Es dürfte wohl völlig gleich sein, zu welcher Couleur von Motorradfahrern ihr gehört: Wenn es an das Thema MotoGP geht, fangen die meisten an zu strahlen. Kein Wunder, handelt es sich schließlich um die oberste (Asphalt) Liga. Das ganz große Kräftemessen.
Nicht zuletzt dann, wenn ihr auf Rennen wetten wollt, was die neuen Sportwettenanbieter in diesem Jahr auch bei dieser Rennklasse vielfach ermöglichen, ist es deshalb von zentraler Wichtigkeit, dass ihr auch die Technik hinter den Bikes versteht. Denn auch wenn es manchem Besitzer von supersportlichen Power-Kolossen im Stile einer Ducati Panigale V4 Superleggera anders vorkommen mag, so haben die Bikes der MotoGP selbst zu sportlichsten Straßenvertretern weiterhin einen gehörigen Abstand.
Eines gleich vorweg: Die MotoGP Prototypen gibt es nicht zu kaufen - aber geschätzt werden die Werkzeuge von Marc Márquez & Co. auf einen Wert von 2 Millionen Dollar aufwärts. Pro Stück immerhin sind es die unangefochtenen schnellsten einspurigen Fahrzeuge.
Getriebe und Schaltung
Viele Jahre waren auch MotoGP-Getriebe abgesehen vom Schaltschema nicht großartig anders als Serien(sport-)getriebe. Bei der MotoGP findet sich der wohl für Anfänger haarsträubend-ungewohnteste Unterschied gleich bei der völligen Abkehr von diesem Schema. Das Ganze jenseits des ersten Ganges in aufsteigender Reihenfolge.
Heißt, im Leerlauf schaltet der Fuß zum Anfahren einmal nach oben und dann für alle weiteren aufwärts erfolgenden Gangwechsel nach unten. Zum Runterschalten geht es entsprechend in umgekehrter Reihenfolge. Hat aber alles seinen Sinn. Denkt euch dazu in die Fußbewegung ein. Bei scharfen Kurvenlagen, wie sie im Rennsport üblich sind, ist es für den Gelenkapparat des unteren Beins einfacher, nach unten zu drücken statt nach oben zu ziehen.
Das umgekehrte Schaltschema ist zwar gewöhnungsbedürftig, hat aber den Vorteil, dass die Fahrer in extremen Links-Schräglagen bequem von oben runter schalten können. Auch ist der Kraftaufwand beim Tippen nach unten geringer.
Seamless-Getriebe
Seamless ist eine ziemlich komplizierte Technik, die sich je nach Rennstall auch noch im Aufbau unterscheidet. Extrem vereinfacht: Dabei sind während eines Schaltvorgangs zwei Gänge für Millisekunden gleichzeitig eingelegt. Doch bevor das zum berüchtigten Zähneputzen führt, erfolgt bereits der Wechsel. Die Technik ist nicht nur komplex, sie ist auch ziemlich teuer und wartungsintensiv ein Grund, warum sie selbst bei der Superbike-WM nicht benutzt wird.
MotoGP-Werksrenner besitzen Getriebe, die sich ohne Unterbrechung der Zugkraft blitzschnell schalten lassen. Deshalb heißen sie „seamless transmissions“, „nahtlose Getriebe“.
Seamless vs. Doppelkupplung: Im Grunde funktioniert das Seamless-Getriebe wie das DCT von Honda, nur eben mit nur einer Kupplung. Eine konventionelle Schaltwalze legt auf einer zweigeteilten Eingangswelle immer zwei Gänge zeitgleich ein. Dabei läuft die eine Gangpaarung frei, während die anderen das Drehmoment überträgt.
Motor und Leistung
Vier Zylinder und tausend Kubik, wie sie in der MotoGP nicht nur maximal vorgegeben, sondern meist auch ausgenutzt werden, sind auch bei Straßen-Supersportlern eine oft gewählte Kombination. An diesem Punkt unterscheidet sich MotoGP tatsächlich nicht von dem, was vielleicht in eurer Garage steht.
Die Ventile werden nicht kraft- und zeitaufwendig über Nockenwellen geöffnet und durch Federn wieder geschlossen, sondern per Pneumatik. Die Druckluft dazu kommt aus einem Leichtbau-Tank. Mittlerweile handelt es sich praktisch ausschließlich um Motoren mit Big-Bang-Zündreihenfolge.
Im Gegensatz zu straßenzugelassenen Serienmotorrädern werden hier auf „lästige“ Bauteile, wie Abgasanlage, Startermotor, Licht, eine große Batterie oder einen Soziussitz etc. verzichtet. Ungleich zur deutschen Straße gibt es auf GP-Rennstrecken weder Umwelt- noch Lautstärkerestriktionen. Daher sind keine Katalysatoren und Schalldämpfer verbaut.
Das Ergebnis: In der MotoGP endet der Drehzahlmesser nicht bloß erst jenseits der 15.000 Umdrehungen; die Bikes stemmen auch Leistungen, die selbst die Neuheiten dieses Jahres blass aussehen lassen. Zum Vergleich: Die aktuelle ZX-10R, die ziemlich rennsportbeeinflusst ist, stemmt 203 PS. Yamahas YZF-R1M liefert 200. Bei MotoGP-Bikes, wo die echten Leistungsdaten beinahe Staatsgeheimnisse sind, dürft ihr realistisch davon ausgehen, dass mittlerweile die 300 PS geknackt wurden.
Bremsen
Egal wie sportlich euer Bock auch ist; er muss bei der fünfhundert Meter Fahrt zum Bäcker genau so zuverlässig bremsen wie nach einer endlosen Autobahn-Vollgasorgie oder einer langen bergab-Passage über Serpentinen. Hättet ihr MotoGP-Bremsen verbaut, wäre allein dieses Detail schon beinahe lebensgefährlich. Denn natürlich geht es im Rennsport noch ums allerletzte Gramm, um dem aktuell gültigen Mindestgewicht der Bikes von 157 Kilogramm so nahe wie möglich zu kommen. Ergo werden Bremsscheiben aus Kohlefasern verbaut.
Die haben nicht nur den Gewichtsvorteil, sondern sind auch bei jenen Temperaturen, die auf den gleichförmigen Kursen mit ihren immer wiederkehrenden Bremspunkten und -zeiten auftreten, insgesamt besser. Sie haben jedoch einen Nachteil: Wenn sie kalt sind, sind sie signifikant schlechter. Auf der Rennstrecke ist das kein Problem, da gibt es die Warmup-Runde und es geht schon auf den ersten Streckenmetern um volle Leistung. Auf der Straße ist das anders. Da fahrt ihr vielleicht erst einmal 15 Kilometer ganz gemütlich, vielleicht auch niemals auf einer Tour so, dass der Grenzbereich angetastet wird.
Übrigens: Aus dem Grund installierten selbst die MotoGP-Teams, wenn Regen angesagt wurde, Stahlscheiben die Nässe kühlt die Carbon-Stücke einfach zu stark herunter.
- Für Straßenmotorräder sind Metall-Bremsscheiben ausreichend, doch ein MotoGP Fahrer zieht bis zu 30% der Rennzeit am Bremshebel.
- Ein MotoGP-Fahrer zieht im Rennverlauf durchschnittlich bis zu 30 % der Zeit am Bremshebel!
- Nur bei Regenrennen kommen vorne und hinten Bremsscheiben aus Stahl zum Einsatz, da die Carbon-Scheiben nicht auf die benötigte Arbeitstemperatur kämen.
Fahrwerk und Chassis
1.5 g Bremsbeschleunigung und Schräglagen von über 60 Grad - Schwerarbeit für die Vorderradaufhängungen in der MotoGP. Deshalb sind die Upside-down-Gabeln mit 48mm deutlich stärker als gewöhnlich. Federrate, Verspannung und Dämpfung (Zug- und Druckstufe getrennt) ist wie beim Federbeinen im Heck einstellbar.
Weitere Unterschiede
Dazu sei auch erwähnt, dass die Scheiben sowie die Räder an völlig anderen Aufhängungen befestigt sind. Mag sein, dass in modernen Straßen-Bikes einiges an Rennsporttechnik, auch aus der MotoGP, steckt. Allerdings dürft ihr bei allem Stolz über eure straßentauglichen Geschosse nicht vergessen, dass es einige gewaltige Unterschiede zwischen der Straße und der Rennstrecke gibt. Selbst ein Ferrari vom Händler hat zu einem optisch vielleicht baugleich wirkenden Tourenwagen einige gewaltige Unterschiede wäre ja auch irgendwie langweilig, wenn Sport und Straße nichts weiter unterscheiden würde als die Abwesenheit von Kennzeichen und Beleuchtung.
In Anbetracht dessen, was heute am supersportlichen Ende der Modellpalette verkauft wird, entsteht schnell der Eindruck, damit der MotoGP Konkurrenz machen zu wollen.
Es ist wichtig, die Technik hinter den Bikes zu verstehen, ohne sie wettet ihr nur auf einen Fahrer, auf ein Team und habt auch keine richtige Ahnung, wie bei den Buchmachern die Quoten entstehen.
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