Die Schräglage beim Motorradfahren: Eine umfassende Erklärung

Die Schräglage ist ein entscheidendes Element des Motorradfahrens, das oft Gegenstand von Diskussionen ist. Sie ermöglicht es, sicher eine Kurve zu fahren, indem die auftretenden Fliehkräfte mit entsprechender Gewichtskraft ausgeglichen werden.

Warum Schräglage?

Zweiräder müssen sich bei Geschwindigkeiten über 0 km/h neigen, um eine Kurve durchfahren zu können. Würde keine Gegenkraft wirken, würde sich der Kurvenradius kontinuierlich vergrössern. Nachdem man zumindest nicht aus JEDER Kurve fliegt, wird diese Zentrifugalkraft offenbar durch andere Kräfte ausgeglichen (Zentripetalkraft).

Die Physik dahinter: Das Motorrad bewegt sich auf einer Kreisbahn und hat eine bestimmte Masse. Jeder Hammerwerfer weiß, dass seine Arme um so länger (zu) werden (drohen), je schneller er sich mit seinem Hammer dreht, da eine Zentrifugalkraft entsteht. Beim Motorrad ist es ganz ähnlich.

Rechnerisch greifen diese Kräfte im Schwerpunkt (gebildet aus Motorrad und Fahrer) an. Weil am unteren Ende des Konstrukts die Reifen Kontakt mit dem Boden haben und nur hier ALLE Halte- und Antriebskräfte dank der Reibung auf den Untergrund übertragen werden, der Schwerpunkt aber höher liegt, versucht das Motorrad um den Drehpunkt = "Strassenkontakt" nach außen zu kippen. Als Ausgleich kippt man die Maschine nach innen. Der Kraftanteil der Masse der das Motorrad umfallen lassen würde, wirkt der Z-Kraft (also dem Kippen) entgegen.

Die Schräglage wird benötigt, um der Fliehkraft zu begegnen. Höhere Geschwindigkeit in der Kurve führt zu größerer Querbeschleunigung. Um diese auszugleichen, wird ein größerer Neigungswinkel zum Durchfahren der Kurve notwendig. Umgekehrt gilt, unter der Voraussetzung gleichbleibender Geschwindigkeit, dass bei großen Kurvenradien eine geringere Schräglage eingenommen werden muss als bei kleineren Radien. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Radfahren.

Die Rolle der Reifen

Die Reifen erzeugen eine zum Kurvenmittelpunkt zeigende Kraft, welche der Fliehkraft exakt entgegen wirkt. Die Kraft die Senkrecht nach unten auf die Reifen wirkt ist die Anpresskraft (auch Normalkraft genannt). Steht das Motorrad senkrecht wirkt die gesamte Gewichtskraft als Anpresskraft. Der Reifen muss bei zunehmender Schräglage immer mehr Seitenführungskraft bei immer weniger Anpresskraft aufbringen.

Reifenbreite: Je breiter der Reifen bei sonst identischem Motorrad ist, desto weiter muss es kippen, da sich der Aufstandpunkt von der Mittellinie entfernt. Nebenbei heisst das auch: Bei gegebenen Parametern Schwerpunkt, Geschwindigkeit, Kurvenradius, Reifenform MUSS das Mopped genau eine(!) bestimmte Schräglage einnehmen. Diese Schräglage läßt sich nur durch Schwerpunktverlagerung beeinflussen.

Bei vielen Wechselkurven und heftigem "Angasen" wird die beim Fahren an der Reifenoberfläche entstehende Wärme auf mehr Fläche verteilt und bei gleicher Gummimischung hält der Reifen länger. Ob das jeder der gerne breite Schlappen montiert wirklich braucht und dafür die erhöhte Aquaplaninggefahr in Kauf nimmt sei mal dahingestellt.

Der Einfluss des Schwerpunkts

Gleiche Betrachtung wie vorher, nur verschieben wir jetzt mal den Schwerpunkt nach oben. Ob wir dazu die SuperMoto Rädchen wieder gegen die großen Enduroräder tauschen, den Unterschied normalgewichtiger Fahrer (100Kg bei 1,95 Meter :-)) gegen Hungerleider (70 Kg bei 1,70) betrachten, oder eine RT-Schrankwand gegen eine GS vergleichen bleibt egal. Wird der Schwerpunkt nach oben verlagert, braucht man in der gleichen Kurve, bei gleicher Geschwindigkeit weniger Schräglage!

Kaum zu glauben: Fährt man im Stehen verringert sie sich! Wenn Rossi nicht im Stehen fährt wird's wohl an der Aerodynamik liegen. Unter anderem wird deshalb bei Rossi & CO das Heck nach oben(!) verstellt!

Fahrtechniken im Vergleich

Motorradfahren ist eine Kunst, die sich in verschiedenen Fahrstilen manifestiert. Ein guter Motorradfahrer sollte alle drei Techniken beherrschen: das Drücken, den klassischen Fahrstil „Legen“ und das Hanging Off.

Klassischer Fahrstil „Legen“

Der klassische Fahrstil ist durch eine aufrechte Sitzposition gekennzeichnet. Der Fahrer bleibt während der Fahrt zentriert über dem Motorrad, die Arme sind leicht gebeugt und die Füße befinden sich fest auf den Rasten. Diese Haltung ermöglicht feine Lenkbewegungen durch leichte Körperverlagerungen und Druck auf die Lenkstange.

Vorteile:

  • Stabilität und Kontrolle
  • Weniger körperlich anstrengend
  • Vielseitigkeit

Nachteile:

  • Limitierte Kurvengeschwindigkeit
  • Höheres Rutschrisiko bei extremen Schräglagen

Hanging Off

Beim Hanging Off verlagert der Fahrer seinen Körper aktiv zur Kurveninnenseite, manchmal so weit, dass ein Knie oder sogar der Ellbogen die Fahrbahn berühren kann. Diese Technik reduziert die notwendige Schräglage des Motorrads und erlaubt höhere Geschwindigkeiten in Kurven.

Vorteile:

  • Reduzierte Schräglage
  • Erhöhte Kurvensicherheit
  • Dynamische Fahrweise

Nachteile:

  • Körperlich anspruchsvoll
  • Komplex in der Ausführung

Drücken

Das Drücken ist eine Fahrtechnik, bei der der Fahrer das Motorrad durch Körpergewicht und gezielte Lenkbewegungen in die Kurve „drückt“. Der Oberkörper bleibt dabei eher aufrecht (unabhängig von der Schräglage des Motorrads), und der kurveninnere Arm wird gestreckt, während der kurvenäußere gebeugt wird.

Vorteile:

  • Schnelle Richtungswechsel
  • Kompakte Fahrzeugbreite
  • Gute Übersicht

Nachteile:

  • Physisch anspruchsvoll
  • Eingeschränkte Geschwindigkeit

Beim Vergleich der drei Motorradfahrstile - Legen, Hanging Off und Drücken - hinsichtlich Grip und Kurvengeschwindigkeit zeigen sich markante Unterschiede. Der klassische Fahrstil bietet eine stabile und kontrollierte Fahrt, allerdings bei tendenziell niedrigeren Kurvengeschwindigkeiten, da größere Schräglagen notwendig sind, was den Grip an seine Grenzen bringen kann.

Beim Hanging Off hingegen wird durch die Verlagerung des Körpergewichts zur Kurveninnenseite die Notwendigkeit einer extremen Schräglage reduziert, was den Grip verbessert und höhere Kurvengeschwindigkeiten ermöglicht. Diese Technik optimiert die Nutzung der Reifenhaftung und gestattet es dem Fahrer, schneller durch Kurven zu navigieren, ohne die Haftungsgrenze zu überschreiten.

Das Drücken ist besonders effektiv in Situationen, in denen schnelle Richtungswechsel und präzises Handling gefordert sind.

Tipps für eine sichere Fahrt in Schräglage

Die Schräglage ist ein Fahrmanöver, das konzentriert vorbereitet, durchgeführt und wieder in eine senkrechte Position gebracht werden sollte. Hier sind einige Tipps für eine sichere Fahrt in Schräglage:

  • Blicken Sie geradeaus auf die Straße und nicht auf den Asphalt.
  • Gehen Sie mit dem Schwerpunkt in die gewünschte Richtung der Schräglage.
  • Lehnen Sie sich langsam in eine Richtung, um das Motorrad entsprechend anzuschrägen.
  • Achten Sie auf Ihre Geschwindigkeit.
  • In Schräglage sollten Sie auf das Bremsen verzichten, ansonsten droht Ihr Motorrad zu kippen.
  • Geben Sie Gas, um durch die Kurve zu kommen und die aufrechte Position wiederzufinden.

Voraussetzungen für eine gute Schräglage

Ein Motorrad in Schräglage zu bringen, erfordert ein gewisses Können. Zusätzlich ist es hilfreich und nötig, dass das Motorrad in einwandfreiem Zustand ist:

  • Am wichtigsten für die Schräglage sind gute Reifenprofile.
  • Achten Sie zudem auf den richtigen Reifendruck, um Ihr Motorrad gut zu händeln.
  • Für mehr Stabilität und Kontrolle sollten Sie regelmäßig Ihre Dämpfung und Federung kontrollieren und gegebenenfalls anpassen.
  • Ein Schräglagensensor kann Ihr Manöver überwachen und unterstützen.
  • Planen Sie eine kurvige Fahrt mit viel Schräglage, sollten Sie Ihre Beine zusätzlich schützen.
  • Auch wenn Sie ein top Fahrer oder eine top Fahrerin sind, ist gut sitzende Schutzkleidung immer ein Muss.

Schräglagenangst

Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) hat untersucht, welche Rolle dieses Phänomen beim Motorradfahren spielt - sowohl im Alltag als auch in Gefahrensituationen. Ausgangspunkt war die Hypothese, dass alle Motorradfahrenden eine „Schräglagenschwelle“ haben: Sie lehnen sich nur bis zu einem bestimmten Neigungswinkel in die Kurve und haben eine Hemmung, sich tiefer hineinzulegen, obwohl dies physikalisch gefahrlos möglich wäre.

Es wurde beobachtet, dass mindestens die Hälfte der Rollwinkel unter 15 Grad und mindestens 75 Prozent der Rollwinkel unter 25 Grad liegen. Rollwinkel über 30 Grad konnten - obwohl unbedenklich - lediglich in 5 bis 10 Prozent der Stichprobe beobachtet werden. Die Schräglagenschwelle ist also nicht bei allen Fahrerinnen und Fahrern gleich und wird unter anderem von der persönlichen Fahrerfahrung beeinflusst.

Viele Unfallanalysen zeigen, dass man im Schreckmoment Fahrfehler machen kann und zum Beispiel in Schräglage die Bremse zieht, statt auszuweichen. Daher kann ein gezieltes Fahrtraining unter qualifizierter Anleitung sinnvoll sein, bei dem man ein Gefühl dafür bekomme, wo die eigene Schräglagenschwelle liege.

Maximale Schräglage und Serienbikes

Bei sportlichen Bikes mit reichlich Schräglagenfreiheit hängt das maßgeblich von der Haftreibung ab. Bei ordentlichen Reifen auf guten Landstraßen entspricht der Reibungskoeffizient µ = 1. Bei diesem Wert begrenzt die Physik die theoretische Schräglage auf 45 Grad. MotoGP-Piloten und auch die Jungs aus der Superbike-WM schaffen bis zu satten 62 Grad Fahrzeugschräglage. Bei extremem Hanging-off liegt die effektive Schräglage sogar noch etwas höher.

Es gibt Unterschiede zwischen der Fahrzeugschräglage und der kombinierten Schräglage. Die kombinierte Schräglage berücksichtigt die Schwerpunktlage von Fahrer und Motorrad. Mit seinem extremen Hanging-off liegt der Mallorquiner wesentlich schräger in der Kurve als sein Untersatz. Bei einer maximalen Fahrzeugschräglage von 62 Grad liegt diese bei den wildesten Burschen bei rund 66 Grad - absoluter Wahnsinn!

Um das zu klären, scheuchten wir vier Maschinen aus unterschiedlichen Gattungen - Supermoto, Naked Bike, Cruiser und Superbike - um eine Kreisbahn; haben gemessen, geprüft und uns zusätzlich bei Experten umgehört. Außerdem prügelten wir einen waschechten Qualifying-Gummi aus der Superbike-WM um die Radien und checkten den Unterschied zu einem sportlichen Serienreifen.

Hier ist eine Tabelle mit den Ergebnissen der Schräglagenmessungen mit verschiedenen Motorrädern und Fahrstilen:

Motorrad Fahrstil Fahrzeugschräglage Kombinierte Schräglage Kurvenspeed
Husqvarna 701 Aufrecht sitzend 47 Grad 47 Grad 57 km/h
Husqvarna 701 Drücken 57 Grad 51 Grad 62 km/h
Husqvarna 701 Hanging-off 46 Grad 51 Grad 62 km/h
Ducati Diavel Aufrecht sitzend 41 Grad 50 km/h
Ducati Diavel Drücken 41 Grad 47 km/h
Ducati Diavel Hanging-off 41 Grad 53 km/h
Honda Fireblade (Serienreifen) Hanging-off 48 Grad 51 Grad 61 km/h
Honda Fireblade (Qualifier) Hanging-off 53 Grad 55 Grad 65 km/h
BMW S 1000 R Hanging-off 47 Grad 50 Grad 59 km/h

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