Rennrad zum Gravelbike umbauen: Eine detaillierte Anleitung

Immer mehr Rennradfahrer verspüren den Wunsch, gelegentlich die Straße zu verlassen und dem Verkehr auszuweichen. Ein Blick auf die Landkarte offenbart ein unglaublich dichtes Netz an Wirtschafts-, Schotter- und Waldwegen. Hunderte Kilometer dieser Wege sind für Gravelbiker nutzbar. Du kannst die Natur intensiver genießen und nicht zuletzt dein Tourenrevier extrem erweitern. Aber auch Mountainbiker, die gerne sportlich auf Schotter- und Waldwegen unterwegs sind, entdecken das Gravelbiken für sich. In vielen Regionen, von flachem Terrain bis Mittelgebirge, ist das Gravelbike eine leichtgewichtige Alternative zum Hardtail-MTB.

Die Herausforderung: Ein Rennrad für Schotter tauglich machen

Ein klassisches Rennrad mit Stahlrahmen in ein Gravelbike zu verwandeln, mag zunächst ungewöhnlich erscheinen, ist aber durchaus möglich. Doch ganz so einfach ist das nicht, denn so ein Rad ist dafür wirklich nicht gemacht und es gibt keine Original-Komponenten, die das zulassen würden. Seitenzugbremsen vom Rennrad können maximal Reifen bis 30mm aufnehmen, und in den Rahmen passen auch gar keine anderen Reifen. Sie würden sofort an den Kettenstreben schleifen oder gar nicht durch die Gabel kommen. Zudem würde man in der Kurve mit den Schuhen den Reifen berühren (Toe-Overlap oder Zeh-Überstand) und im schlimmsten Fall stürzen. Aber nichts ist unmöglich. All diese Punkte lassen sich umgehen. Nur manche Dinge wird man in Kauf nehmen müssen, weil hier und da wirklich kein Weg dran vorbei führt.

Was macht ein Gravelbike aus?

Um ein Rennrad in ein Gravelbike zu verwandeln, sind einige Anpassungen notwendig. Hier sind die wichtigsten Punkte:

  • Laufräder: Statt schmalen Reifen hat ein Gravelbike meist dicke Pneus.
  • Reifen: Reifen und Gesamtumfang spielen die wichtigste Rolle in der Konvertierung des Bikes.
  • Bremsen: In der Regel hat ein Offroad-Bike hydraulische Scheibenbremsen.
  • Schaltung: Moderne Bikes haben fast alle 1-fach Schaltungen, also nur ein Kettenblatt vorne.
  • Tretlager-Untersetzung: Für ein Gravel Bike wäre eigentlich etwas mehr Bodenfreiheit besser.

Laufräder und Reifen

Bei den Größenangaben von Laufrädern und Reifen hat sich traditionell die Angabe in der Maßeinheit „Zoll“ etabliert. Leider, muss man sagen. Denn die Zollangaben sind ungenau und schaffen mehr Verwirrung als Klarheit. Besser ist es, sich mit der so genannten ETRTO-Angabe vertraut zu machen. Diese Zahlenkombination steht auf der Seitenflanke jedes Reifens, zum Beispiel 33-622. Sie gibt unmissverständlich den Durchmesser und die Breite des Reifens in Millimetern an. In diesem Fall 33 mm Breite und 622 mm Durchmesser.

Die erste denkbare Stelle zum Ansetzen ist der Austausch der Laufräder. Die Felgen selbst sind mit 28″ relativ groß. Doch ein Stahlrenner hat nicht den Platz um diese Breite zu unterstützen. Die Lösung: 650B Laufräder (auch bekannt als 27,5″). Der Felgendurchmesser sinkt auf 584mm statt 622mm. Damit gewinnt man viel Platz um etwas größere Reifen aufzunehmen.

Hier wird wird die Merkwürdigkeit der Zoll-Angaben besonders deutlich, denn ein 29-Zoll Laufrad weist in Millimetern denselben Durchmesser wie ein 28-Zoll-Laufrad auf: 622 Millimeter. Man hat jedoch die Möglichkeit, besonders breite Reifen aufzuziehen. Ergo besitzen (die seltenen) 29-Zoll-Gravelbikes eine große Reifenfreiheit an Hinterbau und Gabel.

Was muss ein Gravel Reifen können?

Eine typische Graveltour verläuft in der Regel über einen Mix aus Schotterwegen und Straßen oder asphaltierten Radwegen. Die Wahl des richtigen Reifens hängt unter anderem davon ab, in welchem Verhältnis diese Untergründe zueinander stehen. Gravelbiker, die Straßen bewusst und so oft wie möglich meiden, werden eher mit einem voluminösen, stärker profilierten Reifen glücklich. Bei umgekehrten Anteilen ist ein Semislick mit leichten Seitenstollen und glatter Lauffläche die beste Wahl sein. Generell muss ein Gravel Reifen jederzeit ein komfortables Fahrgefühl vermitteln und sicheren Halt in Kurven gewährleisten. Außerdem ist ein guter Pannenschutz wichtig, schließlich geht es über Stock und Stein.

Grundsätzlich ist es Geschmacksache, welche Reifenbreite man am liebsten fährt. Fakt ist jedoch: Je breiter und voluminöser ein Reifen ist, desto komfortabler ist sein Fahrverhalten. Beim Gravelbike ist der Komfort des Reifens umso wichtiger, da das Fahrwerk selbst in der Regel ungefedert ist. Zweiter wichtiger Faktor ist der richtige Luftdruck. Er sorgt letztendlich dafür, dass neben dem Komfort auch die Traktion des Reifens optimal ist. Also, wie gut sich die Lauffläche an den Untergrund anschmiegen kann.

Die maximale Breite der Reifen an deinem Gravelbike begrenzen der Hinterbau des Rahmens und die Gabelscheiden. Zu diesem Wert gibt es in der Regel eine Herstellerangabe, also beispielsweise 48 Millimeter. Die weiteren Möglichkeiten: Ausprobieren oder selbst nachmessen zwischen Kettenstreben, Sattelstreben und Gabelscheiden. Wobei man letztendlich mit dem Reifen nicht bis auf Haaresbreite an diese Bauteile heran gehen sollte. Zum einen verformt sich das Laufrad geringfügig in manchen Fahrsituationen. Zum anderen kann Schmutz eine Kruste auf dem Profil bilden, die entsprechend einige Millimeter dick aufträgt. Unser Tipp: Mindestens 4 Millimeter Spielraum zwischen Reifen und Rahmen lassen.

Sportliche Gravelbiker, die maximal auf feinem Schotter und festen Naturbelägen unterwegs sind, wählen in der Regel Reifen zwischen 30 und 40 Millimeter Breite. Vielseitiger einsetzbar sind Gravelreifen zwischen 40 und 50 Millimeter Breite oder sogar noch voluminöserem Querschnitt. Breite, Volumen und Luftdruck sind für Komfort und Traktion aber fast wichtiger als das Profil.

Reifenfreiheit prüfen

Um zu validieren, ob der Rahmen einen 650B Reifen verträgt, kann ein praktischer Test durchgeführt werden. Dazu druckt man mehrere Kreise als Reifenquerschnitt aus (33mm, 35mm, 38mm und 40mm) und verwendet eine Schnur mit 584mm Länge. Die Schnur wird am Schnellspanner festgebunden, damit die Länge dann auf 584mm/2 (292mm) kommt. Spannt man dann die Schnur mit dem gedachten Reifen, dann kann man genau prüfen, wie viel Platz noch zwischen den Kettenstreben sein wird. Außerdem kann man dann am Sattelrohr vorbei führen, ob es dort zu Reibung kommen würde. Und zuletzt prüft man die Sattelstreben, ob der Reifen auch da passieren kann.

Bremsen

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Bremsanlage. In der Regel hat ein Offroad-Bike hydraulische Scheibenbremsen. Für die Scheibenbremsen braucht es die Aufnahmen an Gabel und Rahmen. Bei Cantilever- und V-Brakes muss der Rahmen zwei Stifte an der richtigen Stelle haben um die Bremsen zu montieren. Beides hat ein Stahlrenner nicht. Doch es gibt auch hier Lösungen. Tektro R559 Seitenzugbremsen kommen zur Rettung. Das sind ebenfalls Seitenzugbremsen, die jedoch mit extra langen Bremsschenkeln daher kommen.

Montage der Tektro R559 Bremsen

Diese Seitenzugbremsen können an jedem Rahmen montiert werden, der für Seitenzugbremsen ausgelegt ist. Bedeutet: der Rahmen muss an der Brücke eine Aufnahme (Bohrung) für diese haben. Am Hinterrad ist es die Brücke zwischen den Sattelstreben. Am Vorderrad ist es die Gabelbrücke. Die alten Shimano 105 Seitenzugbremsen werden einfach gegen die Tekro 559 ausgetauscht. Die längeren Bremsschenkel passen perfekt zu 26″ oder 27,5″ Laufrädern. In meinem Fall also die 650B Felgen mit 584mm Durchmesser.

Die Bremsschuhe an den Tektro R559 können für 559mm Felgen (26″) oder 584mm (650B / 27,5″) eingestellt werden. Damit wäre die Bremsenfrage gelöst.

Bei den Seitenzugbremsen (auch bei diesen mit extra langen Bremsschenkeln) handelt es sich um Kurzzugbremsen. Entsprechend benötigt man Bremshebel die darauf ausgelegt sind. Zum Glück sind alle Shimano STI Rennradschalthebel darauf ausgelegt. Jedoch wähle ich Bremshebel die ohne integrierte Schaltung sind.

Schaltung

Prinzipiell könnte man jetzt das Rad weiterhin mit einer 2×8 oder 2×9 aufbauen. Moderne Bikes haben aber alle 1-fach Schaltungen, also nur ein Kettenblatt vorne. Denkbar ist hier alles, denn es ist nicht direkt am Rahmen limitiert.

Ziel ist es das Rad so mechanisch und einfach wie möglich zu gestalten. Denkbar wäre eine 1-fache Schaltung (also vorne an der Kurbel nur ein Kettenblatt, ganz ohne Umwerfer; hinten ein normales Schaltwerk). Da der Rahmen auf Schalthebel am Unterrohr eingestellt ist möchte ich diese Option nutzen. In Theorie soll das Rad also einen Schalthebel am Unterrohr für das hintere Schaltwerk bekommen. Vorne ist nur ein Kettenblatt, wie bei modernen Gravelbikes üblich.

Tubeless-Systeme am Gravelbike

Schlauchlos-Systeme etablieren sich immer mehr an allen Fahrradtypen. Im Rennsport sind sie sogar nicht mehr wegzudenken, zum Beispiel in der Mountainbike Szene. Die Vorteile generell: Tubeless Bereifung kann mit sehr wenig Luftdruck gefahren werden, da die Gefahr von Durchschlägen sehr gering ist. Das heißt, Traktion und Rollkomfort sind spürbar besser als bei normalen Systemen mit Schlauch. Und kleinere Löcher verschließt die eingebrachte Dichtmilch selbstständig während des Fahrens. Zu guter letzt sparen Tubeless-Systeme Gewicht am Gravelbike.

Voraussetzungen und Nachteile

Laufräder und Felgen müssen für Tubeless-Systeme vorbereitet sein. Die Montage erfordert Zeit und eine gewisse Expertise. Ein größerer Reifenschaden unterwegs kann das Aus der Tour bedeuten. Für alle Fälle sollte ein Schlauch mitgeführt werden - was jedoch den Gewichtsvorteil reduziert. Die meisten Mountainbiker verzichten bereits auf den Schlauch im Reifen. Besonders die erhöhte Pannenresistenz und das bessere Fahrverhalten der Reifen sprechen dafür, den Schlauch auch am Gravelbike wegzulassen. Der Tubeless-Umbau kann, je nach Erfahrungslevel des Monteurs und der Kombination zwischen Felge und Reifen, für eine kleine Sauerei sorgen.

Für wen ist Tubeless am Gravelbike geeignet?

Wir würden den Tubelessumbau also vor allem Gravelern empfehlen, die ihr Bike hauptsächlich auf Schotterwegen und in leichtem Gelände bewegen und dadurch wirklich von den Vorteilen des Systems profitieren. Gravelbiker, die hauptsächlich auf Asphalt unterwegs sind oder das Rad überwiegend für den Weg zur Arbeit nutzen und zudem vielleicht keine Lust haben, den Luftdruck vor jeder Fahrt zu kontrollieren, sind beim herkömmlichen Schlauch wahrscheinlich besser aufgehoben.

Tubeless-Umbau: Schritt-für-Schritt-Anleitung

Was du brauchst:

  • Tubeless Ventile in entsprechender Länge für deine Felge
  • Tubeless Dichtmilch (50-70ml pro Reifen)
  • Tubeless-Felgenband (ca. 2mm breiter als die Maulweite deiner Felge)
  • Reinigungsmittel zum Entfernen von Kleberückständen

Los geht's:

  1. Laufräder demontieren: Demontiere die Laufräder und anschließend die Reifen von den Laufrädern.
  2. Felgenband montieren: Entferne das alte Felgenband und reinige das Felgenbett von eventuellen Kleberesten und Schmutz.
  3. Ventil montieren: Stecke das Ventil durch die Felge und ziehe die Mutter fest an.
  4. Reifen aufziehen: Montiere den Reifen zu 90 % bis auf einen kleinen Teil auf Höhe des Ventils. Hier füllst du die Tubeless-Milch ein und drückst anschließend die letzten 10% des Reifens über die Felge.
  5. Reifen aufpumpen: Schraube den Ventileinsatz heraus, damit mehr Luft durch das Ventil strömen kann und versuche mit schnellen Pumphüben den Reifen so schnell wie möglich zu entfalten.

Nach dem Aufpumpen solltest du deinen Reifen anschließend horizontal auf beiden Seiten schwenken, damit sich die Dichtmilch im ganzen Reifen verteilen kann. Abschließend solltest du darauf achten, dass die Reifen richtig und gleichmäßig auf der Felge sitzen.

Sonstige Bedenken und Modifikationen

Durch die Änderung der Reifengröße muss man sich auf ein unruhiges Fahrverhalten einstellen. Zudem kann der aggressive Rennradlenker aus den 90ern die Montage der Bremshebel nur sehr tief zulassen, was zu einer stark gestreckten und gebeugten Haltung führt. Auch das sollte man im Auge behalten, wenn man solche Umbauten vornimmt.

Fazit

Mit den richtigen Komponenten und etwas handwerklichem Geschick lässt sich ein Rennrad in ein Gravelbike umwandeln. Auch auf ein Tubeless-Reifensystem lässt sich dein Gravelbike meist recht schnell und problemlos umrüsten. Es erfordert jedoch sorgfältige Planung und die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen.

Ein Gravelbike ist ein Fahrrad, dass sich sowohl für ebene Fahrten auf der Straße als auch für Touren durch unebenes Gelände eignet. Optisch sieht das Gravelbike aus wie ein gewöhnliches Rennrad. Im Vergleich zu einem Rennrad hat das Gravelbike deutlich breitere Reifen. Oberrohr und Steuerrohr, also die horizontale Stange zwischen Lenker und Sattel und die Verbindung zwischen Lenker und Rad, sind bei Gravelbikes länger als bei einem Rennrad. Das führt dazu, dass du als Fahrer auf dem Gravelbike aufrechter sitzt.

Tabelle: Vergleich Rennrad und Gravelbike

Merkmal Rennrad Gravelbike
Reifenbreite Schmal Breit
Sitzposition Gestreckt Aufrechter
Federung Keine Keine

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