Die richtige Lenkerbreite für Ihr Rennrad: Eine umfassende Empfehlung

Ein korrekt eingestellter Lenker beeinflusst massgeblich die Sitzposition des Fahrers. Rücken, Nacken und Handgelenke werden geschont und das Fahrrad kann sicher bewegt werden. Wer effizient und schmerzfrei unterwegs sein möchte, achtet auf die sorgfältige Auswahl der Komponenten und deren korrekte Einstellung, sonst drohen Überlastung und Schmerzen. Im zweiten Teil: Lenker und Vorbau.

Wie beeinflusst der Lenker das Fahrgefühl?

Mit einem schmalen Lenker wirkt der Renner im Wiegetritt etwas lebendiger, Arme und Schultern werden zudem etwas stärker zusammengezogen. Das bringt aerodynamische Vorteile, Rennfahrer passen im Peloton durch engere Lücken. Allerdings kann dadurch das Atmen schwerer fallen, weil der Brustkorb stärker zusammengezogen wird. Ein breiter Lenker hingegen greift sich komfortabel, vereinfacht tiefes Atmen und sorgt für größere Ruhe beim Lenken und im Wiegetritt. Wen die etwas trägere Lenkung nicht stört, freut sich zudem beim Sprinten über einen größeren Hebel.

Die Bedeutung der Lenkerbreite

Fahrradlenker bzw. Lenkerbügel gibt es im Handel und auch bei uns im Fahrradlenker-Shop in verschiedenen Breiten (z.B. 570, 590, 610, 630, 650 mm). Doch warum gibt es verschiedene Breiten bei den Lenkern? Welche Breite ist für Sie und Ihr Bike die richtige? Die richtige Lenkerbreite ist für ein entspanntes und schmerzfreies Fahrradfahren sehr wichtig. Denn nur wenn die Breite des Fahrradlenkers optimal zu Ihnen passt, ermüden Sie nicht vorzeitig.

Die ideale Lenkerbreite ermitteln

Um eine ideale Lenkerbreite festzustellen, misst man den eigenen Schulterabstand von Gelenk zu Gelenk. Früher nutzte man folgende Grundregel: Lenkerhörner sollten etwa genauso breit auseinanderliegen wie die Schultern. Die ideale Lenkerbreite errechnet sich aus der Schulterbreite plus, der zweifachen Handbreite.

So messen Sie Ihre Schulterbreite:

"Messen Sie Ihre Schulterbreite", rät Bikefitterin Tanja Willersinn, "von einem Schultergelenksknochen zum anderen. Der ermittelte Wert in Zentimetern ist Ihre optimale Lenkerbreite."

Auswirkungen einer falschen Lenkerbreite

Wählen Sie einen zu breiten Lenker, müssen Sie zu weit nach außen fassen. Um die Stabilität und Haltung zu erhalten, müssen die Arme, Hände und Handgelenke unnötig viel Muskelkraft aufwenden, was zu Schmerzen in den Schultern, Nacken und Armen, aber auch zu einem erhöhten Kraftverlust führt. Ein zu breiter Lenker kann zu Schmerzen in den Handgelenken führen, da diese abgeknickt werden. Das gleiche gilt, wenn Sie einen zu schmalen Lenkerbügel wählen. Ein zu schmaler Lenker hingegen verhindert das freie Durchatmen und ist ebenso nicht von Vorteil.

Hobby-, Alltags- und Genussfahrer sollten den Lenker nicht schmaler als die Schulterbreite wählen. Das Handling wird zu unruhig, die Position eingeengt. Das ist eher etwas für fahrsichere, sehr leistungsorientierte Fahrer."

Weitere Faktoren, die das Fahrgefühl beeinflussen

Reach, Drop, Rise, Backsweep und Flare bezeichnen verschiedene Einheiten, die sich aufs Fahrgefühl, den Komfort und auf die Sitzposition auswirken. Früher musste man sich über diese Fachbegriffe keine Gedanken machen, denn man verfügte lediglich über einen Standard.

Reach

Als Reach bezeichnet man bei Rennrad-Lenkern die Vorbiegung ab der Mitte des Oberlenkers bis zum vordersten Punkt des Bogens. Klar, Rennradlenker sehen sich alle ähnlich. In Sachen Sitzposition macht es aber einen großen Unterschied, ob der Lenker komfortable sieben oder gestreckte neun Zentimeter Vorbiegung aufweist ("Reach") oder ob man im Unterlenker moderate elf oder stramme 15 Zentimeter in die Tiefe greift ("Drop"). Zudem können die Bügel zwischen 36 und 50 Zentimetern breit sein.

Drop

Als Drop bezeichnet man das senkrechte Maß von Ober- zu Unterlenker, gemessen zwischen den Rohrmitten. Der sogenannte Drop beziffert, wie tief der Lenkerbogen nach unten reicht. Je mehr Drop, desto tiefer sitzt man auf dem Fahrrad.

Flare

Bei Lenkern mit "Flare" sind die Bögen des Unterlenkers nach außen abgewinkelt - von dezenter seitlicher Neigung bis zu extremen 30 Grad. Ist der Unterlenker breiter als der Oberlenker ausgestellt, wird dies als “Drop Flare” bezeichnet. Ein an den Bremsgriffen 42 Zentimeter schmaler Lenker beispielsweise greift sich im Unterlenker bei 24 Grad Flare satte 56 Zentimeter breit - ein völlig anderes Handling, das insbesondere auf nicht asphaltierten Strecken die Radkontrolle erheblich erleichtert.

Materialien und Bauformen von Rennradlenkern

Rennradlenker gibt’s aus Aluminium, Carbon, Stahl oder Titan, sie können den Gegenwert eines ­Mittagessens oder eines kompletten Radurlaubs darstellen. Einstiegsmodelle reißen schon mal die 350-Gramm-Grenze, ein durchschnittliches Alu-Modell wiegt um 250 Gramm, Carbon-Leichtbauten specken teils auf deutlich unter 200 Gramm ab.

Zudem können Rohrquerschnitte und -durchmesser variieren, der Unterlenkerbogen kann klassisch rund oder anatomisch angepasst bzw. mit ergonomisch geweitetem Radius kommen. Lenker und Vorbau können eine untrennbare Einheit bilden, darüber hinaus gibt es Speziallenker mit bestimmten Schwerpunkten (etwa Aero- oder Gravel-Modelle).

Klassischer Lenkerbogen

Rund nach unten - so sahen Rennradlenker lange aus. Auch heute noch erfreut sich der klassische Rundbogen großer Beliebtheit - nicht nur an Retro-Rennern.

Ergonomischer Lenkerbogen

Leicht geweiteter Radius, kürzerer Reach und Drop ergeben zusammen einen komfortablen Lenker - diese Kombination ist derzeit wohl am stärksten verbreitet.

Anatomischer Lenkerbogen

Das gerade, manchmal auch zum Fahrer hin angewinkelte Stück im Unterlenkerbogen soll sich besser in die Hand schmiegen und Druckpunkte vermeiden.

Die Rolle des Vorbaus

Die Länge des Vorbaus beeinflusst nicht nur, wie entspannt oder gestreckt die Sitzposition ausfällt, sondern wirkt sich auch auf die Lenkung - und damit die Fahrcharakteristik - eines Rennrads aus. Dabei gilt: Durch einen kurzen Vorbau wird das Rennrad tendenziell wendiger, ein langer Vorbau sorgt für mehr Laufruhe.

Der Winkel des Vorbaus beeinflusst, wie hoch der Lenker "hängt" - und wirkt sich damit ebenfalls auf Sitzposition und Handling aus. Sehr stark verbreitet sind Vorbauten mit sechs Grad Neigung, erhältlich sind auch extremere Modelle mit bis zu 40 Grad.

Hinweis: Montiert man moderne Ahead-Vorbauten umgekehrt, bringen sie den Lenker einige Zentimeter weiter nach oben.

Wie bestimme ich die richtige Vorbaulänge?

Tanja Willersinn, Expertin in Sachen Bikefitting, empfiehlt: "Fragen Sie sich, wie Sie auf dem Rennrad sitzen wollen: sportlich-gestreckt oder komfortabel? Sportliche Fahrer greifen eher zu längeren Vorbauten mit größerer Neigung nach unten. Wer bequemer sitzen will, montiert einen kürzeren Vorbau, gegebenenfalls mit Winkel nach oben. Eine allgemeingültige Faustformel zur Bestimmung der richtigen Vorbaulänge gibt es leider nicht. Deshalb: gut beraten lassen und/oder ausprobieren - etwa beim Radhändler oder mit dem geliehenen Vorbau von Vereinskollegen oder Freunden."

Weitere Tipps zur Optimierung der Sitzposition

  • Experimentieren Sie: Um die passende Sitzposition zu finden, sollten Sie ein wenig herum experimentieren.
  • Gleiche Einstellung auf allen Rädern: "Hat man dann einmal eine geeignete Sitzposition gefunden, sollte diese auf ­allen genutzten Rädern identisch eingestellt sein", rät Bikefitterin Willersinn. "Auf jedem Rad anders zu sitzen, kann zu Beschwerden und Leistungsabfall führen."
  • Gabelschaft nicht radikal kürzen: Bei einem Neurad den Gabelschaft nicht radikal kürzen, sondern immer etwas Spielraum lassen, auch oberhalb des Vorbaus, um die Position zu einem späteren Zeitpunkt variieren zu können.
  • Position am Lenker wechseln: Grundsätzlich ist es sinnvoll, während einer Ausfahrt mehrfach die Position am Lenker zu wechseln und die Hände mal am Oberlenker, mal auf den Griffen und mal im Unterlenker abzulegen. "So beugt man einer einseitigen Haltung und Schmerzen vor", sagt Willersinn.

Individuelle Aspekte berücksichtigen

Ermitteln Sie die richtige Lenkerbreite und wählen Sie Reach und Drop gemäß Ihren persönlichen Vorlieben - sportliche Fahrer wählen tendenziell größere Werte (ca. 80/140 mm), komfortorientierte Rennradler eher geringe (ca. 70/ 110). Berücksichtigen Sie auch weitere individuelle Aspekte: "Menschen mit kleinen Händen greifen besser auf Lenker mit wenig Vorbiegung zurück und montieren Schaltbremsgriffe mit Reichweiteneinstellung", empfiehlt Bikefitterin Tanja Willersinn, "Personen mit Problemen im Schulter-, Nacken- und Lendenwirbelbereich sollten Lenker mit geringem Drop verbauen und im Zweifel unterm Vorbau lieber einen Spacer zu viel als zu wenig montieren."

Die richtige Lenkerposition finden

Grundsätzlich ist der Lenker dann richtig positioniert, wenn sich die Rückenmuskulatur in einer sogenannten „Vorspannung“ befindet. Rücken- und Bauchmuskulatur müssen aktiv gespannt sein. Dann können sie die Wirbelsäule stabilisieren und vor Überlastungen schützen.

Die Neigung des Oberkörpers ist vom individuellen Fahrstil abhängig. Wer zügig vorwärts kommen möchte, der wird eine flachere Position bevorzugen. Genuss- und Stadtradler favorisieren einen aufrechteren Rücken.

Beratung beim Neuradkauf

Kaufen Sie beim Radhändler, sollte es zur Beratungsleistung eines guten Verkäufers gehören, eine für Sie passende Sitzposition zu ermitteln bzw. zu überprüfen, und Sie, gegebenenfalls durch Austausch von Lenker und Vorbau, passend aufs Rad zu setzen.

Zusammenfassung: Wichtige Aspekte bei der Lenkerwahl

  1. Messen Sie Ihre Schulterbreite, um die optimale Lenkerbreite zu bestimmen.
  2. Berücksichtigen Sie Reach und Drop entsprechend Ihrer Fahrweise und Vorlieben.
  3. Experimentieren Sie mit verschiedenen Vorbaulängen und -winkeln.
  4. Achten Sie auf ergonomische Aspekte und wählen Sie einen Lenker, der Ihre Handgelenke schont.
  5. Lassen Sie sich beim Neuradkauf vom Fachhändler beraten.

Tabelle: Lenker-Parameter und ihre Auswirkungen

Parameter Auswirkung
Lenkerbreite Stabilität, Atmung, Aerodynamik
Reach Sitzposition (gestreckt vs. komfortabel)
Drop Tiefe der Sitzposition im Unterlenker
Flare Kontrolle im Gelände (besonders bei Gravelbikes)
Vorbau Länge Lenkverhalten (wendig vs. laufruhig)
Vorbau Winkel Höhe des Lenkers

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