Die Tour de France ist nicht nur aus sportlicher Sicht das Highlight des Jahres, sondern auch für die Fahrradindustrie ein wichtiger Termin. Kein anderes Ereignis verspricht so viel weltweite Aufmerksamkeit.
Die Entwicklung der Fahrradtechnik
Während die heutigen Fahrräder topmodern sind und die neuesten Innovationen in Technik und Design aufweisen, war dies nicht immer der Fall. Das erste Fahrrad, das 1903 die Tour de France gewann, war ein einfaches Stahlrad mit fester Gangschaltung, Holzfelgen, 32-38 mm breiten Reifen, Ledersattel und einem Lenker, der einigen der heutigen Gravel-Modelle ähnelt. Mit der Tour de France entwickelte sich auch die Fahrradtechnik weiter, einschließlich der Bremsen, der Schaltung und des Materials, das von Stahl auf Aluminium und später auf Kohlefaser umgestellt wurde.
Heutzutage sind die Fahrräder, die bei der Tour de France eingesetzt werden, leicht, stromlinienförmig und eindeutig auf Geschwindigkeit ausgelegt. Ein hervorragendes Beispiel für ein modernes Tour de France Rad ist das Pinarello, welches 2022 eine Weltneuheit vorstellte: einen 3D-gedruckten Rahmen, der für den Weltmeister Filippo Ganna und seinen von Tissot gemessenen UCI-Stundenrekord entworfen wurde. Der 3D-Druck ermöglichte die Einführung neuer Formen und Merkmale, die mit den bestehenden Kohlefasertechniken unmöglich zu replizieren sind.
Zusammen mit den besten Fahrrädern präsentiert die Tour die Continental Reifen auf dem jährlichen Höhepunkt des Radsports in Hochleistungsumgebungen, darunter so berühmte Berge wie Alp d'Huez, Tourmalet, Mont Ventoux und Galibier. Der bewährte Grand Prix 5000 S TR Tubeless Ready ist leichter, schneller und hat stärkere Seitenwände als seine Vorgänger und setzt damit einen neuen Standard in der Tubeless Ready-Technologie für die Straße.
Gewicht und Aerodynamik
Aerodynamik und Leichtbau sind dabei die Gegenspieler. Die aerodynamisch besten Räder liegen deutlich über dem Mindestgewicht von 6,8 Kilogramm, das die UCI vorschreibt, im Mittel rund 500 Gramm. Leichträder, die aerodynamisch zwischen sieben und 30 Watt mehr Leistung benötigen als die Aero-Spezialisten (bei 45 km/h), schaffen zum Teil das Gewichtslimit im Renntrimm.
TOUR hat die Rennmaschinen der Profis allesamt im Windkanal und im Labor getestet. Damit lässt sich zumindest theoretisch ermitteln, wie groß der Vorteil einer Aero- oder Leichtbaumaschine ist. Ob und wann sich der ständige Wechsel zwischen unterschiedlichen Rennrädern auszahlt, haben wir auch versucht herauszuarbeiten.
Doch die Räder sind nur ein Puzzleteil unter vielen beim Wettstreit ums Podium. Ein überragender Fahrer wie Pogacar kompensiert mit seiner Physis auch ein nur mittelmäßiges Rad, wie er immer wieder beweist.
Beispiele für Rennräder bei der Tour de France
Abhängig von Technik, Team und Talent stellen wir acht Räder im Detail vor, die aus unserer Sicht die beste Materialbasis bei der Tour de France 2024 darstellen:
- Colnago V4Rs (UAE Team Emirates): Aerodynamisch schwächer, aber Pogacar gleicht es aus.
- Cervélo S5 (Visma | Lease a Bike): Aero-Rad, ideal für Solo-Fluchten, aber schwer.
- Pinarello Dogma F (Ineos Grenadiers): Vielseitig, ausgewogene Leistung in allen Bereichen.
- Specialized S-Works Tarmac SL8 (Soudal - Quick Step, Bora-Hansgrohe): Komplettpaket, leicht und aerodynamisch.
- Canyon Aeroad CFR (Alpecin-Deceuninck, Movistar): Speed-Maschine, aerodynamisch top.
- Giant Propel Advanced SL (Team Jayco-AlUla): Aero-Modell, leicht und komfortabel.
- Trek Madone SLR (Lidl-Trek): Auffälliges Design, aber relativ schwer.
Das UCI-Limit und seine Auswirkungen
Das UCI Limit von mindestens 6,8 kg für das Bike macht es leichten Fahrern schwerer. Ein 50 kg Fahrer muss ja genauso die 6,8 kg bewegen wie ein 75 kg Fahrer und hat dadurch einen Nachteil. Wenn man das Leistung-/Gewichtsverhältnis (Watt / kg) betrachtet, muss man immer das Gesamtgewicht betrachten. So haben schwerere Fahrer hier einen Vorteil.
Die Bedeutung des Fahrergewichts
Was braucht es, um die Tour de France zu gewinnen? Talent, Training, Taktik, Teamkollegen, Glück - und mehr. Der durchschnittliche Tour-Sieger der vergangenen Jahrzehnte ist 28 Jahre alt und wiegt rund 69 Kilogramm.
Der durchschnittliche Tour-Teilnehmer ist 30 und 1,80 bis 1,82 Meter groß. Das Durchschnittsalter aller Tour-de-France-Starter 2020: 29,76 Jahre. Ihre Durchschnittsgröße: 1,80 Meter. Ihr Durchschnittsgewicht: 68,2 Kilogramm. Ihr Durchschnitts-Body-Mass-Index: 21.
Fakt ist: Die Tour-Fahrer werden immer leichter. Nach den zusammengetragenen und berechneten Body-Mass-Index-Daten sind die heutigen Radprofis im Durchschnitt „schlanker“ beziehungsweise „dünner“ als alle ihre Vorgänger-Generationen: Ihr mittlerer BMI fiel von 22,1 in 1990 auf 20,9 in 2020. Das durchschnittliche Körpergewicht eines Tour-Starters ist demnach seit 1990 um rund fünf Kilogramm gesunken. Vor 21 Jahren lag es bei rund 73 Kilogramm - 2020 bei 67,8 Kilogramm.
1945 war der „Durchschnitts-Tour-de-France-Profi“ knapp unter 1,75 Meter groß. 2020 maß er rund 1,81 Meter. Bradley Wiggins, der Tour-Sieger 2012, wies, bei einer Größe von 1,90 Metern, einen BMI-Wert von nur 19,1 auf.
Der „schwerste“ in der Datensammlung vorkommende Fahrer ist der Schwede Magnus Backstedt, der Paris-Roubaix-Sieger von 2004. Sein Gewicht: 95 Kilogramm. Der leichteste Fahrer: der Franzose Kenny Elissonde. Sein Gewicht: 52 Kilogramm.
Die Entwicklung der Fahrergenerationen
Firmin Lambot ist der älteste Gesamtsieger der Tour-Geschichte. Er gewann die Grand Boucle 1922, im Alter von 36 Jahren. Der jüngste Sieger, Henri Cornet, war im Jahr seines Triumphes, 1904, erst 19 Jahre alt. Der zweitjüngste Tour-Sieger gewann das Rennen 116 Jahre später: Tadej Pogačar. Der Slowene war im Vorjahr bei der Ankunft in Paris 21 Jahre alt.
Er steht - wie auch etliche weitere bereits sehr jung sehr erfolgreiche Fahrer wie Remco Evenepoel, Marc Hirschi, Brandon McNulty, Ilan van Wilder, Tom Pidcock, Andrea Bagioli, Mauri Vansevenant und andere - für eine aktuelle Entwicklung: den Generationswechsel an der Leistungsspitze des Profi-Radsports und die extrem hohe Leistungsfähigkeit immer jüngerer Athleten.
Das Höchstleistungsalter in ausdauerorientierten Sportarten wie dem Radsport liegt zwischen 28 und 34 Jahren. Eine Analyse zu den Hintergründen dieser Entwicklung finden Sie in einer der kommenden RennRad-Ausgaben - eine zu den aktuellen Top-Talenten des Pelotons erschien im Magazin 4/2021.
Materialauswahl und Strategie
Eine der wichtigsten Entscheidungen wird erst abhängig von der jeweiligen Etappe getroffen: Welches Rad in welchem Set-up gefahren wird, ist bei vielen Teams abhängig von Strecke und Strategie. Superstar Tadej Pogacar muss sich darüber keinen Kopf machen - der Slowene benutzt immer das gleiche Rad, ein Colnago V4Rs.
Eine aufwendigere Strategie fährt das Team Visma | Lease a Bike. Jonas Vingegaard & Co. können zwischen Leicht- und Aerorenner wählen, zwischen Einfach- oder Zweifach-Antrieb und unterschiedlichen Laufrädern. Kein anderes Team bürdet seinen Mechanikern vor einer Etappe so viel Schraubarbeit auf - aber die Mehrzahl fährt die Mehrere-Räder-Strategie, befeuert vom Wunsch, dem Sportler ein perfektes Rad hinzustellen, das im Sekundenpoker Vorteile verspricht.
Hersteller investieren viel Geld. Neben den Rennmaschinen selbst legen die Materialsponsoren noch eine beträchtliche Summe Geld obendrauf, damit die Fahrer ihre Räder und Komponenten fahren. Genaue Zahlen sind natürlich Verschlusssache, aber je nach Qualität des Teams geht es dabei um Millionen. Natürlich sind die Hersteller bestrebt, den Sportlern das bestmögliche Material zur Verfügung zu stellen, um die Erfolgschancen zu erhöhen. Außerdem kümmern sie sich oft darum, die Fahrer optimal auf die Räder zu setzen: Windkanaltermine, Bikefitting, Sonderanfertigungen - das alles wird häufig vom Ausstatter organisiert.
Zusammenfassende Tabelle
| Fahrer Typ | Durchschnittliches Gewicht | Leistung (Watt/kg) |
|---|---|---|
| Bergfahrer | 55-64 kg | ~6 Watt/kg (über 30 Minuten) |
| Sprinter | Variabel | ~18 Watt/kg (Höchstleistung), 15 Watt/kg (über 13 Sekunden) |
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