Victoria Motorrad: Eine Reise durch die Geschichte der Modelle

Die Geschichte von Victoria Motorrad ist reich und vielfältig, geprägt von Innovationen, wirtschaftlichen Herausforderungen und einem ständigen Streben nach Qualität und Zuverlässigkeit. Von den frühen Pionierleistungen bis zu den modernen Interpretationen klassischer Designs bietet die Marke Victoria eine faszinierende Reise durch die Entwicklung des Motorradbaus.

Die Anfänge und frühen Modelle

Wie viele andere Fahrradhersteller nahm auch Victoria in Nürnberg um 1903 die ersten Motorräder ins Programm, um sie aber nach wenigen Jahren wieder aufzugeben. Einen Neubeginn wagte man 1920 unter Verwendung des längs eingebauten ersten BMW-Motors. Es folgte eine eigene ohv-Version bei der KR 2 und der KR 3 mit Ketten- statt Riemenantrieb.

Dr. Ing. Rudolf Ottenstein, der Sohn des Firmengründers, war inzwischen in den Firmenvorstand berufen worden und dort für die technische Entwicklung zuständig. Unter seiner Federführung entsteht 1920 das erste Motorrad der K.R.-Reihe, die für Victoria lange Zeit charakteristisch bleiben soll. K.R. steht dabei für Kraft-Rad und das erste Modell heißt lapidar K.R. I. Die Maschine ist eine vollkommene Neuentwicklung mit bemerkenswerten Konstruktionsdetails und sie hat schon die typische blaue Victoria-Lackierung.

Einen geeigneten Motor findet man bei den Bayerischen Motorenwerken in München, die zu dieser Zeit noch keine eigenen Motorräder bauen und deshalb ihr von Martin Stolle konstruiertes Antriebsaggregat mit der Typenbezeichnung M2B15 an andere Motorradhersteller verkaufen. Es ist ein Zweizylinder-Boxer mit 494 ccm und seitengesteuerten Ventilen. Bei 2800 Umdrehungen pro Minute leistet das K.R.

Martin Stolle wechselt im Januar1922 zur Firma Sedlbauer in München, wo schon ein halbes Jahr später sein neuer OHV-Motor einsatzbereit ist. Seitens Victoria kommt man mit der Firma Sedlbauern ins Geschäft und noch im gleichen Jahr wird die neue K.R. II mit dem neuen OHV-Motor ausgerüstet. Im September 1923 wird die Sedlbauer-Motorenfertigung nach Nürnberg verlegt, Victoria hat das Werk mittlerweile übernommen.

Als technische Weiterentwicklung erscheint 1924 die KR III. Martin Stolles Nachfolger als Chefkonstrukteur wird Gustav Steinlein. Er leitet eine neue Ära der Motorenentwicklung ein, die Geschichte machen soll. Durch die Verwendung von Kompressoren nach dem Prinzip des englischen Roots-Kompressors kann die Motorleistung erheblich gesteigert werden, um bei Straßenrennen der Konkurenz Paroli zu bieten.

Beim ersten Versuch anlässlich des Freiburger-Kilometer-Rekords 1925 erreicht die werksseitig eingesetzte Victoria-Kompressormaschine eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 146 Kilometern pro Stunde und verweist die Konkurrenz auf die Plätze. Bei Victoria wird in der Saison 1926 zur Verbesserung der thermischen Verhältnisse an der Kompressormaschine der Kompressor über den vorderen Zylinder montiert. Außerdem beschränkt man sich in erster Linie auf Bergrennen, um die Motoren bei den materialmordenden Rundstreckenrennen nicht zu überfordern.

Die 600er-Ausführung blieb über lange Zeit im Programm, sie wurde nur in wenigen Details modernisiert, erhielt den Namen "Bergmeister" und wurde auch als Militärmotorrad eingesetzt.

Die KR 35 und Sturmey-Archer-Motoren

Zwischen 1928 und 1934 standen drei Einzylindermodelle mit englischen Sturmey-Archer-Motoren im Programm. Die KR 35 mit ihrem 12 PS starken OHV-Motor entwickelt sich zu einem echten Verkaufsschlager. Die ab Ende des Jahres 1928 angebotene steuer- und führerscheinfreie KR 20 mit 200 ccm ist ebenfalls mit einem Viertaktmotor von Sturmey-Archer bestückt.

Der mehrfache Deutsche Meister auf DKW und im Jahr 1955 Weltmeister auf NSU Hans-Peter Müller beginnt in den Jahren 1931 bis 1934 mit Victoria-Rennmaschinen seine Karriere als Rennfahrer, sowohl in der 350 ccm als auch in der 500 ccm Klasse. Die KR 6 wird noch bis 1939 angeboten, doch in den Verkaufszahlen spielt sie nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Zukunft soll ab sofort den kleineren Maschinen gehören.

Die Ära Richard Küchen und die "Neue Victoria-Linie"

In der Nürnberger Nachbarschaft bei Zündapp hatte Richard Küchen in den letzten Jahren die K-Reihe ins Leben gerufen. Unter seiner Ägide entsteht die „Neue Victoria-Linie“, wie sie in den zeitgenössischen Prospekten genannt wird. Dazu zählen drei formschöne Zweitaktmotorräder mit Steilstromspülung, die KR 20 EN Lux als Sparmodell sowie die KR 20 LN Luxus.

Die Victoria Modelle KR 25 und KR 26 zählten in den 50er Jahren zu den beliebtesten Motorrädern. Die Geschichte dieser Modelle begann 1937, als der bekannte Konstrukteur Richard Küchen mit ihrer Entwicklung beauftragt wurde. Damals war es das Ziel, eine konkurrenzfähige 200er auf die Räder zu stellen, um sich von den großen Kuchen, der sich durch Steuer- und Führerscheinfreiheit der 200er Maschinen darbot, ein gehöriges Stück abzuschneiden.

Richard Küchen baute also eine kleine 200er Zweitaktmaschine mit drei Gängen,die von Hand geschaltet wurden. Da Küchen in Fachkreisen wegen seiner weniger gelungenen Konstruktion (die insbesondere unter Kühlschwierigkeitenzu leiden hatte) recht umstritten war, wollte er diesem Motor das Bestmögliche an Zuverlässigkeit mitgeben. Zu diesem Zweck verließ er sich für die Schmierung der Kurbelwellenhauptlager nicht wie üblich auf das bißchen öldunst, das eine Gemischschmierung an diese neuralgische Stelle liefert, sondern trennte Hauptlager durch eine Dichtung vom Kurbelraum, sodaß das Kraftstoff-ölgemisch nur Pleuel und Kolben zu schmieren hatte.

Als einige Journalisten bei der Vorstellung der neuen Maschine etwas süffisant nach deren Zuverlässigkeit fragten, bot Küchen spontan einen Dauertest an. Eine der neuen 200er wurde einen ganzen Tag lang mit Vollgas auf der Autobahn ständig von Nürnberg nach Ingolstadt und wieder zurück gescheucht. Sie hielt. Die Kritiker waren überzeugt.

Die beliebten Zweitakter aus Nürnberg mit modernen Motoren wurden von etwa 1935 bis 1953 entwickelt und kontinuierlich verbessert. der umstrittene Konstrukteur Richard Küchen verantwortlich zeichnete. Verbesserungen gegenüber den ersten Typen aufwies. und die KR 20 LN Luxus. Dabei stand das „N” wohl für die „neue Linie”, E oder L für „einfach” und eben „Luxus”.

Wie dem auch sei, Victoria fertigte 1927 die erste KR.7. mit einem rennmäßig hergerichteten Motor. Die Auspuffanschlüsse hatten einen 90 Grad Winkel am Abgang. Beim späteren Serienmodell waren die Anschlüsse schräg angeordnet.

Kriegsjahre und Wiederaufnahme der Produktion

Ein Großteil der Fertigung bei Victoria wird ab sofort von der Wehrmacht vereinnahmt. Allein von der KR 35 Pionier werden fast 6 000 Stück als Modell WH für Heeresbestände gebaut. Heute tauchen die im Krieg zurückgelassenen Pionier Motorräder in Norwegen, Frankreich, der Sowjetunion und im Baltikum wieder auf und geben damit ein trauriges Beispiel für dieses an allen Fronten eingesetzte Victoria-Motorrad.

Mit 28 Männern und zwei Frauen beginnt die Aufbauarbeit in der Ludwig-Feuerbach-Straße. Bereits vor dem Krieg war in der Noptischstraße ein Neubau begonnen worden, der aber durch die Kriegswirren nicht fertiggestellt werden konnte. Mit den wenigen vorhandenen Möglichkeiten gelingt den Victorianern etwas fast Unmögliches. Schon Ende des Jahres 1946 kann ein Fahrradhilfsmotor zum Verkauf angeboten werden, der noch während des Krieges von Albert Roder bei Victoria entwickelt worden war.

Nach dem Krieg wurde die 200er kurzzeitig weitergebaut un dann auf 250 ccm vergrößert. Auch das handgeschaltete Dreiganggetriebe wurde durch ein fußgeschlaltetes Vierganggetriebe ersetzt. Dabei bemühte man sich, möglichst wenig an Motor und Gehäuse zu ändern, weshalb der Schaltautomat in eine sonst unübliche Höhe gesetzt werden mußte um die Einstellung der Schaltung etwas Gewußt-Wie erforderte.

Mit der unveränderten Zweitakt-250er nahm man 1948 die Motorradproduktion wieder auf, nachdem vorher schon ein eigener Fahrradhilfsmotor mit 38 cmm Hubraum entstanden war. Für die 98er-Motorfahrradklasse gab es auch wieder die 1939 präsentierte "Fix".

Die ersten Victoria KR 25 Aeros wurden bereits 1949 wieder gebaut. Sie unterschieden sich nicht von den Vorkriegsmaschinen. Zusätzlich gab es noch die V 99 Fix mit 98 ccm und drei Gängen. Eine Neuauflage der KR 35 Pionier ist nicht geplant.

Die KR 25 und KR 26 in den 1950er Jahren

In den Leistungsangaben hinkten die beiden größeren Modelle Anfang der fünfziger Jahre hinter der Konkurrenz her, doch Victoria-Käufer wußten, daß die KR 25 eher auf absolute Zuverlässigkeit und Anspruchslosigkeit ausgelegt war. Es ging schnell bergauf und so kann im Januar 1951 die 10 000 ste KR 25 Aero das Werk verlassen.

Ende 1951 erschien eine grundlegende Neukonstruktion. Das Kürzel HM steht für „Hochleistungsmotor”. Für die Schnürle-Spülung war ausgelaufen, also wurden Kolben, Zylinder und Motor­gehäuse für die Umkehrspülung umgebaut. (Verdichtung 1:5,8).

Im Frühjahr 1953 dann als KR 26 präsentiert wurde. denn Reste der HM wurden noch angeboten, zweitens war das eine Anpassung an den Wettbewerb, speziell BMW. Der Motor wurde erneut überarbeitet. 12,3/12,6 PS. Geradwegfederung am Hinterrad kombiniert. Durchmesser bei 30 mm Belagbreite.

Die Werksfahrer gewannen etliche Medaillen (gold: 84, silber: 38, bronze: 20) und 18 Mannschaftspreise, was die Robustheit der Konstruktion bewies. Von 1955 bis 1957 wurden im Geländesport sieben KR 26 mit Hinterradschwinge eingesetzt.

Das Ende der Motorradproduktion und die Zweirad Union

Der letzte Versuch, ein Motorrad auf den Markt zu bringen, misslingt. Wurden 1953 noch 10 000 Victoria-Motorräder verkauft, so sind es 1957 gerade noch 700 Stück. Auf der Suche nach Auswegen aus der Zweiradkrise verfällt man bei Victoria mit der von Friedrich angebotenen Beteiligung an der Bayerischen Autowerken AG auf die Idee in die Produktion von Kleinwagen einzusteigen.

Eine Fusionierung der Victoria AG mit anderen Zweiradherstellern erscheint den geldgebenden Banken als letzter Ausweg, und so wird 1958 die Zweirad Union AG gegründet, ein Zusammenschluss von Victoria, Express (Neumarkt) und DKW (Ingolstadt). Als letzte Zweirad-Union-Fahrzeuge werden 1966 das Moped-Modell 159 und das Kleinkraftrad TS mit 5,3 PS produziert. 1969 ist der Name Victoria dann endgültig aus allen Moped-Prospekten verschwunden.

Victoria heute: Retro-Roller und Comeback der Marke

Einigermaßen erstaunlich ist, dass der chinesische Hersteller "Victoria Motorrad" seine Modelle mit dem Emblem der alten deutschen Marke labelt. Scheinbar sicherte sich der chinesische Hersteller die Markenrechte an Victoria Motorrad, denn mit der Gründung und der Geschichte des einstigen Herstellers aus Nürnberg wird auf der offiziellen Homepage geworben. Das Emblem mit dem Adler mitsamt gekröntem Menschenkopf verweist auf das Wappen der Stadt Nürnberg. Seit Neuestem ziert es den Cruiser Victoria Simplee V7 und die beiden Sixties Roller.

Um das Verwirrspiel um ein Level zu steigern: die alte deutsche und neue chinesische Marke Victoria Motorrad übernimmt die beiden Sixties-Modelle ohne jede Änderung. Und während Keeway die Sixties bereits in Spanien verkauft, sind die Märkte von Victoria noch nicht bekannt.

Keeway ist eine Marke des chinesischen Herstellers Qianjiang, zu dem unter anderem QJ Motor und Benelli zählen. Der Konzern ist auch unter Zhejiang Qianjiang Motorcycle Co. bekannt.

Hier ist eine Tabelle mit den technischen Daten der Keeway/Victoria Sixties Roller:

Modell Motor Leistung Drehmoment Bremsen vorne Bremsen hinten ABS Tankinhalt Leergewicht
Sixties 125 Luftgekühlter 125-Kubik-Einzylinder 9 PS bei 8.000/min 9 Nm bei 6.5000/min 220er-Bremsscheibe 215er-Disc Nein (CBS) Unbekannt 127 kg
Sixties 300 Flüssigkeitsgekühlter 278-Kubik-Einzylinder 19 PS bei 6.500/min 22 Nm bei 6.000/min Unbekannt Unbekannt Ja (Nissin) 10 Liter 146 kg

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