Längst hat bei der Entwicklung von Rennrädern die Ergonomie Einzug gehalten. Endlich, werden viele denken. Total hart war früher - heute wird intelligent konstruiert. Auch die Sattelstütze ist ein Bauteil, welcher den Komfort maßgeblich beeinflusst - sofern sie flexibel ist.
Vorteile von Flexstützen
Der große Vorteil: Stützen sind nachrüstbar. Inzwischen bieten viele Hersteller „Flexstützen“ an. Die Rohrwandstärke der neuen „Flexstützen“ ist dabei so berechnet, dass sich die Konstruktion bei Stößen im definierten Maße verbiegt.
Wie Flexstützen funktionieren
So richtig gut funktioniert das allerdings nur, wenn die Sattelstütze möglichst lang aus dem Rahmen ragt, also ab rund 175 Millimetern Länge. Lange stabförmige Bauteile, wie etwa Sattelstützen, verbiegen sich mehr als kurze. In der Praxis sieht das folgendermaßen aus: Das Hinterrad rollt über ein Hindernis und der gesamte Hinterbau mit Sattelstütze wird stoßartig angehoben. Die Massenträgheit des Fahrers wirkt der Stoßrichtung entgegen und das Rohr der Stütze verbiegt sich nach hinten.
Der Test von Flexstützen
Der komfortsuchende Konsument steht mit seiner Wahl aktuell vor unlösbaren Problemen. Es ist somit Zeit für einen ausführlichen Test von Flexstützen. Wir definieren diese als Nachrüstbauteil und untersuchten sie alleinig hinsichtlich ihrer Biegsamkeit, also ohne Rahmen und Laufräder. Engagierte Unterstützung erhielten wir von der Hochschule Ostwestfalen-Lippe in Lemgo, aus dem Fachbereich Maschinentechnik. Neben dem Konstruieren gehören auch Prüfen und Messen von Bauteilen zum Berufsbild von Maschinenbau-Ingenieuren.
Testverfahren
Die Sattelstützen wurden in einen Prüfstand gespannt und eine definierte Kraft wirkte am Sattelgestell rechtwinklig nach hinten. Die berechnete Steifigkeit ist die Kraft, die benötigt wird, um die Stütze um einen Millimeter zu biegen, gemessen in Newton pro Millimeter. 10 Newton (N) entsprechen einer Gewichtskraft von einem Kilo. Je geringer die Kraft ist, um die Sattelstütze um einen Millimeter zu biegen, desto nachgiebiger und komfortabler ist sie. Den Flex bei 200 Millimeter Auszugslänge ziehen wir als Kennwert für unsere Testkandidaten heran.
Testergebnisse
Die komfortabelste „Flexstütze“ kommt aus dem Hause Schmolke. Das Modell „TLO“ (The lightest one) flext mit nur 50 N/mm. Die Ausführung „SL“ (Superleicht) erreicht 53 N/mm. Beide Varianten unterscheiden sich vorwiegend durch den Fasertyp, die TLO verfügt über hochwertigere Carbonfasern mit größerer Zugfestigkeit. Canyons „VCLS“ aus Carbon mit Basaltfasern glänzt mit 77 N/mm, auch sehr komfortabel. Es folgt das breite Mittelfeld , das von Tune’s „Schwarzem Stück“ (136 N/mm) und der P6 HiFlex von Syntace (150 N/mm) angeführt wird.
Diese Flexibilitätswerte gewinnen an Aussagekraft, wenn sie mit dem Wert einer normalen, dickwandigen Standard-Sattelstütze aus Aluminium verglichen werden. Eine solche Stütze (35 Euro, 320 Gramm, D=27,2mm) flext mit 240 N/mm, sie ist also um fast das Fünffache biegsteifer beziehungsweise unkomfortabler als der Testsieger. Auch müssen wir ein hartnäckiges Vorurteil revidieren: Aus Alu lassen sich durchaus komfortable Sattelstützen fertigen.
Für alle Betrachtungen ist folgender Zusammenhang entscheidend: Bei Vergrößerung der Sattelstützenlänge nimmt der Flex in der dritten Potenz zu. Dazu ein extremes Beispiel: Wird die Auszuglänge der Stütze verdoppelt, so steigt der Flex um das achtfache (2³ = 8). In der Realität ist dieser Zusammenhang nicht ganz so ausgeprägt, da die Wandstärke unten im kritischen Klemmbereich dicker ist als am oberen Ende des Rohres.
Praktische Auswirkungen
Doch was heißt das in der Praxis? Viele dick mit Gel gepolsterten Sättel bauen hoch. Experimentieren Sie mit dünn gepolsterten Exemplaren, entsprechend kann die Sattelstütze höher ausgezogen werden. Bei kompakten Sloop-Rahmen mit ihren stark nach hinten abfallenden Oberrohren ragt die Sattelstütze recht weit aus dem Rahmen. So kann das „Konzept der langen flexenden Sattelstützen“ vortrefflich umgesetzt werden. Die Auszugslängen liegen hier zwischen 175 und 225 Millimetern.
Weiter flexen Sattelstützen mit kleinem Durchmesser mehr als die mit großem (bei gleicher Wandstärke). Von einer Querovalisierung wird gesprochen, wenn die seitlichen Wandstärken dünner als die vordere und hintere ausgeführt werden. Die seitlichen Rohrwandungen liegen im Bereich der neutralen Biegefaser und werden somit kaum auf Zug und Druck belastet, sie können deshalb dünner sein. Beispielweise misst die Syntace P6 HiFlex seitlich zwei Millimeter in der Wandstärke, in Fahrtrichtung 3,5. Die meisten Sattelstützen weisen dieses Detail mehr oder weniger ausgeprägt auf.
Aktuelle Carbonrahmen sind häufig mit Sattelstützen bestückt, die 31,6 Millimeter Durchmesser aufweisen. Mit Hilfe einer Distanzhülse lassen sich jedoch auch schlankeren, biegsameren 27,2-Millimeter-Stützen verwenden. Eine optimale Klemmung ist nur gewährleistet, wenn die Klemmschlitze von Rahmen und Hülse übereinander liegen. Logischerweise muss die Distanzhülse genauso lang sein, wie die Mindesteinstecktiefe der Sattelstütze, meist 80 bis 90 Millimeter.
Dazu noch ein Statement von Stefan Schmolke: „Distanzhülsen ermöglichen einen weichen Übergang vom unnachgiebigen Rahmen zur dünnen Stütze.“
Praxistest auf Mallorca
Den drei Testsiegern gebührte die Ehre im Trainingscamp auf Mallorca auch praktisch geprüft zu werden. Das waren die Stützen von Schmolke (TLO), Canyon und Tune. Zwei Tester fuhren sie in Rädern des Reiseveranstalters Hürzeler, dem Modell Centurion Gigadrive. Der Sloop des Carbonrahmens beträgt 40 Millimeter, so dass große Auszugslängen von 205 und 215 Millimeter realisiert werden konnten. Von unseren insgesamt 1800 Kilometern rollten wir ganz bewusst einen Großteil auf mäßig asphaltierten Nebenstrecken - nicht nur die wunderbaren Landschaften begeisterten uns, sondern auch die biegsamen Stützen.
Das „Schwarze Stück“ von Tune bügelte die gröbsten Stöße auf ein erträgliches Maß glatt, die Canyon VCLS vermittelte dort schon Komfort im Sinne des Wortes. Die Schmolke TLO hingegen stieß die Türen in neue Dimensionen auf, selbst beim Aufsitzen. Die TLO ist superkomfortabel aber nicht schwammig. Allerdings bemerkte der Mitfahrer aus seitlicher Perspektive, dass beim kraftvollen Tritt am Berg die Stütze etwas wippt, was der Fahrer aber nicht spürt - wohlgemerkt bei Auszugslängen von über 200 Millimeter. Das wird nur Puristen und Profis stören.
Zusammenfassung der Testergebnisse
Hier eine Übersicht der getesteten Sattelstützen und ihrer Flexwerte:
| Modell | Flex (N/mm) |
|---|---|
| Schmolke TLO | 50 |
| Schmolke SL | 53 |
| Canyon VCLS | 77 |
| Tune "Schwarzes Stück" | 136 |
| Syntace P6 HiFlex | 150 |
| Standard Alu-Sattelstütze | 240 |
Bei unserem Test bewerteten wir in erster Linie den Komfort, aber auch das Gewicht. Preise von 300 bis knapp 500 Euro erscheinen zwar horrend, jedoch ist besonders die langfristige Gesundheit des Rückens ein unbezahlbares Gut.
Dropper Post am Rennrad
Teleskopstützen können Gravel- und Rennräder bergab beflügeln. Ein Quäntchen weniger Sitzhöhe macht einen großen Unterschied: Denn damit geht es schneller und sicherer talwärts. Die Anwendung reicht von Trails bis hin zu Passstraßen. Der Nachteil: mehr Gewicht und weniger Sitzkomfort, weil die Teleskopstützen weniger flexen als dünne Sattelstützen.
Vorteile der Dropper Post
- Bergab mehr Kontrolle und mehr Tempo
- Entspannter auf langen Abfahrten
- Tiefer sitzen macht schneller (aerodynamischer Vorteil)
- Entspannung von Schultern und Nacken
Nachteile der Dropper Post
- Mehrgewicht
- Weniger Fahrkomfort als Carbonstützen
- Höhere Kosten
- Zusätzlicher Wartungsaufwand
- Potenzielles leichtes seitliches Spiel
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