservative Behandlung helfen, während schwerere Fälle möglicherweise eine Operation erfordern.
Konservative Behandlung
- Handgelenkschienen: Diese helfen, das Handgelenk in einer neutralen Position zu halten und so den Druck auf den Medianusnerv zu reduzieren.
- Medikamente: Medikamente wie Ibuprofen können helfen, Schmerzen und Entzündungen zu lindern.
- Physiotherapie: Spezielle Übungen zur Stärkung der Hand- und Unterarmmuskulatur sowie Dehnungen können helfen, den Druck auf den Nerv zu verringern.
- Kortison-Injektionen: In schweren Fällen kann eine Injektion von Kortikosteroiden die Entzündung und Schwellung im Karpaltunnel reduzieren.
Chirurgische Behandlung (Karpaltunnel OP)
Wenn die konservativen Maßnahmen nicht wirksam sind oder die Symptome schwerwiegend sind, kann eine Karpaltunneloperation notwendig sein. Die Risiken einer Verletzung des Nervens oder von Begleitstrukturen sind bei geübten Operateur:innen sehr gering. In der Regel wird postoperativ ein einfacher Wundverband, gelegentlich auch eine Schiene für wenige Tage angelegt. Selbsttätige Bewegungsübungen ohne Belastung für etwa zwei Wochen reichen häufig aus. Nur selten wird eine physiotherapeutische Nachbehandlung erforderlich.
Dauer der Heilung
Die Heilungsdauer variiert je nach Schweregrad der Symptome und der gewählten Behandlungsmethode. Bei konservativer Behandlung können sich leichte bis mittelschwere Symptome in wenigen Wochen oder Monaten bessern. Nach einer Operation dauert die vollständige Heilung in der Regel mehrere Wochen bis Monate.
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