Shimano Umrüstkit 11-fach: Test und Kombination mit älteren Kurbeln

Immer wieder stellt sich die Frage, ob es möglich ist, eine neue Shimano XT oder XTR 11-fach-Schaltung mit älteren 2- oder 3-fach-Kurbeln zu kombinieren. BIKE-Testleiter Christoph Listmann gibt Auskunft.

Kompatibilität von 11-fach-Kassetten mit älteren Kurbeln

Antwort von BIKE-Testleiter Christoph Listmann: "Die neue 11-fach-Kassette von Shimano funktioniert auch mit "alten" Kurbeln bzw. Kettenblättern, weil die Innenbreite der 11-fach-Kette gleichgeblieben ist. Auch auf die herkömmlichen 10-fach-Naben passt die Shimano-11-Gang-Kassette. Man braucht für den Umbau also 11-fach-Ritzelpaket, -Schaltwerk und -Schalthebel sowie die passende Kette. Unserer Erfahrung nach lässt sich die Shimano-Schaltung hinten mit denen unterschiedlichster Kurbelhersteller vorne kombinieren - also beispielsweise auch mit der 22/36-Kurbel von Sram, um einen leistungsfähigen Klettergang zu bekommen."

Mullet-Schaltungen: Road trifft MTB

Als Mullet-Schaltungen werden Schaltungskombinationen bezeichnet, die Road-Schalt-/Bremshebel mit MTB-Schaltkörpern kombinieren, um so die Übersetzungsbreite eines MTB zu nutzen, dabei aber ein „Breitreifen-Rennrad“ fahren zu können. Vokuhila: Vorne kurz heißt in diesem Fall ein Kranz mit 28, 30, 32 oder 34 Zähnen (oder weniger oder etwas mehr) und hinten lang durch Kassetten mit 11-50 oder 10-50/48.

Nein, für das normale Radreisen oder Bikepacking oder Graveln braucht es das sicherlich nicht. Bei Bikepacking-Rennen oder Events über mehrere Tage, wenn man wenig schläft und viele Höhenmeter auf schwerem Untergrund bewältigen muss, dann zahlen sich „Rettungsgänge“ in einer guten Untersetzung durchaus aus.

Jetzt kann man einwenden, dass es ja schon einige Gravelbikes gibt, die bereits diesen Anforderungen genügen und mit Kassetten von 11-42 oder 46 genügend Bandbreite bieten. Und Schaltungen wie die Shimano GRX sind ja eigentlich schon auf solche Einsätze ausgerichtet, und schalten hinten auch bis 46 Zähne (offiziell) bei 1×11. Allerdings läuft dann vorne ein 40er oder 42er Blatt, weshalb die begehrte Untersetzung nicht besonders groß ist.

Vorne kleinere Blätter (34, 32,30 oder gar 28) einzubauen ist manchmal nicht möglich, weil die Rahmengeo das nicht zulässt, die Innenlager in ihrer Breite (68 bis 70mm) auf Road ausgerichtet sind und nicht auf MTB (73mm) und entsprechende MTB-Kurbeln dann nicht einsetzbar sind. Und nun kann man erneut einwenden, dass es daher ja auch 2fach Schaltungen gibt, die einem durchaus alle Möglichkeiten geben.

Oft wird als Gegenargument eine geringere Bandbreite der Gänge im Vergleich zu 2fach Schaltungen angeführt, aber das stimmt nicht mehr so pauschal. Meine aktuelle 1fach Schaltung hat zum Beispiel eine Entfaltung Bandbreite von 500%, was völlig ausreichend ist. Im Vergleich dazu kommt eine normale GRX 1×11 auf 418%.

Um es noch mal klar zu stellen: Ein richtig oder falsch gibt es allerdings nicht. Wenn du, lieber Leser, also 2fach Fan bist, dann kannst du gerne weiterlesen, aber musst nicht.

Bei Mullet steht man vor einer großen Herausforderung: Leider kann man bei 11fach und 12fach Schaltungen nicht mehr MTB-Gruppen mit Road-Gruppen eines Herstellers beliebig kombinieren. Das hat meist mit den jeweiligen Federweg Schaltzug-Längen zu tun. Bei SRAM gibt es zum Beispiel die X-Actuation Technologie bei MTB Schaltungen und die Exact Actuation bei Road Schaltungen.

ABER: seit der Einführung der elektronischen Schaltungen ist das Thema der Gruppen-Unverträglichkeiten beseitigt. So lassen sich beispielsweise SRAM Road eTap AXS Schalt-/Bremshebel problemlos mit SRAM MTB AXS Schaltwerken kombinieren.

In meinem Fall bin ich einerseits ein Technikfan und würde mir gerne eine solche eTap AXS Schaltung als Mullet aufbauen. Habe ich bei meinem Bombtrack noch die 1fach Schaltung gescheut und es mit einer 2fach Schaltung aufgebaut, so wählte ich beim Aufbau des Salsa Fargo gleich von Anfang an eine 1fach Schaltung.

Zudem habe ich das Rad für den Atlas Mountain Race gebaut, weshalb es für die steinigen Trails und vielen Höhenmeter geeignet sein musste. Also kam für mich nur Mullet in Frage und wollte die 1×11 Kombination aus vorne ein Kranz mit 32 Zähnen und hinten eine Kassette mit 11-50 fahren. Mittlerweile habe ich drei verschiedene 1×11 Mullet-Varianten aufgebaut und bin diese gefahren.

Für das AMR habe ich auf die Kombination aus SRAM Rival Shifter vorne und dem Shimano XT Schaltwerk Shadow Plus RD-M8000 11-fach Long Cage gesetzt. Um die Road-Shifter mit dem Shimano MTB Schaltwerk funktionsfähig zu kombinieren, habe ich den Shiftmate 9 eingesetzt, der die unterschiedlichen Zuglängen ausgleicht. Dafür wird das Schaltkabel einmal im Shiftmate gerollt und dadurch umgeleitet, bevor es in das Schaltwerk eingeführt wird. Als Kassette kam die 11fach Sunrace 11-50 zum Einsatz.

Installation und Schaltperformance mit Shiftmate

Installation: Diese ist relativ einfach und für erfahrene Schrauber keine Herausforderung. Und mit ein bisschen Geduld auch für alle anderen. Einzig die richtige Kabelführung im Shiftmate kann etwas fummelig sein.

Schaltperformance: Die Einstellung der Schaltung erfolgt an der Einstellschraube am Schaltwerk. Durch den Shiftmate ist das aber manchmal etwas schwergängig. Die Schaltung an sich ist aber einfach einzustellen. Ich vermisse aber an der Shimano XT die Möglichkeit den Schaltkäfig für die Montage festzustellen, so wie es bei den SRAM Schaltwerken Standard ist.

Dennoch hat diese Kombination sich beim winterlichen Trainingswochenende im Spessart und später auf dem wilden Ritt durch den marokkanischen Atlas bewährt.

Bewertung: Gute Performance, wenn auch „kompliziertere“ Kombinationen von Marken und Modellreihen. Mit dem Shiftmate kommt natürlich ein zusätzliches Teil ins Systems, welches gleichzeitig auch eine potentielle Fehlerquelle sein kann. Aber es hat trotz extremer Verschmutzung und Beanspruchung gut funktioniert.

Alternative: SRAM Rival Schaltwerk mit Roadlink Adapter

Nachdem ein Stein in Marokko meiner erfolgreichen Shimano XT Mullet Kombination ein jähes Ende brachte, habe ich das zum Anlass genommen, um eine neue Idee auszuprobieren. Ich weiß, dass das SRAM Rival 1 Schaltwerk durchaus 11-46 ohne weitere Hilfsmittel schaltet. Tobias fährt so an seinem Fargo. Aber eine 11-50 schafft die Rival nicht ohne Hilfe.

Ja, eigentlich ist der Roadlink nur für Shimano Road Schaltwerke gedacht, aber ich habe das mal ignoriert. Der Roadlink Adapter von Wolf Tooth ist im Kern eine einfach Verlängerung des Schaltauges und setzt das Schaltwerk etwas tiefer. Dadurch ist es möglich, mit einem normalen Schaltwerk größere Kassetten schalten zu können.

Installation: Einfach den Roadlink an das Schaltauge schrauben (gerne mit etwas Locktide), dann daran das Schaltwerk anbringen. Fertig.

Schaltperformance: Das Schalten war ok, aber nicht so gut wie bei der XT. Das kann natürlich daran liegen, dass eben der Roadlink nur für Shimano Road Schaltwerke gedacht war und in diesem sensiblen Ausrichtungsbereich die Rival dann nicht optimal mit der Sunrace Kassette (11-50) zusammengearbeitet hat.

Ich habe dann aber mit der B-Skrew (die Schraube, mit der man den Abstand des Schaltwerks von der Kassette einstellt) und etwas Geduld eine ganz brauchbare Performance hinbekommen. Was mir nicht so gelungen ist, war die richtige Kettenlänge. Eine 116er Länge war etwas zu lang. Gekürzt um 2-3 Glieder zu kurz.

Zudem verändert sich das System dann, wenn die Kette sich gelängt hat. Ich habe aber auch nicht besonders viel Zeit darauf verwendet hier genau zu arbeiten, auch weil ich einfach ein System brauchte, dass halbwegs funktionierte.

Bewertung: Es war ok, das Schalten könnte aber etwas präziser und knackiger sein. Ich konnte damit meine Trainings und Touren fahren, aber mir war klar, dass es erstmal nur eine Übergangslösung war. Dabei habe ich es aber richtig belasten und alles ohne Probleme schalten können. Grundsätzlich halte ich den Roadlink für ziemlich gut und ein prima Tool, um mehr Kapazität aus Road-Schaltwerken zu holen.

Garbaruk: Design, Gewicht und maximale Bandbreite

Wenn man sich mit Mullet-Schaltungen beschäftigt und dabei Wert auf Design, Gewicht und maximale Bandbreite legt, kommt man nicht an den Produkten von Garbaruk vorbei. Das ukrainische Unternehmen hat sich einen Namen in der Herstellung von besonders leichten und haltbaren Stahl-Kassetten und Schaltungszubehör gemacht. Zudem sehen diese auch sehr stylisch aus.

Allerdings sind sie auch teuer, doch haben sie einen Vorteil: mit Garbaruk umgeht man die Road-MTB Kombinationsprobleme und kann auf zusätzliche Helfer komplett verzichten. Dafür installiert man nur die Garbaruk Schaltkäfige und Rädchen (separat und in verschiedenen Farben für Shimano oder SRAM Schaltkörper erhältlich) am Schaltwerk und kombiniert dieses dann mit einer Garbaruk 11fach Kassette, die eine Breite von 10-50 oder 10-48 hat.

Damit erweitert sich nochmal deutlich die Übersetzungsbreite und es bietet sich mit dem 10er Ritzel ein Gang fürs Ballern und mit dem 48er bzw. 50er Ritzel ein Gang für alle Fälle in den Bergen. Allerdings braucht es dafür ggf.

Installation: Hier ist etwas Erfahrung nötig, auch wenn Garbaruk ziemlich gute Tutorials dafür bietet. Zuerst muss vom alten Schaltwerk der Käfig abgebaut werden und der Garbaruk Käfig installiert werden. Dabei kommen auch die Garbaruk Rädchen mit 12/16 Zähnen (bei SRAM) zum Einsatz.

Der Schaltkäfig ist wichtig, da er quasi das Schaltwerk tiefer setzt, ohne es tiefer zu setzen und so ein 48er oder 50er Ritzel mit genug Abstand ansteuern zu können. Anschließend muss man den Naben-Freilaufkörper auf XD umbauen (geht eigentlich auch einfach) und installiert dann die Garbaruk Kassette der Wahl. Ist alles getauscht und angeschraubt setzt man das Hinterrad einfach ein und stellt die Schaltung ein. Das geht einfach und problemlos.

Schaltperformance: Ich mach es kurz: Ein Traum. Dafür muss man aber sich etwas Zeit zur Einstellung nehmen und schauen, dass die Kette optimal die Rädchen umschlingt (und dadurch nicht rutscht beim Antritt) und der Schaltkörper nah an der Kassette steht. Einmal eingestellt schaltet die Rival/Garbaruk schnell, präzise und reibungslos - selbst unter Last.

Nun bin ich gespannt, wie lange die Kassette und Kette halten. Ich werde nach 2.000km die Kette tauschen. Und dann mit zwei Ketten im Wechsel nach jeweils 2.000km fahren. Mein Ziel: die Kassette ca. 8.000km zu fahren. Der Preis von 200 Euro für die Kassette scheint auf den ersten Blick hoch zu sein, aber vergleichbare Kassetten von SRAM kosten ebenfalls soviel, wenn nicht noch mehr (bei 12fach) und können auf eine durchaus gute Lebensdauer verweisen.

Bewertung: Mein Favorit, wenn es um mechanische Mullet-Schaltungen geht. Ich bin sehr vom präzisen Schalten, der recht einfachen Installation (mit etwas Übung) und dem Konzept Garbaruk angetan. Nun bleibt abzuwarten, wie die Haltbarkeit ist und ob dieses Gesamtpaket den recht hohen Anschaffungspreis rechtfertigen.

Hinweis: Es ist auch möglich, ein Schaltwerk mit Garbaruk Schaltkäfig und Röllchen mit einer normalen MTB-Kassette, wie einer Sunrace oder Shimano XT oder SLX, zu fahren. Es muss also nicht eine teure Garbaruk Kassette sein.

Shimano MTB-Schaltungen im Überblick

Shimano Schaltungen gelten bei MTB-Sportlern seit Jahren als ausgereifte und stets verlässliche Schaltgruppen mit Top-Performance. Hier ein Überblick über die verschiedenen Modelle:

  • Shimano XTR M9100: Die Topgruppe mit 1x12 oder 2x12 Optionen und einer enormen Bandbreite von 10-51 Zähnen.
  • Shimano XTR M9000 Di2: Die erste elektronische Schaltung fürs Mountainbike, mit elektronischem Stellmotor am Schaltwerk.
  • Shimano XTR M9000: Die mechanische Ausführung der XTR, als Zweifach-Gruppe entwickelt, aber auch als 1x11-Gruppe angeboten.
  • Shimano XT M8100: Die Mittelklasseschaltung in einer 1x12-Version mit 10-51 Zähnen oder als 2x12 mit 10-45 Kassette.
  • Shimano XT M8000 Di2: Die elektronische Di2-Technologie auch für die Mittelklassegruppe XT, besonders sinnvoll für Zweifach-Antriebe.
  • Shimano SLX M7100: Günstiger und schwerer als die XT, aber in Sachen Funktion und Performance steht die SLX der Schwestergruppe nur in wenigen Dingen nach.

Vergleich von Shimano und SRAM Schaltungen

Längst geht es bei Mountainbike-Schaltungen nicht mehr um ein Duell der Systeme, sondern der Philosophien. Um etwas Licht in das Gewirr aus Übersetzungen und Modellen zu bringen, haben wir neun aktuelle Schaltgruppen von Shimano und Sram zum Vergleich geladen.

Wer stur aufs Gewicht schielt, wird meistens am Ende bei Sram landen. Zu deutlich wirkt sich das Wegfallen von Umwerfer und linkem Schalthebel auf der Waage aus. Doch dass 1 x 11 nicht unbedingt leichter sein muss als 3 x 10, zeigt das Duell von NX und SLX. Und in Sachen Bandbreite trennen die beiden Gruppen Welten: Während bei der NX bei 382 Prozent Schluss ist, hält die SLX mit der Kurbelabstufung 40-30-22 satte 595 Prozent bereit.

Einen deutlichen Schritt nach vorne machen die Einfach-Antriebe mit der Sram Eagle, die auf stolze 500 Prozent kommt. Und natürlich spricht auch die vereinfachte Schaltlogik für die Einfach-Antriebe. Biker können sich auf den Trail konzentrieren, anstatt sich Gedanken über die passende Schaltkombination aus Ritzel und Kettenblatt zu machen. Nur die hohen Anschaffungs- und Verschleißkosten bremsen den Hype um 1 x 12.

Durch das 12fach-Ritzel kann die Sram-Eagle-Gruppe der Shimano-2fach-Gruppe in Sachen Bandbreite fast das Wasser reichen. Die Übersetzung errechnet sich aus dem Quotienten aus Zähnen von Kettenblatt und Ritzel.

Kassette mit 50 Zähnen - Fährt man bei der Sram Eagle im kleinsten Gang, ergibt sich ein Wert von 64 %. Bei Shimano kommt man im Zweifach-Setup beim Klettergang auf 61 %. Zum Vergleich: Eine Dreifach-Kurbel (24/32/42) mit 36er-Ritzel liefert 66 %. Die Gangabstufung ist sehr ähnlich, wobei Shimano etwas feiner abgestuft ist.

Vergleichstabelle: Shimano und SRAM MTB-Schaltungen

Schaltung Typ Bandbreite Gewicht (ca.)
Sram XX1 Eagle 1x12 500% Leicht
Shimano XTR 2x11 2x11 Ähnlich wie Sram Eagle Etwas schwerer
Sram NX 1x11 382% Vergleichbar mit SLX
Shimano SLX 2x11 529% Vergleichbar mit NX

Volle Bandbreite, ausreichende Abstufung, vereinfachte Schaltlogik, cleanes Cockpit, geringes Gewicht - mir fallen nur Argumente ein, die für den 1x12-Antrieb sprechen. Vom Preis mal abgesehen - aber auch dieses Problem sollte sich mit einer günstigen Eagle-Gruppe bald von selbst lösen.

Marathons, Hometrails und schnelle Touren in den Voralpen: Mir sind 420 Prozent Bandbreite der Einfach-Antriebe zu wenig. Zudem sind mir fein abgestufte Gänge wichtig. Deshalb sind für mich Zweifach-Antriebe die Lösung.

Für mich sind Dreifach-Übersetzungen Schnee von gestern. Moderne 11fach-Kassetten mit 11-42 Zähnen machen das dritte Kettenblatt an der Kurbel überflüssig. Die SLX 2x11 hat mit 529 Prozent Bandbreite genügend Gänge parat, um jede Lebenslage auf dem Bike zu meistern.

Wer nicht auf jedes Gramm schielt und auf die neuesten Kniffe der Hersteller verzichten kann, schaltet mit diesen Komponenten lange zuverlässig - ohne die Urlaubskasse plündern zu müssen.

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