Sitzbeinschmerzen beim Radfahren: Ursachen und Behandlung

Schmerzen am Sitzbein (Os ischii) können vielfältige Ursachen haben. Das Sitzbein (medizinisch/lateinisch Os ischii oder Tuber ischiadicum) bildet gemeinsam mit zwei anderen Knochen das Becken, dessen tiefster Punkt die Sitzbeinhöcker sind. Diese dienen im Sitzen als Auflagefläche und bilden einen Ansatzpunkt für viele Muskeln der Hüfte und des hinteren Oberschenkels.

Was sind Schmerzen am Sitzbein?

Die Sitzbeinhöcker sind die tiefst sitzenden, knöchernen Fortsätze des Beckens und paarweise auf beiden Seiten angeordnet. Sie dienen der Stabilität beim Sitzen. Auf harten Unterlagen sind sie deutlich zu spüren. Da in diesem Bereich auch einige Nerven vorbeiführen, können bei einer entsprechenden Entzündung der Nerven Schmerzen des Sitzbeinhöckers entstehen.

Ursachen von Sitzbeinschmerzen

Überlastungen der etlichen Muskeln, Sehnen und Bänder können oftmals aufgrund von Fehlhaltungen und Bewegungsmangel zu schmerzenden Entzündungen führen. Auch Jogging, Intervalltraining oder Krafttraining führt gehäuft zu Entzündungen in diesem Bereich. Die Erkrankung tritt in den meisten Fällen einseitig auf. Teilweise wird fehlerhaft von einer Schleimbeutelentzündung oder Sehnenscheidenentzündung am Sitzbein gesprochen. Weder einen Schleimbeutel noch eine Sehnenscheide gibt es am Sitzbein.

Schmerzen im Bereich des Sitzbeins oder der Sitzbeinhöcker entstehen meist durch Reizungen von Muskeln, Sehnen und Bändern. Eine Reihe von Bändern stabilisiert den gesamten Bewegungsapparat des Beckens. Sie verbinden das Becken mit der Wirbelsäule und sind somit anfällig für Entzündungen, wenn es beispielsweise durch Fehlhaltungen oder ständiges Sitzen in Bürojobs zu Überlastungen kommt.

Besonders häufig ist die Knochenhautentzündung durch eine Sehnenansatzentzündung durch den M. biceps femoris oder die Hamstringgruppe bedingt, die am Sitzbein ansetzen. Der zweiköpfige Muskel der Oberschenkelrückseite (Musculus biceps femoris) hat gemeinsam mit einigen anderen Muskeln seinen Ansatzpunkt an den Sitzbeinhöckern. Durch Überbelastung kann es zur Reizung oder Sehnenansatzentzündung kommen. Jedoch kann auch langes Sitzen zur Reizung oder Entzündung führen, wenn es nicht zu einer ausreichenden Druckentlastung im Bereich der Sehne kommt.

Die Hamstring-Muskelgruppe besteht aus der gesamten hinteren Oberschenkelmuskulatur. Sie werden auch als ischiocrurale Muskulatur bezeichnet. Sie ist für Streckung im Hüftgelenk und Beugung des Knies zuständig. Bei Abriss eines dieser Muskeln kommt es zu Schmerzen am Sitzbein während einer dieser Bewegungen. Verletzungen der Sehne entstehen meist durch plötzlichen Sportbeginn bei Untrainierten oder Überbeanspruchung, da diese Muskeln im Alltag vor Allem bei sitzender Tätigkeit dazu neigen sich zurück zu bilden und zu verkürzen. Besonders schnellkraftorientierende Sportarten wie Sprinten oder Ballsport sind hier gefährdend.

In den meisten Fällen reißt nicht die gesamte Muskelgruppe am Sitzbein ab, sondern nur ein Teil (Teilriss / Teilruptur der Sehne). Daher sind gehäuft konservative Behandlungsansatze möglich. Aber auch eine Sehnenansatzentzündung der Hamstringgruppe, die einseitig oder beidseitig vorkommen kann, macht ähnliche Schmerzen am Sitzbein. Hierbei handelt es sich um die Entzündung der gemeinsamen Ansatzsehne. Medizinisch spricht man hierbei von einer Ansatztendinose.

Aus einer chronischen Sehnenansatzentzündung der Hamstringgruppe entwickelt sich im Verlauf ein Teilriss und im weiteren ein Abriss der Sehne am Sitzbein. Eine Knochenhautentzündung am Sitzbein ist meist eine Folge einer anderen Erkrankung. Besonders ist bei einer Knochenhautentzündung am Sitzbein an eine chronische Sehnenansatzentzündung der Hamstrigs (Muskelansatz) zu denken.

Wichtige Muskeln im Bereich des Sitzbeins:

  1. Musculus biceps femoris
  2. Musculus semitendinosus
  3. Musculus semitendinosis

Beim Radfahren kommt es häufig zu Schmerzen im Bereich des Sitzbeins und vor allem der Sitzbeinhöcker, da das gesamte Körpergewicht beim Sattel auf nur eine sehr geringe Auflagefläche verteilt wird. Jedoch ist nicht nur ein zum Fahrer passender Sattel wichtig, um Schmerzen zu vermeiden, sondern die gesamte Position des Fahrers auf dem Rad entscheidet darüber, wie die Last auf der Auflagefläche verteilt wird.

Ein Schleimbeutel - wie es Radfahrer häufig irrtümlich annehmen - entzündet sich bei einem nicht passenden Sattel am Sitzbein nicht. Um das Sitzbein befindet sich viel spezielles Posterfett, was sich unter einer Überlastung entzündet. Lösungen sind Anpassungen des Sattels, ggf. Eine Sitzbeinbruch ist meist eine direkte Folge eines Sturzes, vergleichbar des Steißbeinbruchs. Ein Sitzbeinbruch gehört zum Überbegriff des Beckenbruchs, da das Sitzbein (med. Os ischii) zum Beckenknochen gehört. Ein Ermüdungsbruch am Sitzbein ist eher eine Rarität und ist fast immer Folge von Lauf- und Spungsportarten.

Vor allem der Ischiasnerv ist sehr häufig von einer Entzündung betroffen. Er ist ein bleistiftdicker Nerv, der bei muskulärer Quetschung oder auch Reizung zu schmerzen beginnt. Die Symptome sind divers und auf unterschiedliche Ursachen zurückzuführen. Die Schmerzen am Sitzbeinhöcker, die durch eine Nervenentzündung entstehen, werden als ziehend und sehr unangenehm beschrieben. Sie können vor allem beim Sitzen ausgelöst werden und sind sehr lokal an den knöchernen Vorsprüngen zu spüren. Manchmal können die Schmerzen auch in die umliegenden Bereich weitergeleitet werden und auch zu Bewegungsbeeinträchtigungen führen.

Falsches oder dauerhaftes Sitzen kann eine Entzündung am Sitzbein auslösen. Gerade in Zeit von Homeoffice oder Veränderung des Bürostuhls, Autositzes oder ähnlichen können ein typischer Auslöser für eine Reizung des Sitzbeins sein. Eine ausreichende Posterung bei langem Sitzen ist essentiell. Ein Sitzauflage im Bürostuhl aus einem Kaltschaummaterial im Härtgrad passend zum Köprergewicht ist anzustreben. Schmerzen am Sitzbein können einseitig und beidseitig auftreten. Ein- oder beidseitges Auftreten gibt einen wichtigen Hinweis auf die Ursache.

Begleitende Symptome

Die begleitenden Symptome sind abhängig von der Erkrankung, die den Schmerzen zugrunde liegt. Schmerzen können durch Nervenreizungen sowohl in die Füße und Beine als auch in Gesäß, Genital- oder Dammregion ausstrahlen. Schmerzen können auch typischerweise in den hinteren Oberschenkel ausstrahlen.

Durch die enge Anatomische Beziehung der Wirbelsäule und des Beckens und die ausgeprägte Verzweigung von Sehnen und Bändern im Bereich des Beckens können Schwellungen und Reizungen von Muskeln und Sehnen immer auch zu Reizungen der Nerven führen, da sie in einer engen räumlichen Beziehung zueinander liegen. Aufgrund von Nervenreizungen kann es zu Kribbelgefühlen und Taubheit im Bereich der Beine und Füße oder der Genitale und des Dammes kommen.

Warum Schmerzen im hinteren Oberschenkel?

Der Sitzbeinhöcker (Tuber ischiadicum) ist der Knochenvorsprung des Beckens, an dem mehrere Muskeln des hinteren Oberschenkels, insbesondere die Hamstrings (Musculus biceps femoris, Musculus semitendinosus und Musculus semimembranosus), ihren Ursprung haben. Diese Muskeln sind für die Beugung des Knies und die Streckung der Hüfte verantwortlich.

Bei einer Entzündung im Bereich des Sitzbeinhöckers kann die Entzündung zu einer Übertragung der Schmerzen entlang der betroffenen Muskeln führen, was erklärt, warum Patienten Schmerzen im hinteren Oberschenkel verspüren. Zudem kann die Entzündung die Nervenrezeptoren in der Umgebung des Sitzbeinhöckers reizen, was zu einer Aktivierung der Schmerzleitungsbahnen führt. Die Schmerzen im hinteren Oberschenkel können sich bei Belastung, längerem Sitzen oder bestimmten Bewegungen, die die Hamstrings beanspruchen, verstärken. Dies unterstreicht die enge funktionelle und anatomische Verbindung zwischen dem Sitzbeinhöcker und den Muskeln des hinteren Oberschenkels.

Kann es auch Krebs sein?

Krebs, insbesondere Knochen- oder Weichteiltumoren, sind im Bereich des Sitzbeinhöckers sehr selten. In solchen Fällen wären die Schmerzen oft nicht das einzige Symptom.

Diagnostik

Der erste Schritt der Diagnosestellung ist stets eine Krankenbefragung (Anamnese), in der Art und Dauer der Beschwerden, sowie Begleiterscheinungen und auslösende Faktoren genau geschildert werden sollten. Im Anschluss führt der Arzt eine klinische Untersuchung und Funktionstests verschiedener Muskelgruppen aus.

  • Ultraschall: Der Ultraschall ist eine ambulant durchführbare, schnelle, kostengünstige Untersuchungsmethode. Er eignet sich zur Darstellung von Muskeln, Sehnen und Flüssigkeitsansammlungen. Es können Flüssigkeitsansammlungen und Sehnenverkalkungen im Bereich der Sitzbeinhöcker dargestellt werden. Der Ultraschall ist die effektivste Methode eine Entzündung am Sitzbein zu diagnostizieren.
  • Röntgenbild: Beim Röntgenbild handelt es sich um ein bildgebendes Verfahren, das in der Regel schnell verfügbar ist und eine gute Übersicht über Knochen- und Gelenkzustand und deren Stellung geben kann. Eine Darstellung von weichgewebigen Strukturen wie Muskeln und Sehnen ist nicht möglich. Besonders Sehnenverkalkungen am Sitzbeinhöcker lassen sich sehr effizient mit einem Röntgenbild vom Becken darstellen.
  • MRT: Eine MRT (Magnetresonanztomografie des Beckens) kann erwogen werden, wenn Schmerzen untypisch und ausgeprägt nicht anderweitig erklärt werden können, sich über einen längeren Zeitraum trotz konservativer Maßnahmen nicht bessern, oder das Vorliegen einer Nervenreizung auf Rückenmarksebene der Lendenwirbelsäule (MRT der Lendenwirbelsäule) ausgeschlossen werden muss. Im MRT der Lendenwirbelsäule/Becken kann mit Hilfe eines Magnetfeldes strahlungsfrei ein Bild mit hohem Weichteilkontrast erstellt werden, in dem weichgewebige Strukturen wie Muskeln, Sehnen und Bänder nach Bildbearbeitung 3-dimensional in hoher Auflösung erstellt und beurteilt werden.

Behandlung

Die Behandlung von Schmerzen des Sitzbeins und der Sitzbeinhöcker erfolgt in Abhängigkeit von deren Ursache. In der Regel erfolgt jedoch eine konservative Therapie. Wichtigster Bestandteil der Therapie ist dabei zunächst die Entzündungshemmung.

  • Stoßwellentherapie: Eine Stoßwellentherapie dient dazu über mit einer Art Lupe abgegebene Ultraschallwellen, welche vom Patienten hör- und spürbar sind, die Durchblutung im betroffenen Bereich anzuregen, Schmerzen zu lindern und die Heilung zu beschleunigen. Eine Stoßwellentherapie kann immer erwogen werden, wenn anderweitige konservative Maßnahmen nicht zum Erfolg geführt haben, oder die Beschwerden besonders ausgeprägt sind. Besonders wenn Beschwerden mehr als drei Monate bestehen ist einer Stoßwellentherapie besonders effizient.
  • Osteopathie: Osteopathen folgen einem ganzheitlichen Konzept, bei dem der ganze Mensch behandelt wird, sodass die Selbstheilungsprozesse des Körpers optimal unterstützt werden können.

Heilungsdauer

Die Heilungsdauer von Schmerzen im Bereich des Sitzbeins und der Sitzbeinhöcker hängt von der individuellen Heilungstendenz, der genauen Ursache, der eingeleiteten Therapie und dem Befolgen von Handlungsanweisungen und Empfehlungen ab und kann nicht exakt vorhergesagt werden. In der Regel bilden sie sich jedoch unter einer optimalen Therapie vollständig innerhalb weniger Wochen zurück. Bei schweren Verläufen sind jedoch auch monatelange Beschwerden nicht unüblich.

Laufbandanalyse

Eine Laufbandanalyse kann helfen Fehlhaltungen und selbst kleinste Fehler im Bewegungsablauf aufzudecken und so die Ursache einer Überbelastung einzelner Sehnen oder Muskelgruppen zu erkennen.

Dehnungsübungen

Dehnungsübungen helfen, die Muskelansätze und Sehnen vor Überlastungen zu schützen. Sie können auch eingesetzt werden, um eine verkürzte ischiocrurale Muskulatur (Oberschenkelrückseite) wieder zu aktivieren.

Sitzbeschwerden beim Radfahren vermeiden

Die Beliebtheit des freizeitmäßigen sowie sportlichen Radfahrens nimmt seit Jahren stetig zu und hat in der Corona-Ära einen zusätzlichen Schub erhalten. Akute perineale und genitale Beschwerden wie Scheuerwunden, Folliculitis, Furunkel, Schmerzen, perineal-genitale Par- und Dysästhesien (v.a. die regelhaft akzeptierten eingeschlafenen Genitalien) sind bekannte Beschwerdebilder aller Geschlechter.

Eine Druck- und Scherbelastung des medialen Perineums beim Radfahren sollte unbedingt vermieden werden. Dies ist jedoch mit den meisten erhältlichen und auf den Rädern montierten Satteln nicht möglich, da diese formbedingt - zu schmal und konvex - dem medialen Damm von vorne bis hinten mit mehr oder weniger Druck anliegen. Sattel mit Loch- bzw. Schlitzkonstruktionen zeigen keine signifikante Reduktion von gefährdender Belastung. Die Kanten der Aussparungen erzeugen nachweislich kritische Druckspitzen.

Daher bietet es sich an, den Druck gezielt auf die beiden Areale um die Sitzbeinhöcker zu verteilen. Die Gewebsstrukturen dort haben im Allgemeinen eine höhere Toleranz für Druckbelastungen, wie man sie vom normalen Sitzen kennt. Die optimale Druckverteilung auf die Sitzbeinhöcker kann nur gewährleistet werden, wenn der Sattel a) eine Breite hat, die zum Abstand der Sitzbeinhöcker passt und b) diese beiden Kontaktpunkte ausreichend höher liegen als der Rest des Sattels (Stufe zur Sattelnase).

Weiche Sattel erzeugen durch vermehrtes Einsinken der Sitzbeinhöcker eine größere Sitzfläche und sind für kurze Fahrten (< 30 min.) subjektiv am bequemsten. Bei längeren und sportlichen Fahrten jedoch kommt es durch die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der am Schambein und Sitzbein ansetzenden Muskeln häufig zu Beschwerden (Hüftstrecker/Adduktoren). Vorsicht ist bei der Wahl eines harten Sattels angebracht, der mit hohem Druck eine kleine Fläche an den Sitzbeinhöckern belastet. Dies kann zu einem schmerzhaften Überlastungssyndrom führen.

Zur Vermeidung wesentlicher Beschwerden im Damm durch das sitzende Radfahren ist eine definierte Druckbelastung der Areale um die Sitzbeinhöcker unter weitest gehender Aussparung des medialen Perineums die beste Lösung. Der individuellen Anatomie sollte mit der Messung des Sitzbeinhöckerabstands und einer dazu passenden Sattelbreite Rechnung getragen werden. Daneben ist es essentiell, dass der Sattel einen Höhenunterschied zwischen hinterer Sitzfläche und Sattelnase aufweist.

Weitere Tipps zur Vermeidung von Sitzbeschwerden

  • Passenden Sattel wählen: Sitzknochenabstand bestimmen lassen (z. B. mit Messpappe im Fachhandel). Oder Sitzknochenabstand + 2 cm (z. B. 120 mm Abstand → 140 mm Breite). Modellwahl je nach Fahrstil: Sportlich: schmaler, flacher Sattel | Komfort: breiter, leicht gepolsterter Sattel mit Aussparung.
  • Sitzposition korrigieren: Die richtige Position kann Schmerzen dauerhaft verhindern. Beachte folgende Checkliste: Sattel waagerecht oder leicht nach vorne geneigt, Sattelhöhe so einstellen, dass das Bein fast gestreckt ist (ca. 25-30° Kniebeugung am untersten Pedalpunkt), Lenkerhöhe so anpassen, dass kein Hohlkreuz oder Rundrücken entsteht, Beckenstabilität durch Rumpfmuskulatur sichern.

Wann zum Arzt?

Wenn Beschwerden anhalten, sollte frühzeitig ärztlicher Rat eingeholt werden. In folgenden Fällen ist eine ärztliche Abklärung notwendig: Schmerzen über mehr als zwei Wochen trotz Anpassungen, Taubheitsgefühl im Gesäß oder in den Beinen, Verdacht auf Knochenverletzung nach Sturz, Vorbelastung durch Bandscheibenvorfälle oder Steißbeinprellungen.

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