Gravelreifen im Vergleich: So finden Sie den perfekten Reifen

Graveln bedeutet freie Streckenwahl und die Unabhängigkeit von asphaltierten Straßen. Das Versprechen: Abenteuer, Naturerlebnis und ein Radsport-Erlebnis ohne die Nachteile des Straßenverkehrs. Kein Teil am Rad ist hierfür so entscheidend wie die Reifen, denn Gravel-Reifen machen den wesentlichen Unterschied.

Was macht den Gravelreifen aus?

Grip, Komfort, Rollwiderstand und einen hohen Pannenschutz: All das sollen Gravel-Reifen auf sehr unterschiedlichen Untergründen bieten. Nicht alle Gravel-Reifen sind echte Allrounder. Viele Modelle sind spezialisiert: Sie bieten etwa besonders wenig Rollwiderstand auf Asphalt - oder mit einem groben Stollenprofil besonders viel Halt im Gelände.

Je nach den Vorlieben des Fahrers und der Beschaffenheit der gefahrenen Strecken sind die Anforderungen an den Reifen sehr unterschiedlich. Daher gibt es nicht den „einen“ perfekten Gravel-Reifen.

Gravelreifen: Breite ist alles - oder?

Richtig ist: je breiter der Reifen, desto mehr Grip bietet er, desto mehr Komfort und sogar tendenziell weniger Rollwiderstand. Das Gewicht legt mit der Breite wenig zu, das Handling wird aber zunehmend träger - mit Rennrad-Feeling am Lenker hat ein 45er-Pneu nichts mehr zu tun.

Wer sich deutlich fettere Pneus ans Rad baut, muss dies berücksichtigen. Vorher schon zählt allerdings: Ist der Durchlauf in Gabel und Hinterbau ausreichend für den breiteren Schlappen?

Was macht den Stollenreifen zum Graveler?

Das Bike kommt vom Renner - und damit erscheint schon logisch, dass auch das Gewicht des Reifens eine Rolle spielt. Zwischen 380 und gut 500 Gramm bringen die Gummis bei 28 Zoll und 40er-Breite auf die Waage.

Verständlich: Die Race-orientierten Gravelreifen führen die Leichtgewichtsskala an. Natürlich erreicht man das nicht ausschließlich mit Hightech, sondern auch mit weniger Material. Sprich, die Race-Reifen haben nicht den höchsten Pannenschutz und nicht die robusteste Lauffläche.

Für jeden Reifentyp gilt heute: Der Compound, also die Rezeptur des Gummis, muss mehrere Herausforderungen meistern: Er soll auch auf Asphalt viel Grip bieten, muss also dafür auch eine gewisse Weichheit haben. Andererseits soll er aber wenig Rollwiderstand bieten, also leicht laufen - auch das ist nicht nur eine Frage der Anordnung und Form der Stollen. Und on top soll er auch noch nicht zu viel Abrieb produzieren. Anders formuliert: Er soll lange halten. Mittlerweile haben die Reifenhersteller diese diametral zueinander stehenden Anforderungen gut im Griff.

Wenn’s richtig nass wird, wird’s schwierig: Bei Matsch sind grobe, weit gesetzte Stollen spurtreu - das Profil geht Richtung Mountainbike.

Gravelreifen: In Form bleiben

Auf die genannten Kriterien wirken natürlich auch andere Faktoren ein, die Karkasse etwa: Dieses Gewebe hält den Reifen in Form und verhindert, dass er beim Aufpumpen sich so ausdehnt, dass er platzt. Schon mal einen Reifen zu lange gefahren? Die weißen Fädchen, die dann sichtbar werden, sind die Karkasse.

Auch ihre Feinheit entscheidet über das leichte Rollen des Reifens. Je dichter die Fäden, desto geringer ist die Walkarbeit des Pneus und desto besser rollt er. Das ist vor allem bei Rennradreifen relevant. Einfache Straßenreifen haben nur rund dreißig TPI, bei Gravelreifen ist man häufig um die 67, Renner können die doppelte Gewebefeinheit und mehr aufweisen.

Wie viel Profil hätten Sie denn gern?

Je glatter ein Reifen, desto leichter läuft er tendenziell - auch im Gelände. Deshalb haben auch Race-Gravelreifen oft eine glatte oder kaum profilierte Lauffläche. Für Kurvensicherheit offroad setzen die Hersteller Blöcke außen auf die Ränder der Lauffläche.

Grundsätzlich gilt: je gröber und kantiger diese Gummiblöcke, desto besser hält der Reifen in Kurven auf weichem Untergrund. Wird’s grundsätzlich weicher, braucht der Reifen auch mittig Stollen. Je mehr Fläche diese haben und je niedriger sie sind, desto besser läuft der Pneu auf Asphalt - und desto schlechter im Gelände.

Tubeless oder nicht?

Aktuell ist “tubeless” trendy, und das hat Gründe: Ein Reifen mit Schlauch wird wohl nie die Leichtlauf- und Handling-Qualitäten eines tubeless gefahrenen Gummis liefern. Hinzu kommt: Der Schlauchlose kann mit weniger Druck gefahren werden und bietet damit mehr Komfort. Viele Biker schwören auch darauf, dass Tubeless-Reifen weniger pannenanfällig seien.

Es gibt drei Aber: Erst Tubeless-Dichtmilch im Reifen sorgt für Dichtigkeit. Leider auch für Sauereien bei einer Panne. Muss ein Schlauch eingezogen werden, macht man sich mehr als nur die Hände schmutzig.

Das zweite Aber: Ist ein Loch so groß, dass die Dichtmilch es nicht schließt, gibt es zwar - neben dem Einzug eines Schlauchs - die Option der Reparatur mit einem Gummiplug. Diese auch Reifenwürste genannten Gummistückchen sollen zusammen mit der Dichtmilch das Loch abdichten. Allerdings sind diese Reparaturen erfahrungsgemäß selten von Dauer.

Aus Aber Nummer zwei folgt: Der Reifenverschleiß kann unter diesen Umständen hoch sein - und hochwertige Gravelbereifung kostet. Über den Daumen gepeilt: Für einen breiten Einsatz und Pendeln dürften Schläuche nach wie vor die stimmige Ausstattung sein, sportlich orientierte Graveler können auch ohne Schlauch glücklich werden. Die Alternative: gummifreie Schläuche aus TPU oder ähnlichen Materialien. Sie sind deutlich leichter als klassische Butyl-Schläuche und sorgen für weniger Walkarbeit des Reifens - sind aber etwa dreimal so teuer wie herkömmliche Schläuche und meist schlecht dauerhaft zu flicken.

Interview mit Jakob Maßen: “Gravel ist ja Interpretationssache”

Wir haben Jakob Maßen, den Produktmanager für Gravel- und Rennrad bei Schwalbe Reifen, gefragt, was Gravelreifen ausmacht.

MYBIKE: Was unterscheidet Gravelreifen von klassischen Trekking-Reifen?

Jakob Maßen: Ein Gravelreifen muss andere Herausforderungen meistern, ist also wesentlich komplexer aufgebaut. Er muss leichter sein und trotz oft gröberen Profils leicht laufen. Daher wird die Karkasse aufwendiger konstruiert. Pannenschutz wird hier nicht mit mehr Gummi-Einsatz erreicht, weil das zu viel Gewicht bedeutet, dazu braucht es spezielle Pannenschutzeinlagen. Hinzu kommt je nach Einsatzbereich ein spezielles Profil, das auch mit weicherem Untergrund klarkommt.

MYBIKE: Und der Unterschied zu Crossreifen?

Jakob Maßen: Da haben wir eine offizielle Begrenzung auf 33 Millimeter - bei UCI-Rennen darf der Reifen nicht breiter sein. Außerdem haben wir hier meist groberes Profil. Leichtlauf auf Asphalt spielt dagegen eine untergeordnete Rolle.

MYBIKE: Für welche Einsätze gibt es Gravelreifen?

Jakob Maßen: Gravel ist ja Interpretationssache. Auf gut ausgebauten Forst- und Waldwegen ist ein Semi-Slick sinnvoll, vor allem, wenn auch viel Straße gefahren wird. Aber unser Angebot geht hin bis zum MTB-ähnlichen Trailreifen. Mit dem Overland haben wir auch einen robusten und verschleißarmen Reifen speziell für Bikepacking und Pendeln im Programm. Außerdem gibt es mittlerweile Reifen für Gravelrennen. Unser G-One R etwa hat dazu eine Rennrad-Karkasse bekommen, die ihn besonders geschmeidig abrollen lässt und für wenig Rollwiderstand sorgt.

MYBIKE: Gibt es auch Unterschiede in der Gummimischung?

Jakob Maßen: Ja, die Reifenhersteller können mittlerweile mit dem Compound die drei Anforderungen Abrieb, Rollwiderstand und Grip alle ganz gut unter einen Hut bringen - jeder hat da sein Geheimrezept.

MYBIKE: Mit welchen Reifen ist man für die meisten Situationen gerüstet?

Jakob Maßen: Gute Kompromisse sind Reifen mit relativ dichtem Profil, bei uns etwa der G-One Allround und der G-One R. Solche Reifen passen gut für eine 50/50-Nutzung von Straße und Waldweg.

Die Reifen im Überblick

Continental Terra Trail

Der Terra Trail ist fast schon ein Klassiker unter den Gravlern und Schotter- bis Waldboden-orientiert, Pannenschutz ist an Bord.

Continental Terra Speed

Der Bruder des Trail kann fast alles, was der auch kann, ist aber noch etwas schneller; sein kleinteiliges Profil dürfte dafür etwas kurzlebiger sein.

Maxxis Rambler

Der Rambler liefert mit eng stehenden Mittelstollen Asphalt viel Auflage, in Waldboden-Kurven können grobe Seitenstollen punkten.

Maxxis Reaver

Nichts für Matsch, viel für Asphalt und trockene Waldautobahn: der Reaver ist eher der schnelle Gelegenheitsgraveler.

Michelin Power Adventure

Das Abenteuer ruft - vor allem auf festem Terrain und Asphalt kann der Allrounder punkten. Pendler können damit gut beraten sein.

Michelin Power Gravel

Allround auch hier - mit mehr Fokus auf Gelände. Eng stehende Mini-Stollen sorgen trotzdem für leichten Lauf auf festen Wegen.

Pirelli Cinturato Gravel RC

Renn-Reifen: Der Hersteller verspricht leichten Geradeauslauf, aber viel Halt in Kurven; wird’s matschig, dürfte er an Grenzen kommen.

Pirelli Cinturato Gravel RC X

Pirelli empfiehlt den Reifen mit verbesserter Wulst-zu-Wulst-Schutzschicht für harten Einsatz. Hier ist besonders Speed im Fokus.

Schwalbe G-One RS

Geringster Rollwiderstand der Schwalbe-Gravel-Palette, für Kurven auf weichem Terrain gibt’s dicke Seitenstollen.

Schwalbe G-One Overland

Ein echter Allrounder, der auch als Trekkingreifen und für Pendler gute Miene macht. Soll auf Asphalt und festem Feldweg punkten.

WTB Nano TCS

WTB-Allrounder: Kleine, eng stehende Stollen und kräftige Seitenblöcke versuchen, das Beste beider Welten zu sichern.

WTB Vulpine TCS

Auf Speed angelegt: Die fein geblockte Mittelleiste sorgt laut WTB für Speed auf Asphalt und trockenen Waldwegen.

Die Wahl des richtigen Reifens: Eine Zusammenfassung

Die Wahl des richtigen Reifens für dein Gravel-Bike ist fundamental wichtig, die Optionen allerdings so vielfältig wie das Graveln selbst. In dieser bunten Welt der Reifen gibt es nicht den einen perfekten Reifen für alle, aber es gibt einen perfekten Reifen für jeden Fahrertyp.

Die erste und wichtigste Frage sollte sein: Was kann mein Bike überhaupt? Die maximale Reifenbreite unterscheidet sich stark von Rad zu Rad, denn nicht jedes Gravel-Bike kann bis zu 50c-Reifen aufnehmen. Also, wer kein Risiko eingehen möchte, geht strikt nach der Herstellerangabe vor, und wer UNBOUND fahren will, nimmt lieber zwei Nummern kleiner.

Das Profil des Reifens ist für Gravel der wohl wichtigste Punkt. Wie am MTB bestimmt am Gravel-Bike das Profil, wo und wie der Reifen eingesetzt werden kann. Ein extrem griffiges und aggressives Profil sorgt in der Regel für viel Traktion und Sicherheit abseits der Straße, ist dafür aber weniger effizient als ein auf Top-Speed ausgelegtes schnelles Profil.

So haben wir getestet

Alle Tests wurden unabhängig von Herstellern mit eigenen Verfahren durchgeführt. Hervorzuheben ist der Rollwiderstandstest auf ebenem Grund. Wir können auch auf Schotter messen und sehen, dass stärkeres Profil zusätzlich Kraft kostet. Als „Straße“ für den Rollwiderstandstest wählen wir einen rauen Belag, der mit Stollen interagiert und aufzeigt, welche Gummimischung effizient arbeitet.

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