Rudi Altig: Eine Radsportlegende

Die Liste der Straßenrad-Weltmeister wirkt monumental und mythisch und liest sich wie ein großes Radsportler-ABC. Doch deutsche Namen stehen nur zwei darauf: Heinz Müller, der 1952 in Luxemburg siegte, und Rudi Altig, der Weltmeister von 1966 auf dem Nürburgring. Der Mannheimer, der vor vier Jahren starb, ist eine Legende.

Am 28. August 1966 gewann Rudi Altig auf dem Nürburgring. Ausgerechnet vor Frankreichs ewigen Duellanten Jacques Anquetil und Raymond Poulidor. Ein Kabinettstückchen, ein Heimsieg vor über 100.000 Zuschauern. Da war was los!

Mit Rudi Altig verlor der deutsche Radsport einen Mann, der mehr als ein Jahrzehnt lang der Superstar unter den deutschen Pedaleuren war. Noch Jahrzehnte nach seinen größten Erfolgen hatte sein Name in Fachkreisen einen guten Klang, auch wenn Altig, der "Husar auf zwei Rädern" (SZ, 13.6.2016), stets ein Mann mit Ecken und Kanten war und speziell bei den Diskussionen um die Dopingaffären im internationalen Radsport mit seinen Ansichten stark polarisierte. Für ihn hatte pharmazeutischer Treibstoff in seinem Sport seit jeher eine gewisse Normalität.

Frühe Jahre und Anfänge im Radsport

Rudi Altig wurde am 18. März 1937 in Mannheim geboren. Er war gerade fünf Jahre alt, als die Familie im II. Weltkrieg in Mannheim ausgebombt wurde und über eine Zwischenstation im Elsass bei den Großeltern in Hundszell bei Ingolstadt Zuflucht fand. „Wir waren so arm, ärmer ging`s nicht“, berichtet sein Bruder Willi darüber in „Monnem Bike“ vom 18.1.2017.

Erst als die Familie 1950 eine andere Wohnung bekam, kehrte auch der jüngere Bruder in seine Geburtsstadt zurück. Er hatte die Volksschule 1943 bis 1950 in Bayern absolviert. In Mannheim begann Altigs sportliche Laufbahn. Erst liebäugelte er mit dem Fußball, angeregt von seinem Bruder kam er zum Radsport und sein großes Talent zeigte sich rasch.

Als knapp 15-jähriger gewann er sein erstes Querfeldeinrennen am 27. Januar 1952, ein Datum, das er nie vergaß. Drei Monate später wurde er Bezirksmeister der B-Jugend auf der Straße. Als Amateur im Trikot des RRC Endspurt Mannheim feierte er in den 1950er Jahren vor allem Bahnrad-Erfolge im Sprint, in der Einer- und Mannschafts-Verfolgung, aber auch auf der Straße.

Die Episode änderte nichts am innigen Verhältnis der Brüder. „Im Training sind wir zwar unerbittlich gegeneinander gefahren, aber wenn es Probleme gab, haben wir sie immer gemeinsam gelöst.“ (Willi Altig zum Autor am 8.11.2017 in Mannheim). Der frühe Tod ihrer Mutter bei einem Autounfall 1956 schweißte sie noch mehr zusammen.

Wegen ihres Ehrgeizes und wegen ihrer Kampfkraft wurden sie in ihren Kreisen bald „die Ochsen“ genannt. Die Erfolge mehrten sich. 1959 erregte Altig großes Aufsehen, als er sich in Amsterdam durch einen Yoga-Kopfstand auf den WM-Endlauf in der 4000 m Einzelverfolgung vorbereitete. Wegen seiner Bandscheibenprobleme hatte ihm Trainer Karl Ziegler (geb. 1919), der als Entdecker der Altig-Brüder gilt, dazu geraten. Das war neu, und dann wurde der Deutsche auch noch Weltmeister!

Er führte klar im Duell mit dem Italiener Mario Valotto, als ihm in der letzten Runde ein Reifen platzte. Aufgrund seines großen Vorsprungs sprachen ihm die Juroren trotzdem den Titel zu. Mentor Ziegler empfahl den „Altig-Brothers“ 1960 den Wechsel zu den Profis. In dem Jahr in Leipzig und 1961 in Zürich sicherte sich Altig über 5000 m zwei weitere WM-Titel auf der Bahn.

Profikarriere und Erfolge

Als Profis stiegen die Altigs auch ins lukrative Sechstage-Geschäft ein. Das Gespann aus dem temperamentvollen Siegertypen Altig und dem eher kühlen Strategen Willi war fast unschlagbar. Gemeinsam oder auch mit wechselnden Partnern, Rik van Steenbergen (1924-2003) oder Siggi Renz (geb. 1938), bestritt Altig 75 Rennen, wovon er 23 gewann.

Den ersten Vertrag für Straßenrennen unterschieben sie 1962 bei der renommierten Equipe von St. Raphael-Helyett in Frankreich. Altig lernte schnell und trainierte verbissen. Gemäß seinem Wahlspruch: „Je mehr man im Leben erreichen möchte, desto mehr muss man dafür tun.“ Noch im selben Jahr wurde Altig für die „Vuelta“, die Spanien-Rundfahrt, nominiert.

Bereits auf der zweiten Etappe gewann er den Sprint und führte in der Gesamtwertung. Star Anquetil kam fast eine Viertelstunde später mit dem Hauptfeld ins Ziel. Altig entschied auch das Zeitfahren für sich, der Neo-Profi deklassierte Anquetil selbst auf einer Bergetappe. Völlig demoralisiert verließ der Mannschaftskapitän die Vuelta am vorletzten Tag, angeblich wegen Gastritis. Der große Sieger hieß Altig.

Altig gewann die erste Etappe in einem furiosen Schlussspurt und präsentierte sich gleich im Gelben Trikot. Dafür war Altig mit seinem Kampfgewicht von 75 kg der geborene Sprinter. Das Grüne Trikot des Punktbesten war sein Ziel, das er am Ende auch überstreifen durfte. Auf der neunten Etappe riss die Gabel. Trotz dieses Handicaps gelang es ihm auf dem holprigen Pflaster, die letzten 10 km ohne Unfall und Zeitverlust zu beenden. Dafür erhielt er den Beinamen „Sacré Rudi“ und wurde auch in Frankreich zum Star, dem seine zahlreichen lukrativen Bahnverträge finanziell weiterhalfen.

Im Nu wurde Altig zum Publikumsliebling, wofür ihn Anquetil bewunderte: „Ich beneide dich um deine Natur. Ich kann keine Kusshändchen und Blumensträuße in die Menge werfen, kann die Zuschauer nicht anlachen, selbst wenn ich glücklich und zufrieden bin. Du kannst es, darum lieben sie dich.“ (FAZ, 5.7.2001).

1964 kehrte der Erfolg zurück. Dem wertvollen Sieg bei der Flandern-Rundfahrt folgten bei der Tour drei Tage in Gelb und der 15. Rang im Endklassement. Ganz oben auf dem Treppchen stand nach der Zeitfahr-Halbetappe über 27,5 km Jaques Anquetil.

1966 war Altigs erfolgreichstes Jahr. Er feierte zwei Etappensiege beim Giro und drei bei der Tour, trug neun Tage das Gelbe Trikot und war am Ende Zwölfter. Sowohl die Toscana- als auch die Piemont-Rundfahrt beendete er als Sieger.

Das Einzelrennen der Profis ging über die Distanz von 273,72 km; von 74 kamen nur 22 ins Ziel. Gegen Ende des Rennens hatte sich eine 7-köpfige Spitzengruppe gebildet, darunter die französischen Mitfavoriten Raymond Poulidor, Jacques Anquetil und der Italiener Felice Gimondi.

Mit einem gewaltigen Endspurt überholte er auf den letzten Metern die beiden französischen Stars und gewann das Regenbogentrikot des Weltmeisters: eine Glanzleistung, für Altig die wichtigste überhaupt!

Kontroversen und Karriereende

1969 schlüpfte er bei der Tour de France nochmal für zwei Tage ins Gelbe Trikot, doch dann platzte eine Doping-Bombe. Altig wurde die Einnahme von Amphetaminen nachgewiesen.

1970 wurde Altig nochmal Deutscher Straßenmeister. Der Publikumsliebling ließ viele zur Strecke pilgern. Nach 70 km riss Altig aus und rettete völlig erschöpft 45 Sekunden seines Vorsprungs ins Ziel.

1972 beendete Altig dann seine Laufbahn als Radrennfahrer beim Sechstagerennen in Münster. „Ich hatte mir immer vorgenommen, mit 35 aufzuhören. Das ist mir gelungen“ (radsport-news, 18.3.2002).

Trainer und Experte

Ein Jahr später wurde Altig Bundestrainer der Amateure, blieb dabei jedoch erfolglos, was auch damit zu tun hat, dass er stets sein Herz auf der Zunge trug. Das kam nicht immer gut an; es fehlten aber auch Fahrer seiner Qualität.

Zwischen 1980 und 1995 coachte Altig die deutschen WM-Profis, war Rennleiter und immer wieder streitbarer Experte mit kernigen Sprüchen im Fernsehen.

Als das halbe Peleton mit Spritzen und Kanülen aufflog und die Tour mit prominenten Dopern wie Lance Armstrong und Jan Ullrich zur Farce geriet, regte Altig in der ARD die Freigabe von Doping an. Damit machte er sich keine Freunde; er verlor nicht nur seinen TVJob, bei der WM 2007 in Stuttgart galt Altig sogar als unerwünschte Person.

Krankheit und Tod

Jacques Anquetil war 1987 an Magenkrebs gestorben, der auf die Substanzen zurückzuführen sein könnte, die er jahrelang geschluckt hatte. Altig über seine Diagnose: „… man [hat] mir den ganzen Magen entfernt. Das Geschwür lag so ungünstig, dass es nicht anders ging. Aber ich habe nicht einen Moment daran gedacht, dass das Doping bei mir der Auslöser für den Krebs gewesen sein könnte.“ (Tour Magazin, 18.3.2007).

Rudi Altig starb am 11. Juni 2016 in Remagen. Bei der Trauerfeier in der Basilika von Sinzig lobte Kurt Beck, der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, den Verstorbenen als einen Menschen, „der Freundlichkeit und Ehrlichkeit in sich vereinte, der immer ansprechbar war, wenn es darum ging, etwas für andere zu tun.“ (radsport-news.com, 26.6.2016).

Soziales Engagement und Ehrungen

Altigs soziales Engagement war umfangreich: für die „Aktion Sorgenkind“, den Hilfsfond „Nachbar in Not“ des Kreises Ahrweiler, die „Tour der Hoffnung“ oder beim von ihm selber ins Leben gerufenen jährlichen Charity-Golfturnier auf dem Golfplatz Köhlerhof, mit dem der dortige Golfverein bis zu Altigs Tod 27 Mio. € für soziale Zwecke zusammenbrachte.

Am Samstag, 18. März 2017, dem 80. Geburtstag des ein Jahr vorher verstorbenen Rudi Altig, wurde die städtische Rhein-Ahr-Sporthalle im Schul- und Sportzentrum Sinzig in „Rudi-Altig-Sporthalle“ umbenannt.

Erfolge und Funktionen

  • Straßenweltmeister 1966 (Profis)
  • Weltmeister Einzelverfolgung 1959 (Amateure), 1960, 1961 (Profis)
  • Deutschlands Sportler des Jahres 1966
  • 13-facher dt. Meister
  • Acht Etappensiege bei der Tour de France, vier beim Giro d'Italia und sechs bei der Vuelta

Ehrungen

  • Deutschlands Sportler des Jahres 1966
  • Silbernes Lorbeerblatt
  • Bundesverdienstkreuz (1997)

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