Rennrad Fahrradhelm Test: Sicherheit, Komfort und Performance

Ein Fahrrad-Helm hat primär nur eine Funktion zu erfüllen: Er soll den Kopf seines Trägers schützen. Aktuelle Rennrad- beziehungsweise Gravel-Helme sollen aber noch mehr können: Sie müssen leicht, gut belüftet und komfortabel sein. Weitere wichtige Parameter sind die Passform, das Verschluss- und Verstellsystem, das Preis-Leistungs-Verhältnis, Zusatzfunktionen und mehr.

Für diesen Vergleich wurden 15 Helme bis 180 Euro getestet. Der leichteste Helm wiegt 209, der schwerste 371 Gramm. Das günstigste Modell kostet 100 Euro, das teuerste fast doppelt so viel. Welche Helme eignen sich für welche Ansprüche und Fahrertypen?

Rennradhelm vs. Gravelhelm: Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Grundsätzlich eignet sich ein Rennrad-Helm zum Graveln und ein Gravel-Helm zum Rennradfahren. Unterschiede finden sich zum Beispiel in den Ausstattungsdetails. So verfügen die Modelle von Rudy Project und Oakley über ein abnehmbares Visier - es bietet dem Fahrer einen zusätzlichen Schutz vor der Sonne, dem Regen und herabhängenden Zweigen und Ästen.

Die Helmschalen einiger Gravel-Modelle sind im Nacken weiter heruntergezogen, um den Fahrer auch in diesem Bereich besser zu schützen. Unser Praxistest zeigt jedoch: Pauschal lässt sich dies nicht immer so sagen lassen. So besitzt Specializeds Gravel-Modell Search nur wenige Öffnungen - diese sind aber umso größer beziehungsweise voluminöser ausgeführt. Seine Ventilation erwies sich im Testverlauf als sehr gut.

Sicherheitsmerkmale und Technologien

Dazu gehören sowohl Konstruktionen, die den Kopf vor einem zu harten Aufprall bewahren sollen - wie eine Schale aus EPS-Schaum - als auch Zusatztechnologien wie die Systeme MIPS beziehungsweise KinetiCore. Jeder Helm verfügt über eine Oberschicht aus Kunststoff. Diese ist bei Qualitätshelmen mit der EPS-Schale per In-Molding-Verfahren fest miteinander verbunden. Im Falle eines Sturzes reduziert diese Schicht die Reibung am Boden und die damit einhergehenden Kräfte.

Hochwertige Helme sind zudem nicht zuletzt aus Gründen der Optik auch am unteren Rand verbacken, auch wenn das einige Gramm Mehrgewicht kostet. Interne, skelettartige Strukturen aus hochfesten Kunst- oder Carbonfaserverbundstoffen können den Helm zusätzlich verstärken und stabilisieren.

MIPS und KinetiCore: Rotationsschutzsysteme

Acht der 15 Helme in diesem Testfeld verfügen über eine Version des Multi-Directional Impact Protection Systems - kurz MIPS. Das System wurde in Schweden durch den gleichnamigen Hersteller entwickelt. Das Prinzip: Beim Aufprall entstehen stets auch Rotationskräfte, die auf den Schädel und das darin gelagerte Gehirn einwirken.

Die Modelle von Bell, Endura, Met, Oakley und Specialized verfügen über die Versionen MIPS Essential beziehungsweise Evolve Core - dies sind Kunststoffstreben, die an der Innenseite dem Muster der EPS-Schale folgen. Ekoi setzt beim Modell Gara auf MIPS Air Node - hier ist das System im Helmpolster integriert. Giro verwendet beim Syntax MIPS Integra - eine Zwischenschicht, die direkt in die Helmschale eingebracht ist. Lazer hat mit „KinetiCore“ ein eigenes System entwickelt. Ausgefräste Blöcke an der Innenseite der EPS-Schale nehmen die Rotationskräfte auf - und dienen als zusätzliche elastische Knautschzone bei einem Aufprall.

Sekundäre Sicherheitsfeatures

Sekundäre Sicherheitsfeatures sind Bauteile, die nach einem Sturz dafür sorgen, dass im schlimmsten Fall ein Angehöriger oder Rettungskräfte alarmiert werden. Speziell in den Helm integrierte Sensoren und Live-Tracker sind über eine App mit dem Smartphone verbunden. Im Falle eines Sturzes kann - je nach dem System - ein Notfallkontakt oder der Rettungsdienst alarmiert werden.

Belüftung und Verstellsysteme

Bei der Belüftung gibt es in vielen Fällen nur geringe Unterschiede. Kein Modell „versagte“ bei diesem wichtigen Test-Parameter komplett. Wissen muss man dazu: Die reine Anzahl und die Größe der Belüftungsöffnungen sagt oft wenig über die effektive Kühlung am Kopf aus. HJC beweist mit dem Valeco 2, dass auch ein Aero-Modell mit in der Relation wenigen Öffnungen über eine gute Ventilation verfügen kann.

Beim Verstellsystem am Hinterkopf gibt es deutlichere Unterschiede: Einige Modelle in diesem Testfeld sind nur in einem kleinen Bereich beziehungsweise nur in einer Stufe höhenverstellbar. Allein das kann schon darüber entscheiden, ob ein Helm passt oder nicht. Es gilt: Ein Verschlusssystem muss den Kopf vollständig umschließen und dafür tief genug am Hinterkopf und nicht zu hoch an der Stirn ansetzen. Zwei unserer Testmodelle verfügen zudem über einen praktischen Magnetverschluss des Kinn-Riemens.

Weitere wichtige Parameter

Ein anderer wichtiger Parameter lautet: Helmschalen. Tipp: Liegt man beim Kopfumfang an der Grenze zwischen zwei Größen, dann kann es sich lohnen, nach einem anderen Modell zu suchen. An langen Anstiegen, in der Dämmerung oder bei Regenwetter nimmt man die Brille gerne von den Augen. Da trifft es sich gut, wenn man sie am Helm verstauen kann.

Viele aktuelle Top-Helme protzen mit Leichtgewichtsrekorden, die besten kratzen an der 200-Gramm-Marke oder bleiben sogar noch darunter. Kann solch ein graziler Superleicht-Helm überhaupt den massiven Kräften bei einem Sturz widerstehen? Oder nehmen Käufer für Gewichts- und Belüftungsvorteile Kompromisse bei der Sicherheit in Kauf?

Im Hinblick auf die Belüftung muss die moderne Bauart mit weniger Luftschlitzen aber übrigens kein Nachteil sein. Selbst bei den als „Aerohelm“ deklarierten Modellen entstand bei unserem ­Praxistest unter der Schale kein Hitzestau.

Testergebnisse und Modelle im Detail

Die ausführlichen Testberichte der Rad-Helme für den Rennrad- und Gravel-Einsatz lesen Sie in der RennRad 8/2024.

Die Auswertung der Daten zeigt, dass durchweg alle 20 Helme einen vernünftigen Schlagschutz bieten. Das Spektrum der Beschleunigungsspitzen reicht von 80 bis 120 g. Wir übersetzen das in Teilnoten von 1,0 bis 3,0. Im Durchschnitt liegen die Top-Helme acht Prozent vor den günstigeren Modellen - allerdings können die günstigen von Scott und Uvex mit Noten von 1,7 für die Schlagdämpfung locker mit den teuren mithalten.

Auch im Rotationsschutz sind die teureren Helme etwas besser. Das durchschnittliche Risiko, nach einem schrägen Aufprall wie im Test eine mittelschwere Gehirnerschütterung zu erleiden, sinkt von 22 auf 17 Prozent, wenn das Top-Modell gewählt wird. Signifikanter ist aber der Unterschied zwischen Helmen mit und ohne Rotationsschutz - der auch nicht in allen teuren Helmen steckt. Scotts Top-Modell Cadence Plus kann sich auch mit Mips nicht deutlich von den Helmen ohne Mips absetzen.

Minimalistische Mips-Lösungen wie im Top-Helm Cube Heron funktionieren sehr gut. Auch sehr gut schneidet der besonders aufwendig konstruierte Giro Aries Spherical ab, der zwei gegeneinander bewegliche Helmschalen besitzt. Die Styroporhöcker in den beiden Lazer-Modellen (“Kineticore”) zeigen im Test hingegen keine Minderung der Rotation. Sie liegen daher beim Schutz vor Gehirnerschütterungen auf einem Niveau mit Helmen, die keinerlei Rotationseinbauten besitzen (Abus und Uvex).

Auch keiner der Komfortaspekte - Gewicht, Belüftung und Anpassbarkeit - ist eine Frage des Geldes. Die Top-­Modelle im Test sind hier nicht signifikant besser als die Economy-Helme. Am besten belüftet ist das günstige Eco-Modell von Scott, der am schlechtesten belüftete Helm ist ein Top-Modell, der relativ geschlossene Aero-Helm Falconer von Sweet Protection.

Testsieger

Den Testsieg nach Noten holt sich der besonders teure Met Trenta 3K Carbon (330 Euro), der den besten Schlagschutz im Testfeld mit minimalem Gewicht (227 Gramm) vereint. Nur ganz knapp geschlagen folgt auf dem zweiten Platz der viel günstigere Scott ARX mit 100 Euro Listenpreis, der mit ausgezeichneter Belüftung und nur 234 Gramm Gewicht punktet, aber auch mit einer ordent­lichen Sicherheitsbewertung von 1,9. Den dritten Platz belegt der 260 Euro teure Poc Ventral Air mit ebenfalls sehr guter Kühlung (Sicherheit 1,7).

Modelle im Detail

Abus AirBreaker

Leichtester Top-Helm im Test; passt auf viele Köpfe; die dünnen Gurtbänder verdrehen sich unterm Ohr; ohne Mips nur mittleres Schutzniveau; luftig im Sommer

Abus Power Dome

Das neueste Abus-Modell und der Leichteste im Test; gut belüftet und gut anzupassen; in puncto Sicherheit nur Durchschnitt; das Modell gibt es auch mit Mips (40 Euro teurer)

Cube Heron

Top Sicherheit und gutes Handling; noch gute Belüftung trotz der relativ geschlossenen Helmschale

Cube Road Race

28 Gramm leichter und 150 Euro günstiger als das Cube-­Top-Modell, doch längst nicht so sicher; sehr gut belüftet; gutes Gurtsystem

Giro Aries Spherical

Kompakt, leicht, gut belüftet und die gegeneinander beweglichen Helmschalen (Spherical) schützen sehr gut vor Gehirnerschütterung; nervig: das kleine Einstellrad zur Weiteneinstellung

Der Bollé SPERO MIPS Helm ist ein Paradebeispiel für die perfekte Kombination aus fortschrittlicher Technologie, Komfort und Nachhaltigkeit.

Alle Rennradhelme im TOUR-Test Kurz & Knapp Fast alle Hersteller ­statten ihre Helme mittlerweile mit dem Rota­tionsschutz Mips aus. Im Test war das Modell Estro Mips von MET für 140 Euro der günstigste Helm. Der Test auf dem TOUR-Prüfstand zeigt eindrucksvoll, dass alle Helme, egal ob teuer oder günstig, mit diesem System den besten Schutz vor einer Gehirnerschütterung bieten.

Auch hier ist gute Belüftung wichtig, gerade wenn man längere Bergauf-Passagen fährt.

Weitere getestete Helme

  • Julbo Fast Lane
  • Scott Cadence Plus
  • Rudy Project Skudo
  • Uvex Surge Aero Mips
  • Giro Isode Mips
  • Van Rysel RCR-R 900 Mips
  • Sweet Protection Falconer Aero 2 Vi Mips
  • Oakley Aro5 Race I.C.E. Mips

Tabellarische Übersicht ausgewählter Modelle

Modell Gewicht (g) Besonderheiten
Met Trenta 3K Carbon 227 Bester Schlagschutz, minimales Gewicht
Scott ARX 234 Ausgezeichnete Belüftung, günstiger Preis
POC Ventral Air k.A. Sehr gute Kühlung
Abus AirBreaker 214 Leicht, sehr gut belüftet
Abus Power Dome 210 Leicht, gut belüftet

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