Die Geschichte des Motorrads ist eine faszinierende Reise voller Innovationen, technischer Fortschritte und mutiger Pioniere. Es brauchte seine Zeit und etliche Versuche, bis Motor und Einspurfahrzeug in Harmonie zusammenfanden. Im Folgenden werden Beispiele aus den Jahren um 1900 gezeigt, die dies dokumentieren. Skurrile, logische, damals zeitgemäße und zukunftsweisende Konstruktionen finden hier zu einer neuen Rolle als Zeitreisemobile.
Die ersten Schritte: Von Daimler bis Hildebrand & Wolfmüller
Noch vor dem ersten Automobil wurde in Baden-Württemberg das erste Motorrad der Welt konstruiert. Es war zugleich das erste Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Das erste Automobil der Welt wurde zwar im Jahr 1885 mit dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 von Carl Benz konstruiert, die im selben Jahr von Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach patentierte „Standuhr“, der weltweit erste schnell laufende Benzinmotor, ist für die Entwicklung der modernen Mobilität aber genauso wichtig.
Als erster Belastungstest für ihren neu entwickelten schnell laufenden Benzinmotor bauten Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach die „Standuhr“ jedoch 1885 in den sogenannten „Reitwagen“ ein, dem ersten Motorrad der Geschichte. Seine Stützräder verhindern, dass er sich wie ein Motorrad bewegen lässt, aber wie ein Auto fährt das komische Vierrad auch nicht. Das ist nicht verwunderlich; Daimler und seine Söhne Paul und Adolf waren eingestandenermaßen keine Fahrradfahrer. Dies bedeutete eine riesige Hemmschwelle auf dem Weg zum Motorrad.
Der Patent-Motorwagen war also nie als Vorläufer des Motorrads gedacht. Er war ein Aggregatträger für die Erprobung eines schnell laufenden Benzinmotors, der von der Feuerwehrspritze bis zum Boot alles Mögliche antreiben sollte. Der originale Daimler-Reitwagen war im Jahr 1903 bei einem Feuer zerstört worden, es bestehen aber zehn Replikate. Im Übrigen ist auch Gottlieb Daimlers Versuchswerkstatt, wo das erste Motorrad der Welt entstand, noch heute im Kurpark in Bad Cannstatt zu besichtigen.
Konkret legte das erste Motorrad der Geschichte die rund drei Kilometer zwischen Cannstatt und Untertürkheim zurück. Beide waren zu diesem Zeitpunkt noch eigenständige Gemeinden, die erst 1905 zusammen mit Wangen nach Stuttgart eingemeindet wurden. Der Reitwagen von Daimler und Maybach hat damit noch vor dem Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 und der Daimlerschen Motorenkutsche bewiesen, dass ein Verbrennungsmotor ein straßentaugliches Fahrzeug antreiben und ein einzelner Mensch dieses kontrollieren kann.
Eine motorrad-gemäße Verbindung von mechanischem Antrieb und Einspurfahrzeug hatten die Franzosen Pierre Michaux und Louis-Guillaume Perreaux schon 1868/69 auf eisenreifbezogene Räder gestellt, auch andere französische Konstrukteure experimentierten zu dieser Zeit mit Dampfrädern. Gewicht und Hitzeentwicklung der Dampfmaschinen schränkten die praktische Nutzung dieser Vehikel jedoch stark ein.
Die Hildebrand und Wolfmüller gilt als erstes Serienmotorrad der Welt, auch der Name "Motorrad" wurde hier erstmals verwendet und sogar patentiert. Der Radsportler und Herausgeber der „Radfahrchronik“ Heinrich Hildebrand fasste nach einem eher missglückten Versuch, zusammen mit seinem Bruder Wilhelm ein dampfgetriebenes Zweirad zu bauen, bereits 1892 den Entschluss, es einmal mit einem Benzinmotor nach der Vorlage von Gottlieb Daimler zu versuchen.
Dazu beauftragte er den Konstrukteur Alois Wolfmüller, der zusammen mit seinem Freund und Ingenieur Hans Geisenhof die Hildebrand und Wolfmüller entwickelte. Da Dinge wie Ketten, eine elektrische Zündung oder ein herkömmlicher Vergaser zu dieser Zeit noch nicht erfunden waren, musste man andere Wege gehen. So wurde nach erfolglosen Versuchen mit einem Zweitakter ein wassergekühlter Viertakt-Zweizylinder konstruiert, der unten quasi offen war.
Die Pleuel des Zweizylindermotors übertrugen den Kolbenhub direkt auf das Hinterrad, eine Anordnung, die zu wenig Schwungmasse für einen sauberen Rundlauf mitbrachte. Der Vortrieb vollzog sich bei niedrigen Geschwindigkeiten stoßweise. Gummibänder mussten die Kolben über die Totpunkte ziehen. Sie im Auf und Ab der Kolben immer wieder zu spannen, nahm viel Motorleistung in Anspruch, die Maschine tat sich deshalb an Steigungen schwer. Auch verursachte die Glührohrzündung ständig Schwierigkeiten.
Nach der Produktion von 350 bis 400 Motorrädern wurde bereits im November 1895 das Konkursverfahren gegen die Firma eröffnet. Eine praxistaugliche, fortschrittliche Konstruktion von Alois Wolfmüller mit Wellenantrieb und Kupplung wurde nicht mehr verwirklicht.
Weitere frühe Entwicklungen und Pioniere
Federführend als Motoren- und Fahrwerksbauer waren damals französische Firmen, die deshalb zu Recht die meisten Motorräder zu dieser Geschichte beitragen.
Moto Werner (1899 / 1902)
Die Gebrüder Werner schufen mit dem Einbau des Motors vor den Lenkkopf eines Fahrradrahmens zwar das Vorbild für die Velosolex, wegen des hohen Gewichts an ungünstiger Stelle und der unzuverlässigen Glührohrzündung war dieser Lösung jedoch kein Erfolg beschieden.
Die Brüder reagierten rasch und setzten im Jahr 1900 den Motor an den „richtigen“ Platz, nämlich an die Stelle des Tretlagers. Die Werners entwickelten damit die Idee des böhmischen Herstellers Laurin & Klement weiter, der den Motor erstmals ins Rahmendreieck integriert hatte . Tragischerweise starben die innovativen Brüder im Jahr 1905, 1908 stellte ihre Firma den Betrieb ein.
Indian (1901)
Ein wichtiger Teil der damaligen Entwicklung kreiste um die Frage, wie ein Motor mitsamt Nebenaggregaten in einem Fahrradrahmen unterzubringen sei. Bei diesem frühen Exemplar ersetzt der Motor das Sattelrohr. Der Tank wölbt sich über das Hinterrad und wurde deshalb „camel back“ genannt. Bemerkenswert modern ist die Übertragung der Motorkraft von der Kurbelwelle zum Hinterrad per Kette statt des üblichen Riemens.
Laurin & Klement (1901)
Während Moto Werner, Humber und Indian sich schon früh trauten, den Motor als mittragendes Segment in offene Rahmen einzubauen, übte sich Laurin und Klement in der Kunst des Biegens von umfassenden Rohrschleifen. Der in Muffen gelötete Stahlrohrrahmen mit der schwungvollen vorderen Hälfte weist einen deutlich längeren Radstand auf als Fahrräder. Im Zusammenspiel mit der Einbaulage des Motors und der Platzierung des Fahrers verspricht dies sehr gute Fahreigenschaften.
NSU (1902)
Das Neckarsulmer Motorrad besaß bereits einen Spritzdüsenvergaser und Batteriezündung. Wegen der tiefen Motorposition und des Auspuffs kommt der Fahrer auf dieser Maschine sehr hoch zu sitzen. Das kurze Oberrohr des noch sichtlich von den Neckarsulmer „Pfeil“-Fahrrädern inspirierten Rahmens rückt den Lenker in ungewohnte Nähe zum Fahrer, was im Verein mit leicht eingeschlagenen Lenkkopflagern für abenteuerliche Lenkeigenschaften sorgte.
Opel (1903)
Abseits vom „Vorsteckwagen“ an Dreirädern von De Dion-Bouton oder NSU machte man sich bei Opel früh Gedanken um die Unterbringung von Mitfahrern. Wahrscheinlich war es der Gesundheit der Besatzung zuträglich, dass dieser Soziussitz stehend im Studio fotografiert wurde.
Humber (1903)
Noch eine Variation zum Thema Motor im fahrradähnlichen Rahmen: Bei dieser von Humber in Lizenz gebauten Maschine ersetzt der stark geneigte 345 cm³-Motor das vordere Rahmenrohr. Das Kettenblatt auf der rechten Seite dient dem Mittreten an Steigungen - bei 2,75 PS dürfte dies ab und zu notwendig geworden sein.
Alcyon (1905)
Länge läuft. Das wusste man bei Alcyon schon früh und baute nach diesem Prinzip die hier gezeigte Rennmaschine. Eine tiefe Lenker- und Sattelposition verbessert die Windschlüpfigkeit. Der Motor des Renners stammt vom französischen Hersteller Buchet, hat aber wenig mit dessen Serienprodukten zu tun. Konstrukteur dieses sehr frühen ohv-Einzylinders war Alessandro Anzani, der auch Flugmotoren entwarf.
Clément V2 (1902)
Das erste Motorrad mit V2-Motor: Elegant geführt, wie wenn sich Kinder beim Ringelreigen an den Händen halten, sind die gegabelten Ansaugstutzen und Auspuffkrümmer. Wieder verdeutlicht der Vergleich mit NSU das Streben nach ausgewogener Gewichtsverteilung und tiefem Schwerpunkt. Um den Motor als Gegengewicht zum Fahrer möglichst weit vorn montieren zu können, biegt Clément das Unterrohr konzentrisch zum Vorderrad.
Werner Reihen-Twin (1905)
Kurz, aber bedeutsam. Soweit sich dies feststellen lässt, bauten sie 1903 den ersten Zweizylinder-Reihenmotor der Motorradgeschichte mit 500 cm³ Hubraum. Die Einlässe sind als Membranventile ausgeführt, welche über den Tellern der stehenden Auslassventile angeordnet sind.
Opel (1907)
Opels Rolle als einer der Motorradpioniere der deutschen Industrie ist durch die Übermacht der Autosparte fast völlig verschütt gegangen. Dabei hat der Rüsselsheimer Hersteller schon 1906 ein Luxusmodell mit Zweizylinder-Reihenmotor gebaut. Das historische Foto zeigt die überarbeitete Maschine von 1907, die Ähnlichkeiten mit der Moto Werner aufweist. Allerdings gab Opel im selben Jahr die Motorradfertigung schon wieder auf.
Laurin & Klement (1904)
Auch für einen frühen Vierzylinder genügte ein zweidimensionaler Stahlrohrrahmen. Wie bei der Einzylindermaschine aus gleichem Haus umfasst ein Rohrbogen den Magnetzünder, der über Kette von der Kurbelwelle des vorderen Zylinders angetrieben wird. Ja, richtig gelesen: Der erste Vierzylinder von Laurin und Klement bestand gleichsam aus vier hintereinander angeordneten Einzylindern, besaß also vier quer liegende Kurbelwellen.
FN (1905)
Die belgische Fabrique Nationale d‘Armes de Guerre, kurz FN, produzierte schon sehr früh überaus zierliche, qualitativ hochwertige Motorräder mit Vierzylinder-Reihenmotoren. Diese Motoren besaßen sogar schon fünf Kurbelwellenlager. Der Antrieb erfolgte über eine Welle, eine Kupplung führte FN erst 1912 ein. Die Trommelbremse im Hinterrad war außergewöhnlich zu dieser Zeit, und sie funktionierte auch außergewöhnlich gut.
Douglas (1910)
Als die Douglas mit längs liegendem Boxer-Motor um 1913 den späteren BMW-Motorenentwickler Martin Stolle faszinierte, war sie bereits eine lang gestreckte Maschine mit niedrigem Schwerpunkt.
BMW: Eine Erfolgsgeschichte beginnt
Auf der Berliner Automobilausstellung im September 1923 fällt der Startschuss für den Bau von BMW Motorrädern: Die R 32 ist das erste Motorrad der Bayerischen Motoren Werke, entwickelt von Max Friz.
Eine komplette Neukonstruktion von Rudolf Schleicher ist die BMW R 5 von 1936-37. Mit 24 PS bei 500 ccm ist sie auch dank des günstigen Gewichts eines der sportlichsten Motorräder der damaligen Zeit.
Bei der R 12 und der R 17 hat BMW als weltweit erster Motorrad-Hersteller in der Serienfertigung die bisherige Blattfedergabel durch eine hydraulisch-gedämpfte Teleskop-Vorderradgabel ersetzt.
Die R 2 weiß mit einem neuen Einzylinder-Motor für die führerscheinfreie 200-ccm-Klasse in einer leichteren Version des Pressstahlrahmens zu überzeugen. Die R 4 ist die hubraumstärkere Einzylinderversion im verstärkten R 2-Fahrgestell, gedacht als Behörden- und Geländesportmodell.
Mit der R 12 erscheint die erste hydraulisch gedämpfte Teleskop-Vorderradgabel im Motorrad. Diese bringt gegenüber der bisherigen Blattfeder-Schwinge eine erhebliche Verbesserung im Komfort und in den Fahreigenschaften. Im unveränderten Pressstahlrahmen sitzt ein Seitenventil-Motor, der wahlweise mit einem SUM- oder zwei Amal-Vergasern geliefert wird.
Das Sportmodell: die R 17 mit dem leistungsstarken OHV-Motor (oben hängende Ventile). Der neue Rohrrahmen erfährt durch den Anbau einer Geradweg-Hinterradfederung eine entscheidende Verbesserung. Der neue Rohrrahmen erfährt durch den Anbau einer Geradweg-Hinterradfederung eine entscheidende Verbesserung.
Ernst Henne versucht mit den 108 PS aus der neusten 500-ccm- Kompressormaschine auf der Autobahn Frankfurt-Darmstadt einen neuen Geschwindigkeits-Weltrekord. Das Motorrad ist komplett verkleidet, aerodynamische Erkenntnisse sollen die entscheidenden Verbesserungen bringen. Das Ergebnis ist atemberaubend: Mit 279,5 km/h wird Ernst Henne zum schnellsten Mann auf zwei Rädern. Der Weltrekord vom 28.
Er sorgt mit der 65 PS starken BMW Kompressormaschine auf den Rennstrecken Europas für Furore. Die Bilanz spricht für sich: 1938, in seiner ersten Saison, gewinnt der BMW Werksfahrer Georg Meier die Europameisterschaft.
Neubeginn und Innovationen
Nach den Kriegswirren gelingt BMW 1948 ein Neubeginn mit der Motorrad-Herstellung. Die 1950er Jahre sind von sportlichen Erfolgen geprägt. In Berlin-Spandau, wo bis 1945 Flugmotoren entstanden und danach eine Werkzeugmaschinen-Fertigung aufgebaut wurde, bekommen die BMW Motorräder ihr neues Zuhause - und Berliner Luft in die Reifen.
Eine neue Ära wird eingeleitet: Cockpit- und Vollverkleidungen machen das Fahren auf dem Motorrad komfortabler. Es entstehen sportliche Reisemotorräder. Der Motorradbauer überrascht mit wegweisenden Innovationen und dem neuen Segment der Reise-Enduros.
Der neue Vierventil-Boxer mit elektronischem Motormanagement und das BMW erste Einzylinder-Motorrad seit 1966 kommen in den 1990er Jahren auf den Markt.
Etliche neue Modelle und technische Innovationen sorgen bei BMW Motorrad für Wachstum: die neue K-Baureihe geht jetzt mit einem quer eingebauten Motor an den Start; und die neu entwickelte F-Modellreihe befeuert das Segment der Mittelklasse-Maschinen.
Die 2010er sind eine Dekade voller Innovationen und Erfolge. Die Einführung der S 1000 RR setzt neue Maßstäbe im Superbike-Segment. Hinzu kommt ein völlig neues Segment - die Heritage Motorräder. Sie bringen jede Menge Retro-Charme in die Modellpalette, während die GS-Modelle weiterhin Abenteuerlustige begeistern.
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