Die meisten qualitativ hochwertigen Räder sind mit hydraulischen 2-Kolben-Scheibenbremsen ausgestattet. Bei einer hydraulischen Bremse wird die am Bremshebel angelegte Kraft über eine (Brems-)Flüssigkeit (DOT oder Mineralöl) an den Bremskolben weitergegeben. Je stärker man den Bremshebel nach hinten zieht, desto mehr wird die Flüssigkeit vom Geberkolben im Bremsgriff bewegt.
Folglich werden auch die Nehmer- oder Bremskolben weiter rausgedrückt und erzeugen somit größere Klemm- bzw. Bremskräfte an der Bremsscheibe. Das Prinzip von 4-Kolben-Bremsen ist das gleiche wie bei 2-Kolben-Bremsen, nur dass anstatt zwei vier Kolben bewegt werden. Dadurch haben sie bei gleicher Hebelkraft mehr Bremspower als 2-Kolben-Scheibenbremsen. Das ist zuerst einmal recht klar und logisch, da 4 Kolben mehr Kraft aufbringen können als 2.
Die Kunst bei 4-Kolben-Bremsen ist es aber nicht, einfach die Kolbenkraft und somit den Anpressdruck zu erhöhen, sondern die Kraft der zwei Kolben gleichmäßig auf einen Bremsbelag zu verteilen. Die höhere Bremskraft einer 4-Kolben-Bremse kommt hauptsächlich nicht durch den höheren Druck zustande, sondern durch die größere Reibfläche der Bremsbeläge.
Problematik bei 4-Kolben-Bremsen
Ein Problem bei 4-Kolben-Bremsen ist, dass sich der Belag „reinzieht“. Sobald der Belag an der ausläufigen Seite Kontakt mit der rotierenden Scheibe hat, zieht dieser sich selber an die Bremsscheibe. Wären jetzt die beiden Bremskolben gleich groß, würden sich die Kräfte des “Reinziehens“ mit den Kräften des Bremskolbens addieren. Somit hätte der Belag an der Einlaufseite der Scheibe einen höheren Anpressdruck als an der ausläufigen Seite.
Durch die unterschiedlichen Anpressdrücke würde der Belag anfangen zu flattern, d. h. sich ganz kurz vom Belag abheben und wieder zurückspringen. Dadurch würde die Bremse ruckeln und/oder quietschen. Die Folge wäre, dass die Bremse nicht ihre volle Bremskraft entfalten kann und quietscht und/oder ruckelt. Den gleichen Effekt kennen die Erfahreneren unter euch vielleicht noch von V-Brakes. Deshalb wurden die Bremsbeläge auch immer etwas angewinkelt montiert.
Um unterschiedliche Anpressdrücke zu verhindern, haben 4-Kolben-Bremsen an der Einlaufseite der Scheibe einen kleineren Kolben. Der kleine Kolben bringt weniger Kraft auf als der große und somit tritt das oben beschriebene Problem nicht auf.
Die richtige Bremse für den individuellen Einsatz
Der aufmerksame Leser fragt sich jetzt vielleicht, welche Bremse die bessere für ihn ist. Diese Frage ist leider nicht eindeutig zu beantworten, da hier viele Faktoren eine Rolle spielen. Um die richtige Bremse zu wählen, sollte man sich zuerst mal im Klaren sein, wo die Bremse eingesetzt wird. Eher im Cross Country oder in Richtung Gravity.
Generell kann man sagen, dass 4-Kolben-Bremsen mehr Bremspower bei gleicher Hebelkraft aufbringen. Somit sind sie eher für die abfahrtslastigen Fahrstile geeignet. Das heißt aber nicht, dass ein Downhiller automatisch eine 4-Kolben-Bremse fahren muss. Viele fahren aufgrund des geringeren Gewichts auch 2-Kolben-Bremsen am Downhiller. Bei der Auswahl der richtigen Bremse sollten aber auch das eigene Gewicht und die ggf. schon vorhandene Größe der Scheiben beachtet werden.
Shimano XT BR-M8020 Vierkolbenbremse im Detail
Shimano präsentierte im Rahmen der Eurobike 2017 die neue Shimano XT Scheibenbremse BR-M8020. Der neue Vierkolbenbremssattel, den der Hersteller von einer bestehenden Vierkolbenbremse übernahm und somit mit bewährter Technik die XT-Familie erweitert, spricht aggressive Trailrider sowie eMTB-Fahrer an, die hohe Bremskraft bei guter Dosierbarkeit suchen.
Während Shimano beim Bremshebel auf den bewährten XT M8000 Bremsgriff setzt, liegt das neue voluminöse Gehäuse des Vierkolbensattels schwer in der Hand und erklärt das Mehrgewicht von ca. 30 g pro Bremssattel zur Shimano BR-M8000 (Bremshebel und Leitung sind die Gleichen). Die Kühlrippen der IceTec Beläge und die Kühlhülse am Ansatz der Bremsleitung, zur besseren Wärmeableitung, veranschaulichen noch mehr, dass größter Wert auf Haltbarkeit und Bremskraft gelegt wurde.
Der kurze, ergonomische Bremshebel liegt gut in der Hand, ist angenehm abgerundet und hat eine werkzeuglose Hebelweiteneinstellung. Die Verstellung des Leerwegs (Druckpunkt) wird über eine Kreuz-Schlitzschraube vorgenommen. Die zweite Generation I-Spec erlaubt es den Schalthebel und Bremsgriff an einer Klemmschelle zu montieren, trotzdem ist eine unabhängige Ausrichtung beider Komponenten möglich. Das funktioniert unwahrscheinlich gut, spart Gewicht und das Cockpit sieht aufgeräumt aus.
Aufbau und Funktionsweise der Vierkolbenbremse
Was unterscheidet eine Vierkolbenbremse von einer Zweikolbenbremse? Das Prinzip einer hydraulischen Vierkolbenbremse ist das gleiche Prinzip wie bei einer herkömmlichen hydraulischen Zweikolbenbremse, wie sie an den meisten Mountainbikes zu finden ist. Dabei wird der Trägerstoff (Mineralöl oder DOT) über eine angelegte Kraft am Bremshebel von dem Geberkolben zum Bremskolben weitergegeben.
Je mehr Flüssigkeit vom Geberkolben in das System gedrückt wird, desto weiter werden die Bremskolben hinausgedrängt und der Anpressdruck der Bremsbeläge auf die Scheibe erhöht sich. Bei einer Vierkolbenbremse drücken, anders als bei der Zweikolbenbremse, je zwei Kolben, mit unterschiedlichem Durchmesser, auf einen Bremsbelag.
Das gewährt eine bessere Flächenpressung bei größerer Reibfläche der Bremsbeläge und bewirkt so die höhere Bremskraft. Darüber hinaus kann ein Vierkolbenbremssattel Hitze, die vor allem beim Bremsen auf längeren Abfahrten entsteht, über die größere Fläche des Bremssattels besser abführen. Begünstigt wird das schnelle Abführen von Hitze durch Beläge und Bremsscheibe mit IceTech Technologie und langer Kühlhülse am Ansatz der Bremsleitung.
Montage und erster Eindruck
Shimano ist für eine problemlose Montage bekannt und so geht es auch bei diesem Modell gewohnt leicht von der Hand. Der Shimano-Bremsgriff lässt sich durch die geteilte Klemme, ohne Demontage der Griffe, schnell montieren. Auch gelingt das schleiffreie Einstellen des Bremssattels durch einen großen Spalt zwischen Scheibe und Belägen schnell.
Das Kürzen der Leitung und damit verbundene Entlüften der Bremse erweist sich dank Shimanos One-Way Entlüftung als äußerst effektiv. Befüllt ist die Bremse mit Mineralöl, welches umwelt- und hautfreundlicher ist als das von der Konkurrenz verwendete Dot.
Test auf dem Trail
Bevor ich die neue Bremse auf dem Trail testen konnte, bremste ich die neuen „Resin“-Beläge zunächst auf einer Asphaltstraße ein. Moderates Einbremsen ist wichtig, um Bremsscheibe und Bremsbelag aneinander zu „gewöhnen“. Erst wenn ein Materialaustausch von Scheibe und Belag stattgefunden hat, erzielt eine Bremse hohe Reib- und gute Verschleißwerte und die Bremse steht verlässlich und kraftvoll zur Verfügung.
Erst danach ging es auf nasse und steile Trails im Teutoburger Wald. Hier war weniger die maximale Bremskraft gefordert, vielmehr musste durch ein dosiertes Betätigen des Bremsgebers die Bremskraft so generiert werden, dass der Reifen viel Traktion auf den Boden bringt. Kontrollierte Verzögerungen lassen sich mit niedrigen Fingerkräften über die ergonomischen, kurzen Hebel einleiten, sodass die Gratwanderung zwischen Traktion und Traktionsverlust gelingt.
Schließlich ist die Bremskraft einer Bremse nur nutzbar, wenn sie vom Fahrer dosiert werden kann und nicht unmittelbar zum Blockieren der Reifen führt. Kommt es zur brenzligen Situation, in der die Bremse den Fahrer schnell und sicher zum Stehen bringen muss, ermöglicht die gleichmäßige Modulation der Bremsleistung dosierbare Standfestigkeit, um auch schwerere Fahrer sicher und schnell zum Stehen zu bringen.
Um maximale Standfestigkeit und Bremspower zu erreichen, empfehle ich am Vorderrad eine 200 mm Bremsscheibe zu montieren. Insbesondere auf langen Abfahrten macht sich die Servo Wave Technologie positiv bemerkbar. Diese spart viel Kraft, da durch eine Übersetzung der Hebelkraft nur geringe Fingerkräfte benötigt werden.
So wandern die Bremsbeläge zu Beginn des Bremsvorgangs zügig zur Bremsscheibe und verfügen dann immer noch über einen großen Teil des Hebelweges - um die Bremskraft gezielt zu dosieren. Wer maximale Bremspower braucht, der ist mit Shimanos Vierkolbenbremse bestens bedient!
Lohnt sich der Umstieg auf die Vierkolbenbremse?
Nach einmonatigem Testzeitraum liefert die Shimano XT Scheibenbremse BR-M8020 keinen Grund zur Beanstandung. Die organischen „Resin“-Beläge geben sich trotz Nässe unauffällig leise und zeigen keinen übermäßigen Verschleiß. Auch findet keine Luft in das System.
Ergonomische Bremshebel, Standfestigkeit und Fertigungsqualität genügen höchsten Ansprüchen - Shimano liefert hier also erneut ein Spitzenprodukt in gewohnter Qualität ab. Die Shimano BR-M8020 Vierkolbenbremse empfiehlt sich meines Erachtens bestens Bikern, denen maximale Bremskraft und Fading-Sicherheit besonders wichtig sind.
Für das sehr geringe Mehrgewicht zur Shimano BR-M8000 Zweikolbenbremse wird man durch noch mehr Bremskraft bei hervorragender Dosierbarkeit entschädigt.
Mythen und Fakten rund um MTB-Scheibenbremsen
- Mythos Nummer 1: Einbremsen ist unnötig. Falsch!
- Mythos Nummer 2: Eine Vierkolbenbremse ist stärker als eine Zweikolbenbremse. Auch falsch.
- Mythos Nummer 3: Mit der falschen Bremsflüssigkeit zerstört man die Bremse. Stimmt!
- Mythos Nummer 4: Wenn die Bremse stinkt, sind die Beläge verbrannt. Nein, im Gegenteil.
- Mythos Nummer 5: Organische Beläge sind stärker als Sinter-Beläge. Es kommt drauf an.
- Mythos Nummer 6: Sinter-Beläge halten länger als organische. Nein.
Alternativen und weitere Überlegungen
Neben den Shimano Bremsen gibt es auch noch weitere Hersteller, die interessante Alternativen anbieten. Dazu gehören unter anderem:
- Trickstuff Direttissima
- Shimano Saint
- Magura MT7
- SRAM Guide
- Avid Code R
Fazit
Die Shimano XT überzeugt mit gutem Preis-Leistungs-Verhältnis, starker Power und gutem Feeling. Auf dem Trail zeigt sie keinen spürbaren Unterschied zum teureren XTR-Topmodell, bietet jedoch Sparpotenzial von über 200 €. Das Handling ist einfach, sowohl beim Einstellen als auch beim Entlüften.
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