Shimano XTR Bremsklötze im Test: Eine umfassende Analyse

Die Shimano XTR-Gruppe, einst ausschließlich für den Cross-Country-Rennsport konzipiert, umfasst heute auch die Highend-Vierkolben-Bremse der Japaner. Hinter den Kürzeln BL-M9120 (Geber) und BR-M9120 (Nehmer) verbirgt sich eine Bremse, die von vielen Stars in der Enduro- oder Downhill-World-Series eingesetzt wird.

Aufbau, Details & Gewicht

Die M9120 überzeugt mit einem brillanten Finish, famosem Formfaktor und einem sehr geringen Gewicht. In dem (Alu-)Guss hausen zwei Keramikkolben mit 15 mm Durchmesser und zwei mit 17 mm, was beste Modulation verspricht. Die neusten Ice-Tech-Freeza-Scheiben (RT-MT900) mit fünf geraden Stegen gibt es nur mit Centerlock. Es wurde auf die leichte Variante RT-MT905 zurückgegriffen. Spezialität beider ist neben Kühlflächen der Alu-Kern zwischen zwei Stahlaußenlagen. Shimano führt aber auch reine Stahlrotoren im Programm. Zwei, mit Kühlfinnen versehene Beläge dienen sich der XTR an, einer metallisch, einer organisch.

Montage & Setup

Die XTR wird entlüftet, aber nicht endmontiert geliefert. Sattel und Leitung sind unverbunden, Letztere ist per Stopfen gesichert und muss nur durch den Rahmen gezogen werden. Der Anschluss an den Nehmer erfolgt in der Regel ohne Mineralölverlust, sodass kein Entlüften nötig ist. Falls doch, wirkt dieser Vorgang via Trichter wenig zeitgemäß. Die Hebelweite lässt sich per Drehrad top einstellen, was für die "fuzzelige" Leerwegschraube nicht gilt. Das Andocken von Shimano-Shiftern glückt leicht mittels I-Spec-EV-Technik, für Sram-Hebel bzw. die der meisten Vario-Sattelstützen braucht es Adapter von Fremdanbietern. Da sich die Axialpumpe zusätzlich und nahe des Griffs am Lenker abstützt, ist für weitere Schellen auch nicht viel Platz.

Ergonomie & Dosierbarkeit

Die Ergonomie verdient höchstes Lob. Wie kaum ein anderer umgarnt der kompakte XTRHebel den Finger. Dass der nicht mehr wie bei der M9020 aus Carbon besteht, macht die Dosierung im Vergleich zur genialen Vorgängerin einen Hauch weniger sensibel, dafür fühlt sich alles steifer, direkter an. Altbekannt bei Shimano ist die Servo-Wave-Technik: Man überbrückt erst schnell den Leerweg, um die Beläge zur Scheibe zu führen. Danach steigt der Übersetzungsfaktor, die Kennlinie wird deutlich progressiver. Wer der XTR noch etwas mehr Biss entlocken will, greift nicht zu den organischen Standard-, sondern zu den zupackenderen Sinter-Belägen.

Bremskraft & Standfestigkeit

Obwohl nicht mit größten Kolben bestückt, bringt die XTR richtig "Zug" auf die Disc. Nur mit der Cura4 und der MT7 konnten wir im Vergleich ein paar Zentimeter später "in die Eisen langen", aber mehr Power, als die M9120 bereitstellt, benötigt man eigentlich nie. Dazu beherrscht Shimano das Thema Konstanz, die Bremse fühlt sich jeden Tag gleich an. Bei langen, harten Abfahrten macht sich spät und unkritisch, dezentes Fading bemerkbar. Die in einigen Tests wortwörtlich heraufbeschworenen Probleme mit dem Alu-Kern der leichten Discs hatten wir nie. 2,00 statt 1,80 mm Dicke wäre dennoch besser.

Beläge

Neben anderen passenden Belägen haben die Japaner vor allem die für die neuste Generation ihrer Vierkolben-Bremsen entwickelten Beläge mit charakteristischen Kühlfinnen im Programm. Getestet wurden der mitgelieferte, organische Belag (N03A-RF) und der metallische (N04C-MF). Ersterer lässt sich feiner dosieren, der gesinterte greift eine Spur beherzter zu.

Tuning

Seit Einführung der Ice-Tech-Scheiben vor bald 15 Jahren sorgen diese für Diskussionen. Wie im Testbericht beschrieben, gab es aber nie Probleme mit einer Alu-"Kernschmelze" oder Delamination. Wer den Hightech-Rotoren dennoch nicht traut, findet bei Shimano selbst Alternativen. Ein "cooler" Tipp sind die 2,00 mm dicken Shark-Scheiben von Galfer, die mit ihren Kühlfinnen prima zum Konzept der XTR passen.

Test-Fazit

Die Shimano XTR ist die teuerste und gleichzeitig leichteste Shimano-Bremse im großen Vergleichstest. Die Shimano XTR Vierkolbenbremse ist vor allem an High-End- und Leichtbau-Bikes zu finden. Optisch sieht die XTR ihren günstigeren Verwandten sehr ähnlich. Nur die Farbe und die Bremsscheibe unterscheidet sie von der Shimano XT. Zudem ist die Lenkerschelle für eine zusätzliche Gewichtseinsparung ausgefräst. Ansonsten ist die einteilige Klemmung identisch einfach in der Handhabung: Nach Lösen der Schraube und Drücken des Sicherheits-Pins klappt die Schelle auf und kann am Stück abgenommen werden. Das Shimano-eigene System „One-Way-Bleeding“ sorgt dafür, dass sich keine Luftblasen im System festsetzen. So genügt es in der Regel, den Trichter mit Mineralöl auf die Gebereinheit zu schrauben und einige Male den Bremshebel zu betätigen.

Die Shimano XTR-Bremsen beißen auf dem Trail sehr stark zu und zeigen ein nahezu ähnliches Bremsgefühl wie die Shimano XT. Der Leerweg ist leichtgängig und der Druckpunkt knackig und „kurz“ im Vergleich zu den Modellen von SRAM, Hope oder Trickstuff. So setzt die Power direkt zu Beginn des Druckpunkts stark ein und ist dann mit Fingerspitzengefühl gut dosierbar. Im Labor zeigt sich, dass die Shimano XTR noch einen Tick kräftiger zubeißen als die Konkurrenten im Test - sie muss sich nur hinter SRAMs neuem Bremsanker MAVEN einreihen. Außerdem ist die Bremstemperatur 35° C niedriger als bei der XT, was auf die zweiteiligen Rotoren mit Aluminiumkern zurückzuführen ist - obwohl das Bremsmoment das gleiche ist. Das hilft gegen Fading auf langen, steilen Abfahrten.

Das Alleinstellungsmerkmal der Shimano XTR-Bremsen ist das hohe Maß an Leichtbau, zusätzlich kombiniert mit sehr starker Power. Die Shimano XTR ist eine sehr gute Bremse und vereint Bremskraft, leichte Wartung und Handling mit geringem Gewicht. Innerhalb des Testfelds ist der Preis mit 630 € dafür immer noch sehr fair.

Die neuen Bremsen sollen eine konsistentere Bremsleistung und bessere Modulation ermöglichen. Während die Vierkolben-Variante weiterhin im Trail- und Enduro Einsatz findet, siedelt sich die Zweikolben-Version im XC-Bereich an. Preislich liegt ein Vierkolbenbremse-Set ohne Scheiben bei ca. 620 € und bringt rund 620 Gramm auf die Waage.

Der Drehpunkt des Alu-Hebels ist näher an den Lenker gewandert und hat eine leicht nach oben gebogene Hebelform bekommen, was die Ergonomie verbessern soll. Die Hebelweite könnt ihr - wie beim Vorgänger - werkzeuglos verstellen. Das Verstellrädchen ist dabei formschön im Alu-Hebel integriert und lässt sich auch mit Handschuhen leicht drehen. Eine Druckpunktverstellung gibt es allerdings nicht.

Zum neuen Hebel gesellt sich der ebenfalls neue XTR BR-M9220 Bremssattel, der in seinem von uns getesteten Vierkolben-Design für den Trail- und Enduro-Einsatz gedacht ist. Dabei kommen zwei unterschiedliche Kolbendurchmesser zum Einsatz, womit der Hersteller eine verbesserte Dosierbarkeit verspricht. Auch ist im Bremssystem eine neue Bremsflüssigkeit mit geringerer Viskosität vorhanden, die nicht rückwärtskompatibel ist, denn es werden andere Dichtungen dafür benötigt. Ebenfalls neu: Der gesamte Bremssattel wurde aus einem Teil gefertigt, was die Steifigkeit optimieren und das Gewicht senken soll.

Kombiniert war sie vorne und hinten mit Shimano ICE-TECH-Bremsscheiben in 203 mm Durchmesser, welche kein Update bekommen haben. Auf dem Trail liefert die XTR-Vierkolbenbremse die gewohnt starke Brems-Performance, übertrifft ihren Vorgänger aber nicht in dessen Power. Geblieben ist auch das typisch digitale Bremsgefühl von Shimano, was sich mit der neuen XTR-Reihe allerdings etwas besser dosieren lässt und kein direktes Klicken erzeugt, wie man es vom Vorgänger kennt. Insgesamt überzeugt die neue Shimano XTR-Vierkolbenbremse weiterhin mit guter Bremspower, ohne dabei in irgendwelchen Belangen besonders positiv oder negativ herauszustechen.

Die neue Shimano XTR M9220-Vierkolbenbremse liefert eine feinere Dosierbarkeit, ohne den gewohnt digitalen Charakter und die starke Bremsleistung seines Vorgängers zu verlieren. Das neue und formschön integrierte Verstellrädchen funktioniert gut, jedoch klappern die zu nah am Lenker laufenden Leitungen gegen den Rahmen und die neuen gebogenen Bremshebel erfordern etwas Umgewöhnung.

Bremsbelagtest

Die Reibflächen der Bremsbeläge entscheiden im Ernstfall über Wohl oder Wehe. Es wurde getestet, welche Pads die Hitzeschlacht auf dem Trail am besten überstehen.

Bissig, fein zu dosieren, standfest und verschleißarm - so mögen wir unsere Bremsbeläge am liebsten. Die Beläge müssen hitzebeständig sein, weil die Reibflächen teils Temperaturen um 500° Celsius ausgesetzt sind. Idealerweise dürfen die Beläge nur wenig Hitze an den Bremssattel übertragen, damit die Bremsleistung nicht abfällt. Es wurde getestet, welchem Belag der Mix aus Power, Modulierbarkeit, Standfestigkeit und Verschleißarmut am besten glückt, und haben 14 organische und sieben gesinterte Beläge zum Test eingeladen - jeweils für die aktuelle Generation der beliebten Shimano-Bremsen (Deore, SLX, XT, XTR), wobei die Praxis- und Labortests mit mehreren Sätzen XT-Stoppern durchgeführt wurden. Die Ergebnisse lassen sich aber bedenkenlos auf andere Bremsen übertragen, da die Reibmischungen der Nachrüstbeläge in der Regel identisch sind.

Die Beläge wurden bis zur Grenze der Belastbarkeit getrieben. Die Teststrecke war die extrem steile Schotterstraße von der Bergstation der Giggijoch-Bahn bis nach Hochsölden. 200 Meter fällt die Piste auf dem ersten Kilometer in die Tiefe. Tatsächlich überforderten die 20 Prozent Gefälle mit Dauerbremsen mehrere Beläge, sodass deren Bremsleistung rapide abnahm. In der Realität sind MTB-Bremsen eher einem Wechsel aus Ruhephase und Belastung ausgesetzt wie auf dem zweiten Teil der Teststrecke: dem "Traien Trail". Benotet wurde in der Praxis die Dosierbarkeit (20 Prozent der Endnote) und die Standfestigkeit (30 Prozent). Zudem wurde nach einer stets identischen Anzahl von Fahrten das Verschleißbild (20 Prozent) ausgewertet.

Die Bremskraft wurde im Labor des Technikum Wien gemessen: einmal bei trockener Bremse, einmal bei nassem System. Die Bremskraft macht 20 Prozent (trocken) bzw. 10 Prozent (nass) der Endnote aus, wobei bei der Trockenkraft die Praxiseindrücke mit einfließen ließen.

Unser Test zeigt, dass sich "Weisheiten" über die Belagmischungen nicht immer verallgemeinern lassen. So haben die gesinterten Beläge ihre organischen Pendants in Sachen Standfestigkeit nicht wie erwartet abgehängt. Ebenso wenig haben wir die per se bessere Dosierbarkeit der organischen Beläge stets gespürt.

Die meisten Nachrüstbeläge (wie die Original-Shimanos) zeigen gute bis sehr gute Eigenschaften.

Im Test wurden Bremsungen bei 30 bis 70 km/h durchgeführt. Anschließend musste sich jede Bremse bei einer Dauerbremsung von oben bis unten beweisen. Um die Verzögerung aller Bremsen vergleichen zu können, wurde jede mit einer 200/203 Millimeter Scheibe bestückt.

Die M9120 ist eine Bremse, vollgepackt mit Innovationen. Die Bremsbeläge verfügen zur besseren Wärmeableitung über Kühlrippen, die Kolben sind aus Keramik, und die Servo Wave Technologie am Bremshebel ermöglicht eine effiziente Nutzung des Hebelwegs. Die Bremsscheibe ist in Sandwichbauweise mit einem Aluminiumkern gefertigt, ebenfalls um die Wärmeableitung zu verbessern. Die Scheibe sticht zudem durch ihr geringes Gewicht aus der Masse hervor. Zur individuellen Anpassung lassen sich am Bremshebel Hebelweite und Druckpunkt einstellen.

Top, wie von Shimano Bremsen gewohnt, ist die perfekte Hebelergonomie. Der Druckpunkt ist definiert, die Leistung gut dosierbar und hoch. Bei Vollbremsungen ab 50 km/h aufwärts setzt deutliches Fading ein. Bei diesen Bremsversuchen verschenkte die XTR auch den Testsieg, da sich ein Belag von der Trägerplatte löste. Bei einer Wiederholung des Tests gab es aber keine Probleme mehr.

Ein bekanntes Verhalten von Shimano Bremsen ist das merkliche Wandern des Druckpunkts - so auch bei der XTR. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre … hätte die Shimano XTR M9120 den Testsieg geholt. Die Bremse ist in allen Belangen top, doch der Ausfall des Belages hinterlässt einen faden Beigeschmack.

Weitere Testdetails

Unter Fading versteht man das unerwünschte Nachlassen der Bremsleistung bei zunehmender Hitzeentwicklung. Ein Flip-Flop-Hebel kann am Lenker sowohl links als auch rechts montiert werden. Als Druckpunkt bezeichnet man den festeren Punkt, den man am Bremshebel fühlt, wenn die Beläge an die Scheibe anstellen. Der dazu nötige Hebelweg kann teilweise eingestellt werden.

Sie bestehen aus Fasern organischer Stoffe, die aus Gummi, Glas, Carbon bzw. Kevlar und Twaron gewonnen werden. Der Name leitet sich vom Herstellungsverfahren, dem Sintern, ab. Dabei werden unterschiedliche Materialen wie beispielsweise Keramik und Metalle in Granulatform unter hoher Temperatur und starkem Druck miteinander verpresst.

Testergebnisse

Im Labor mussten sich 18 Paarungen beweisen. Nicht alle überzeugten. Von jedem Belagmodell wurden drei Paar auf unserem hauseigenen Bremsenprüfstand getestet - zwei im Verschleißtest und eins zur Ermittlung der Bremskraft sowie der Wärmestandfestigkeit. Jeder Belag wurde auf dieselbe Weise sorgfältig eingebremst, bis die Bremskraft ein konstantes Niveau erreichte. Getestet wurde auf drei Bremsen mit originalen 180-mm-Bremsscheiben. Bewertet wurden die Beläge jeweils nur individuell für das getestete Bremsmodell.

Verschleißtest

Jeder Belag absolvierte 1000 Trockenbremsungen mit circa 315 N Bremskraft (Radumfangskraft) - etwa zwei Sekunden bei 45 km/h. Vor und nach dem Test wurden die Beläge genau vermessen.

Bremsleistung

Über je drei Trocken- und Nassbremsungen wurde die Bremskraft bei 80 N Handkraft gemittelt. Im anschließenden Wärmestandfestigkeitstest wurde die Bremskraft schrittweise bis zur Belastbarkeitsgrenze erhöht. Die Bewertung fasst die Bremskraft und die Wärmestandfestigkeit zusammen.

Testergebnisse im Überblick

Die folgende Tabelle fasst die Testergebnisse verschiedener Bremsbeläge in Kombination mit der Magura MT6 und Shimano Deore XT zusammen:

Bremsbelag Bremse Bremskraft (Trocken) Bremskraft (Nass) Verschleiß Bewertung
Kool-Stop D160 Magura MT6 319 - 13,6 % SEHR GUT
Kool-Stop D160S Magura MT6 368 - 27,8 % SEHR GUT
Magura 7.C Magura MT6 352 - 53,9 % GUT
Magura 7.P Magura MT6 349 - 29,8 % SEHR GUT
Swissstop Disc 30 Magura MT6 348 - 30,6 % GUT
Swissstop Disc 30 E Magura MT6 230 - 22,3 % GUT
Reverse Air-Con Shimano Deore XT 263 - 20 % GUT
Reverse Disc Organic Shimano Deore XT 317 - 41,9 % BEFRIEDIGEND
Shimano G02A Shimano Deore XT 356 - 9,3 % SUPER
Shimano J02A Shimano Deore XT 351 - 10,4 % SUPER

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