Der Stelvio-Pass, auch bekannt als Stilfser Joch, gilt als legendäre Herausforderung für Rennradfahrer aus aller Welt. Mit seinen spektakulären Serpentinen und atemberaubenden Ausblicken bietet der Stelvio auf über 2.700 Metern Höhe einzigartige Erlebnisse.
Was ist das Stilfser Joch?
Das Stilfser Joch, italienisch Passo dello Stelvio, verbindet Prad in Südtirol mit Bormio in der Lombardei. Die gut 50 Kilometer lange Straße wird heute fast ausschließlich touristisch genutzt. Geöffnet ist der Pass in der Regel von Anfang Juni bis November. Bisher 14-mal führte die Strecke des Giro d’Italia über den Stelvio.
Die Vorbereitung
Wer von den großen Alpenpässen träumt, der sollte das in seinen besten Jahren realisiert haben. Als Vater ist es immer etwas Besonderes, mit einem Teil seiner Familie gemeinsame Abenteuer zu bestehen. Genauso ungewöhnlich wie mein Traum ist seine Entstehung. Schon seit meiner Jugend hatte ich ein Faible für die Bewegung auf zwei Rädern, fuhr drei Jahre lang Radrennen auf Straße und Bahn. Mittelmäßige sportliche Erfolge und die pflichtmäßige Bundeswehrzeit unterbrachen meine Zeit als Radrennfahrer.
Unsere Vorbereitung gestaltete sich höchst unterschiedlich. Timo baute zusätzliche Höhenmeter in sein Training ein und recherchierte im Internet bei Strava die Fahrzeiten, die die Profis für den Anstieg benötigten. Die Bestzeiten lagen bei 1:22 Stunden von Prad bis zur Passhöhe - 25 Kilometer mit 1845 Höhenmetern am Stück. Es geht bis 2757 Höhe über dem Meer hinauf. Die Besten fahren hier mit einem 18er Schnitt hinauf. Mein Ziel war es, souverän und ohne Einbruch das Joch zu bezwingen. Weiter wählte ich ein Rennrad mit tauglicher Bergübersetzung: vorne 50/34 Zähne und hinten elf bis 32.
Die Routen
Keine Frage: Wer sich am Stilfser Joch austoben möchte, sollte ein gewisses Trainingsniveau mitbringen. Dann werden die langen Kletterpartien zum unvergesslichen Erlebnis. Zum Beispiel auf diesen vier fordernden Rennradrunden.
- Stelvio-Klassiker ab Prad: Die Runde ab Prad hoch zur Passhöhe und dann auf der Rückseite über den Umbrailpass runter ins Münstertal ist die Einstiegsdroge für alle Stelvio-Süchtigen. Erweitern lässt sie sich jederzeit, etwa mit dem Ofenpass.
- Stelvio-Runde ab Bormio: Mit Start am Hotel Funivia führt die Strecke zunächst hoch auf den Pass und dann durch die berühmten Kehren runter ins Vinschgau. Durchs Münstertal geht es nach Santa Maria, von dort hoch auf den Umbrailpass und schließlich zurück nach Bormio.
- La Stelvio Santini: Die Originalstrecke zur langen Variante des Radmarathons La Stelvio Santini. Ab Bormio geht es zunächst auf den Passo di Guspessa und den Mortirolo runter, ehe das große Finale am Stelvio wartet.
- Stelvio hoch drei: Diese Route erklimmt die Passhöhe von allen drei Seiten. In diesem Fall erst ab Bormio, dann über die berühmten Kehren ab Prad und schließlich ab Santa Maria über den Umbrail. Wichtig: Licht für die Tunnel ab Bormio einpacken.
Die Fahrt
Endlich geht es los. Wir parken mit dem Auto in Prad, bestücken unsere Rennräder jeweils mit zwei Trinkflaschen, Radcomputer nullen und die korrekte Höhe von 913 Metern eingeben. Ein wenig Anspannung macht sich breit, ähnlich wie vor einem Rennen. Es ist fast zehn Uhr, die Luft ist noch angenehm kühl, das zunächst schmale Tal wird nicht mehr lange im Schatten der hohen Bergriesen liegen. Auf den ersten Kilometern begleitet uns der breite Suldenbach, wir queren ihn mehrfach.
Nach einigen Kilometern und zunächst maßvollen Steigungsprozenten ruft mir Timo zu: „Jetzt geht’s los!“ Er hatte das erste Schild der 48 rückwärts durchnumme- rierten Spitzkehren entdeckt, „48, Kehre, tornante“ stand drauf. Der eigentliche Anstieg beginnt nun. Der Count- down läuft. An der Kehre Nummer 24 haben wir die Baumgrenze bei gut 2000 Metern längst überschritten und es eröffnet sich der Blick auf den berüchtigten Schlussanstieg. Die verbleibenden Spitzkehren verlaufen im steten Zickzack am kahlen Berghang zum Gipfel - das bekannte Postkartenmotiv. Links von uns erhebt sich das Ortlermassiv auf fast 4000 Meter Höhe. Ab jetzt haben wir unser Ziel stets vor Augen, eher motivierend als abschreckend, denn bis jetzt lief es bei uns „rund“. Das liegt auch an einigen kurzen Fotopausen.
Längst fahren wir in der prallen Sonne. Timo verabschiedet sich nach vorn, will endlich sein eigenes Tempo fahren. Auf der Passhöhe begrüßt er mich grinsend mit einem „Da bist du ja endlich.“ Ein richtiges Kompliment ist das nicht. Aber er hat mir schon knapp zehn Minuten abgeknöpft. Zielstrebig steuern wir eines der vielen Cafes an. Es herrscht Kirmesatmosphäre.
Die Abfahrt
Die lange Abfahrt werden wir nun nicht nur genießen, sondern auch nutzen. Um die Bremsleistungen zweier Satz Carbon-Laufräder zu prüfen. Timo hatte sich für die leichten Supreme 4c entschieden. Ich bestückte mein Rennrad mit den nur rund 70 Gramm schwereren Campagnolo Bora One 35. Wir bremsen also knallhart vor den Spitzkehren ab, meist aus rund 70 Kilometer pro Stunde. Wider Erwarten hält sich die „Bremswärme“ in beiden Fällen in Grenzen. Die Felgen weisen Temperaturen von um 70 Grad auf, liegen also im ganz sicheren Bereich. Fast am Ende der langen Abfahrt, in Gomagoi, gibt es noch den finalen Temperatur-Check, der aber keine Änderungen ergab.
Zusätzliche Herausforderungen
Einen Energieriegel weiter zeigt Timo auf einen Wegweiser: „Sulden, neun Kilometer“.Es ist sein Ernst. Mental befinde ich mich fast schon im Feierabend- Modus, will aber auch kein Spielverderber sein. Die 650 Extrahöhenmeter fordern uns allerdings weitaus mehr als gedacht. Das Ende des Suldentals entschädigt uns mit eindrucksvollen Ausblicken zum Suldenferner und der vergletscherten Ostseite von „König Ortler“.
Die zweite Tour
Zwei Tage später steht die nächste Herausforderung an: Die klassische Runde „Stilfser Joch - Umbrail-Pass“ starten wir nicht weniger vorbereitet und angespannt als bei unserer Erstbezwingung. Timo visiert eine gute Fahrzeit an und spricht motivierend: „Papa, gib’ mir mal ein paar Euro, damit ich oben nicht verdurste, wenn ich solange auf dich warten muss.“ Ich rücke einen Zehner raus und los geht’s.
Es hat schon etwas Gutes, wenn man das Stilfser Joch bereits kennt: Es ist ein langer, aber fairer Anstieg, mit einer recht gleichmäßigen Steigung, keine fiesen Rampen, sogar mit zwei kürzeren Bergabpassagen. Er strahlt mich an und ruft schon von weitem: „1:49 Stunden! Eine halbe Stunde schneller als du!“ Das ist mir in diesem Moment aber relativ egal. Erstens bin ich völlig „platt“.
Der Umbrail-Pass
Nach einer langen Mittagspause rollen wir die Südrampe herunter und biegen nach drei Kilometern rechts zum Umbrail-Pass ab. Mit etwas Schwung meistern wir die Passhöhe. Entgegen den Beschreibungen der Reiseliteratur ist der Umbrailpass inzwischen nun doch durchgängig asphaltiert. Später im bewaldeten Teil entwickelt sich das Ganze zu einer unübersichtlichen „Kurvenorgie“, die Kurven nehmen teilweise einen Verlauf, mit dem wir nicht rechnen. In Santa Maria gelangen wir auf eine gut ausgebaute Bundestraße und rollen hinab zu unserem Ausgangspunkt Glurns. Den Tag beschließen wir mit einem kohlenhydratreichen Drei-Gänge-Menü.
Tipps für die Fahrt
- Früh am Morgen starten, um dem motorisierten Verkehr zuvorzukommen.
- Die Rennrad-Saison am Stilfser Joch geht von Mitte Juni bis Anfang Juli und dann wieder ab September.
- Wer die Trinkflasche nachfüllen muss, findet auf der rechten Straßenseite einen Trinkwasserbrunnen, gegenüber vom Knott.
Unterkünfte am Stilfser Joch
Hier sind einige empfohlene Radsport-Hotels am Stilfser Joch:
- Hotel Lindenhof: Rund 35 Kilometer von Prad entfernt liegt das Radsporthotel im Etschtal.
- Berghotel Franzenshöhe: In Kehre 22 von 48 liegt das rund 200 Jahre alte Berghotel Franzenshöhe in einer Höhe von 2188 Metern.
- Hotel Funivia: Von Radsportlern für Radsportler: Dass Rennradfahrer im Hotel Funivia mehr als willkommen sind, wird hier vom ersten Moment an klar.
Essen und Trinken am Stelvio-Pass
- Ernstl’s Bratwurststand: Direkt auf der Passhöhe ist Ernstl’s Bratwurststand eine echte Institution.
- Stelvio Experience Bicycle Café: Das Radsport-Café im Untergeschoss des Hotels Funivia in Bormio ist der perfekte Ort für das Heißgetränk vor oder das Kaltgetränk nach der Rennradrunde.
Die Anreise
Die Fahrzeit für die rund 600 Kilometer ab Frankfurt/Main bis Bormio über Österreich oder die Schweiz beträgt etwa acht Stunden mit dem Auto. Es wird eine Vignette benötigt.
Granfondo Stelvio Santini
Die 2017er Ausgabe des Granfondo mit Ziel auf der Passhöhe des Stilfser Jochs findet am 11. Juni statt. Zur Auswahl stehen drei Routen: Die kurze Runde (60 Kilometer; 1950 Höhenmeter), die Medium-Route (138 Kilometer; 3053 Höhenmeter) und die lange Route (152 Kilometer; 4058 Höhenmeter).
Christines Tipps für den Stilfser Joch Radtag
- Setz’ dir hohe Ziele!
- Auf was wartest du?
- Bring’ eine große Portion Freude mit!
- Niemanden interessiert es, wenn du es nicht schaffst.
- Du brauchst keine fancy Bike-Klamotten!
Daten und Fakten zum Stilfser Joch
| Merkmal | Details |
|---|---|
| Passhöhe | 2757 Meter ü. M. |
| Anzahl Auffahrten | 3 (Prad, Bormio, Santa Maria über Umbrail) |
| Distanz von Prad zur Passhöhe | ca. 25 Kilometer |
| Höhenmeter von Prad zur Passhöhe | ca. 1850 Höhenmeter |
| Durchschnittliche Steigung von Prad | ca. 7,4 % |
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