Shimano Saint Bremshebel im Test: Unantastbare Funktion für Mountainbikes

Gäbe es ein Grundgesetz für Mountainbikes, müsste Paragraph eins lauten: Die Funktion der Bremse ist unantastbar. Als sicherheitsrelevantes Bauteil am Mountainbike unterziehen wir neue Bremsen regelmäßig einem besonders harten Test. Was hilft einem der ergonomischste Hebel oder die leichteste Bremse, wenn sie in Extremsituationen den Dienst quittiert?

Testfeld der Scheibenbremsen

Diese Scheibenbremsen wurden getestet:

  • Magura MT7 HC3
  • Shimano Saint
  • Sram Code RSC (BIKE Testsieger)
  • TRP Quadiem G-Spec

Die Bedeutung der Standfestigkeit

Zugegeben, ein 75-Kilo-Fahrer wird im normalen Trail-Betrieb keine unserer vier Testbremsen an ihr Limit bringen. Die Testkandidaten sind allesamt mit vier Kolben pro Sattel bestückt und eigentlich für den Downhill-Einsatz konzipiert. In diesem Fall kann die Kaufentscheidung getrost nach den Kriterien Gewicht, Preis und Bremskraft gefällt werden. Für alle Fahrer, die deutlich mehr als 80 Kilo auf die Waage bringen und eventuell noch mit einem Rucksack auf langen Alpenabfahrten unterwegs sind, wird die im BIKE-Labor abgefragte Standfestigkeit relevanter. Unter den richtigen Umständen können schwere Fahrer selbst diese massiven Bremsen genauso an ihr Limit treiben, wie unser seit Jahren bewährter Trommelprüfstand.

Ernüchterndes Ergebnis im Extremtest

Angesichts der Tatsache, dass unser Testquartett aus den potentesten Bremsen besteht, die der Markt zu bieten hat, ist das Ergebnis ernüchternd. Drei von vier Bremsen haben in Extremsituationen mit verformten Scheiben oder Fading zu kämpfen. Die günstige TRP gibt bereits bei 450 Grad Betriebstemperatur mit Belagfading auf, die Shimano-Bremsscheiben schmelzen bei 500 Grad. Die Bremsscheiben der Sram Code verformen sich dauerhaft immerhin erst ab 600 Grad. Trotz leichtem Schlag in der Bremsscheibe wird hier die Bremsfunktion aber nicht wesentlich beeinflusst. Wer wirklich gar keine Lust auf eine plötzliche Überraschung in steilen Abfahrten hat, muss zur Magura MT7 greifen. Die kommt selbst unter extremsten Bedingungen ihrer Pflicht nach.

Detaillierte Betrachtung der Shimano Saint

Trotz einiger Jahre auf dem Buckel ist die Saint genauso ergonomisch wie die Konkurrenz. Der Hebel liegt angenehm in der Hand und ist werkzeuglos verstellbar. Die Bremskraft ist selbst im steilen Gelände ausreichend. Bei hoher Temperatur (unter anhaltender, extremer Belastung) erleidet die Bremse aber den Hitzetod. Der Aluminiumkern der Scheibe ist das schwächste Glied der Kette und schmilzt.

Technische Daten und Bewertung der Shimano Saint

Kriterium Wert
Preis¹ 660 Euro
Gewicht² / Größe 481 Gramm / 180 mm
Dosierbarkeit 6 von 6 Punkten
Standfestigkeit 3 von 6 Punkten
Bremskraft 4 von 6 Punkten
Ergonomie 6 von 6 Punkten

Details: Vierkolbenbremse mit Mineralöl, gesinterten Belägen und Kühlrippen an Scheiben und Belägen. Die Bremsscheibe mit Kühlrippen ist ausschließlich mit Centerlock-Aufnahme erhältlich. Mit I-Spec-B-Schalthebeln kombinierbar.

¹Der Preis bezieht sich auf einen kompletten Bremsensatz inklusive zwei 180-Millimeter-Bremsscheiben und den zur Montage nötigen Schrauben und Adaptern.
²Gewicht einer Vorderradbremse in Gramm inklusive Scheibe, Schrauben und Adapter

Die Bedeutung starker Bremsen

Wer bremst, verliert - aber wer später bremst, ist länger schnell. So oder so braucht es dafür eine geile Bremse. Fakt ist: Bikes werden immer potenter, die Strecken härter und wir schneller - da müssen auch die Bremsen mithalten. Wer richtig schnell sein will, muss auch schnell langsam werden können. In Erzählungen spielen immer nur die schnellste Zeit und das krasseste Tempo eine Rolle. Aber um dahin zu kommen, muss man auch genauso hart wieder verzögern können.

Starke Bremsen helfen, maximale Verzögerung auf den Boden zu bringen und die Kontrolle auf immer anspruchsvolleren Strecken zu behalten. Aber nicht nur für Racer und Sekundenjäger ist eine starke Bremse, die wenig Fingerkraft erfordert, wichtig. Gerade Einsteiger tendieren dazu, mehr auf der Bremse zu hängen - das geht nicht nur aufs Material, sondern auch auf die Unterarme. Wer viel Kraft zum Bremsen braucht, kriegt schnell Arm-Pump. Das kostet Sicherheit und zwingt euch dazu, langsamer zu werden oder sogar stehen zu bleiben, während eure Kumpels davon ziehen - mies. Die Lösung dafür lautet starke Bremsen, die dennoch gut zu dosieren sind.

Anforderungen an eine gute MTB-Scheibenbremse

Doch was zeichnet die beste MTB-Scheibenbremse eigentlich aus? Sie muss zuverlässig, einfach zu warten, leicht und am besten auch noch erschwinglich sein. Reine Power hilft nicht, solange sie nicht fein dosierbar ist.

Details zu Bremsflüssigkeiten: Mineralöl vs. DOT

Hydraulisch betätigte Bremsen bedeutet, dass diese die Kraft durch eine Flüssigkeit übertragen. Derzeit sind zwei Arten von Bremsflüssigkeit vertreten: Mineralöl und DOT. Der Vorteil von Flüssigkeiten: Sie lassen sich im Gegensatz zu Luft nicht komprimieren, die Kraftübertragung findet also nahezu verlustfrei statt. Aus diesem Grund ist auch penibles Entlüften - also kleinste Lufteinschlüsse aus dem Bremssystem zu entfernen - so wichtig. Noch ein Faktor: Bremsflüssigkeit siedet viel später als Wasser.

DOT-Bremsflüssigkeit kommt ursprünglich aus dem Kfz-Bereich. Kleiner Fun-Fact: Sie trägt den Namen vom US-Verkehrsministerium - Department of Transportation. Die DOT-Flüssigkeit ist in Nummern unterteilt, wobei hauptsächlich DOT 4 und 5.1 bei MTBs vertreten sind. Je höher die Zahl, desto höher ist die Siedetemperatur der Flüssigkeit. Das wichtigste Merkmal von DOT-Bremsflüssigkeit ist, dass sie hygroskopisch ist. Das heißt, DOT bindet Wasser (unter anderem aus der Luft) und bildet eine homogene Flüssigkeit. Dadurch ändern sich die Eigenschaften von DOT und der Siedepunkt (regulär bis zu 260° C) sinkt. Darum sollte die Bremsflüssigkeit regelmäßig getauscht werden. Zudem ist DOT gesundheitsschädlich und aggressiv gegenüber Lack, Haut und Klamotten. Hier macht nicht unbedingt die Menge, aber die Dauer das Gift: Spült man DOT gleich mit ausreichend Wasser ab, ist es kein Problem.

Mineralöl als Bremsflüssigkeit ist die Alternative zu DOT. Das Mineralöl wird aus Erdöl gewonnen und hat in der Regel einen niedrigeren Siedepunkt von 190° C. Es ist nicht gesundheitsschädlich oder schlecht für den Lack, nur der Kontakt mit den Bremsbelägen sollte unbedingt vermieden werden. Mineralöl zieht kein Wasser an, bindet es aber auch nicht: Wie beim Salatdressing schwimmt das Öl einfach oben - eine typische Emulsion.

Die Wahl der Bremsflüssigkeit obliegt in jedem Fall dem Hersteller, einfaches Wechseln zwischen den verschiedenen Flüssigkeiten ist nicht möglich. Dabei können Dichtungen und auch Bremsleitungen zu Schaden kommen. Der Einfluss aufs Bremsgefühl ist zudem marginal. Mineralöl sollte ebenso herstellerspezifisch gewählt werden, wie DOT nur mit der richtigen Nummer verwendet werden kann.

Bremsbeläge: Metallisch vs. Organisch

Prinzipiell gilt, dass jeder Bremsenhersteller auch seine eigenen Beläge anbietet. Meist sogar in unterschiedlichen Ausführungen. Zudem sind Nachrüst-Beläge von Drittherstellern wie z. B. Sinter, GALFER oder Kool-Stop verfügbar. Hiermit lässt sich häufig vergleichsweise günstig die Bremspower steigern. Zudem gibt es meist zwei Arten von Belägen: metallische und organische. Wobei sie sich in den Grund-Bestandteilen nicht unterscheiden. Diese sind Reibmaterial, Gleitmittel und Fasern.

Das Reibmaterial ist für die Reibung verantwortlich und erzeugt dadurch auch die Bremspower, die man am Ende spürt. Das Reibmaterial besteht aus einem Mix aus harten Materialien wie Metalloxiden und Carbiden und sorgt somit auch für den meisten Verschleiß an der Bremsscheibe. Das Gleitmittel wiederum versucht, den Verschleiß zu begrenzen und den Reibungskoeffizienten stabil zu halten. Die Fasern unterscheiden sich in organischen Materialien wie Kevlar und Carbon oder metallischen Materialien wie Kupfer oder Stahl.

Die Bedeutung der Bremsscheibe

Die Bremsscheiben für MTB-Bremsen bestehen alle aus Stahl - zumindest die Reibfläche, an der die Beläge anliegen. Die Dicke der Bremsscheiben variiert hingegen und ist vor allem mit der Wärmeableitung gekoppelt. Mehr Material kann mehr Hitze vom sensiblen Bremssattel abtransportieren. Shimano setzt zum Beispiel bei den XTR ICE-TECH-Bremsscheiben auf einen Kern aus Aluminium, der die Wärmeableitung und das Gewicht verbessern soll. Das Labor hat gezeigt: Die Sandwich-Struktur der Bremsscheibe ergibt Sinn und die Shimano XTR-Bremsen bleiben am kältesten. Besonders mit Sinter-Belägen wird der Effekt noch verstärkt.

Noch ein wesentlicher Unterschied bei den Bremsscheiben: Es gibt ein- und zweiteilige. Letztere sind auf einem „Stern“ in der Mitte vernietet und schwimmend gelagert. So wird verhindert, dass sich die Reibscheiben bei Wärme ungleichmäßig ausdehnen und verziehen können.

Praxiserfahrungen mit der Shimano Saint

Nach kurzer Einfahrzeit merkt man die enorme Power der Bremse. Die Bremsleistung ist wirklich auf höchstem Niveau. Weiterentwickelt hat Shimano allerdings die Art des Zupackens. Man kann die Bremse wirklich schön dosieren und spürt einen definierten Druckpunkt. Es ist also nicht mehr das digitale Bremsen der ersten Saint, was allerdings auch irgendwie seinen Reiz hatte. Die Saint ist also in jeder Lebenslage gut zu kontrollieren und für jeden empfehlenswert, allerdings wird ihr Einsatz durch ihr normal hohes Gewicht für einen solchen Anker wohl eher im Freeride und Downhill Sektor liegen- aber dafür wurde Sie schließlich auch entwickelt.

Letzte Woche stand dann noch der große Standfähigkeitstest bei der Bike-Attack in der Schweiz an, bei der 2000 Tiefenmeter am Stük zu bewältigen waren und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass niemand die Bremse in eine missliche Lage bringen kann. Selbst bei steilsten Stellen und längerem Anbremsen habe ich keinerlei Fading feststellen können und dazu die hohe Bremskraft, welche einen späten Bremspunkt möglich macht. Außerdem braucht man für diese tolle Bremswirkung nur eine sehr geringe Handkraft, was bei so einem Rennen natürlich Gold wert ist - schließlich will man ja nicht wegen nachlassender Kraft in den Fingern eine Kurve verpassen.

Einstellbarkeit und Wartung

Shimano liefert seine Bremsen nicht mit der wartungsaufwendigen Bremsflüssigkeit (zieht mit der Zeit Wasser und sollte alle zwei Jahre ersetzt werden), sondern mit Mineralöl, was Wartung überflüssig machen soll. Ein schönes Detail ist noch die Möglichkeit die Bremsleitung einfach abschrauben zu können ohne dass Öl aus dem Sattel austreten kann. Somit kann man die Leitung auch einfach im Rahmen verlegen. Ansonsten gibt’s noch die Möglichkeit die Griffweite zu variieren, allerdings wandert der Druckpunkt dann immer etwas mit, was mir nicht so gefallen hat. Wenn ich also den Hebel nah an den Lenker stelle, dann ist der Druckpunkt noch näher am Lenker, sodass er evtl. zu nah ist um noch ordentlich zu bremsen.

Fazit

Die Shimano XTR-Bremse ist eine gute, zuverlässige Bremse. Wer jedoch gerne regelmäßig harte Abfahrt unter die Räder nimmt, ist mit der Shimano Saint besser beraten.

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