Der Faktor Gewicht gehört eher nicht zu den aktuellen „Trendthemen“ des Rennradmarktes. Diese lauten eher: Aerodynamik, Komfort und Allroad-Tauglichkeit. Dennoch gab es auch in diesem Bereich Entwicklungsschritte und Innovationen.
Der Reiz des geringen Gewichts
Tatsächlich kann sich kaum ein Radsportler der Faszination entziehen, die von einem extrem leichten Rennrad ausgeht. Das betörende Gefühl, mit einem federleichten Untersatz die Berge zu erklimmen, als hätte man plötzlich Flügel bekommen, ist viel zu verlockend, als dass man darauf einfach so verzichten könnte. Jedes Gramm Gewichtseinsparung macht ein Rad explosiver im Antritt und spielerischer im Handling - Leichtbau birgt Suchtpotenzial, vor allem für Radlerinnen und Radler, deren Leidenschaft die Berge sind.
Diese Emotionen dürften ein Grund dafür sein, warum sich Leichtbau-Wettkampfräder wacker im Programm vieler Hersteller halten.
Aktuelle Trends und Entwicklungen
Ein weiterer Trend - auch bei den Leichtgewichtsmodellen - ist die Reifenbreite. Die breiteren Reifen sorgen meist für einen spürbar höheren Dämpfungskomfort. Am Giant TCR und am Parapera Atmos sind die Reifen ab Werk tubeless montiert. Etwa hinsichtlich der Allround- und Alltags-Eigenschaften sowie der Robustheit einiger aktueller Leichtgewichts-Rennräder. Einst galten die leichtesten Rennräder als fragil, unkomfortabel und wenig alltagstauglich. In diesem Bereich hat sich inzwischen viel verändert - zum Positiven.
Aerodynamik vs. Gewicht
Im Profisport spielen sie mittlerweile eine untergeordnete Rolle, denn hier setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass ein etwas schwereres, aber aerodynamisch schnelleres Rad in den meisten Rennsituationen die bessere Wahl ist. Zudem nähern sich in den vergangenen Jahren auch aerodynamisch gute Räder, fahrfertig aufgebaut, immer mehr der Sieben-Kilo-Marke, weshalb die Wahl zunehmend häufiger zugunsten eines Aero-Modells ausfällt. Bei einigen Herstellern wird ein zweites Modell gänzlich überflüssig.
Herausragendes Beispiel hierfür ist das brandneue Specialized S-Works Tarmac SL8, das mit einem Gewicht von nur 6,6 Kilo (gewogen ohne Pedale und Zubehör) und guter Aerodynamik in TOUR 11/2023 die Bestnote von 1,3 in unserem Bewertungssystem abräumte, weil es die beiden konträren Eigenschaften Gewicht und Aerodynamik bestmöglich vereint. Im Renntrimm, also inklusive Pedalen und Flaschenhalter, dürfte es das UCI-Limit, wenn überhaupt, nur knapp überschreiten.
Dass es trotz Aero-Trend auch heute noch eine Klientel für mehr oder weniger kompromisslos leichte Rennräder geben muss, zeigen mehrere Neuerscheinungen namhafter Hersteller im Jahr 2023. Bianchi legte sein Leichtbaumodell Specialissima neu auf, Canyon überarbeitete das Ultimate und bringt eine gewichtsoptimierte CFR-Variante. Die britisch-taiwanische Marke Factor nutzte die große Bühne der Tour de France, um ihr neues Bergrad O2 VAM zu präsentieren.
Das Streben nach Leichtigkeit
Dass das Streben nach leichterem Material schon immer eine maßgebliche Triebfeder für die Rennradentwicklung ist, zeigt ein Blick in die Historie. Seit es Rennräder gibt, versuchen die Hersteller, ihren Konstruktionen mit teils aberwitzig anmutendem Aufwand Gramm für Gramm abzutrotzen. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die Leichtbau-Ära vor etwa zehn Jahren, als die leichte Felgenbremse noch Standard und die Carbonverarbeitung bereits weit fortgeschritten war. Da schafften es manche Räder, auf der Waage eine fünf vor dem Komma aufleuchten zu lassen - wohlgemerkt ohne nennenswerte Einbußen bei Stabilität, Ausstattung und Funktion. Einen Wettbewerbsvorteil im Sport brachte die Extremdiät aufgrund der genannten Mindestgrenze nicht, manches Profirad musste gar mit Gewichten künstlich beschwert werden. Profitieren konnten davon lediglich wenige solvente Hobbysportler, die bereit waren, teils absurd hohe Beträge für die superleichten Räder hinzublättern.
Das UCI-Limit und seine Auswirkungen
Nein, niemand braucht ein Rennrad, das weniger als 6,8 Kilogramm wiegt. Dieses Gewicht markiert nach dem technischen Reglement des Weltradsportverbands UCI die Untergrenze für Rennräder, die in Wettkämpfen eingesetzt werden dürfen. Leichter dürfen auch die Maschinen der Profis nicht sein, wenn sie die steilsten Berge der Tour de France hinaufkurbeln. Dass (noch) leichtere Räder deswegen nicht erstrebenswert wären, ist jedoch nur Theorie.
Die Herausforderung der Scheibenbremsen
Mit der heute obligatorischen Scheibenbremse rücken Gewichte von weniger als sechs Kilogramm allerdings in weite Ferne. Verstärkte Rahmen und Gabeln und schwerere Komponenten katapultierten die Gewichte nach oben, hinzu kommen die Trends zu integrierten Leitungen, breiteren Reifen und aerodynamischeren Rahmenformen. Die 6,8-Kilo-Marke wurde eine theoretische Grenze, denn unterbieten lässt sie sich mit aktueller Technik kaum. Die Hersteller versuchen, dieser Entwicklung mit exzessivem Einsatz von Carbon zu begegnen. Dessen Verwendung reicht, wie bei den Laufrädern von Giant und Factor, bis hin zu den Speichen. Dennoch: Keiner unserer aktuellen Testkandidaten kann die 6,5-Kilo-Marke knacken, leichter geht’s mit heutigen Ansprüchen an die Technik ganz offensichtlich nicht. Damit lassen sich die 6,8 komfortabel treffen, mehr aber auch nicht.
Rahmengewichte im Fokus
Ein Blick auf die nackten Rahmengewichte zeigt immerhin, dass seit der Disc-Zäsur kein Stillstand herrscht. Auch das Giant TCR und das Trek Émonda gehören in diese Liga, wenn man das Mehrgewicht des integrierten Sitzdoms, der eine klassische Sattelstütze überflüssig macht, herausrechnet. Dass das Émonda mit 6,8 Kilogramm den letzten Platz im Gewichtsranking belegt, ist zum guten Teil der integrierten Lenkerkombi geschuldet, denn Laufräder und Schaltgruppe lassen sich als Schwergewichte ausschließen. Erfreulich ist, dass sich das geringe Gewicht bei keinem Teilnehmer nachteilig auf Funktion und Fahreigenschaften auswirkt. Selbst ein Rad mit vergleichsweise geringer Fahrstabilität wie das O2 VAM von Factor ist für die meisten Fahrer und Einsätze noch steif genug. In Abfahrten mit hohem Tempo liegen aber die sehr steifen Räder von Canyon und Giant spürbar besser auf der Straße.
Komfort und Fahrverhalten
Auch beim Federkomfort am Sattel bietet kein Rad Anlass zur Klage, die Räder schlucken Unebenheiten ausgesprochen gut. Selbst ein Rad mit vergleichsweise geringer Fahrstabilität wie das O2 VAM von Factor ist für die meisten Fahrer und Einsätze noch steif genug. In Abfahrten mit hohem Tempo liegen aber die sehr steifen Räder von Canyon und Giant spürbar besser auf der Straße.
Aerodynamische Effizienz
Den „schwersten“ Rahmen im Test stellt das Bianchi Specialissima. Über die rund 100 Gramm Aufschlag gegenüber der Konkurrenz sollte man sich aber nicht den Kopf zerbrechen, zumal das Rad den Gewichtsnachteil an anderen Stellen wettmachen kann. Außerdem kann das ungewöhnliche Design im Windkanal punkten: Schon mit den relativ flachen Serien-Laufrädern gehört es gemeinsam mit Canyon und Storck zur schnelleren Gruppe im Vergleich, die bei der TOUR-Messung im GST-Windkanal rund 220 Watt Tretleistung bei 45 km/h benötigt, um den Luftwiderstand zu überwinden. Mit den schnelleren Referenz-Laufrädern bestückt, kann sich das Specialissima von der Konkurrenz sogar etwas absetzen. Hinter dem Trio rangieren mit etwas Abstand Trek, Factor und Giant, wobei nur beim Giant TCR das Rahmen-Set der größere Bremser ist. Factor und Trek könnten mit schnelleren Laufrädern zur vorderen Gruppe aufschließen.
Einem Top-Allrounder wie dem Specialized Tarmac können die Räder damit jedoch nicht Paroli bieten. Dessen erreichter Wert von 209 Watt - bei vergleichbarem Gewicht - liegt für die Leichträder weit außerhalb des Möglichen. Angesichts der Datenlage und immer leichter werdenden Aero-Modellen werden die Argumente für eine spezielle Leichtbau-Kategorie schwach. Für solvente Enthusiasten müssten sie noch leichter werden. Verboten leicht eben.
Die Preisfrage
Ein Hauptnachteil der meisten Leichtgewichts-Rennräder ist: ihr oft hoher Preis. Die Faustregel dafür lautet - leider auch in diesem Testfeld: Je leichter ein Rad ist, desto teurer ist es meist auch.
Preis-Leistungs-Verhältnis
So kostet das günstigste Rad dieses Tests, das Radon Spire Disc 10.9, 3599 Euro. Das Gewicht: 8,01 Kilogramm in der Größe 57. Es ist somit eines der schwersten Testmodelle. Das Radon hat seine Stärken in den Test-Parametern „Laufruhe“, „Komfort“ - und in der Preis-Leistung. Seine Ausstattung: Newmen-Komponenten und eine elektronische Shimano-Ultegra-Di2-Gruppe.
Der Preis des teuersten Testmodells, des Lapierre Xelius SL 10.0: 9999 Euro. Die Top-Modelle der Hersteller werden leider seit Jahren für immer weniger Menschen erschwinglich.
Die zehn leichtesten Disc-Rennräder im TOUR-Test (Stand: Januar 2025)
Rennräder wurden in den vergangenen Jahren eher schwerer als leichter, da Scheibenbremsen oder aerodynamisch optimierte Rahmen-Sets auf die Waage drücken. 2024 läuteten allerdings vier Neuheiten eine Renaissance des Leichtbaus ein, die auch in fahrfertigem Zustand das Gewichtslimit des Radsport-Weltverbands unterbieten. Zwei Modelle bleiben sogar unter der Sechs-Kilo-Marke.
Ein zentraler Grund für das Comeback des Leichtbaus sind neue Fertigungstechnologien bei Rahmen und Gabel. Die Kletterkünstler profitieren zudem von spektakulären Laufrädern. Neben den Felgen sind teilweise auch Speichen und Nabenflansche aus Kohlefaser gefertigt. Selbst Kleinteile wie Spacer oder Sattelstützenklemmungen unterliegen inzwischen dem Diktat des Leichtbaus.
Zudem verzichten viele Fahrradbauer auf eine dicke Lackschicht und setzen nur auf eine dünne Schicht aus Klarlack. Eine Weltneuheit offenbart zudem riesiges Potenzial: Schwalbe hat einen neuen Reifen in den Startlöchern, der im Vergleich zu einem konventionellen Pneu mehr als 100 Gramm einsparen soll. Der Aerothan Race, nicht zu verwechseln mit dem TPU-Schlauch der Reichshofer, ist bislang (Stand: Januar 2025) noch nicht offiziell vorgestellt. Das kolportierte Gewicht des 29-Millimeter-Reifens, der in den USA produziert wird, liegt bei rund 160 Gramm. Als erster Hersteller hat Scott die Gummis am neuen Addict RC Ultimate montiert.
| Rang | Modell | Gewicht Komplettrad (Gramm) | Gewicht Rahmen (Gramm) | Gewicht Gabel (Gramm) | Laufradgewichte (v./h.) (Gramm) | Preis (Euro) |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Schmolke Leggerissima TLO | 5400 | 786 | 341 | 834/1139 | 16500 |
| 2 | Scott Addict RC Ultimate | 5880 | 705 | 310 | unbekannt | 12999 |
| 3 | Canyon Ultimate CFR Di2 Aero | 6630 | - | - | - | - |
| 4 | Specialized S-Works Aethos | 6120 | 618 | 290 | 1021/1360 | nicht mehr erhältlich |
| 5 | Benotti Fuoco Carbon Ultra | 6127 | 787 | 371 | 920/1232 | 10999 |
| 6 | Factor O2 VAM | 6520 | 847 | 412 | 984/1324 | 13922 |
| 7 | Giant TCR Advanced SL | 6520 | 758 | 386 | 1019/1387 | 12299 |
| 8 | Wilier Zero SLR | 6530 | 922 | 387 | 1085/1397 | nicht mehr erhältlich |
| 9 | Specialized S-Works Tarmac SL8 | 6550 | 723 | 383 | 1136/1438 | nur als Rahmen-Set; 5500 |
| 10 | Storck Aernario.3 Platinum Disc | 6560 | 806 | 391 | 1078/1460 | 9599 |
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