Das Moped „Schwalbe“ ist heute Kult. Fahrzeuge, die einst in der ehemaligen DDR produziert wurden, erfreuen sich heute großer Beliebtheit. Ganz vorne dabei: Simson. Hier soll es um ihre Geschichte und ihr Überleben gehen. Nostalgiker und Hipster hegen und pflegen ihr Überbleibsel aus DDR-Zeiten. Laut Schätzungen waren 2015 ganze 150.000 Schwalben im deutschen Straßenverkehr zugelassen.
Die Anfänge der Schwalbe im Simson-Werk
Die Schwalbe wurde seit 1964 im Simson-Werk in Suhl hergestellt. Das Simson-Werk in Suhl war der größte Arbeitgeber der Region. 3.500 Arbeitnehmer standen hier in Lohn und Brot. Bis zur Übernahme des Werks durch Teile der Belegschaft 1991/92 wurden in Suhl mehr als sechs Millionen Schwalben und Co. produziert.
Um wirtschaftlicher zu produzieren, führten die Werksleiter bei Simson die sogenannte Nestproduktion ein - ein Prinzip, dass heute noch in der modernen Fahrzeugproduktion eingesetzt wird. Das Ziel war, die Langweile vom Fließband zu verbannen und die Arbeiter für mehr und abwechslungsreichere Aufgaben zu befähigen. Daher wurden für jeden Motor sogenannte Nester gebildet, in denen die Arbeiter immer unterschiedliche Arbeiten verrichteten. Das wirkte sich positiv auf die Leistung aus und die Motoren wurden schneller fertig, die Produktion stieg.
Die Vogelserie von Simson
Besonderen Kultstatus erlangte das traditionsreiche Unternehmen mit seiner Vogelserie: »Sperber«, »Habicht«, »Spatz« und »Star« lauteten die Namen der Suhler Zweiräder. Das erfolgreichste Modell war jedoch die »Schwalbe«.
Die drei Baureihen der Schwalbe
Insgesamt gab es drei Baureihen. Die erste Baureihe hieß KR 51 (KR stand für Kleinroller) und folgte auf den Kleinroller KR 50, der noch nicht als Zweisitzer konzipiert war. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h erschien 1964 der KR 51, der bis 1968 produziert wurde. Die Konstrukteure mussten für das Design herbe Kritik einstecken: die Presse erklärte deutlich, dass die Formgestaltung des Gefährts keineswegs als schön zu bezeichnen wäre. Doch jenen machte schnell der Motor die größeren Sorgen. Er war auf die 60 km/h-Beschränkung noch nicht optimal ausgelegt.
Die zweite Baureihe KR 51/1 sollte dies ab 1968 beheben. Tatsächlich verbesserte sich die Leistung geringfügig und vor allem lief sie durch einige Korrekturen wesentlich leiser. In dieser Baureihe wurden verschiedene Sondermodelle gefertigt, die beispielsweise mehr Komfort oder eine halbautomatische Fliehkraftkupplung boten. Diese wurden bis 1980 hergestellt.
Erst dann wurde die zweite Baureihe durch die dritte KR 51/2 abgelöst, die bis zum 31. März 1986 produziert wurde. Danach wurde die Herstellung des ersten Mopeds der „Vogelserie“ eingestellt. Die wesentliche Unterscheidung zum Vorgänger war der neu konstruierte, fahrtwindgekühlte 3,7-PS-Motor M541. Er reduzierte die Vibrationen beim Fahren, war sparsamer und mit drei oder vier Gängen lieferbar.
Die Schwalbe im Alltag der DDR
Die Simson-Schwalbe wurde nicht nur von Privatleuten genutzt - sie diente der Deutschen Post in der DDR, der ostdeutschen Polizei und auch den Gesundheitsversorgern in ländlichen Gegenden als Dienstfahrzeug. Die Schwalbe machte viele DDR-Bürger mobil. In den 1950er- und 1960er Jahren konnten sich die meisten Familien andere Fahrzeuge schlicht nicht leisten. Wegen ihres tiefen Durchstiegs konnte die Schwalbe auch von Frauen in Röcken gefahren werden. So galt die Schwalbe lange Zeit als Frauen-Moped, gefahren von Gemeindeschwestern, Volkspolizisten und älteren Herrschaften.
Es hieß Simson Schwalbe (nach dem Vogel) und war mit einem 3,4 PS starken Zweitaktmotor mit einem Hubraum von 50 Kubikzentimetern, mit Dreiganggetriebe und einer recht einfachen und daher ohrenbetäubend lauten Auspuffanlage ausgerüstet. Wie andere Marken, die auf Grund der Zwänge der Interner Link: Planwirtschaft omnipräsent waren (vom Trabant bis zu Halberstädter Würstchen), eroberte die Schwalbe nicht wegen ihres eleganten Designs, ihrer Qualität oder Zuverlässigkeit die Herzen der ostdeutschen Verbraucher, sondern weil sie eine der sehr wenigen Möglichkeiten auf dem Markt war, die Freiheit auf zwei Rädern zu genießen.
Die Schwalbe nach der Wende
Nach der Wende war das Simson-Werk der erste Großbetrieb, der von der Treuhand abgewickelt wurde. Der Versuch, als GmbH zu überleben, scheiterte an der Konkurrenz aus dem Westen und aus Asien. Außerdem stiegen viele Ostdeutsche nun aufs Auto um. Diese gab es nun im Überfluss in allen Preisklassen, ob gebraucht oder neu.
Doch bald zeigte sich, dass sich die robuste Qualität der Simson-Vögel bewährt. Ein weiterer Grund für deren große Beliebtheit auch nach der Wende ist die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern in der 50ccm-Klasse. Nach den heutigen Vorschriften dürfen zweirädrige Kleinkrafträder nur noch eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern erreichen. Heute genügt übrigens die Führerscheinklasse AM, um die Schwalbe zu fahren, obwohl sie eine Höchstgeschwindigkeit von über 45 km/h besitzt.
Dies ist dank der Bestimmung des Einigungsvertrages möglich, die erlaubt, dass Ein- und Mehrspurfahrzeuge der ehemaligen DDR mit maximal 50 cm³ Hubraum trotz einer (in der DDR zulässig gewesenen) Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h mit dieser Führerscheinklasse gefahren und als Kleinkraftrad versichert werden dürfen. Ersatzteile für Schwalbe und Co. sind deshalb so gefragt, dass das Unternehmen MZA, das nach der Insolvenz des Traditionswerkes Teile von Simson übernommen hatte, unzählige Ersatzteile für die alten Kleinkrafträder produziert. In Meiningen, rund 25 Kilometer entfernt von Suhl, entstand ein neues Logistikzentrum.
Im polnischen Breslau motzt Michał Koziołek seit 2016 Schwalben auf und stattet sie mit einem modernen Elektromotor aus. Seine Firma "RetroElectro" hat er mit Freunden gegründet. Trotz vieler Anfragen aus Polen verkauft er seine immerhin gut 4.000 Euro teuren Schwalben derzeit nur ins Ausland. Besser hat es da die Münchner Firma "Govecs". Sie hat die Markenrechte für die E-Schwalbe und fertigt sie seit 2017 in Breslau in großem Stil. Allerdings verwendet das mittelständische Unternehmen keine Originalbauteile - und umgeht so den Behördenärger.
Nur wenige haben dem Zahn der Zeit unverändert standgehalten, viele sind heute nachlackiert, mit Ersatzteilen versehen oder frisiert. An die Ersatzteile zu gelangen ist kaum ein Problem.
Die jüdische Geschichte der Marke Simson
Bei dem Interner Link: Roller handelt es sich um einen jener Fälle, bei denen das Modell - ein wenig ungerechtfertigt - mit seiner Berühmtheit die faszinierende jüdische Geschichte der Marke in den Schatten stellt. Der Aufstieg des Unternehmens Simson spiegelt prototypisch den späten, aber spektakulären Einstieg Deutschlands in die Interner Link: industrielle Revolution wider und markiert ebenso die Anfänge des vielgepriesenen deutschen Interner Link: Mittelstands. Und er stellt ein geradezu lehrbuchhaftes Beispiel dar, wie die Ausweitung der den Jüdinnen und Juden zugestandenen Externer Link: Bürgerrechte im 18. und 19. Jahrhundert deren wirtschaftliche Aussichten zum Positiven beeinflusste.
Im Jahr 1856 erwarben die jüdischen Brüder Moses und Löb Simson eine Stahlschmiede im thüringischen Suhl (Thüringen war seit langem etablierter Standort von Waffenherstellern) und stellten dort Waffenläufe her. Als Arthur und Julius, die Enkel von Moses, das Unternehmen in den frühen 1920er Jahren übernahmen, beschäftigte das Werk tausende von Arbeitern, die Waffen, Fahrräder, Autos und sogar Flugzeugmotoren fertigten. Moses und Löb Simson gehörten der ersten Generation preußischer Jüdinnen und Juden an, denen es gestattet war, Grundbesitz zu erwerben.
In der entmilitarisierten Interner Link: Weimarer Republik wurde Simson & Co. die exklusive Lizenz zur Herstellung von Waffen für die Reichswehr erteilt. Zwar überstand das Unternehmen dank dieses Auftrags die wirtschaftliche Katastrophe von 1929, doch nährte sein Erfolg antisemitische Propaganda gegen das "jüdische Monopol". Interner Link: Fritz Sauckel, Bezirksleiter der Nationalsozialistischen Partei in Thüringen, ging mit aller Vehemenz publizistisch gegen das Unternehmen vor.
Wie es auch bei tausenden anderer Unternehmen jeder Größe der Fall war, sah die "Verkaufsvereinbarung", mit der das Unternehmen "Interner Link: arisiert" wurde, keinen Ausgleich für die jüdischen Eigentümer vor. Der Wert des Unternehmens wurde mit einer Strafe für "Übergewinn" aufgerechnet, der angeblich von den Aufträgen der Reichswehr abgeschöpft worden war. Ihres Familienunternehmens beraubt, folgten Arthur und Julius Simson ihren Geschwistern in die Vereinigten Staaten, wo sie den langen Kampf um Interner Link: Wiedergutmachung aufnahmen.
Allerdings ist die Familie immer noch Eigentümerin der Rechte am Namen Simson. Arthur Simson hatte den ostdeutschen Nachfolgeunternehmen 1970 telefonisch die Genehmigung erteilt, den Namen und die Marke Simson weiterhin zu nutzen. "Meiner Meinung nach war das eine von Arthur Simsons klügsten Entscheidungen", sagte Baum. "Er ahnte, dass der Name den Anspruch der Familie an dem Unternehmen stärken würde." Sollte jemals ein Investor die Roller-Fertigung in Suhl wieder aufleben lassen wollen, wird er Dennis Baum in New York anrufen müssen.
Farben der Schwalbe KR51
Das ursprüngliche Modell KR1 wurde in Blau, "Tundragrau" und in begrenzter Stückzahl auch in Signalorange hergestellt.
| Modell | Farben |
|---|---|
| KR51H (Handschaltung) | Tundragrau, Atlantikblau (ab 64), Orange (64-65) |
| KR51F (Fussschaltung) | Tundragrau, Atlantikblau, Orange (Sonderlackierung oder Prototyp) |
| KR51/1S (Sondermodell) | Olivbeige, Ibiza-/Kirschrot (ab 78), Lenkerschutzblech + Rücklichtblech in Alabaster |
| KR51/2N | Atlantikblau (80-86), Saharabraun (ab 83-86), Pastellweiss (84-85) (Ungarn) |
| KR51/2E | Saharabraun, Biberbraun (84-86), Billardgrün (Sonderlackierung, Export) |
Die Simson Schwalbe KR51/2E stellt nach ihrer Ausstattung das mittlere Modell der KR51/2-Baureihe dar. Von ihrem Typ wurden die meisten Fahrzeuge gebaut. Der Buchstabe E in der Modellbezeichnung steht nicht wie oft irrtümlich angenommen für Elektronik, sondern für Extraausstattung bzw. erweiterte Ausstattung. Im Vergleich zu anderen Mittelmodellen stattete Simson die Schwalbe KR51/2E nur durchschnittlich aus.
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