Shimano DURA-ACE Di2 9200 Bremshebel im Test: Eine neue Ära der Rennrad-Technologie

Die Shimano DURA-ACE ist seit jeher die Top-Gruppe des japanischen Komponentenherstellers. Nun legt er sein Flaggschiff mit der DURA-ACE Di2 9200 neu auf und will damit Lücken schließen, die bisher zur Konkurrenz von SRAM klaffen: durch die kabellose Kommunikation von Schalthebeln und Umwerfer bzw. Schaltwerk sowie ein zwölftes Ritzel auf der Kassette. Gleichzeitig soll der Vorsprung bei der Schaltgeschwindigkeit ausgebaut werden. Dazu kommen neue Brems- und Laufradsysteme auf DURA-ACE-Niveau.

Mit der Shimano DURA-ACE Di2 9200 legen die Japaner ihre Top-Schaltgruppe neu auf und setzen dabei auf einen 12-fach-Antrieb und kabellose Kommunikation zwischen Schalthebel und Umwerfer bzw. Schaltwerk.

Ergonomie und Haptik der Brems-Schalthebel

Wie bei jeder Schaltgruppe sind die Brems-Schalthebel der einzige direkte Kontaktpunkt des Fahrers mit dem System selbst. Kein Wunder also, dass Shimano hier den Fokus klar auf die Verbesserung der Ergonomie gelegt hat. So sind die Griffe weiter nach innen gedreht und weiter nach oben gezogen, wodurch unter den Griffen mehr Platz entsteht. Die Schaltwippen verlaufen bei den ST-R9270-Griffen hinter der Bremse weiter nach unten und stehen minimal weiter nach außen als beim Vorgängermodell. All diese Änderungen sollen zu besserer Schalt- und Brems-Ergonomie führen.

Die Griffe der Shimano DURA-ACE Di2 ST-R9270 sind deutlich größer geworden und liegen vom Volumen her deutlich näher an denen der SRAM eTap AXS-Gruppen als am Vorgängermodell. Sie lassen sich aber sehr gut greifen und überzeugen mit einer Oberfläche, die angenehm weich und gedämpft in der Hand liegt.

Die leicht nach außen gestellten Schalt-Bremshebel sind sowohl zum Schalten als auch zum Bremsen gut zu erreichen und lassen sich durch die Einstellung von Reach und Druckpunkt gut an eure persönlichen Bedürfnisse anpassen. Die einzelnen Schaltwippen für das Hoch- bzw. Runterschalten sind bei der neuen DURA-ACE deutlich stärker voneinander abgegrenzt und lassen sich dadurch auch bei ruppiger Fahrbahn viel besser unterscheiden. Ein falscher Gangwechsel wird so unwahrscheinlicher.

Durch die veränderte Form der Griffe passen jetzt auch drei breite Finger ohne Platznot hinter den Bremshebel, was sehr angenehm ist. Überzeugend ist auch das Griffgummi selbst. Es ist bei den ST-R9270 DUAL CONTROL-Hebeln sehr formstabil, lässt sich nicht verdrehen und findet seine Position auch nach dem Entlüften der Bremsen wieder.

Die Shimano DURA-ACE Di2 ST-R9270 DUAL CONTROL-Hebel haben im Vergleich zum Vorgängermodell ein deutliches Plus an Ergonomie erfahren. Sie überzeugen mit toller Haptik und wirken qualitativ hochwertig.

Kabellose Kommunikation und Energieversorgung

Die technischen und durchaus spannenden Neuerungen spielen sich aber im Inneren der Shimano DURA-ACE Di2 ST-R9270 DUAL CONTROL-Hebel ab. Die Kabelverbindung zu Schaltwerk und Umwerfer, die wir vom Vorgänger kennen, entfällt und wird durch ein proprietäres Shimano-Funksignal ersetzt. Das Shimano Wireless IC (Integrated Circuit) soll dabei viermal schneller kommunizieren als das gängige ZigBee-Protokoll, das sich als Netzwerk für die Übertragung geringer Datenmengen im Heimgebrauch etabliert hat. Außerdem soll das Shimano Wireless IC 75 % weniger Strom verbrauchen und weniger anfällig für Interferenzen sein.

Für die Stromversorgung der STIs sorgt je eine CR1632-Knopfzelle im Hebel, die damit 4 mm kleiner sind, als die 2032 Knopfzellen, die bei den SRAM eTap AXS-Gruppen zum Einsatz kommen. Schaltwerk und Umwerfer sind weiterhin mit einem Kabel verbunden und hängen am gleichen Akku, der im Sattelrohr steckt und über das Schaltwerk geladen wird. Der Empfänger für die Funksignale der STIs sitzt ebenfalls im Schaltwerk. Soll der Umwerfer angesprochen werden, dann läuft das Signal vom Schaltwerk über den Akku zum Umwerfer.

Eine Akkuladung soll Schaltwerk und Umwerfer Strom für ca. 1.000 km liefern - das hängt natürlich maßgeblich von der Topografie und der Anzahl der Schaltvorgänge ab. Die in den STIs verbauten CR1632-Knopfzellen sollen zwischen 1,5 und 2 Jahren durchhalten, bevor sie gewechselt werden müssen.

Option für Felgenbremsen

Neben den Shimano DURA-ACE Di2 ST-R9270 DUAL CONTROL-Griffen gibt es mit den ST-R9250-Griffen auch bei der neuesten Generation der japanischen Top-Schaltgruppe eine Option für die Fans von Felgenbremsen. Hier bleibt die Form exakt die gleiche wie beim Vorgängermodell, lediglich die Farbe hat sich geändert.

Das Schaltwerk als Herzstück des Systems

Das Schaltwerk ist bei der neuesten Generation der japanischen Top-Gruppe DURA-ACE zum Herzstück des Systems avanciert. Hier befindet sich zukünftig neben der Junction-Box auch die Funkeinheit für Bluetooth und ANT+ sowie die Ladebuchse für den Akku, der Schaltwerk und Umwerfer speist.

Als Kopf des Systems empfängt das Schaltwerk nicht nur die Funksignale für sich selbst, sonder auch für den Umwerfer, die es dann per Kabel über den Akku weiterleitet. Das Shimano DURA-ACE Di2 RD-R9250-Schaltwerk kann nun Kassetten bis zu 34 T aufnehmen.

Laut Shimano sollen die Schaltvorgänge am Schaltwerk um 58 % schneller vonstattengehen. Neben der Ladebuchse befindet sich am Shimano DURA-ACE Di2 RD-R9250 auch eine LED-Anzeige, die Auskunft über den Ladezustand des Akkus gibt und außerdem Infos liefert zur Verbindung zwischen STIs und Schaltwerk und zur Feinabstimmung des Bauteils.

Der komplette Schaltvorgang setzt sich zusammen aus der Kommunikationszeit zwischen STIs und Schaltwerk und der tatsächlichen Bewegungszeit des Schaltwerks. Der Großteil der 58 % wird laut Shimano bei der Bewegungszeit eingespart.

Und tatsächlich sind die Schaltvorgänge blitzschnell - nicht nur, was die Reaktion des Schaltwerks betrifft, sondern auch, wenn es um den Sprung der Kette auf das nächste Ritzel geht. Besser geht’s kaum! Und doch: Ob ein Schaltvorgang knappe 0,2 s dauert wie beim alten Schaltwerk, oder nun knappe 0,1 s, mag nicht so entscheidend sein. Viel mehr begeistert deshalb die Art und Weise der Schaltvorgänge: Weicher und flüssiger begibt sich die Kette nun in den nächsten Gang. Das aggressive Einrasten des Vorgängers wurde deutlich abgemildert. Die Präzision leidet darunter keinesfalls: Hier rattert oder schleift nichts!

Das neue Shimano DURA-ACE Di2 RD-R9250-Schaltwerk begeistert mit extrem schnellen, präzisen und trotzdem etwas weicheren Gangwechseln - besser geht es kaum!

Der Umwerfer: Schnell, präzise und zuverlässig

Auch beim Shimano DURA-ACE Di2 FD-R9250-Umwerfer gibt es sowohl optische als auch technische Neuerungen. Zuerst fällt auf, wie klein der Körper des Umwerfers geworden ist: Ganze 33 % geringer ist der frontale Querschnitt. Dadurch ist der Umwerfer nicht nur leichter geworden, auch sein Luftwiderstand soll kleiner geworden sein. Eine weitere optische Neuerung ist der in hochwertigem Schwarz gehaltene Käfig.

Anders als das Schaltwerk ist der FD-R9250 nicht direkt per Funk mit den STIs verbunden, er empfängt sein Signal stattdessen von eben diesem Schaltwerk. Da das Funksignal den Umweg über das Schaltwerk gehen muss, ist die Kommunikationszeit zwischen STIs und Umwerfer minimal länger als beim Vorgängermodell, wo das Signal zwar auch per Kabel geschickt wurde, aber eben direkt an das Bauteil.

Trotzdem schaltet man nun 45 % schneller. Das zeigt, wo die zweite große Neuerung beim FD-R9250-Umwerfer liegt: in der Hardware selbst. Die Link-Struktur, die den Käfig an den Körper des Umwerfers und an den darin liegenden Stellmotor anbindet, wurde neu angeordnet. Dadurch ist der Stellmotor in der Lage, den Käfig schneller nach innen oder außen zu drücken.

Der Umwerfer der japanischen Top-Gruppe war aus Performance-Sicht schon vor dem Update seinen Konkurrenten von SRAM und Campagnolo überlegen. Seinen Vorsprung baut er in der jüngsten Ausbaustufe als FD-R9250 nochmals aus. Er schaltet unter allen Umständen absolut zuverlässig und wechselt die Gänge kraftvoll, schnell und akkurat.

Der Shimano DURA-ACE Di2 FD-R9250-Umwerfer überzeugt mit sehr schnellen und präzisen Schaltvorgängen unter allen Bedingungen.

Die Bremsen: Mehr Power und bessere Modulation

Die Japaner haben an vielen Stellschrauben gedreht, um die Performance der Shimano DURA-ACE BR-R9270-Bremse zu verbessern. Zunächst wurden in den STIs die sogenannten SERVO-WAVE-Module implementiert. Sie wirken vereinfacht gesagt wie ein Verstärker. Dadurch kann zusammen mit dem 13 % größeren Dosierbereich mehr Hydrauliköl in die Bremsleitung gedrückt werden.

Dazu kommen die neuen RT-MT900-Bremsscheiben, deren Verformung bei Wärme im Vergleich zum Vorgänger um stolze 66 % verringert worden sein soll. Dazu kommt ein neuer Bremssattel, der nun aus einem Stück gefertigt wird und so das Gewicht um 17 g im Vergleich zum Vorgängermodell senkt - auf 233 g pro Paar. Außerdem soll durch das Monoblock-Design die Steifigkeit des Bauteils erhöht worden sein.

Außerdem wurde der Bleeding-Prozess verbessert und die Schrauben für Bleed-Port und Entlüftungsventil sitzen jetzt nicht mehr an der gleichen Stelle, wodurch der Prozess deutlich leichter von der Hand geht. Außerdem kann der Bremssattel während des Entlüftens am Rahmen verbleiben.

Bezahlt macht sich der zusätzliche Platz zwischen Bremsscheiben und -belägen im Zusammenspiel mit der verringerten Wärmeverformung der Bremsscheiben. Bei der BR-R9270 gibt es auch nach langen Abfahrten mit einem 85 kg schweren Testfahrer kein Schleifen der Scheibe an den Belägen - selbst wenn man direkt danach im Wiegetritt fährt und das Bike ganz weit zur Seite legt.

Die Shimano DURA-ACE BR-R9270-Bremse überzeugt mit vielen auf dem Papier sinnvollen Neuerungen, die auch im ersten Praxistest überzeugen konnten. Die gewaltige Bremskraft wird in geübten Händen neue Abfahrts-KOMs ermöglichen. Lediglich die wenig intuitive Modulation stört ein bisschen.

Die Kurbeln: Steifigkeit, Gewicht und Rotations-Performance

Zu den weiteren Schlüsselkomponenten der neuen DURA-ACE Di2 9200 gehören die Kurbeln der neuen Top-Gruppe. Dabei habt ihr die Wahl zwischen der DURA-ACE FC-R9200-Gruppe, die ohne Powermeter kommt, und ihrer großen Schwester, der FC-R9200-P - sie ist mit einem beidseitig messenden Powermeter ausgestattet. Beide Versionen arbeiten mit der HOLLOWTECH II-Technologie, und sie sind immer noch aus zwei Teilen gefertigt und dann zusammengeklebt.

Laut Shimano sollen die Kurbeln eine optimale Balance aus Steifigkeit, Gewicht und Rotations-Performance bieten. Das soll sich in einer besseren Kraftübertragung an die Kette und präziseren Schaltvorgängen des Umwerfers bemerkbar machen.

Fazit

Gegen Ende unserer Tour können wir resümieren, dass Shimano mit der neuen Dura-Ace keine Revolution auslöst, aber sich in vielen Details verbessert. Besonders die starken Bremsen bleiben uns in Erinnerung. Unsere Gruppe hat viele Höhenmeter, viel Dreck und viel Wasser gesehen - Funktionsstörungen oder gar Ausfälle gab es keine.

Was kostet die Dura-Ace-Gruppe? Für das getestete Ensemble ruft Shimano - ohne die Laufräder - knapp 4.200 Euro auf. Das klingt viel, ist in Wahrheit aber 440 Euro günstiger als der bisherige Listenpreis in vergleichbarer Konfiguration.

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