Sitzbeinhöcker Schmerzen beim Radfahren: Ursachen und Behandlung

Sitzbeschwerden gehören zu den Hauptproblemen bei Radsportlern, egal ob Profi oder Jedermann. 60 % aller Radfahrer klagen darüber, der Rest ignoriert den Schmerz meist weg. Kritisch wird es, wenn sich aus den Sitzproblemen mehr entwickelt. Insbesondere zum Saisonende sollte man die Bike-freie Zeit nutzen, um sich mit dem Hintergrund der persönlichen Sitzbeschwerden in Ruhe zu beschäftigen.

Ursachen von Sitzbeinhöcker Schmerzen beim Radfahren

Das Gesäß muss einen Großteil des Gewichts tragen. Die wenigen Quadratzentimeter, die als Sitzfläche dienen, werden somit einer hohen Druckbelastung ausgesetzt - Probleme sind vorprogrammiert. Wie kommt es nun zu dem besagten Schmerzen an der Sitzfläche? Besonders bei langen Fahrrad-Ausfahrten und MTB-Touren werden die Haut, die Sitzknochen und der Dammbereich gereizt. Wenn dann auch noch bei schlechtem Wetter Feuchtigkeit und Dreck hinzukommen, reibt es die Haut buchstäblich auf, wunde Stellen sind die Folge.

Feuchtigkeit und ordentlich Reibung - bei solchen Bedingungen verschleißt nicht nur die Technik am Mountainbike im Zeitraffer. Der Schmerz bei den ersten Ausfahrten nach der Winterpause ist weitestgehend unproblematisch. Die Knochenhäute der Sitzknochen müssen sich erst wieder an das Sitzen im Sattel gewöhnen - hat man auch noch einen neuen Sattel drauf, so ist das alles völlig normal. Nach einigen Ausfahrten hat man sich an den Sattel gewöhnt, nach vier bis fünf Wochen sollte man hier keine Probleme mehr haben.

Unangenehm sind dagegen die ständigen Taubheitsgefühle im Genitalbereich, welche aus zu hohem Druck im Dammbereich resultieren. Hat man diese Probleme, so sollte man seine Sattelstellung überprüfen. Vielleicht im Rahmen eines Bike-Fittings. Hier bekommt man dann auch schnell Feedback, ob der Sattel, den man benutzt zu einem passt, oder nicht. Wichtig ist hier die richtige Sattelneigung (Grundposition ist die Waagerechte), sowie die Sattelbreite passend zum individuellen Sitzknochenabstand. Experten wie der Ergonomie-Berater Dr. Kim Tofaute bieten Assessment Center für die genannten Sitzbeschwerden. Gerade in der Übergangszeit bieten sich diese Untersuchungen an, damit man mit der optimierten Position in die neue Saison starten kann.

Wunde Stellen und Abszesse

Nichts geht mehr! Das ist der Fall, wenn man eine wunde Stelle am Gesäß hat. Durch die ersten langen Einheiten zu Hause oder im Trainingslager, vielleicht noch im Regen oder bei Dreck, entstehen schnell wunde Stellen. Auch bei großer Hitze kann die Geißel zuschlagen: Schweiß reizt die Haut durch die enthaltenden Salze, welche dann wie kleine Rasierklingen Mikroverletzungen verursachen. Richtig schlimm wird es, wenn man diese erst ignoriert und dann eine Entzündung entsteht. Diese Entzündung kann sich dann zu einem sogenannten Abszess entwickeln.

Auch wenn es vielleicht für viele ein Tabu-Thema ist und „Pickel am A...” am Biker-Stammtisch nicht so intensiv diskutiert werden, wie die Produkte der neuen Saison, so sollte man sich dennoch mit dem Thema grundlegend beschäftigen, bevor es einen selbst einmal betrifft.

Tipps zur Vorbeugung und Behandlung von Sitzbeschwerden

Der Bike-Profi Wolfram Kurschat vom Topeak-Ergon Racing Team kennt das Problem: Als amtierender Junioren Vize-Europameister verlor er 1993 eine Saison durch verschleppte Sitzbeschwerden, welche damals auch operativ entfernt werden mussten. Der approbierte Apotheker weiß also ganz genau, wovon er spricht.

Interview mit Wolfram Kurschat

BIKE: Kannst du einmal kurz und knapp die Problematik erklären, die zu einem Abszess am Gesäß führen kann?

Wolfram Kurschat: Der Abszess entsteht aus entzündetem Gewebe, welches sich abkapselt. Wenn sich also eine wunde Stelle am Gesäß oder eine Haarwurzel durch viele Stunden im Sattel entzünden, führt das nicht nur zu akuten Schmerzen, sondern es kann sich bei weiter anhaltender Belastung auch entzündetes Gewebe abkapseln. Es bildet sich dann eine regelrechte eingekapselte Eiteransammlung aus. Natürlich gibt es auch andere Ursachen, aber für Biker mit solchen Problemen ist das beschriebene Szenario zutreffend.

BIKE: Was kann der Biker tun, um sich zu schützen?

Wolfram Kurschat: Erstens sollte man durch die richtige Wahl des Sattels und der Bikehose vermeiden, dass es zu Beschwerden durch Wundsitzen kommt. Hier ist es wichtig, dass Sattel und Polster gut zusammenpassen. Im Falle von wund-gefahrenen Stellen gilt es, möglichen Entzündungen vorzubeugen. Hier bieten sich Sitz-Salben an, die antibakterielle, desinfizierende Eigenschaften haben. Dann natürlich auch das regelmäßige Waschen der Bikebekleidung. Leider korreliert eine mangelhafte Hygiene oft mit großem Trainingsumfang - Thema Trainingscamp, keine entsprechenden Möglichkeiten die teuren Trikots täglich zu waschen - hier liegt das größte Risikopotential.

BIKE: Gibt es große Unterschiede zwischen den Sitz-Cremes?

Wolfram Kurschat: Für mich als Apotheker ist es wichtig, dass die Produkte qualitativ hochwertig sind. Ich bevorzuge hier Salben an Stelle von Sitzcremes, welche antibakterielle Eigenschaften haben und dermatologisch getestet sind. Salben haben einen ganz geringen bis keinen Wasseranteil im Vergleich zu Cremes. Somit sind Salben in Kombination mit ätherischen Ölen haltbarer und antibakterieller als manche Creme - gerade wenn die Tube auch einmal länger herumliegt. Gute Produkte gibt es in der Apotheke.

BIKE: Welche Tipps gibst du jedem Biker mit auf den Weg, um Sitzbeschwerden vorzubeugen?

Wolfram Kurschat: Man sollte sich für einen Sattel und ein Hosenmodell (Sitzpolster) entscheiden, welche individuell gut passen. Hier auch keine großen Änderungen im Laufe der Saison vornehmen, da das Gesäß daran gewöhnt ist. Zusätzlich sollte man rein präventiv eine hochwertige Sitz-Salbe verwenden, um entzündlichen Prozessen vorzubeugen. Wenn man das Gefühl hat, dass diesbezüglich etwas nicht stimmt, lieber direkt zum Arzt gehen, bevor man die Beschwerden unterdrückt und verschleppt, bis dann eventuell nur noch ein operativer Eingriff hilft. Im Trainingslager oder im Bike-Urlaub empfehle ich, jeden Tag eine saubere Hose anzuziehen.

Weitere Tipps zur Vorbeugung

  • Zu Beginn nach jeder Ausfahrt zwei Tage pausieren, damit der Hintern ausreichend Regeneration hat, bevor man die nächste Einheit setzt.
  • Regelmäßiges Dehnen des unteren Rückens und der Hüftmuskulatur kann Verspannungen lösen.
  • Eine gute Radlerhose mit hochwertigem Polster bietet zusätzlichen Komfort.
  • Regelmäßige Pausen auf längeren Fahrten entlasten den Sitzbereich und die Pflege der Haut kann Reizungen vorbeuten.
  • Achten Sie zu guter Letzt darauf, dass Sattel- und Lenkerpositionen richtig eingestellt sind.
  • Vermeiden Sie dauerhaftes Festhalten an einer Stelle des Lenkers.
  • Tragen Sie gepolsterte Fahrradhandschuhe und nutzen Sie ergonomische Lenkergriffe, um den Druck zu verringern.
  • Wechseln Sie außerdem regelmäßig die Handposition und achten Sie darauf, dass Ihr Lenker richtig eingestellt ist.

Das Piriformis-Syndrom als Ursache von Gesäßschmerzen

Eine spezielle Ursache für Rückenschmerzen beim Radfahren ist das Piriformis-Syndrom. Dabei reizt der Piriformis-Muskel im Gesäßbereich den Ischiasnerv, was zu Schmerzen führt, die bis ins Bein ausstrahlen können.

Was ist das Piriformis-Syndrom?

Der in der tiefen Hüftmuskulatur gelegene Musculus Piriformis (lat. für birnenförmiger Muskel) verläuft unterhalb des großen Gesäßmuskels. Sein Ansatzpunkt ist das Kreuzbein. Von der Innenfläche des Kreuzbeins zieht er zur Spitze des großen Rollhügels am Oberschenkelknochen. Seine Hauptfunktionen sind die Außenrotation der gestreckten Hüfte und die Abspreizung des Oberschenkels sowie das Heben des Oberschenkels nach hinten. Durch eine Verspannung oder Verhärtung des Piriformis-Muskels verringert sich der Platz im großen Sitzbeinloch und es kommt zur Einengung und Reizung des Ischiasnervs (darum spricht man mitunter auch vom „Engpass-Syndrom“).

Der Druck auf den Ischiasnerv (Nervus Ischiadicus) ist dann typischerweise Ursache für Symptome wie Rückenschmerzen oder Schmerzen im Gesäß, die bis in die Beine ausstrahlen können, ähnlich wie bei einem Bandscheibenvorfall.

Ursachen des Piriformis-Syndroms

  • Überlastung beim Sport und im Training: Zu häufiges, langes oder hartes Laufen, Rad fahren oder eine andere wiederholte Belastung oder anstrengende Bewegungen mit den Beinen können zu einer Überbeanspruchung des Piriformis-Muskels führen und somit Schmerzen verursachen.
  • Traumata: Auch ein Sturz oder eine direkte Verletzung des Gesäßbereichs kann den Muskel schädigen und zu Entzündungen führen.
  • Anatomische Anomalien: Bei einigen Menschen verläuft der Ischiasnerv durch den Piriformis-Muskel (Musculus Piriformis) statt darunter, was das Risiko einer Reizung erhöht.
  • Langes Sitzen: Lange Perioden des Sitzens, besonders auf harten Oberflächen, können den Muskel verspannen und den Ischiasnerv (Nervus Ischiadicus) komprimieren.
  • Portemonnaie: Befindet es sich beim Sitzen in der Gesäßtasche, wird eine Gesäßhälfte komprimiert und mehr belastet als die andere.

Symptome des Piriformis-Syndroms

  • Schmerzen im Gesäß: Die Schmerzen treten auf der Seite / Körperhälfte auf, auf der der Ischiasnerv negativ manipuliert wird. Der Schmerz kann bis zum Oberschenkel und ins weitere Bein ausstrahlen.
  • Taubheitsgefühle und Kribbeln: Auch diese Symptome treten auf der geschädigten Seite auf.

Behandlung des Piriformis-Syndroms

Die Behandlung des Piriformis-Syndroms umfasst eine Kombination aus konservativen und in schwereren Fällen invasiven Methoden. Konservative Behandlungen sind:

  • Physiotherapie: Dehnungsübungen und Kräftigungsübungen zur Entspannung des Piriformis-Muskels und zur Linderung des Nervendrucks.
  • Medikamente: Akute Schmerzen lassen sich durch nichtsteroidale Antirheumatika wie z. B. Ibuprofen oder Diclofenac behandeln.
  • Osteopathie: Osteopathen folgen einem ganzheitlichen Konzept, bei dem der ganze Mensch behandelt wird, sodass die Selbstheilungsprozesse des Körpers optimal unterstützt werden können.
  • Stoßwellentherapie: Eine Stoßwellentherapie dient dazu über mit einer Art Lupe abgegebene Ultraschallwellen, welche vom Patienten hör- und spürbar sind, die Durchblutung im betroffenen Bereich anzuregen, Schmerzen zu lindern und die Heilung zu beschleunigen.

Übungen zur Vorbeugung des Piriformis-Syndroms

  • Dehnen des Piriformis-Muskels: Leg dich auf den Rücken und beuge das zu dehnende Bein in Hüft- und Kniegelenk. Zieh das Knie Richtung diagonaler Schulter, bis du die Dehnung seitlich in der Gesäßmuskulatur spürst. Halte die Dehnung etwa 15 bis 30 Sekunden.
  • Dehnen der Gesäßmuskulatur: Rückenlage, die Beine gebeugt. Kreuze nun die rechte Ferse über das linke Knie. Ziehe den linken Oberschenkel leicht Richtung Brustkorb, bis im rechten Oberschenkel/Gesäß ein Dehnungsgefühl spürbar ist. Halte die Dehnung etwa 15 bis 30 Sekunden.
  • Mobilisation und Kräftigung der Außenrotatoren: Leg dich auf die Seite. Die Hüft- und Kniegelenke sind leicht gebeugt. Drehe das oben liegende Knie Richtung Decke. Halte die Dehnung etwa 15 bis 30 Sekunden.
  • Kräftigung der Oberschenkel- und Gesäßmuskulatur: Stehe vor einem Stuhl. Setz dich mit dem Gesäß nach hinten unten ab. Der Rücken bleibt gerade, die Knie halten den Kontakt zum Stuhl. Wiederhole die Bewegung 15-mal.

Weitere Ursachen für Sitzbeinhöcker Schmerzen

Schmerzen am Sitzbein (Os ischii) können vielfältige Ursachen haben. Das Sitzbein (medizinisch/latein Os ischii oder Tuber ischiadicum) bildet gemeinsam mit zwei anderen Knochen das Becken, dessen tiefster Punkt die Sitzbeinhöcker sind. Überlastungen der etlichen Muskeln, Sehnen und Bänder können oftmals aufgrund von Fehlhaltungen und Bewegungsmangel zu schmerzenden Entzündungen führen. Auch Jogging, Intervalltraining oder Krafttraining führt gehäuft zu Entzündungen in diesem Bereich. Die Erkrankung tritt in den meisten Fällen einseitig auf.

Besonders häufig ist die Knochenhautentzündung durch eine Sehnenansatzentzündung durch den M. biceps femoris oder die Hamstringgruppe bedingt, die am Sitzbein ansetzen. Der zweiköpfige Muskel der Oberschenkelrückseite (Musculus biceps femoris) hat gemeinsam mit einigen anderen Muskeln seinen Ansatzpunkt an den Sitzbeinhöckern. Durch Überbelastung kann es zur Reizung oder Sehnenansatzentzündung kommen. Jedoch kann auch langes Sitzen zur Reizung oder Entzündung führen, wenn es nicht zu einer ausreichenden Druckentlastung im Bereich der Sehne kommt.

Die Hamstring-Muskelgruppe besteht aus der gesamten hinteren Oberschenkelmuskulatur. Bei Abriss eines dieser Muskeln kommt es zu Schmerzen am Sitzbein während einer dieser Bewegungen. Verletzungen der Sehne entstehen meist durch plötzlichen Sportbeginn bei Untrainierten oder Überbeanspruchung, da diese Muskeln im Alltag vor Allem bei sitzender Tätigkeit dazu neigen sich zurück zu bilden und zu verkürzen.

Beim Radfahren kommt es häufig zu Schmerzen im Bereich des Sitzbeins und vor allem der Sitzbeinhöcker, da das gesamte Körpergewicht beim Sattel auf nur eine sehr geringe Auflagefläche verteilt wird. Jedoch ist nicht nur ein zum Fahrer passender Sattel wichtig, um Schmerzen zu vermeiden, sondern die gesamte Position des Fahrers auf dem Rad entscheidet darüber, wie die Last auf der Auflagefläche verteilt wird.

Der richtige Sattel gegen Steißbeinschmerzen

Steißbeinschmerzen beim Fahrradfahren sind ein weit verbreitetes Problem, das oft unterschätzt wird. Ob bei der Sonntagsrunde oder der täglichen Pendelstrecke - wenn’s hinten zieht oder drückt, vergeht die Freude am Fahren. Aber: Du kannst aktiv etwas dagegen tun.

Geeignete und ungeeignete Sättel

Geeignet sind: flachere Sättel mit gleichmäßiger Oberfläche, Ergonomische Sättel mit Mittelkanal oder Aussparung und Modelle mit leicht abgesenktem Heck bei aufrechter Sitzhaltung.

Ungeeignet sind: Racing-Sättel für Tourenfahrer, Sättel mit schmalem Mittelteil bei breitem Becken, Sättel ohne Belüftungs- oder Entlastungskanal bei empfindlichem Steißbein.

Weitere Tipps

  • Falsche Sitzposition beim Fahrrad führen zu Schmerzen: Eine falsche Haltung verstärkt die Belastung auf das Steißbein.
  • Lange Fahrten ohne Pause: Dauerhafte Kompression ohne Entlastung reizt das Gewebe. Wir empfehlen alle 30-45 Minuten eine kurze Pause zu machen oder aus dem Sattel gehen.
  • Unebenes Gelände: Stöße und Vibrationen wirken direkt auf das Becken - besonders bei ungefederten Rädern. Gefederte Sattelstütze oder breitere Reifen helfen.
  • Vorerkrankungen: Steißbeinprellung, Bandscheibenprobleme oder Arthrose erhöhen die Schmerzanfälligkeit. Hier helfen Sitzringe oder Spezialpolster.
  • Körperhaltung im Alltag: Wer generell schlecht sitzt (z.B. im Büro), überträgt diese Haltung aufs Rad.

Die richtige Sitzposition

Die richtige Position kann Schmerzen dauerhaft verhindern. Beachte folgende Checkliste:

  • Sattel waagerecht oder leicht nach vorne geneigt
  • Sattelhöhe so einstellen, dass das Bein fast gestreckt ist (ca. 25-30° Kniebeugung am untersten Pedalpunkt)
  • Lenkerhöhe so anpassen, dass kein Hohlkreuz oder Rundrücken entsteht
  • Beckenstabilität durch Rumpfmuskulatur sichern

Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?

Nicht jeder Schmerz ist harmlos. Wenn Beschwerden anhalten, sollte frühzeitig ärztlicher Rat eingeholt werden. In folgenden Fällen ist eine ärztliche Abklärung notwendig:

  • Schmerzen über mehr als zwei Wochen trotz Anpassungen
  • Taubheitsgefühl im Gesäß oder in den Beinen
  • Verdacht auf Knochenverletzung nach Sturz
  • Vorbelastung durch Bandscheibenvorfälle oder Steißbeinprellungen

Druckverteilung und Sattelwahl

Zur Vermeidung wesentlicher Beschwerden im Damm durch das sitzende Radfahren ist eine definierte Druckbelastung der Areale um die Sitzbeinhöcker unter weitest gehender Aussparung des medialen Perineums die beste Lösung. Der individuellen Anatomie sollte mit der Messung des Sitzbeinhöckerabstands und einer dazu passenden Sattelbreite Rechnung getragen werden. Daneben ist es essentiell, dass der Sattel einen Höhenunterschied zwischen hinterer Sitzfläche und Sattelnase aufweist.

Die anatomische Varianz des Abstands der Sitzbeinhöcker zueinander liegt einer eigenen Untersuchung zufolge beim Mann zwischen 9 und 16 cm, (n = 275, Median 13,32 cm), bei der Frau zwischen 11 und 17 cm (n = 445, Median 12,05 cm) (Staudte 2017). Ermittelt wird dieser Wert durch einen Abdruck der Sitzbeinhöcker im Sitzen auf einer Wellpappe (Maß = Mitte - Mitte) (Abb. 3). Für die passende Sattelbreite werden je nach Einsatzgebiet (Rennrad vs. Abb. Weiche Sattel erzeugen durch vermehrtes Einsinken der Sitzbeinhöcker eine größere Sitzfläche und sind für kurze Fahrten (< 30 min.) subjektiv am bequemsten. Bei längeren und sportlichen Fahrten jedoch kommt es durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der am Schambein und Sitzbein ansetzenden Muskeln häufig zu Beschwerden (Hüftstrecker/Adduktoren). Vorsicht ist bei der Wahl eines harten Sattels angebracht, der mit hohem Druck eine kleine Fläche an den Sitzbeinhöckern belastet. Dies kann zu einem schmerzhaften Überlastungssyndrom führen. Plane Sitzflächen sind günstiger als konvexe, da konvexe Formen mehr Druck auf den medialen Damm ausüben.

Beschwerden beim Radfahren

Fahrradfahren beansprucht viele Muskelgruppen und Körperbereiche. Entsprechend gibt es beim Radfahren auch kaum einen Bereich, der nicht von Schmerzen betroffen sein kann. Und diese Beschwerden beim Radfahren werden meist nicht nur Stürze verursacht, sondern als Folge falscher Belastung oder Fehleinstellungen des Rades. Doch viele Radfahrer kämpfen mit körperlichen Beschwerden. Auch Taubheitsgefühle im Sitzbereich oder in den Händen sind keine Seltenheit. Diese Beschwerden können den Spaß am Radfahren deutlich schmälern.

Häufige Beschwerden und deren Ursachen

  • Rückenschmerzen: Sie entstehen oft durch eine falsche Sitzposition, die die Lendenwirbelsäule überlastet. Eine weitere Ursache ist die mangelnde Rumpfkraft, die die Stabilität beim Fahren beeinträchtigt.
  • Gesäßschmerzen und Sitzprobleme: Sie entstehen durch den Druck, der beim Sitzen auf den Sitzknochen und empfindlichen Weichteilen lastet. Und dieser Druck kann zu Hautirritationen, Taubheitsgefühlen oder sogar schmerzhaften Entzündungen führen.
  • Knieschmerzen: Sie entstehen meist durch eine Überlastung der Gelenke oder eine falsche Sitzposition. Besonders betroffen ist oft die Kniescheibe. Sie wird bei ungünstigem Treten in die Pedale oder übermäßigem Druck gereizt.
  • Oberschenkelschmerzen: Sie sind oft ein Resultat aus Muskelüberbelastung oder einer unzureichenden Regeneration. Besonders bei steilen Anstiegen oder intensiven Trainingseinheiten werden die Quadrizeps-Muskeln stark beansprucht.
  • Nackenschmerzen: Diese Art von Beschwerden beim Radfahren treten häufig durch eine unnatürliche Körperhaltung auf. Das kann eine zu stark nach vorne geneigte Sitzposition sein, die Sie dazu zwingt, den Kopf dauerhaft anzuheben.
  • Taubheitsgefühl in den Händen: Es entsteht in der Regel durch Druck auf die Nerven in den Handflächen. Dazu kommt es durch eine ungünstige Handposition oder starkes Abstützen auf dem Lenker, was die Blutzirkulation stört und Nerven reizt.

Tipps zur Linderung akuter Beschwerden

Beschwerden beim Radfahren lassen sich in vielen Fällen mit einfachen Anpassungen lindern. Etwa mit einer besseren Sitzposition, geeigneter Ausrüstung oder gezielten Dehnübungen. Ein Arztbesuch ist notwendig, wenn die Schmerzen länger anhalten, mit Schwellungen, Taubheitsgefühlen oder Bewegungseinschränkungen verbunden sind.

Vor allem bei Einsteigern oder zum Saisonstart, nach einer längeren Pause, kommt es häufig zu Schmerzen an den Sitzknochen. Nach fünf bis sechs Fahrten reduziert sich das Schmerzempfinden.

Impotenz durch Radfahren?

Alle Jahre wieder geistert ziemlich zuverlässig die Meldung durch die Medienlandschaft, das sonst so gesunde Radfahren könne impotent machen oder mindestens vorübergehende Störungen der sexuellen Funktionen beim Mann auslösen. Auch der Genitalbereich von Frauen käme nicht unbehelligt davon, der Druck des Radsattels auf delikate Zonen könne auch bei Ihnen Anlass für lästige Probleme sein.

Was ist dran an solchen Meldungen?

Studien und Erfahrungen in der Fachwelt erhärten die These der Impotenz nicht. So bestätigt der Münchner Urologe Dr. Stefan Staudte, dass ihn Radfahrer aller Spezies nur in seltenen Fällen wegen Problemen mit der Manneskraft, ausgelöst durchs Radfahren, aufsuchten. Vielmehr seien es meist Beschwerden und Schmerzen im Dammbereich, deretwegen sie seinen Rat suchten. In der Mitte des Dammbereichs, also der Zone zwischen dem After und den äußeren Geschlechtsorganen, „läuft der Pudendus-Nerv. Wird er zu stark komprimiert oder gereizt, haben meine Patienten teils dauerhafte Missempfindungen, deren Behandlung schwierig und teils sehr langwierig sein kann, vor allem, wenn die Reizung schon länger besteht.“ Außerdem befinden sich im Dammbereich das hintere Ende der Harnröhre, Gefäß- und Nervenknäuel sowie in der Tiefe die Prostata. „Auch hier sind Reizungen und Entzündungen möglich, wobei die Prostata nur mittelbar betroffen ist.“

Was tun bei Schmerzen im Dammbereich?

Wichtig sei, „schon bei leichten Schmerzen in diesem sensiblen und verletzungsanfälligen Bereich nicht zu lange abzuwarten“. Staudte empfiehlt bei empfindlichen Radfahrern, die schon leichtere Probleme haben, einen Sattel, der den Dammbereich schont, sowie eine Überprüfung der Sitzposition, am besten durch ein Bikefitting. Wer schon länger leide, komme um diese Maßnahmen nicht herum. Wer bisher von Sitz-Ungemach gänzlich verschont sei, könne rein vorbeugend über derartige Maßnahmen nachdenken und den Sitzkomfort an dieser empfindlichen Körperpartie erhöhen.

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