Specialized hat sich mit seiner Body Geometry und einem vielfältigen Schuh-Portfolio als Innovationstreiber im Schuhbereich etabliert. Der Gravel- und Mountainbike-Radschuh S-Works Recon von Specialized lässt auf dem Papier keine Wünsche offen: Ultrasteife Carbonsohle, geringes Gewicht, Boa-Drehverschlüsse.
S-Works Recon: Die Verschmelzung von Road und Offroad
Viele Gravelbiker fragen sich jetzt: Braucht man einen speziellen Gravelschuh oder kommt man mit einem Mountainbike- oder Rennradschuh nicht genauso gut aus? Die Antwort hierauf ist leider schwammig, nämlich: Es kommt halt drauf an.
Spult man den überwiegenden Teil seiner Kilometer auf Asphalt ab, braucht man sicher kein Modell mit griffigem Außenprofil, um gegebenenfalls auch mal einen Hang zu beschreiten oder ein Flussbett zu queren. Ist man ohnehin ausschließlich im Gelände unterwegs, könnte man auch über einen MTB-Schuh nachdenken. Sie fühlen sich noch nicht angesprochen? Dann kommt der Recon ins Spiel, der beide Fahrradbiotope verbindet - auch optisch.
Von oben, ohne dass man die Außensohle sieht, könnte man es auch mit einem schnittigen Straßenmodell zu tun haben. Gut möglich, dass die Basis des Recon das S-Works Road-Modell gewesen war, die Verwandtschaft beider Modell ist unverkennbar. Erst beim Blick unter den Schuh, wo das griffige Profil aus dem hauseigenem "SlipNot Rubber" sichtbar wird, verändert sich die Perspektive. Mit dem Recon darf man auch im unebenen Gelände gehen können und nicht nur zwei, drei Meter zur Bäckereitheke. So verschmelzen beim Recon beide Welten: Road und Offroad.
Passform: Breite Zehenbox für schmerzfreies Fahren
Beim Einstieg in den Schuh begegnet einem zunächst das typische Specialized-Schuh-Gefühl, das wir so beschreiben: viel Platz, einen guten ergonomischen Stand und eine brettharte und unglaublich steife Sohle. Dass vorn die Zehen viel Bewegungsspielraum haben, gefällt uns im Gelände. Schließlich wackelt und poltert es hier Topografie bedingt ordentlich, der Tritt verändert sich, der Fahrer rutscht im Schuh, ist nicht so fixiert wie auf einem Straßenrenner.
Ein guter Gravelschuh muss genügend Halt bieten, ohne dabei einzuengen. Eine Herkulesaufgabe. Zehenspiel (bitte nicht als Spiel des Fußes verstehen; ein sicherer und fester Stand ist wichtig, besonders im Gelände) im Schuh ist Trumpf, da durch die oben skizzierte Bewegung, die beim Querfeldein-Radeln entsteht, die Zehen sich gern mal schmerzhaft am Obermaterial abarbeiten.
Und noch aus einem anderen Grund ist die breite Vorfußbox von Vorteil: Biomechanische Untersuchungen konnten zeigen, dass der Fuß seine ganze Kraft erst entfalten kann, wenn die Zehen entspannt sind; greifende, verkrampfte Zehen bewirken das Gegenteil. Damit die Füße von Offroadern im Gelände gegen Hindernisse gut geschützt sind, kommen die Recon-Schuhe, wie man es vom MTB-Schuh kennt, mit einem verstärkten Zehenbereich daher.
Der Stand im Schuh ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, da die Innensohle das Fußgewölbe leicht anhebt. Dadurch wird ein Kollabieren und damit Einknicken des Knies während der Pedalumdrehung verhindert, man könnte es so beschreiben: Fuß und Knie werden besser in der Spur gehalten, dadurch, dass das Gewölbe höher steht im Schuh.
Auf dem Fahrrad: Kraftübertragung wie beim Straßenschuh
Kommen wir zur Königsdisziplin von Radschuhen, der Steifigkeit. Die leichte Carbon-Sohle erreicht in der Specialized-Skala einen Steifigkeits-Index von 13.0 - nur das Straßenmodell S-Works Road liegt mit 15.0 noch darüber. Bei der Steifigkeit hat der Hersteller nicht gekleckert und macht unmissverständlich deutlich: Der Recon ist ein sportliches Performance-Modell für Fahrer, die ihren Kraftinput bestmöglich in Vortrieb umwandeln wollen. Die Kraftübertragung ist über jeden Zweifel erhaben und garantiert Spaß und Power beim Fahren.
Ob der Recon damit das richtige Modell für mehrwöchige Radtouren ist, sollte jeder Fahrer selbst herausfinden. Eine derart steife Carbonsohle ist nämlich - über hunderte oder tausende Kilometer - womöglich nicht jedermanns Sache.
Hinsichtlich des Komforts ist uns eine Schwachstelle bei dem Schuh aufgefallen. Das sogenannte Padlock-Material im Fersenbereich soll den Fuß zwar fest halten und den Schuh langlebiger machen, doch wir empfanden den Fersenbereich als viel zu hart - hier hätten wir uns mehr "Futter" oder weicheren Stoff zwischen Knöchel und Fersenkappe gewünscht. Tipp: Eine dickere (Merino-)Socke kann bei Fahrern helfen, die an der Ferse ähnlich empfindlich sind wie der Autor dieser Zeilen.
Auch gut beim Gehen: geländetauglicher Gravelschuh
An Ferse, Ballen und um die Zehen findet sich ein griffiges Gummiprofil wieder, Specialized nennt das selbst entwickelte Gummi "SlipNot Rubber". Die Gummi-Außensohle bietet genügend Grip, um auch matschige Anstiege erklimmen zu können, da sich das grobe Profil in die Erde wühlt und dort wie Widerhaken verbleibt. Auch lassen zusätzlich Gewindeeinsätze die Aufnahme von Spikes zu - dies dürfte für Cyclocrosser von Interesse sein. Der S-Works Recon richtet sich damit nicht nur an sportive Gravelbiker, sondern soll auch Crosser ansprechen.
Geschlossen wird der Schuh mit zwei vollversiegelten "S3-Boa"-Verschlüssen, die präzises und sensibles Festziehen und Lockern ermöglichen und dabei gegen Schmutz und Staub geschützt sind. Die Lasche im vorderen Teil des Schuhs erwies sich während des knapp sechsmonatigen Testzeitraums als nicht notwendig. Das schmutzanfällige Außenmaterial zeigte keinerlei Verschleißerscheinungen über den gesamten Testzeitraum.
Der Schuh wiegt inklusive Cleats in der Größe 45 sportliche 366 Gramm. Specialized gibt das Solo-Gewicht in Größe 42 mit 270 Gramm an. Das kann sich sehen lassen - und unterstreicht abermals die sportlichen Ambitionen des Schuhs.
S-Works Recon Lace: Eine Alternative mit Schnürsenkeln
Der neue S-Works Recon Lace unterscheidet sich auf den ersten Blick deutlich vom S-Works Recon. Doch obwohl klassische Schnürsenkel den BOA S3-Drehverschluss ersetzen, teilen sich beide Schuhe viele Features: Das Obermaterial ist aus dem Wunderstoff Dyneema gefertigt, der sich gerade im Bikepacking-Bereich größter Beliebtheit erfreut. Die Kombination aus einem Obermaterial, das sich kaum ausdehnt, und Schnürsenkeln macht definitiv Sinn und das Konzept geht voll auf.
Kann man bei Schuhen mit BOA-Verschlüssen noch während der Fahrt schnell nachjustieren, falls sich das Obermaterial etwas geweitet hat, ist das bei Schnüren deutlich umständlicher und man muss dafür immer anhalten. Trotz der hohen Straffheit von Dyneema passt sich der Schuh bis zu einem gewissen Grad recht schnell an die Füße an. Ähnlich wie bei einem Brooks-Ledersattel dauert es aber gerade im Vergleich zu anderen Schuhen doch recht lange, bis sie perfekt sitzen. Der große Vorteil von Schnürsenkeln ist die Möglichkeit, den Schuh individueller an die jeweilige Fußform anzupassen.
Komfort und Anpassung
Auch bei schwierigen Wetterbedingungen zeigt sich der S-Works Recon Lace als guter Begleiter fürs Gravel-Abenteuer und saugt sich nicht voll Wasser, wenn euch der nächste Regenschauer erwischt. Ist der Regen vorbeigezogen, trocknet der Schuh außerdem schnell wieder. In puncto Belüftung gibt es mit Sicherheit luftigere Alternativen und bei Temperaturen ab 25 °C gibt es schon mal einen Satz heiße Füße.
Positiv aufgefallen ist unserem Tester Ben mit seinen anspruchsvollen Füßen der tiefe Ausschnitt auf der Seite. So haben die Knöchel viel Platz und reiben beim Pedalieren nicht am Stoff. Top! Aber Achtung: Seid ihr mit viel Speed auf den Gravel-Pisten unterwegs, können aufgewirbelte Steine schnell mal an die Knöchel knallen. Schutz und Komfort müssen hier zugunsten der Performance zurückstecken. Durch einen Gummiaufsatz an der Schuhspitze sind die Zehen dafür umso besser geschützt, auch bei Gravel-Bikes mit Toe-Overlap kann der Reifen dem Schuh nichts anhaben. Das macht einen robusten Eindruck und entspricht komplett dem Einsatzbereich.
Steifigkeit und Kraftübertragung
Beim Wort FACT-Carbon weiß der erfahrene GRAN FONDO-Leser bereits, was ihn erwartet: Steifster Carbon für eine direkte Kraftübertragung, wie er auch bei den Specialized Carbon-Bikes anzutreffen ist. Der Steifigkeits-Index beim S-Works Recon Lace liegt bei 13.0, was wirklich ultra steif ist und selbst die Steifigkeit einiger Road-Schuhe in den Schatten stellt. Beispielsweise hat der Specialized S-Works 7-Rennradschuh einen Index von 15.0 und in der Praxis ist der S-Works Recon Lace nicht weit davon entfernt. Beeindruckend! Der Schuh sprüht nur so vor sportlicher Performance und gibt Feedback vom Untergrund sehr direkt weiter.
Vergleicht man den S-Works Recon Lace mit dem Recon 3.0-Gravel-Schuh, fällt direkt der eingeschränkte Lauf-Komfort auf. Im Vergleich zum Modell mit weniger steifer Sohle ist ein Abrollen beim Laufen nicht möglich, weshalb weite Strecken zu Fuß nicht anstehen sollten. Das Versprechen des Herstellers, eine „World Class Stiffness“ zu liefern, stimmt zu 100 %!
Immerhin bieten die Gummieinsätze der Sohle verhältnismäßig guten Grip und sorgen auf ebenen Untergründen stets für einen sicheren Tritt. Einzig große Steine sollten gemieden werden, da sich die Sohle aufgrund der steifen Konstruktion nicht biegen kann. Wer viel im steilen Gelände unterwegs ist und sein Bike dabei auch mal schieben muss, wird sich über die zwei Spikes im Zehenbereich freuen. Wenn sie sich in den Untergrund bohren können, geben sie viel Halt und erhöhen die Sicherheit enorm.
Innensohle und Fersenhalt
Man ist also gezwungen, neben den 330 € für den Schuh weitere Scheine in die Hand zu nehmen, um den Schuh wirklich komplett zu machen. Die vorgefertigten Innensohlen der Body Geometry-Linie sind für einen Aufpreis von 30 €, was fast nochmal 10 % des Kaufpreises entspricht, erhältlich und sollten direkt mit erworben werden, da sie individuell verschieden hohe Level an Pronations-Support bieten und ein tolles Upgrade darstellen.
Sehr gelungen ist der hintere Teil des S-Works Recon Lace. Der im Molding-Verfahren hergestellte PadLock generiert überragenden Fersenhalt und ihr werdet in Zukunft nie mehr aus dem Schuh rutschen. Wenn der Gravel-Trail bergab zu fordernd ist, könnt ihr getrost absteigen und ihn zu Fuß bewältigen. Man kann den Schuh mit der Ferse richtig in den Boden rammen und so Grip en masse finden. Durch ein glänzendes Finish des äußeren Fersenteils zerkratzt dieser dabei allerdings recht schnell.
Zunge und Kompatibilität
Die Zunge des S-Works Recon Lace ist euch positiv gestimmt und im Vergleich zum Recon und dem S-Works 7 ein absoluter Traum. Schmerzhaftes Einschneiden? Nie wieder! Der Komfort ist enorm, an der Stelle gibt es rein gar nichts zu meckern. Dank dem Gummizug auf der Zunge können die Schnürsenkel sauber eingefädelt werden und baumeln während der Fahrt nicht umher. So und nicht anders gehört sich das!
Der S-Works Recon Lace ist mit dem Zwei-Schrauben-Lochstich mit allen gängigen Mountainbike-Pedalsystemen kompatibel. Das Shimano SPD- und das Crankbrothers-System sind hier die namhaftesten Vertreter.
Fazit
Der Specialized S-Works Recon erfüllt seine Versprechen. Bereits beim Anziehen spürt man die Geschwindigkeit. Auch beim Gehen erinnert er mit seinem minimalistischen Profil und der steifen Sohle an einen Rennradschuh, aber er bietet mehr Grip. Der Gravelschuh kann auch als Alternative zu Rennradschuhen dienen und ist ideal für diejenigen, die lieber mit MTB-Pedalen (SPD-Cleats oder Crankbrothers) fahren. Auf dem Gravelbike oder Mountainbike eignet sich der Recon besonders gut für schnelle Touren ohne viele Schiebe- und Tragepassagen.
Die Passform ist schmal bis mittelbreit und umschließt den Fuß rundherum fest. Manko: Mit 390 Euro ist der S-Works Recon alles andere als ein Schnäppchen.
Der neue Specialized S-Works Recon Lace überzeugt nicht nur äußerlich mit einer wunderschönen Optik, auch die Passform weiß zu überzeugen. Leider ist die serienmäßig eingelegte Innensohle ein Flop und sollte ersetzt werden. Die Kombination aus sehr straffem Obermaterial und den Schnürsenkeln ist jedoch rundum gelungen. Für entspanntes Touring ist der Recon Lace nur eingeschränkt zu empfehlen, für einen High-Performance-Schuh fällt er aber schon wirklich komfortabel aus.
Überblick: Specialized S-Works Recon Modelle
Hier ist eine Übersicht der getesteten Modelle mit ihren wichtigsten Eigenschaften:
| Modell | Verschluss | Steifigkeits-Index | Besonderheiten | Einsatzbereich |
|---|---|---|---|---|
| S-Works Recon | Boa S3-Drehverschlüsse | 13.0 | SlipNot Rubber Außensohle, breite Zehenbox | Gravel, Mountainbike, Cyclocross |
| S-Works Recon Lace | Schnürsenkel | 13.0 | Dyneema Obermaterial, PadLock Fersenhalt | Gravel, Bikepacking |
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