Von der Sonne geweckt oder so ähnlich. Auf jeden Fall ein herrlicher Start in den letzten Tag. Es ging früh los, 6:30 drehten sich die Pedale. Die Fjorde sind einfach traumhaft, sicherlich hilft das gute Wetter dabei diesen Eindruck zu bekommen.
Die Route zum Nordkap
Erstes Ziel war Honigsvåg, 50km vom Hotel entfernt. Auf der wunderschönen Route gab es den Nordkap Tunnel… 6,8km führt dieser unter dem Meer durch. Mit 9% Gefälle schießt man in den Tunnel um dann ab der Hälfte die 9% wieder hinauf zu klettern. Es ist ziemlich laut wenn Autos an einem vorbei fahren und 6,8km in einem Tunnel sind auch ziemlich lang. Aber es gibt kein Wind.
Nach dem langen Tunnel folgten noch zwei weitere, aber kürzere (normale Tunnel, ohne große Steigung) und zack war man in Honigsvåg. Zur Tankstelle, der erste Kaffee des Tages eine Kleinigkeit zu essen und dann weiter. Von Honigsvåg waren es 29 Kilometer bis zum Nordkap. Die Stecke führt eigentlich nur bergauf, zwei längere Anstiege a 6 und 3 Kilometer und ein paar „rolling hills“.
Im Anstieg fuhr jeder sein Tempo. Letzter Tag, fast am Ziel, da hab ich gedacht sparst du dir den kleinsten Gang und drückst noch Mal die Beine leer! Es war unglaublich die letzten 10 Kilometer, man hat es quasi geschafft. Um 11:36 erreichte ich als 136er das Nordkap. Von Italien durch die Schweiz, Österreich, Deutschland, Tschechien, Schweden, Finnland und Norwegen. Über 3800 Kilometer mit dem Fahrrad. Tag für Tag, keine Ausnahmen! Ein cooles Gefühl.
Begegnungen am Nordkap
Am Nordkap trifft man andere verrückte, welche vom NorthCape4000 Event, andere die einfach so unterwegs waren. Auch mein amerikanischer Freund Al erreichte das Nordkap. Man kennt sich kaum aber es ist als träfe man ein guten Freund nach langer Zeit wieder. Fotos, bissl Quatschen, was essen und einfach das ganze realisieren.
Insgesamt war ich 17 Tage 3 Stunden und 12 Minuten unterwegs , dabei hab ich 3.905,07 Kilometer zurückgelegt und 25.721 Höhenmeter überwunden.
Die Herausforderungen des NorthCape4000
Die Krise kam unerwartet. Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein platter Reifen so aus der Bahn wirft. Aber ich war schon angeschlagen, am Vortag 331 Kilometer bis halb zwölf Uhr nachts geradelt und um fünf Uhr morgens noch müde wieder aufs Rad gestiegen. Reifenpanne nach 40 Kilometern.
Routine, denke ich und wechsle den Schlauch. Doch beim Versuch, den Mantel auf die Felge zu hebeln, bricht mein Reifenheber, gleich darauf auch der zweite. Beide brandneu und schon kaputt. Zum Glück passiert das Missgeschick in Blak, einem kleinen polnischen Dorf. Dort gibt es eine Autowerkstatt, in der der nette Tomek später versucht, den Mantel mit einem Schraubenzieher auf die Carbonfelge zu hieven. Neben dem Platten fürchte ich nun auch noch eine ruinierte Felge. Schließlich schafft er es mit bloßen Mechanikerhänden - ganz ohne Werkzeug.
Danke, dzieki! Ich bin überglücklich! Schnell weiter! Schließlich habe ich viel Zeit verloren. Die nächsten Kilometer verbringe ich damit, in verschiedenen Geschäften nach Reifenhebern zu fragen. Ohne Erfolg. Die Leute wissen nicht einmal, was das ist. Schließlich trete ich noch in einen stinkenden Hundehaufen. Was ist heute eigentlich los? Es ist 15 Uhr. Ich habe zwar erst 150 Kilometer auf dem Tacho, aber für mich ist der Tag gelaufen. Ich suche die nächste Pension.
Ich bin erschöpft, todmüde, hungrig, und ohne Reifenheber. Außerdem schmerzen zwei entzündete Wunden am Hintern höllisch. Ich habe mir in den letzten Tagen den Hintern aufgescheuert. Wahrscheinlich wegen der irren Hitze - bis zu 40 Grad am Balaton -, die meinen Schweiß wie beim Training auf einer Rolle ohne Lüfter rinnen ließ. Ob ich so weiterfahren kann, ob ich das überhaupt noch will? Ich habe da so meine Zweifel. Keine kleinen.
Der Start in Rovereto und die ersten Etappen
Vor acht Tagen startete ich in Rovereto am Gardasee als eine von 192 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zum Ultracycling-Rennen „NorthCape4000“. In einem Anflug von Übermut hatte ich mich im Dezember 2020 angemeldet. Nach dem ganzen Corona-Drama wollte ich endlich wieder raus, reisen, etwas erleben. Tagelang Fahrrad fahren, den Fahrtwind im Gesicht spüren und das Surren der Kette hören - was gibt es Schöneres?
Dass ich mindestens 200 Kilometer pro Tag fahren muss, um in der vorgegebenen Zeit von 22 Tagen anzukommen, dass die Route einmal quer durch das mir völlig unbekannte Osteuropa führt, dass ich als Frau ganz alleine unterwegs bin - solche Sorgen und Ängste sollten erst später kommen. Es stehen fast nur Männer am Start in Rovereto, ich bin eine von 25 Frauen, die sich auf dieses Abenteuer einlassen - und aufgeregt wie eine Sechsjährige am ersten Schultag. Bei einigen Teilnehmern vermute ich Rennambitionen, von vielen weiß ich, dass es ihnen um das Abenteuer geht. Nordkap heißt der Traum, der uns alle verbindet.
Im Moment bin ich bemüht, dieses Ziel komplett auszublenden. Das erscheint mir zu weit weg und zu ambitioniert. Ich stelle mir eher vor: Zuerst zum Baden an den Balaton, dann vielleicht nach Krakau - und wenn alles gut geht ... Der Startschuss reißt mich aus meinen Gedanken. Mit jedem Tritt in die Pedale legt sich meine Aufregung etwas mehr. Es geht flach nach Osten, der slowenischen Grenze entgegen. Am späten Nachmittag fahre ich ein Stück mit Matthias aus Stuttgart und Hans aus Berlin. Wir wollen es am ersten Tag nicht gleich übertreiben und beenden die Etappe nach 240 Kilometern in Tarcentino in einer kleinen Pension, die ich spontan online gebucht habe.
Am nächsten Morgen führt uns der Tanameapass nach Slowenien. In der Mittagshitze quäle ich mich über den 1.611 Meter hohen Vršič-Pass mit seinen vielen Kehren hinauf. Es folgt die grandiose Landschaft des Triglav Nationalparks und des Bleder Sees. Dann wird es flach, die Route führt weiter nach Ungarn, wo die Straßen sehr holprig sind und der Buchstabe „ö“ in vielen Ortsnamen vorkommt. Der erste Checkpoint der Tour hat kein „ö“: Tihany am Plattensee. Leider komme ich acht Minuten zu spät ins Tourismusbüro, es hat schon geschlossen. Hier hätte ich einen Stempel bekommen. Zum Glück macht das nichts, ich darf auch ohne Stempel weiterfahren, da der Veranstalter meine Position per GPS-Livetracking sehen kann.
Der Rhythmus der Langstrecke und unerwartete Hilfe
Nach vier Tagen habe ich meinen Rhythmus gefunden: Ich übernachte in Pensionen oder B&Bs, weil man dort nach einer Dusche viel besser schläft als verschwitzt im Biwaksack am Straßenrand. Morgens um vier klingelt der Wecker, ich packe meine Sachen und sitze spätestens um fünf auf dem Rad. Ohne Frühstück, das kaufe ich mir unterwegs im Supermarkt oder an der Tankstelle: Sandwich, Croissant, süße Teilchen. Dazu kommen literweise Kakao, Kefir und Trinkjoghurt. In der Hitze schmelzen meine Schokoriegel, saure Fruchtgummis sind eine gute Alternative, liefern aber nicht genug Energie - ich habe ständig Hunger.
Meistens fahre ich alleine. Ich treffe zwar auch andere Teilnehmer, aber ich ziehe es vor, meinem eigenen Rhythmus zu folgen. Langsam wächst mein Selbstvertrauen. Am Anfang schaffe ich Tagesetappen von 220 bis 240 Kilometern. Dann werden sie immer länger. Heute bringt mich die Route wieder in die Berge. Im Nordosten der Slowakei wartet die Hohe Tatra mit einsamen Waldwegen - landschaftlich ein Traum. Doch wenige Kilometer später werde ich unsanft aus diesem Traum gerissen. Die Straße nach Krakau, wo sich der nächste Checkpoint befindet, ist der Horror: Autos und Lastwagen donnern gefährlich nah an mir vorbei. Niemand nimmt Rücksicht auf Radfahrer.
Zum Glück führt mich die Route des Veranstalters bald in die polnische Provinz, wo der Verkehr erträglich, Übernachtungsmöglichkeiten aber rar sind. So habe ich um 19 Uhr noch 80 Kilometer vor mir. In der letzten Ecke von Polen, fast schon an der Grenze zu Weißrussland, liegt meine Unterkunft, ein Bauernhof am Rande des Dorfes Sarnaki. Ich fahre allein durch die Nacht. Mehrmals muss ich vor Hunden fliehen, die mich mit gefletschten Zähnen verfolgen.
Der Gedanke, allein auf einem abgelegenen Bauernhof zu übernachten, macht mir zusätzlich Angst. Nach 331 Kilometern komme ich um halb zwölf völlig erschöpft an. Der Bauer wartet schon den ganzen Abend auf mich. Er ist sehr freundlich, voller Bewunderung für meine Leistung und zeigt mir ein kleines, sauberes Zimmer. Meine Angst vor diesem Fleckchen Erde war völlig unbegründet, ich schäme mich und falle todmüde ins Bett.
Am nächsten Tag wartet die beschriebene Krise: Reifenheber, Schürfwunden, Hundekot. Doch so unerwartet sie über mich hereinbricht, so naht auch Hilfe - in Form einer Nachricht auf meinem Handy. NorthCape4000-Teilnehmer Pippo hat mein Foto der kaputten Reifenheber auf Strava gesehen und fragt, ob er mir seine hinterlassen kann; er sei mit seinen beiden Freunden etwa 150 Kilometer vor mir unterwegs, und sie hätten mehrere Reifenheber dabei.
Na klar! Ich fahre los, beiße die Zähne zusammen und versuche, meinen schmerzenden Hintern zu entlasten, indem ich mich im flachen Litauen so oft wie möglich mit den Unterarmen auf meinen Aero-Aufsatz lege. Schließlich finde ich die für mich an einer Tankstelle hinter einem Busch deponierten Reifenheber. Grazie, Pippo, grazie!
Flachetappen und der Weg nach Finnland
Dem flachen Litauen folgen das ebenfalls flache Lettland und Estland. Trotzdem ist die Fahrt anstrengend. Am Meer drückt eine steife Brise so stark gegen die Felgen, dass ich mich am Lenker festhalten muss, um nicht im Straßengraben zu landen. Erschöpft vom Kampf gegen den Wind erreiche ich die estnische Hauptstadt Tallinn. Wenn ich jetzt auf die Fähre nach Helsinki steige, gibt es kein Zurück mehr. Bis jetzt habe ich mich vorsichtig von Etappe zu Etappe, von einer großen Stadt zur nächsten bewegt.
Jetzt heißt es: Nordkap - ich komme! Und das Beste: In Tallinn treffe ich zufällig Pippo, Maurizio und Luca. Ich habe die drei Italiener eingeholt. Auf der Fähre kann ich mich für die Reifenheber bedanken. Die Überfahrt nach Helsinki dauert zwei Stunden. Zwei Stunden, die wir mit Essen und Chillen auf dem Sonnendeck verbringen. Ich bin so glücklich. Bestimmt habe ich gleich einen Platten. Bestimmt muss ich aufgeben, so kurz vor dem Ziel.
Mein erster Eindruck von Finnland: Wunderschön! Die Birkenwälder, die unzähligen Seen. Aber kaum Tankstellen und keine Supermärkte am Wegesrand. Nur Wald. Wenn ich eine Einkaufsmöglichkeit finde, kaufe ich aus Angst zu verhungern den halben Laden leer und schleppe mehr Proviant mit als vorher. Eine breite Staatsstraße führt mich geradewegs nach Norden. Auf ihrem Seitenstreifen trete ist stumpf in die Pedale - ähnlich wie in einen Tunnel: Kopf abschalten, Verkehr ignorieren!
Die Reifenpanne in Lappland
Ich igele mich ein - bis in Lappland links und rechts der Straße Rentiere laufen. Wunderschön. Ich erreiche einen Campingplatz, wo ich in einer urigen Hütte übernachten kann. Wenn alles gut geht, werde ich in zwei Tagen am Nordkap sein, denke ich noch. Da taumle ich, ebenso unerwartet wie beim ersten Mal, in meine zweite Krise. Ich nehme meine Tasche vom Rad. In der Lauffläche eines Reifens klafft ein Riss. Wäre mein Mann hier, würde er sagen: "Das ist keine Katastrophe, du machst nur eine draus. Aber: Das ist eine Katastrophe! Viele andere haben einen Ersatzreifen dabei. Ich nicht, ich wollte Gewicht sparen.
Am nächsten Morgen: Leider kein Alptraum, der Riss ist noch da. Aber der Reifen ist nicht platt - noch nicht - und so steige ich aufs Rad und fahre weiter. Doch meine Gedanken kreisen nur noch um den Riss: „Bestimmt habe ich gleich einen Platten. Bestimmt muss ich aufhören, so kurz vor dem Ziel.“ An einer Tankstelle erzähle ich einem Motorradfahrer von meinem Abenteuer. Und von meiner Angst, wegen eines platten Reifens zu scheitern. Arvydas aus Litauen bietet mir an, einen Reifen zu besorgen. Er kann kaum glauben, dass ich durchschnittlich 270 Kilometer am Tag zurücklege.
Rettung in der Not
An so etwas Banalem darf mein Unternehmen nicht scheitern! Nur gibt es hier weit und breit keinen Fahrradladen. Die einzige Möglichkeit, einen Reifen zu bekommen, besteht darin, einen der NorthCape4000-Teilnehmer zu fragen. Mit Arvydas teile ich für die nächsten Stunden mein Live-Tracking und gemeinsam brechen wir auf, er auf dem Motorrad, ich auf dem Fahrrad.
Es ist Arvydas. Er hat auf dem Weg zum Nordkap jeden Fahrradfahrer gefragt und schließlich einen gefunden, der ihm seinen Reifen verkauft hat. Nun stehe er an einer Tankstelle mit zwei anderen Motorradfahrern, die auf dem Weg nach Süden seien und mir den Reifen bringen könnten. Zwei Stunden später überreichen sie mir den Reifen an einer Straßenkreuzung - mir stehen die Tränen in den Augen.
Der letzte Tag zum Nordkap
Der 17. Tag wird der letzte Tag auf meiner Tour zum Nordkap. Ich gebe Vollgas und fahre und fahre und fahre. Iggy Pops Live-Version von „The Passenger“ im Ohr, singe ich lauthals: „I knew this god damn road was mine, la la la la la la la“. Norwegen zeigt sich von seiner schönsten Seite. Die Straße ist hügelig, das Wetter sonnig.
Doch um das Nordkap auf der Insel Magerøya zu erreichen, führt die Straße durch einen Tunnel unter dem Meer hindurch. Neun Grad steil geht es hinunter in die Tiefkühltruhe, sieben Kilometer später wieder hinauf. An seiner tiefsten Stelle liegt der Tunnel 212 Meter unter dem Meeresspiegel. Es ist stockdunkel. Der Verkehr dröhnt ohrenbetäubend. Ich bin froh, als ich endlich Licht am Ende des Tunnels sehe. Noch 30 Kilometer.
Eine Rentierherde begleitet mich ein Stück des Weges. Noch eine Kaffeepause in Honningsvåg, ich will nicht, dass es aufhört! Auf den letzten Kilometern wird es emotional: Tränen, innerer Jubel, Fassungslosigkeit. Ich stehe am nördlichsten Punkt Europas, der vom Festland aus auf dem Landweg zu erreichen ist. Nordkap, 71° 10’ 21” nördlicher Breite.
Informationen zum NorthCape4000
NorthCape4000 fand 2021 zum vierten Mal statt. Der Startort in Italien sowie die Strecke zum Ziel ans Nordkap wechseln von Jahr zu Jahr. 2021 starteten 192 Fahrer und Fahrerinnen aus 30 Ländern in Rovereto im Etschtal auf eine vorgegebene 4450 Kilometer lange Route durch Italien, Slowenien, Ungarn, Slowakei, Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finnland und Norwegen. Das Zeitlimit betrug 22 Tage, der Sieger, Steven Le Hyaric aus Frankreich, erreichte das Nordkap in zehn Tagen, neun Stunden und 25 Minuten.
Unterwegs müssen die Teilnehmer ohne Begleitfahrzeug oder andere Unterstützung klarkommen, Verpflegung und Übernachtungen selbst organisieren; auch bei einer Panne hilft der Veranstalter nicht. 2022 wird die Strecke kürzer: 3800 Kilometer führen dann - erneut von Rovereto - über Österreich, Deutschland, Schweden und Finnland zum Nordkap in Norwegen.
| Jahr | Startort | Distanz | Zeitlimit |
|---|---|---|---|
| 2021 | Rovereto, Italien | 4450 km | 22 Tage |
| 2022 | Rovereto, Italien | 3800 km | 22 Tage |
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