Lüttich-Bastogne-Lüttich, auch bekannt als "La Doyenne" (die Älteste), ist eines der ältesten und prestigeträchtigsten Eintagesrennen im Radsport. Es ist eines der fünf Monumente des Radsports. Das Rennen führt durch die wallonischen Ardennen in Belgien und ist bekannt für sein anspruchsvolles welliges Streckenprofil.
Die Anfänge
Schon ein Jahr nach ihrer Gründung 1891 organisieren der Pesant Club Liègois und die Liège Cyclist’s Union zusammen die erste Ausgabe von Lüttich-Bastogne-Lüttich. Am Sonntag, den 29. Mai 1892, wird bei trockenem Wetter die erste Ausgabe von Lüttich-Bastogne-Lüttich auf den Terrassen der Avenue Rogier gestartet. Vor 300 Zuschauern werden um genau 5.39 Uhr und 44 Sekunden die gemeldeten 33 Amateur-Rennfahrer von Monsieur Neuman, dem Präsident der Lütticher Radfahrer-Union auf die Reise geschickt. Die Distanz beträgt 250 Kilometer, reicht bis zur luxemburgischen Grenze nach Bastogne und durch die Ardennen wieder nach Lüttich.
Eigentlich hatte der Pesant Club Liegeois und die Liege Cyclist’s Union das Rennen Lüttich-Bastogne-Lüttich nur als Vorbereitung auf den Radmarathon Lüttich-Paris-Lüttich über 845 Kilometer vorgesehen. Aber aus dem “Vorbereitungsrennen” wurde ein Monument des Radsports.
Die Strecke führt über Tilff, Esneux, Aywille, Barvaux, Hotton, Marche-en-Famenne, Champlon nach Bastogne und zurück.
Die ersten beiden Ausgaben sind ausgeschrieben für Amateure, die dritte Austragung 1894 ist offen für Amateure und Einzelfahrer. Das Rennen, das durch den wallonischen Teil Belgiens führt, bekommt den liebevollen Beinamen „La Doyenne“, die Älteste. Alle anderen klassischen Eintagesrennen begannen zu einem späteren Zeitpunkt.
Die frühen Jahre
Wegen seines peinlich genauen Trainings und seiner leistungsstarken Muskulatur heißt der große Favorit Louis Rasquinet vom Sportclub Lüttich. Er trägt die Startnummer 13. Von Beginn an ist die erste Austragung ein schnelles Rennen. Allen voran fährt Léon Houa aus Lüttich wie der Teufel, hat nach 76 Kilometer in Marche schon fünf Minuten Vorsprung vor Léon Lhoest und sieben Minuten vor Alphonse Hünnerbein aus Verviers. Bis zum Wendepunkt in Bastogne dehnt Houa seinen Vorsprung gegenüber Lhoest auf 36 Minuten aus. Lhoest beklagt sechs mechanische Defekte und verliert viel Zeit. Houa, schon auf dem Rückweg nach Lüttich, sieht dabei seine Gegner weit zurück liegend auf der andern Straßenseite.
Léon Houa drosselt das Tempo in Richtung Ziel und gewinnt am Ende mit 22 Minuten Vorsprung vor Léon Lhoest. Der Sieger kommt nach fast elf Stunden ohne einen einzigen Defekt ins Ziel - auf einem 11,6 Kilogramm schweren Rad. Léon Houa hatte bis vier Monate vor seinem grandiosen Sieg im Eröffnungsrennen noch nie auf einem Rad gesessen. Damit ist er neben seinem Landsmann Eddy Merckx und dem Italiener Moreno Argentin der Einzige, der in 122 Jahren dreimal nacheinander gewinnt. Danach wird er offiziell der erste Berufsfahrer Belgiens.
Nach den drei Siegen von Léon Houa verschwindet das Rennen für lange Zeit vom Rennkalender, Automobil- und Motorradsport verdrängen den Radsport von der Spitze. Erst vierzehn Jahre später veranstaltet die Sportzeitung L’Express am letzten Sonntag im August wieder Lüttich-Bastogne-Lüttich, ein Rennen für Radrennfahrer und eins für motorisierte Fahrzeuge. 60 Fahrer starten vor dem Redaktionsgebäude der Zeitung. Nach einem monotonen Rennverlauf gewinnt der Franzose André Trousselier, Bruder des berühmten Louis, mit fünf Radlängen Vorsprung vor dem Belgier Alphonse Lauwers und unterbietet nach über acht Stunden Fahrzeit mit einem Stundenmittel von 29 kmh die alte Bestmarke von Léon Houa um zwei Stunden.
Die Wiedergeburt nach dem Ersten Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg mit insgesamt zehn Millionen Toten ist nach vier Jahren vorbei. Aber schon ein Jahr später, am 28. September 1919, plant der Pesant Club Liégois die Wiedergeburt von Lüttich-Bastogne-Lüttich. 32 mutige Rennfahrer starten bei strömendem Regen um acht Uhr. Der Regen wird immer stärker, dazu weht ein starker Wind die Fahrer fast von ihren Rennmaschinen. Totel durchnässt und mit klammen Fingern geben die ersten auf.
Um 12.04 Uhr, also nach vier Stunden, unterbrechen die Organisatoren endlich das Rennen in Bastogne am Wendepunkt und geben den Fahrern zwei Stunden Pause. Alle bekommen warme Mahlzeiten und heißen Tee, damit sie wieder „auftauen“. Auf dem Rückweg nach Lüttich schrumpft das Fahrerfeld immer mehr zusammen. Am späten Nachmittag wird es immer kälter und die Mitfavoriten Jean Rossius und Jacques Coomans kapitulieren vor der Kälte und steigen entkräftet in den Begleitwagen. Der Mann mit der besten Kondition heißt Léon Devos und kommt aus Belgien. Nach seiner Karriere siedelte Sieger Léon Devos sich im warmen Südfrankreich an. Er hat genug von der Kälte in Belgien. Ab diesem Jahr ist der Ardennenklassiker endgültig nur die Berufsfahrer reserviert.
Hermann Buse und der zweite ausländische Sieg
Bis zum Wendepunkt in Bastogne passiert nicht viel, das Feld bleibt kompakt und macht sich auf den Rückweg in Richtung Norden. An einer der zahlreichen Steigungen in Richtung Lüttich greift der Belgier Jean Debusschere an und bleibt bis zur Forges-Steigung vorne. Doch dann fällt die Vorentscheidung. Hermann Buse gewinnt den spannenden Sprint und rangiert im Tagesergebnis vor 16 Belgiern. Nur 17 Fahrer beenden das schwere Rennen. Buse ist seit 1892 erst der zweite Ausländer, der bei diesem Monument des Radsports siegreich bleibt. Vor ihm hatte nur 1908 der Franzose André Trousselier gewonnen.
Hermann Buse beendet noch im selben Jahr die Deutschland-Rundfahrt siegreich vor seinem Landsmann Kurt Stöpel. 1932 holt er sich beim Giro d’Italia die 2. Hermann Buse ist im Zweiten Weltkrieg als Soldat an der Front gefallen.
Besondere Geschichten und Anekdoten
Tragödien und Heldentaten spielen sich im französischsprachigen Teil Belgiens seit mehr als hundert Jahren ab. Das beginnt schon mit der Geschichte des ersten Siegers Léon Houa. Der Belgier musste die letzten zehn Kilometer Richtung Lüttich “einbeinig” absolvieren, nachdem an seinem Rad ein Pedal abgebrochen war.
Die wohl denkwürdigste Ausgabe gewann Bernard Hinault im April 1980. Beim Start wehte ein eiskalter, mörderischer Wind - immerhin war es trocken. Doch schon bald setzte dichter Schneefall ein. Ein Fahrer nach dem anderen rettete sich in die Cafés und Bars am Straßenrand. Am besten mit den Bedingungen kam Hinault klar, der mit knapp zehn Minuten Vorsprung vor Hennie Kuiper ins Ziel kam. 174 Profis waren gestartet, auf dem Fahrrad erreichten Lüttich lediglich 21. Eigentlich fuhr Hinault auch bei Wind und Wetter im Kurzarmtrikot. Diesmal hatte er sich breitschlagen lassen und trug eine wärmende Jacke. Aber erst, so erzählte man sich, als Hinault die Jacke auszog, fuhr er den entscheidenden Vorsprung heraus. Eine belgische Zeitung titelte nach dem Rennen: “Een Breton van Beton” (Ein Bretone aus Beton). Bis heute kann Hinault als Folge des Schneerennens übrigens die vorderen Glieder zweier Finger nicht mehr richtig bewegen.
Ähnlich frostig war es 1957 und es heißt, die Fahrer hätten sich unterwegs auf die Finger gepinkelt, um die eiskalten Hände wenigstens ein bisschen aufzutauen. Nur 15 von 107 Fahrern erreichten Lüttich und es gewann in Germain Derijcke ein Fahrer, der stets behauptet hatte, bei Hitze am besten drauf zu sein. Der Sieg Derijckes hatte jedoch ein Nachspiel. Frans Schoubben legte Protest ein, weil Derijcke an einem geschlossenen Bahnübergang über die Schranke geklettert sein soll. Wenig später zog Schoubbens Sportlicher Leiter den Protest zurück und beide Fahrer werden seitdem als Sieger geführt.
Eddy Merckx, Rekordsieger mit fünf Erfolgen, musste 1970 erleben, wie sich die Brüder Roger und Erik De Vlaeminck zusammenschlossen und ihn ausbremsten. Im engen und für Publikum und Jury nicht einsehbaren Tunnel vor dem Velodrom zu Lüttich - damals noch Zielankunft - soll Erik mit einem Pfiff das Signal für die entscheidende Attacke seines Bruders gegeben haben, während er selbst Merckx im Weg herumfuhr.
Merckx’ langjähriger Freund Patrick Sercu erzählte einmal folgende Geschichte: Nachdem der “Kannibale” Merckx drei Tage zuvor den Sieg beim Fleche Wallone als Zweitplatzierter verpasst hatte, entdeckte Sercu auf dem Weg nach Lüttich aus dem Auto einen einsamen Radfahrer. Ein stürmischer Schneeregen ging übers Land, keinen Hund hätte man vor die Tür schicken wollen. Sercu erkannte den Mann auf dem Velo sofort. Es war Merckx, der sich selbst 100 Kilometer “Strafarbeit” auferlegt hatte. Am Tag darauf holte Merckx bei Lüttich-Bastogne-Lüttich seinen vierten von fünf Siegen.
1988 klaffte auf der Strecke eine etwa 30 Zentimeter tiefe und einen Meter breite Lücke quer über die Fahrbahn. Weil die Streckenposten in Houffalize nicht aufpassten, raste das Peloton mit Tempo 60 km/h auf die Gefahrenstelle zu. Nicht allen gelang es, den Graben zu überspringen - und es kam zum Massensturz.
Der Sieg im Jahr 2010 soll gekauft worden sein. Der Kasache Alexandr Vinokourov vom Team Astana soll dem Russen Alexandr Kolobnev 100.000 Euro dafür geboten haben, wenn dieser ihn gewinnen ließe. Kopien von Überweisungen lagen vor, Vinokourov wies die Vorwürfe dennoch zurück und sah sich als Opfer einer Hacker-Attacke.
Die Strecke
Unbestritten ist, dass die Strecke durch die Hügel der Wallonie den Fahrern alles abverlangt und als eines der schwersten Eintagesrennen der Welt gilt.
Lüttich-Bastogne-Lüttich ist bekannt für seinen hügeligen Kurs in den Ardennen, der die Radprofis extrem fordert. Die kurzen, giftigen Rampen sind prädestiniert für kletterfeste Klassikerfahrer. Vom Start in Lüttich geht es südwärts nach Bastogne, wo nach etwas mehr als 90 Kilometern gewendet wird. Zehn der elf Cotes (Anstiege) werden auf dem Rückweg nach Lüttich befahren.
Richtig spannend wird es auf den letzten rund 90 Kilometern, wo Cote de Wanne, Cote de Stockeu und Cote de la Haute-Levee das Finale einläuten. Die letzten rund 40 Kilometer bei Lüttich-Bastogne-Lüttich 2023 wurden im Vergleich zum Vorjahr etwas abgeändert. Nach der Redoute, wo Remco Evenepoel 2022 seine siegbringende Attacke setzte, gibt es einen weiteren kurzen, unkategorisierten Hügel, die Cote de Cornemont. Zudem haben die Organisatoren die Cote des Forges wieder in den Parcours aufgenommen. Rund anderthalb Kilometer zusätzliche Kletterei vor dem finalen Anstieg zur Cote de la Roche-aux-Faucons, ehe das Ziel in Lüttich rund 13 Kilometer danach erreicht wird.
Anstiege des Männerrennens (2023)
- Km 69,7 - Cote de La Roche-en-Ardenne- 2,8 km à 6,2%
- Km 120,9 - Cote de Saint-Roch - 1 km à 11,2%
- Km 164,8 - Cote de Mont-le-Soie- 1,7 km à 7,9%
- Km 173.1 - Cote de Wanne- 3,6 km à 5,1%
- Km 179,6 - Cote de Stockeu (stele Eddy Merckx)- 1 km à 12,5%
- Km 183,8 - Cote de la Haute-Levee- 2,2 km à 7,5%
- Km 198,1 - Col du Rosier- 4,4 km à 5,9%
- Km 211,4 - Cote de Desnie- 1,6 km à 8,1%
- Km 224,2 - Cote de La Redoute- 1,6 km à 9,4%
- Km 234,8 - Cote des Forges- 1,3 km. à 7,8%
- Km 244,8 - Cote de la Roche-aux-Faucons- 1,3 km à 11%
Anstiege des Frauenrennens (2023)
- Km 51,7 - Cote de Mont-le-Soie- 1,7 km à 7,9%
- Km 60 Cote de Wanne- 3,6 km à 5,1%
- Km 66,5 - Cote de Stockeu (stele Eddy Merckx)- 1 km à 12,5%
- Km 70,8 - Cote de la Haute-Levee- 2,2 km à 7,5%
- Km 84,9 - Col du Rosier- 4,4 km à 5,9%
- Km 97,6 - Col du Maquisard- 2,5 km à 5%
- Km 108,8 - Cote de La Redoute- 1,6 km à 9,4%
- Km 119,5 - Cote des Forges- 1,3 km à 7,8%
- Km 129,5 - Cote de la Roche-aux-Faucons- 1,3 km à 11%
Das Rennen der Frauen
Seit 2017 hat Lüttich-Bastogne-Lüttich auch ein Frauenrennen, das Teil der UCI Women’s World Tour ist und 2023 am selben Tag wie der Männerwettbewerb stattfindet.
Das Frauenrennen von Lüttich-Bastogne-Lüttich 2023 wird am selben Tag ausgetragen wie das Männerrennen, die Frauen starten aber eher (8:40 Uhr) und kommen früher ins Ziel (voraussichtlich zwischen 12:20 und 12:43). Lüttich-Bastogne-Lüttich der Damen gehört zur UCI Women’s World Tour und trägt den offiziellen Namen Liege-Bastogne-Liege Femmes.
Die Strecke ist mit 142,8 Kilometern Länge deutlich kürzer als die der Herren, hat es aber dennoch in sich. Der Parcours führt weitestgehend über den des Männerfinals. Insgesamt neun Cotes (Anstiege) stehen auf dem Programm. Auch hier bildet die Kombination aus Redoute, Forges und Roche-aux-Faucons das Herzstück des Finals, wo mit der Entscheidung zu rechnen ist.
Jedermannrennen
Am Tag vor den Profis können sich zudem die Jedermänner auf der Strecke von Lüttich-Bastogne-Lüttich messen. Einen Tag vor den Profis können Hobbysportler auf der Strecke von Lüttich-Bastogne-Lüttich bei der Liege-Bastogne-Liege Challenge einen Radmarathon fahren. Angeboten werden die Distanzen 81, 155 und 251 Kilometer. Wer die komplette Strecke fährt, kommt auch über die bekannten Anstiege Cote de Saint-Roch, Cote de Wanne und Cote de Stockeu. Die LBL-Challenge wird nicht als Rennen gefahren, sondern als Radmarathon. Der Start ist in vorgegebenen Zeitfenstern möglich.
Deutsche Sieger
In der Geschichte gab es zwei deutsche Siege: Hermann Buse (1930) und Dietrich Thurau (1979).
Rekordsieger
Rekordsieger ist der Belgier Eddy Merckx, der zwischen 1969 und 1975 fünfmal gewann.
Übertragung im Fernsehen
Das Männer- und das Frauenrennen von Lüttich-Bastogne-Lüttich sind im Fernsehen live bei Eurosport 1 zu sehen. Es gibt bei Discovery+ und GCN+ (beides über Bezahl-Abo) zudem einen Live-Stream.
Zusammenfassung
Lüttich-Bastogne-Lüttich ist nicht nur das älteste Monument, sondern wird zugleich als eines der schwersten angesehen. Der Weg durch die Ardennen verlangt den Radprofis viel ab. Wer am Ende hier gewinnt, der spürt am Abend nach dem Rennen ganz genau, was er in den Beinen hat.
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