Lüttich-Bastogne-Lüttich, auch bekannt als "La Doyenne" (die Älteste), ist eines der fünf Monumente des Radsports und das älteste der fünf Frühjahrsklassiker. Das erste Rennen wurde 1892 ausgetragen und hat seitdem zahlreiche denkwürdige Momente erlebt. Dieses Rennen, das durch die anspruchsvollen Hügel der Wallonie führt, fordert den Fahrern alles ab und gilt als eines der schwersten Eintagesrennen der Welt.
Die Anfänge und einbeinige Helden
Eigentlich hatten der Pesant Club Liegeois und die Liege Cyclist’s Union das Rennen Lüttich-Bastogne-Lüttich nur als Vorbereitung auf den Radmarathon Lüttich-Paris-Lüttich über 845 Kilometer vorgesehen. Aber aus dem “Vorbereitungsrennen” wurde ein Monument des Radsports. Die Geschichte des Rennens beginnt mit Léon Houa, dem ersten Sieger, der die letzten zehn Kilometer fast "einbeinig" absolvieren musste, nachdem ein Pedal an seinem Rad abgebrochen war. Trotz dieses Handicaps erreichte er das Ziel mit über zwanzig Minuten Vorsprung. Houa dominierte die frühen Jahre und gewann auch die nächsten beiden Ausgaben. Nur hätte es nicht erst 1908 die nächste Austragung gegeben, wäre er womöglich auch der einzige Fahrer geworden, der das Rennen vier Mal in Serie gewinnt.
Eisige Bedingungen und unvergessliche Heldentaten
Tragödien und Heldentaten spielen sich im französischsprachigen Teil Belgiens seit mehr als hundert Jahren ab. Besonders in Erinnerung geblieben sind die Rennen, die von extremen Wetterbedingungen geprägt waren.
Die Auflage von 1957
Ganz übles Wetter bestimmte die Auflage 1957. Die Organisatoren baten die Bewohner der Orte an der Strecke, die Kaffeemaschinen anzuwerfen und die Fahrer mit warmen Getränken zu versorgen. Diese pinkelten sich derweil unterwegs auf die Hände, um ein wenig Wärme in die Finger zu bekommen. Im Ziel kommen nur 15 von 107 Fahrern an, aber ausgerechnet der als Hitze-Spezialist bekannt Germain Derijcke feiert einen Solo-Sieg. Doch sein belgischer Rivale Frans Schoubben will seinen zweiten Rang nicht akzeptieren und protestiert: Derijcke habe mit weiteren Fahrern an einem geschlossenen Bahnübergang nicht gewartet, sondern sei über die Schranke geklettert. Das war damals allerdings in Frankreich und Italien in Rennen erlaubt, in Belgien aber verboten. Es kommt zur Deklassierung des Siegers. Einige Tage später aber wird der Protest auf Anraten des Bosses von Schoubben zurückgezogen. Dessen salomonischer Lösungsvorschlag, beide als Sieger zu führen, wird übernommen.
Das Rennen im Schnee von 1980
Die Auflage 1980 ist sofort zur absoluten Referenz für unerträgliche Bedingungen und extreme Leidensbereitschaft geworden, getoppt nur noch von der Gavia-Etappe beim Giro 1988. Schon am Start in Lüttich ist es eiskalt, später setzt Schneefall ein. Fahrer flüchten nach wenigen Kilometern in Bars und Kaffees, die Aufgaben kommen im Zehnerpack. Mit einer Hand am Lenker und der anderen als Schutz vor dem Gesicht fahren die verbleibenden Profis weiter. Auch Bernhard Hinault denkt über einen Ausstieg nach, doch ein Teamkollege treibt ihn bis zur Verpflegungszone. Danach fordert Cyrille Guimard aus dem Auto Hinault auf, die Regenjacke auszuziehen. Der gehorcht und kämpft gegen sein Frösteln dadurch an, dass er das Tempo erhöht. Fast ungewollt hängt er damit alle Fahrer ab und beginnt ein Solo durch die verschneiten Ardennen.
Mit fast zehn Minuten Vorsprung gewinnt Hinault ein Rennen, das nur 21 Fahrer überhaupt beenden. Als Hennie Kuiper als Zweiter endlich ankommt, ist im Zielbereich schon fast keine Menschenseele mehr. Hinault aber kann noch heute die letzten Fingerglieder an zwei Fingern nicht mehr bewegen als Folge jenes Tages.
Ähnlich frostig war es 1957 und es heißt, die Fahrer hätten sich unterwegs auf die Finger gepinkelt, um die eiskalten Hände wenigstens ein bisschen aufzutauen. Nur 15 von 107 Fahrern erreichten Lüttich und es gewann in Germain Derijcke ein Fahrer, der stets behauptet hatte, bei Hitze am besten drauf zu sein.
Besondere Anekdoten und Kontroversen
Neben den extremen Wetterbedingungen gab es auch andere bemerkenswerte Ereignisse, die die Geschichte von Lüttich-Bastogne-Lüttich geprägt haben.
Der Graben von 1988
Als ob "LBL" nicht schon schwer genug wäre, bauen die überforderten Organisatoren in die Auflage 1988 eine zusätzliche Schwierigkeit ein: Eine ungesicherte Baustelle, genauer einen Graben von einem Meter Breite und rund 30cm Tiefe, quer über die gesamte Straße. Die Streckenposten in Houffalize pennen und so rast das komplette Feld mit 60km/h ungewarnt auf die Gefahrenstelle zu. Mit "bunny hops" versuchen die Fahrer, den Graben zu überspringen - aber das gelingt nicht jedem. Es endet in einem üblen Massensturz, Laurent Fignon verklagt danach die Veranstalter. Zwei Jahre später übernimmt die ASO die Organisation der "Doyenne".
Jacques Anquetil trotzt der Konkurrenz
Der Thron von Jacques Anquetil wackelt, als ein junger Italiener 1965 die Tour gewinnt und 1966 mit dem Sieg bei Paris-Roubaix nachlegt. Die Presse feiert Felice Gimondi und spricht von der Wachablösung. Das stinkt Anquetil gewaltig. Beim Klassiker in Lüttich, um den er sonst eher einen Bogen macht, kommt die Trotzreaktion. Mit über fünf Minuten Vorsprung erreicht er das Ziel im Velodrom von Roncourt nach einem grandiosen Solo. Gimondi bleibt der 17. Rang, für Anquetil ist es der letzte ganz große Sieg.
Eddy Merckx und die Brüder De Vlaeminck
Eddy Merckx, Rekordsieger mit fünf Erfolgen, musste 1970 erleben, wie sich die Brüder Roger und Erik De Vlaeminck zusammenschlossen und ihn ausbremsten. Im engen und für Publikum und Jury nicht einsehbaren Tunnel vor dem Velodrom zu Lüttich - damals noch Zielankunft - soll Erik mit einem Pfiff das Signal für die entscheidende Attacke seines Bruders gegeben haben, während er selbst Merckx im Weg herumfuhr.
Bestechungsvorwürfe im Jahr 2010
Der zweite Sieg von Alexander Winokurow bei der "Doyenne" ist möglicherweise eines der Beispiele für gekaufte Triumphe. Bestätigungen über solche Deals sind allerdings noch weitaus seltener als Dopinggeständnisse. Der Kasache Alexandr Vinokourov vom Team Astana soll dem Russen Alexandr Kolobnev 100.000 Euro dafür geboten haben, wenn dieser ihn gewinnen ließe. Kopien von Überweisungen lagen vor, Vinokourov wies die Vorwürfe dennoch zurück und sah sich als Opfer einer Hacker-Attacke.
Bemerkenswerte Siege und Triumphe
Trotz der Herausforderungen und Kontroversen gab es zahlreiche inspirierende Siege und Triumphe bei Lüttich-Bastogne-Lüttich.
Dietrich Thurau im Regen
Der Frankfurter wird 1977 Dritter, 1978 Zweiter, und nun will er endlich seinen Lieblings-Klassiker gewinnen. Bei diesem Rennen folgen in der zweiten Streckenhälfte die gefürchteten Rampen in den Ardennen dicht nacheinander. Die Anstiege sind nur länger und steiler als in Thuraus Trainingsgebiet, dem Taunus. Es regnet in Strömen und die erste Attacke des Belgiers Walter Planckaert über 80 Kilometer bringt ihm keinen Erfolg. Michel Pollentier, der kleine Belgier mit dem schütteren Haar und dem schaukelnden Fahrstil, sowie Dietrich Thurau, der „Blonde Engel“ wie er von den Franzosen genannt wird, schließen an der Haute Levée-Steigung auf, und es kommt zu einem Zusammenschluss von 44 Fahrern.
Thurau fühlt sich stark, hat gut trainiert und 60 Kilometer vor dem Ziel greift „Didi“ erneut an, fährt mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. Eine Augenweide ist dieser Modellathlet auf der Rennmaschine. Am Mont Theux-Anstieg beträgt der Vorsprung eine Minute und vierzig Sekunden, an der Redoute kommen Bernard Hinault aus Frankreich und Michel Pollentier bis auf 50 Sekunden heran. Auf dem Gipfel der letzten Steigung an der Côte des Forges haben die Gegner ihren Rückstand bis auf fünfzehn Sekunden verkürzt. Aber nun spielt Thurau seine ganzen Qualitäten als Roller und exzellenter Abfahrer aus. 60 Kilometer vor dem Ziel mobilisiert er noch einmal alle Kräfte, und aus fünfzehn werden 55 Sekunden. Im Stile eines Meisters triumphiert er als Solosieger auf dem Boulevard de la Sauvenière, vor dem Sieger von 1977, Bernard Hinault aus der Bretagne. Thuraus erster Kommentar nach dem Sieg: „Ich weiß nur noch, dass ich auf den letzten Kilometern gedacht habe, ich müsste sterben, so kaputt war ich.“ Damit gewinnt 49 Jahre nach Hermann Buse ein zweiter Deutscher den Ardennen-Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich.
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