Dieser Artikel erschien erstmals im Juli 2020 und wurde im Juni 2024 überarbeitet. Um den Fahrradsattel ranken sich Mythen wie um griechische Gottheiten: Ein weicher Sattel fährt sich komfortabler. Das Loch in der Mitte entlastet den Dammbereich. Legenden, die inzwischen allesamt widerlegt sind oder zumindest nicht ganz der Wahrheit entsprechen.
Die Wahrheit ist: Der passende Fahrradsattel ist so individuell wie der persönliche Fingerabdruck. Je sportlicher Sie auf dem Mountainbike sitzen, desto schmaler darf übrigens der Sattel sein. Bei gestreckter Sitzposition verlagert sich der Druck zunehmend auf die schmaler zulaufenden Schambeinäste. Ist der Sattel dagegen zu breit, rutscht der Fahrer automatisch nach vorne und muss sich aktiv wieder zurück auf die Sitzfläche schieben.
Die Bedeutung der richtigen Sattelbreite
Die Breite des Fahrradsattels ist sehr wichtig. Wenn er zu breit ist, können die seitlichen Kanten an den Innenseiten der Oberschenkel scheuern und Druckstellen verursachen. Das kann dazu führen, dass der Biker unbeabsichtigt nach vorne rutscht. Ist der Sattel zu schmal, wird zu viel Druck auf die Weichteile und den Bereich zwischen den Oberschenkeln ausgeübt, wo wichtige Blut- und Nervenbahnen verlaufen, die gequetscht werden können. Leider reagiert dieser Bereich relativ unempfindlich gegenüber Überlastung, was langfristig zu ernsthaften Problemen und Schäden führen kann.
Der Sattel muss mindestens so breit sein, dass beide Sitzbeinhöcker komplett auf ihm aufliegen und man nicht an der Kante der Polsterung sitzt. Bei einer sportlicheren Sitzposition und einer guten Beckenkippung ist die Sattelbreite nicht ganz so ausschlaggebend. Auch bei Frauen ist das häufiger der Fall. Hier sollte der Sattel im mittleren Teil etwas breiter ausfallen, um den Schambeinkufen ausreichend Auflagefläche zu bieten. Breite und Form des Sattels sollten also immer auch von der Sitzposition und nicht allein vom Sitzknochenabstand abhängig gemacht werden.
Polsterhärte und Fahrgewohnheiten
Je länger ein Fahrer im Sattel sitzt, desto härter darf der Sattel gepolstert sein. Schon nach 30 Minuten sinkt der Körper so tief in ein zu weiches Polster, dass sich der Druck auf die empfindlichen Weichteile und tiefer liegende Muskelschichten unangenehm erhöhen kann. Die Härte des Paddings sollte unbedingt den Fahrgewohnheiten angepasst werden. Das heißt: Je länger man im Sattel sitzt, desto härter darf die Polsterung sein. Sitzknochen gewöhnen sich an die Druckbelastung.
Ein weicher Sattel, der anfangs bequem scheint, kann sich auf längeren Touren durchsitzen und für Druckschmerzen sorgen. Wenn der Sattel optimal eingestellt ist und die Druckverteilung passt, ist es meistens nur eine Frage der Zeit, bis die anfänglichen Schmerzen durch die härtere Oberfläche verschwunden sind. Auch bei der Polsterhärte spielt die Sitzposition wieder eine Rolle. Ist sie eher aufrecht, und die Sitzbeinhöcker tragen die Hauptlast, kann der Sattel auch härter sein. Wenn das Becken stärker kippt und auch die empfindlicheren Teile Richtung Schambein Kontakt auf dem Sattel haben, ist ein weicheres Modell meistens eine gute Wahl.
Gelsättel oder Gelüberzüge kann man für ein Mountainbike nicht wirklich empfehlen. Hier sinkt der Körper zu stark ein und wird instabil.
Form des Sattels: T-Form oder V-Form?
Grundsätzlich unterscheidet man bei den Sattelformen zwischen T-Form und V-Form. Welche Form besser zum Fahrer passt, hängt von der Beckenposition auf dem Sattel ab. Die T-Form zeichnet sich durch eine etwas schmalere, lange Nase und eine im Verhältnis deutlich breitere Sitzfläche aus. Sie ist die klassische Sattelform, die auch häufig ab Werk auf Rädern verbaut wird und funktioniert besonders bei einer aufrechten Sitzposition, bei der die Sitzbeinhöcker Kontakt zum Sattel haben, oft sehr gut.
Wenn das Becken gekippt ist (wie es bei vielen Frauen der Fall ist) und die Schambeinkufen Kontakt zum Sattel haben, empfiehlt sich eine V-Form. Die etwas breitere Sattelnase bietet den Schambeinkufen schon ab dem mittleren Teil deutlich mehr Kontaktfläche.
Die Rolle der Sattelnase und des Sattelgestells
Auch die Sattelnase hat einen Einfluss auf das Sitzgefühl: Eine breite Sattelnase hat den Vorteil, dass man den Sattel an verschiedenen Stellen gut belasten kann. Beim Bergauffahren rutschen viele Fahrer und Fahrerinnen gerne nach vorne. Wenn dort dann etwas mehr Fläche vorhanden ist, sitzt man stabiler und angenehmer. Da der vorderste Teil der Sattelnase meist nicht belastet wird, ist eine lange Sattelnase nicht zwingend nötig, kann aber gerade in technischem Gelände von Vorteil sein.
Stahl, Titan oder Carbon? Hier kann prozentual gesehen jede Menge Gewicht gespart werden: Während die Gestelle bei preiswerten Sätteln meist aus CrMo-Stahlrohr bestehen und schon mal an die 100 Gramm wiegen, spart man mit einem Carbon-Gestell bis zu 60 Prozent Gewicht. Dünnwandigere Stahlrohre, wie sie hochwertigere Legierungen zulassen, liegen gewichtsmäßig genau dazwischen und ungefähr auf dem Niveau, das mit massiven Titanstreben erreicht werden kann. Ein Carbon-Gestell hebt den Sattel jedoch auch in eine ganz andere Preisklasse - aber es passt nicht in jede Sattelstütze. Um bruchsicher zu sein, sind Carbon-Streben meistens hochoval.
Spezielle Unterschiede zwischen Damen- und Herrensätteln
Machen wir uns nichts vor - Frauen sind untenrum anders gebaut als Männer. Darum liegt es auch nahe, dass Frauen andere Anforderungen an einen Fahrradsattel haben, als Männer. Das Becken macht den großen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Bei Frauen ist das Becken so gebaut, dass sie Kinder gebären können. Daraus resultiert, dass bei Frauen der Schambeinbogen tiefer liegt als bei Männern.
Im Idealfall sitzt die Sattelnase bei einem Fahrradsattel für Damen etwas tiefer als der hintere Teil des Sattels. So wird gewährleistet, dass die Sattelnase nicht zu viel Druck auf das Schambein ausübt.
Interview mit Janina Haas, Leiterin Ergonomie bei Ergon / Terry
Janina Haas: Wir unterscheiden bei unseren Sätteln von Ergon und Terry grundsätzlich zwei Bereiche. Zum einen ist das die knöcherne Struktur des Beckens. Zum anderen das Weichteilgewebe. Für die knöcherne Struktur haben wir bei den Sätteln für Frauen den mittleren Bereich breiter gemacht, was der Physiognomie der meisten Frauen entgegenkommt. Frauen haben durchschnittlich einen Schambeinwinkel von über 90 Grad, das heißt die Schambeinkufen laufen breiter aufeinander zu. Daher brauchen sie eine breitere Unterstützung auch in der Sattelmitte, der die Schambeine aufnehmen kann. Zweitens steigen unsere Frauen-Sättel im hinteren Bereich etwas stärker an als die der Männer. Frauen kippen ihr Becken auf dem Sattel etwas mehr nach vorne - neigen zu einem ganz leichten Hohlkreuz - sodass wir die Sitzbeinknochen damit mehr unterstützen.
Im City- und Touringbereich, wo man aufrechter sitzt, haben unsere Sättel Kanäle. Hintergrund ist hier, dass im weiblichen Becken einfach weniger Platz für das Weichteilgewebe zwischen Sattel und Knochenstruktur ist - die Weichteile werden daher schneller gequetscht. Um das zu verhindern, haben die Frauen-Sättel eine etwas andere Form als die für Männer. Die Position der Entlastungskanäle sind daher für Männer- und Frauen-Sättel unterschiedlich positioniert.
Empfehlungen und Tipps
Egal, welcher Sattel - wichtig ist es, ihn ausgiebig zu testen. Jeder Po ist unterschiedlich und in Kombination mit der Sitzposition auch unvergleichbar mit anderen. Viele Händler bieten daher an, dass Fahrradsattel über einen gewissen Zeitraum getestet werden können - ganz ohne Verbindlichkeiten. Frage einfach beim Fahrradhändler deines Vertrauens nach, ob du bei ihm auch einen Sattel austesten kannst.
Einige getestete Sättel und ihre Eigenschaften:
| Sattel | Preis | Gewicht | Besonderheiten | Fazit |
|---|---|---|---|---|
| Ergon SM Pro Men | 109,95 Euro | 255 gr | Zubehöraufnahme, drei Farben und zwei Breiten verfügbar | Gute Wahl für Touren-Biker, breite und flache Sitzfläche |
| Fabric Scoop Race Shallow | 89,90 Euro | 255 gr | Je nach Sitzposition in drei Shapes erhältlich | Straffe Polsterung, unterstützt Positionswechsel |
| Fizik Gravita Alpaca X5 | 79 Euro | 224 gr | Carbon-Nylon-Schale, Zubehöraufnahme | Kurzer, schmaler Sattel, geeignet für Enduro-Einsätze |
| Natural Fit Venec+ | 89,95 Euro | 291 gr | Glasfaserschale, Zubehöraufnahme, auch als Damenversion erhältlich | Komfortabel gepolsterter Sattel für Touren-Biker |
| Procraft Tour S | 26,90 Euro | 304 gr | Auch in einer Variante ohne Loch erhältlich | Breite, weich gepolsterte Sitzfläche für aufrechte Haltung |
| Pro Turnix Gel | 94,95 Euro | 303 gr | Glasfaserverstärkte Schale, Zubehörmontageoption | Straffe Polsterung, lange, schmale Sattelnase |
| Selle Italia SLR Boost X-Cross Superflow | 224,90 Euro | 198 gr | Faserverstärkte Schale, Stoßdämpfer im Gestell | Kurzer, schmaler Schnitt, flexible Sattelschale |
| SQlab 60X Ergowave Active | 149,95 Euro | 268 gr | Kevlar-Flanken, Elastomere in drei unterschiedlichen Härtegraden | Entlastet den Dammbereich, bewegliche Sattelschale |
| Syncros Tofino R 1.0 | 149,95 Euro | 193 gr | Zubehöraufnahme, auch als Lochsattel erhältlich | Sportlich-straffer und leichter Sattel für Vielfahrer |
| Fabric ALM Ultimate Shallow | 349 Euro | 146 gr | Carbon-Gestell und -Schale mit leichter Blattfederwirkung | Spartanische Polsterung, flaches und breites Profil |
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