Wer die Wahl hat, hat die Qual: Das beschreibt das von vielen Bikerinnen und Bikern als Reizpunkt gesehene Thema "Schlauch oder kein Schlauch" recht treffend. Jahrelang gab es zu den altgedienten Fahrradschläuchen aus Butyl keine ernsthaften Alternativen. Doch die Gemengelage hat sich gewaltig geändert, wie unser großer Labor- und Praxis-Test beweist! Hier durch das Dickicht an Optionen - mit den sehr unterschiedlichen Vor- und Nachteilen - zu blicken, ist gar nicht so einfach.
Überblick: Verschiedene Systeme im Test
Immerhin gibt es heute mindestens vier verschiedene Systeme mit deutlichen Unterschieden bei Gewicht, Handhabung und Kaufpreis - die es meist noch in den "Spielarten" schwer und leicht gibt. Der Klassiker sind Standard-Butyl-Schläuche für wenige Euros, wie sie jeder schon zigfach in Händen hatte. Light-Butyl-Schläuche sind aus demselben Material, kaum teurer, aber dünnwandiger und leichter. Recht neu auf dem Markt sind Schläuche aus thermoplastischem Polyurethan (kurz TPU genannt), die viel weniger als die Butyl-Konkurrenz wiegen, aber rund das Fünffache kosten. Auch diese gibt es in extremer Light-Ausführung. Dabei verspricht das neue Wundermaterial neben geringem Gewicht auch niedrigen Rollwiderstand bei dennoch sehr gutem Pannenschutz.Den Reifen ohne Schlauch, also "Tubeless", zu fahren, hat sich nach Startschwierigkeiten in den letzten Jahren durchgesetzt. Auch hier ist es die Kombination aus recht geringem Gewicht und niedrigem Rollwiderstand im Gelände, die reizt. Dazu kommt in der Praxis ein toller Grip sowie sehr guter Pannenschutz. Gut: Tubeless ist funktional gesehen auf einem praktikablen Level angekommen. Horrorstorys von nicht dicht werdenden Reifen-Felgen-Kombis gehören mit modernen Komponenten zumeist der Vergangenheit an.Eine extremere Variante des Schlauchlos-Systems sind die bei vielen Profis beliebten "Tire Inserts", eine meist aus Schaumstoff bestehende Wulst fürs Felgenbett. Diese wird auch oft etwas spöttisch als Pool-Nudel bezeichnet, kombiniert mit der Tubeless- Milch soll sie die Felge auch vor kapitalen Durchschlägen schützen. Durch das geringere Luftvolumen und der höheren Stabilität des Aufbaus sind zudem nochmals deutlich niedrigere Drücke fahrbar, ohne dass der Reifen von der Felge rutscht. In diesem Systemvergleich haben wir uns auf Tire Inserts für Trailbiker und Enduristen konzentriert, Light-Optionen für den Cross-Country-Einsatz gibt es aber selbstredend auch.Vor allem die Unterschiede beim Preis sind enorm. Los geht es ab 6 Euro, Tire Inserts kosten um 100 Euro!
Detaillierte Betrachtung der Schlauchtypen
Hier ist ein detaillierterer Blick auf die verschiedenen Schlauchtypen und ihre Eigenschaften:
Butyl & Butyl Light
Stärken und Schwächen:*
Stärken: preiswert, prima Verfügbarkeit, einfach flickbar*
Schwächen: Standard-Schläuche mit mäßigem, Light-Schläuche mit schlechten Pannenschutz = hoher Druck nötig im Vergleich schwer
Einsatzgebiet: Standard-Butyl-Schläuche bieten Touren-Bikern immer noch einen guten Mix aus geringem Preis und soliden Fahreigenschaften. Butyl Light empfiehlt sich weniger. Die meisten Bikes kommen mit Schläuchen aus Butyl in den Laden. In der Standardausführung sind sie mit Preisen ab 6 Euro sehr preiswert, dafür aber auch um 220 g pro Stück schwer. Sogenannte Light-Schläuche wiegen rund 80 g weniger und sind dabei kaum teurer. Für unseren Systemvergleich haben wir uns im Regal der beiden deutschen Gummi-Riesen Continental und Schwalbe bedient.
TPU & TPU Light
Stärken und Schwächen:*
Stärken: leicht bis extrem leicht, top gegen Durchstiche, sehr leicht rollend / im Labor gegen Durchschläge schwach, in der Praxis aber gut*
Schwächen: im Vergleich zu Butyl-Schläuchen teuer
Einsatzgebiet: Die extrem leichten TPU Schläuche haben ihre Fans (noch) im CC- und Marathon-Lager. Der gute bis sehr gute Pannenschutz macht sie auch für Tour und Trail interessant.Mit ab 25 Euro sind TPU-Modelle von Pirelli, Schwalbe und Co. vergleichsweise teuer, versprechen jedoch Leichtbau, top Rolleigenschaften und Haltbarkeit zu vereinen - bei ähnlichen Drücken wie mit Tubeless. Die leichtesten Modelle im Test (Revoloop MTB.Ultra, Tubolito S-MTB) wiegen nur knapp über 40 g, die stabileren Varianten knapp 90 g. Obacht: Pirellis Smarttube darf nicht geflickt werden.TPU-Schläuche sind deutlich leichter als Butylschläuche. Wiegt ein Rennradreifen aus dem altbekannten Material rund 120 Gramm, liegt ein vergleichbar breiter Schlauch aus TPU bei zwischen 25 und 40 Gramm (inklusive Ventil). Um zuverlässig die Luft und den Druck zu halten und einen ordentlichen Pannenschutz zu gewährleisten, muss Butyl sehr viel dicker sein als TPU. Das macht den Schlauch nicht nur um fast das Dreifache schwerer, auch das Packmaß für den Ersatzschlauch ist bei TPU deutlich kleiner.TPU ist widerstandsfähiger gegenüber Rissen und Schnitten im Vergleich zu herkömmlichen Gummischläuchen. Will man einen TPU-Schlauch zum Beispiel mit einer Nadel punktieren, benötigt man im Vergleich zu einem Butyl-Schlauch die drei- bis vierfache Kraft um ein Loch ins Material zu stoßen. Tatsächlich können Hersteller ihre TPU-Schläuche sogar mehrlagig herstellen und somit die Widerstandsfähigkeit der Produkte enorm verbessern. In Sachen Rollwiderstand liegt der neue TPU-Schlauch deutlich vor dem altbekannten Gummi-Schlauch.
Tubeless
Stärken und Schwächen:*
Stärken: relativ leichtes System, auch mit niedrigem Druck prima Durchschlagschutz, dichtet Durchstiche ab, in der Praxis geringer Rollwiderstand, toller Grip*
Schwächen: Montage kann nerven, nicht wartungsfrei
Einsatzbereich: Von Cross-Country bis Enduro: Tubeless eignet sich für alle Einsatzbereiche, da es in jeder Hinsicht gute bis sehr gute Performance zeigt. Aber nix für Werkstatt-Muffel.Fast alle modernen Felgen sind "Tubeless Ready" und schnell und günstig umgerüstet. Ein spezielles Dichtband ist meist nicht mehr nötig. Für 500 ml der benötigten Dichtmilch (reicht für 4-5 Reifen) werden ab 20 Euro fällig, dazu kommen noch circa 10 Euro für zwei Ventile. Inkusive Ventil und 100 ml Milch wiegt das Setup knapp über 100 g. Ein Vorteil: Die Milch verschließt kleine Cuts im Reifen selbst.
Tubeless mit Reifen-Insert
Stärken und Schwächen:*
Stärken: extrem pannensicher, Notlaufeigenschaften, sehr hohe Stabilität und 1A-Grip, speziell in Kurven*
Schwächen: schwer, zäher rollend, Montage kraftraubend, nicht wartungsfrei, sehr hoher Preis
Einsatzgebiet: Wer - etwa bei anspruchsvollen Rennen - maximalen Pannenschutz sucht, findet ihn via Tire Insert. Auch der Tipp für sehr schwere und/oder aggressiv fahrende Biker.Viele Profis verschiedener Fahrkategorien schwören auf eine Kombi aus Tubeless und - meist aus Schaumstoff hergestellten - "Nudeln" im Felgenbett. Diese schützen die Felge vor Durchschlägen, der Luftdruck kann nochmals deutlich sinken. Die Montage der Tire Inserts ist mitunter kräftezehrend, auch der Preis mit etwa 100 Euro happig. Im Vergleich ist dieses Setup zudem sehr schwer.
Vergleichstabelle: Vor- und Nachteile der Systeme
| System | Vorteile | Nachteile | Einsatzbereich || :---------------------- | :----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- | :------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ | :----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- || Butyl | Preiswert, einfache Montage und Reparatur, gute Verfügbarkeit | Höheres Gewicht, mäßiger Pannenschutz | Commuter, Reiseradler, Trekking, Gelegenheitsradler || Thermoplastische Kunststoffe (TPU) | Sehr leicht, geringes Packmaß, verbesserte Abrolleigenschaften, guter Pannenschutz | Teurer als Butyl, Montage erfordert etwas Vorsicht | Rennrad, MTB, Gravel || Tubeless | Geringer Rollwiderstand, guter Pannenschutz (durch Dichtmilch), besserer Grip durch niedrigeren Luftdruck | Montage kann aufwendig sein, regelmäßige Wartung (Dichtmilch erneuern) erforderlich | Rennrad, MTB, Gravel || Tubeless mit Insert | Extrem hoher Pannenschutz, Notlaufeigenschaften, sehr hohe Stabilität und Grip | Hohes Gewicht, hoher Preis, aufwendige Montage und Wartung | Anspruchsvolle Rennen, sehr schwere und/oder aggressiv fahrende Biker |
Testkriterien im Detail
Um die Unterschiede zwischen den Systemen zu verdeutlichen, wurden verschiedene Tests durchgeführt. Als Basis für den Vergleich dienten uns Felgen mit 30 mm Maulweite und Schwalbes minimal profilierter G-One Speed in 29 x 2,4" - das schloss ein Verfälschen der Ergebnisse durch die Stollen aus. Um praxisnahe Werte zu produzieren, setzten wir auf typische Luftdrücke für einen 80 Kilo schweren Piloten. Für die Schlauch-Aufbauten stellten wir 1,8 Bar ein, bei Tubeless gingen wir auf 1,6 Bar herunter. Konstruktionsbedingt mussten wir bei Tubeless mit Insert den Druck nach unten auf 1,2 Bar korrigieren - in der Praxis ein durchaus realistischer Wert. In jeder Kategorie kamen zudem verschiedenen Produkte unter anderem von Continental, Milkit, Pepi’s, Pirelli, Revoloop, Schwalbe, Stan’s, Tubolito und Vittoria zum Einsatz - in der Regel zwei bis drei pro Setup, die Werte sind gemittelt.
Testkriterium 1: Gewicht
Nirgends lässt sich so relativ einfach und preiswert Gewicht am Mountainbike sparen wie bei der "Befüllung" des Reifens. Alle Setups haben wir „einbaufertig“ gewogen. Also Schläuche mit Ventilkappe und -mutter, die Tubeless-Aufbauten mit Ventil und 100 ml Füllmenge und ggf. Insert. Die Werte der jeweils zu einer Kategorie zählenden Produkte sind gemittelt - wie auch bei den folgenden Labortests. Zwischen dem schwersten Standard-Butyl-Schlauch (Continental) und dem leichtesten TPU-Modell (Tubolito S-MTB) liegen 184,3 g pro Schlauch. Für 50 Euro schwitzen Sie also knapp 370 g aus Ihrem Bike - top! Und das bei der rotierenden Masse, wo es besonders viel bringt, weil hier jedes Gramm immer und immer wieder beschleunigt werden muss!Generell gilt: In Sachen Gewicht ist TPU nicht zu schlagen. Schon die "normalen" TPU-Schläuche wiegen zwischen 80 und 90 g, die Light-Varianten noch mal die Hälfte weniger. Da kommen Light-Butyl-Schläuche nicht im Ansatz ran. Tubeless-Systeme wiegen - pi mal Daumen - immer so viel wie die Milchfüllmenge in ml beträgt. Bei 100 ml Milch sind es gemittelt knapp über 100 g Gesamtgewicht. Schlusslichter sind - wenig überraschend - klassische Butyl-Schläuche mit 220 g sowie Tubeless mit Insert, wo zum Schlauchlosaufbau das "Nudelgewicht" von über 100 g hinzukommt.
Testkriterium 2: Montage
Am Anfang steht die Montage. Vor allem Tubeless hatte hier jahrelang einen schlechten Ruf. Wie sieht das bei aktuellen Modellen aus? Im Bohle-Labor und in unserer Werkstatt prüften wir die Systeme auf ihre Montage. Neben dem nötigen Kraftaufwand spielten dabei auch die Sauberkeit und Einfachheit der Montage sowie die benötigte Zeit in die Wertung mit hinein.Schläuche in die Reifen einziehen? Simpel, oder? Aber gerade leichte Butyl-Schläuche sind gegenüber Quetschungen anfällig. Speziell beim hektischen Tausch auf dem Trail ist Vorsicht geboten. TPUs sind wegen ihrer höheren Elastizität einfacher zu handeln, man darf sie aber nicht ohne Reifen, also "nackt" stark aufpumen.Tubeless ist und bleibt eine Frage der Kombi: Passen Felge, Reifen und Ventil gut zueinander, ist die Installation fast so einfach wie mit Schläuchen - auch ein Kompressor ist nur noch selten nötig. Inzwischen gibt es auch clevere Einfüllsysteme etwa von Milkit, welche die gefürchtete Sauerei mit der Milch vermeiden. Schwieriger ist die Sache mit Inserts: Hier ist die Installation wegen der vergleichsweise starren Wulst besonders bei straff sitzenden Reifen ein Kraftakt. Obacht: Tubeless-Flüssigkeiten müssen regelmäßig erneuert werden!
Testkriterium 3: Durchschlag
Durchschläge passieren vor allem im groben Trail-Einsatz. Wer steckt in dieser Disziplin die dicksten Schläge weg? Zur Ermittlung des Durchschlagschutzes ließen wir einen 20-Kilo-Keil auf Schwalbes G-One fallen. Solange das System den Schlag ohne Druckverlust überstand, steigerten wir die Fallhöhe um 25 mm. Die Werte wurden im Anschluss gemittelt.Logisch, dass hier die Sternstunde der teuren Tire Inserts in Verbindung mit einem Tubeless-Aufbau schlägt: Erst bei einer Fallhöhe des 20-Kilo-Keils von 775 mm nahm der Mantel dermaßen Schaden, dass Luft entweichen konnte - trotz nur 1,2 Bar Druck. Tubeless und der Standard-Butyl-Schlauch schneiden beide gleich und beide gut ab. Der aufgetretene Riss bei Tubeless wäre mit einer Salami (siehe Seite 53) flickbar gewesen, der "Snakebite" im Schlauch auch. Wichtig: Bei gleichem Luftdruck wie in den Schläuchen, wären die Tubeless-Systeme noch durchschlagsresistenter gewesen.Die leichteren Schläuche sind in dieser Disziplin trotz 1,8 Bar Druck die schlechtesten, wobei die Butyl-Light- wie die "schweren" TPU-Modelle noch befriedigende Ergebnisse erreichen. Der Durchschlagschutz von Light-TPUs ist hingegen sehr gering, was den Einsatz der extrem filigranen Schläuche im groben Gelände kritisch erscheinen lässt.
Testkriterium 4: Durchstich
Dornen oder spitze Gegenstände können den Reifen und dann den Schlauch durchstechen.TPU setzt hier neue Maßstäbe beim Schutz. Wir führten einen mit einer 1 mm großen Kugel bestückten Dorn langsam direkt in den Schlauch.
Pannenbehebung
Butyl-Schläuche flicken lernt man im Idealfall bereits als Kind und Sets mit Vulkanisier-Kleber und -Flicken gibt es in jedem Baumarkt. Zudem bieten viele Hersteller selbstklebende Gummiflicken an. Auch TPU-Schläuche sind (mit Ausnahme von Pirelli) zum Flicken freigegeben, Sets mit Komponenten-Kleber und kleinen TPU-Patches (Bild) kosten rund zehn Euro und nehmen genauso wenig Platz weg wie Butyl-Kits. Kleinere Stiche im Mantel dichtet die Milch im Idealfall selbst ab, für größere Löcher verwendet man als Salami bezeichnete Gummiwülste. Diese sind extrem klebrig, müssen mit einem Dorn in die Reifenkarkasse getrieben werden, verschließen das Loch aber meist sehr sicher. Das Eintreiben benötigt aber je nach Dicke der Karkasse Kraft.
| System | Reparaturmethode |
| Butyl-Schläuche | Flicken mit Vulkanisier-Kleber oder selbstklebenden Gummiflicken |
| TPU-Schläuche | Flicken mit Komponenten-Kleber und TPU-Patches (außer Pirelli) |
| Tubeless | Dichtmilch für kleinere Stiche, Gummiwülste (Salami) für größere Löcher |
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