Die Schwalbe ist Kult. Auch Jahrzehnte nach der Wende freut man sich über die knatternden Blechmühlen, wenn sie im Stadtverkehr an einem vorbeiflitzen. Den Fahrern - oder Roller-Enthusiasten - geht das nicht anders, denn Schwalben dürfen hochoffiziell mit 60 km/h durch die Gegend fahren - und damit im Verkehr problemlos mitschwimmen.
Die Simson Schwalbe war der erfolgreichste Roller der DDR. Das Kleinkraftrad mit 50-Kubikzentimeter-Zweitaktantrieb und 60 km/h Höchstgeschwindigkeit hat sich zwischen 1964 und 1986 über 1,5 Millionen Mal verkauft und genießt unter den immer noch zahlreichen Fans Kultstatus.
Das DDR-Kultmoped Schwalbe stromert schon seit einiger Zeit als emissionsfreie Neuauflage durch unsere große Republik. Die typischen Züge des Simson-Rollers mit den 16-Zoll-Rädern griff 2017 ein Retro-Elektroroller auf, der im Fokus auf urbane Mobilität und Nachhaltigkeit neu entwickelt worden war.
Jetzt hat ihr Hersteller Govecs aus München die eSchwalbe gründlich überarbeitet. In der Neuauflage kommt die eSchwalbe in drei Leistungsvarianten, wir hatten die Möglichkeit, sie in der schnellsten Version L3e zu testen, die 93 km/h erreicht.
Technische Details der eSchwalbe
Im Gegensatz zu den langsameren Varianten mit Radnabenmotor (auf 45 respektive 61 km/h begrenzt), verfügt die eSchwalbe L3e über einen Mittelmotor, der seine Kraft von 6 kW Dauerleistung und 8,5 kW Spitzenleistung per Zahnriemen auf das Hinterrad überträgt.
Die Karosserie der eSchwalbe besteht aus durchgefärbtem Kunststoff und ist passgenau gearbeitet.
Elektroroller sind eine saubere und vernünftige Mobilitätsalternative, doch Modelle mit 45 km/h Höchstgeschwindigkeit für viele Verkehrsteilnehmer auch ein Ärgernis. Weil dieses unglücklich gesetzte Limit potenzielle E-Roller-Kunden abschreckt, werden zunehmend mehr Scooter mit höherer Endgeschwindigkeit angeboten.
Von der Kleinkraft- in die Leichtkraft-Liga aufgestiegen ist auch die 2017 eingeführte E-Schwalbe, denn Hersteller Govecs bietet sie mittlerweile auch in einer 90 km/h schnellen L3E-Version an.
Im Test zeigt diese eindrucksvoll: Leistung ist durch nichts zu ersetzen außer durch noch mehr Leistung. Im Fall der schnellen Schwalbe hat sich das Potenzial der Bosch-Maschine allein dank Softwareanpassung analog zur Höchstgeschwindigkeit von 4 kW/5,5 auf 8 kW/11 PS verdoppelt.
Einziger physischer Unterschied zur 45-km/h-Variante: Das für die Basis optional bestellbare zweite Batteriepaket ist für die schnelle Schwalbe Serienausstattung, was für geballte 4,8 kWh Speicherkapazität als auch einen Preisanstieg auf rund 6.800 Euro sorgt.
Die neuen eSchwalben sind komplett schlüssellos nutzbar, sie können mit einer individualisierten NFC-Karte oder dem NFC-Schlüsselanhänger an & abgeschaltet werden.
Design und Ausstattung
Für das Vorbild typisch sind das eckige Scheinwerfergehäuse mit der Rundlampe, die Seitenverkleidungen des Hecks mit den beiden waagerechten Streifen. Auch den breiten Beinschild und den voluminösen Vorderradkotflügel zitiert die eSchwalbe nach ihrem Vorbild. Die Sitzbank hält sich ebenfalls an historische Vorgaben und fällt entsprechend nicht allzu üppig aus, lässt aber zwei Personen noch genügend Platz. Ungewohnt ist der Anblick einer großen Steckdose an der hinteren Seite des Beinschilds.
Die Karosserie bietet im unter dem seitlich aufklappbaren Sitz vergleichsweise magere fünf Liter Stauraum.
Was man im Alltag außerdem als Manko erlebt, ist die Abwesenheit von Staufächern. Lediglich unter der Sitzbank bietet die Schwalbe noch Platz für etwas Kleinkram, doch selbst ein Jethelm lässt sich hier nicht unterbringen.
Fahreigenschaften und Reichweite
Eine modifizierte Antriebssteuerung klingt nicht sonderlich verheißungsvoll, doch praktisch macht sie aus der sanften Schwalbe einen Sturmvogel.
Beim ersten Fahrversuch merken wir davon zunächst wenig, denn wenn mit dem gleichzeitigen Drücken von Bremsen und zwei Knöpfen der Roller in Fahrbereitschaft versetzt wird, wird automatisch im Fahrmodus ,,Go" gestartet. Längsdynamisch reicht dieser noch nicht zum Frohlocken, wenngleich bereits hier eine ausreichend gute Beschleunigung sowie eine Höchstgeschwindigkeit von über 60 km/h drin sind, was es erlaubt, im Stadtverkehr mit den Autos mitzuhalten. Über Tasten am linken Lenkergriff gelingt der Wechsel in andere Fahrmodi, die mehr Leistung versprechen.
Am stärksten ist ,,Boost", bei dem sich bereits beim vorsichtigen Dreh am Gasgriff die Arme strecken. Regelrecht giftig treiben die jetzt voll zur Verfügung stehenden 11 PS die eigentlich gemütlich aussehende e-Schwalbe nach vorne. Schnell lässt die digitale Geschwindigkeitsanzeige bei Vollgas den 60er- und 70er-Bereich hinter sich, erst um 80 herum wird der Tempozuwachs zäh. Für 90 km/h braucht es Anlauf. Hat man den, sind sogar ein paar km/h mehr drin.
Verfällt man dank überbordender Kraft dem Temporausch, ändert parallel die Reichweitenanzeige drastisch ihre Prognose. Beim Start hat der Bordcomputer noch mehr als 100 Kilometer in Aussicht gestellt, im Boost-Modus kann sich dieser Wert rasch mehr als halbieren. Und irgendwie weiß man nicht so recht, wo der Reichweitenverfall endet. Sollte es eng werden, wechselt man einfach in Go.
Hier reichte eine Akkufüllung praktisch für 75 Kilometer, weshalb in unserem Fall die Batteriekapazität für den täglichen Arbeitsweg eine ganze Woche reichte. Einige Male sind wir dabei allerdings - weil's einfach irre Spaß macht - in Boost gewechselt. Vermutlich wären bei strengerer Reichweiten-Disziplin auch über 80 Kilometer drin gewesen.
Anders als bei manchen günstigen E-Rollern aus China, die man fast schon täglich nachladen muss, bietet die starke e-Schwalbe ein für die tägliche Nutzung bereits komfortables Reichweitenfenster. Der Bordcomputer passt die Reichweitenanzeige kontinuierlich an den Fahrstil an und sagt mit sinkendem Stromvorrat immer verlässlicher voraus, wie weit man noch kommen kann. Erst wenn die Reichweitenprognose unter 5 Kilometer sackt, wird die Leistungsabgabe spürbar gedrosselt.
Das anschließende Laden über einen 230-Volt-Anschluss war mit gut 4 Stunden einigermaßen kurzweilig. Allerdings lassen sich die Akkus nicht herausnehmen. Wer keine Garage mit Steckdose hat, könnte als Laternenparker vor einem Problem stehen.
Neben guter Reichweite und dem auf Knopfdruck faszinierend dynamischen Vortrieb gehören auch eine solide Verarbeitung, ein angenehmer Federungskomfort und eine insgesamt gelungene Fahrwerkstabstimmung zu den weiteren Vorzügen der Schwalbe. Allerdings liegen dem auf schmalen 16-Zoll-Rädern stehendem Retro-Mobil eher langgezogene Kurven. Mancher 12-Zoll-Scooter lässt sich handlicher, williger und mit mehr Schräglage um enge Kurven im Stadtverkehr bugsieren.
Wiederum lobend erwähnen muss man das hervorragende Abblend- und Fernlicht, die soliden Rückspiegel, den sauberen Riemenantrieb, vernünftig dimensionierte Bremsgriffe und zudem gut dosierbare Bremsen, die sich auf Wunsch auch mit ABS aufrüsten lassen. Weil etliche Details der e-Schwalbe im Vergleich zur oftmals deutlich günstigeren Konkurrenz aus Fernost überzeugender und besser gemacht sind, scheint der zugegeben nicht gerade günstige Preis dennoch angemessen.
Drei Modelle - für jede Anforderung die passende eSchwalbe
- Schwalbe 45 km/h (L1e): Diese Version ist ideal für entspannte Fahrten durch die Stadt.
- Schwalbe 90 km/h (L3e): Mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 90 eignet sich dieser Elektroroller ideal für Stadt- und Überlandfahrten.
Technische Daten der Govecs e-Schwalbe 90 km/h
Govecs e-Schwalbe 90 km/h - Technische Daten:
- Motor: Bürstenloser Elektromotor, Antrieb über Zahnriemen, Spitzen- und Dauerleistung: 8 kW/11 PS bzw. 3,2 kW/4,4 PS (Go) oder 4,7 kW/6,4 PS (Cruise)
- Höchstgeschwindigkeit: 90 km/h
- Realistische Reichweite laut Hersteller: 90 km im Modus Go
- Reichweite im Test: 75 Kilometer im Modus Go
- Verbrauch im Test: 4,8 kWh/100 km
- Standardlademodus: ca. 5 h
- Fahrwerk vorne/hinten: Teleskopgabel/zwei Federbeine
- Bremsen vorne/hinten: Scheibe/Scheibe
- Maße und Gewichte: Länge 1,96 m, Höhe 1,13 m, Breite 0,88 m
Die Simson Schwalbe KR 51 kostete seinerzeit rund 1.180 Mark in der DDR. Das entsprach rund 3-4 Monatsgehältern - preislich betrachtet führt die eSchwalbe die Tradition somit fort.
Ob die Fangemeinde heutzutage jedoch bereit ist, diesen Preis in großen Stückzahlen aufzurufen, darf bezweifelt werden.
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