Unfallrisiken mit Motorrad und Traktor: Eine Analyse

Für Land- und Forstwirte ist der Traktor vor allem eine Arbeitsmaschine. Es bleibt aber nicht aus, dass sie ihr eigentliches Einsatzgebiet verlassen müssen und auf öffentlichen Straßen unterwegs sind. Dann allerdings kommt es immer wieder zu Unfällen, die meist sehr schwer verlaufen. Einer Untersuchung der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zufolge werden dabei überdurchschnittlich viele Personen schwer verletzt oder gar getötet.

Landwirtschaftliche Fahrzeuge, besonders Traktoren inkl. Anhänger oder Anbaugeräte, sind Kraftfahrzeuge, die hauptsächlich für landwirtschaftliche Arbeiten verwendet werden. In der Regel sind diese darauf ausgelegt, landwirtschaftliche Geräte zu ziehen und anzutreiben. Sie dürfen auch auf öffentlichen Straßen fahren.

Häufigkeit und Schwere von Traktorunfällen

Trotz eines steigenden Fahrzeugbestandes ist kein Anstieg der Unfallzahlen zu verzeichnen. Unfälle unter Beteiligung von Traktoren sind mit 0,65 % aller Unfälle mit Personenschäden selten, enden jedoch überproportional oft tödlich. Kommt es zu einem Unfall mit einem Traktor, ist die Getötetenrate 56mal höher als bei Unfällen mit Beteiligung von Pkw. Bezogen auf die Fahrleistung weisen die 2023 in einer Unfallstudie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) betrachteten Traktoren damit ein deutlich höheres Unfallrisiko auf als alle anderen Fahrzeugarten. Mit einem Anteil von 17 % an den Unfällen mit lebensbedrohlich Verletzten (MAIS 3+2) ist die Schwere von Traktorunfällen zudem besonders hoch.

Das Durchschnitts-alter der unfallbeteiligten Traktoren betrug 16,4 Jahre (Median: 12 Jahre). Die Mehrzahl der Zugmaschinen (66,8 %) wurden nach oder im Jahr 2000 zugelassen.

Unfallursachen und beteiligte Fahrzeuge

Die meisten Unfälle geschehen beim Abbiegen, Einbiegen und Kreuzen sowie im Längsverkehr und hauptsächlich tagsüber bei guten Witterungsbedingungen. An den Unfällen waren in 65 % der Fälle Pkw, in 20 % motorisierte Zweiräder und in 8 % Fahrräder (inkl. Pedelecs) beteiligt. Bezogen auf Fahrzeugbestand und Fahrleistung sind motorisierte Zweiräder jedoch überdurchschnittlich häufig in Traktorunfälle verwickelt.

UDV-Studien aus den Jahren 2013 und 2023 zeigen zudem, dass der Großteil der unfallbeteiligten Traktoren mit einem Anhänger im Straßenverkehr unterwegs war. International durchgeführte Unfallstudien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Bei einem Großteil der Unfälle sei die niedrige Geschwindigkeit der Traktoren ein Problem, vor allem beim Auf- oder Abfahren übergeordneter Straßen. Denn die landwirtschaftlichen Fahrzeuge benötigen zum Ab- oder Einbiegen so lange, dass sie eine Gefahr für die weitaus schnelleren Auto- und Motorradfahrer werden. Dabei sind Vorfahrtsmissachtungen und Fehler beim Abbiegen nach Angaben des UDV die häufigsten Unfallursachen.

Häufigster Unfallgegner sei mit über 62 Prozent zwar der Pkw, aber auch die hohe Beteiligung von motorisierten Zweirädern (mehr als 21 Prozent) ist erschreckend.

Ähnlich ist hierbei die Zahl der getöteten Personen bei einem Traktorunfall. Fast 40 % der Unfälle enden sowohl für Motorradfahrer als auch für Autofahrer schwer verletzt oder gar tödlich. Besonders Biker haben beim Crash kaum eine Überlebenschance, da der Koloss sie regelrecht zerquetscht.

Ein besonders hoher Unfallschwerpunkt liegt beim Einbiegen und Abbiegen in über- und untergeordnete Straßen. Auf Grund der niedrigen Geschwindigkeit des Traktors ist ein Unfall vorprogrammiert. Oftmals verschätzt sich der Treckerfahrer bei der Entfernung des herannahenden Fahrzeugs.

Motorrad- oder Autofahrer unterschätzen oft, dass der Trecker mehr Zeit zum Abbiegen benötigt und bremsen nicht rechtzeitig ab. Auch die Missachtung der Vorfahrt stellt in diesem Zusammenhang ein großes Unfallrisiko dar.

In den meisten Fällen liegt die Schuld beim Traktorfahrer, allerdings kann eine Teilschuld auch beim Unfallgegner liegen, wenn dieser zu schnell unterwegs war. Am häufigsten - und zwar in 62,2 % der Fälle - knallt es beim Auto und dem Trecker. Motorradfahrer reihen sich gleich dahinter mit 21,2 % ein.

Empfehlungen zur Unfallvermeidung

Diese Unfälle können durch verschiedene technische und infrastrukturelle Maßnahmen adressiert werden (z.B. Sichtbarkeit, Schutzeinrichtungen, Fahrerassistenzsysteme).Trotz fehlender Untersuchungen ist davon auszugehen, dass bestimmte kritische Situationen auch bei anderen landwirtschaftlichen Maschinen auftreten und die Umsetzung der nachfolgend genannten Maßnahmen auch für diese sinnvoll sein könnte.

Sie können als Autofahrer einen Traktorunfall aber auch verhindern. Dafür sollten Sie sich an folgende Punkte halten:

  • Aufmerksames Fahren: Achten Sie besonders in ländlichen Gegenden auf den landwirtschaftlichen Verkehr und beobachten Sie diesen genau.
  • Geschwindigkeit anpassen: Wenn Sie einen Trecker schon aus der Ferne sehen, sollten Sie Ihre Geschwindigkeit bestenfalls anpassen, um auf Gefahrensituationen vorbereitet zu sein und schnell reagieren zu können.

Auch Traktorfahrer können durch das Einhalten von ein paar wichtigen Punkten mit dem Traktor Unfälle vermeiden. Folgendes ist dabei zu beachten:

  • Distanz einschätzen: Sollte sich ein Fahrzeug nähern und Sie sind sich nicht genau bewusst, ob Sie es in dieser Zeit über die Kreuzung schaffen, warten Sie lieber einen anderen Moment ab, um andere Verkehrsteilnehmer nicht zu gefährden.
  • Schulungen: Besonders junge Traktorfahrer sollten ausreichend über die Gefahren eines Traktorunfalls aufgeklärt werden und diesen auch vermeiden können.
  • Fahrzeuge sicherer machen: Zusätzliche Heckleuchten und Blinker sowie Rundumleuchten und andere Markierungen am Fahrzeug können dazu führen, dass der Trecker schneller gesehen wird. Ein Unterfahrschutz an der Seite der Maschine kann zudem die Gefahr senken, dass eine Person unter dem Fahrzeug eingeklemmt wird.

Nur durch das richtige Verhalten auf beiden Seiten kann ein Traktorunfall vermieden werden.

Empfehlungen an Hersteller und Behörden

  1. Die Hersteller landwirtschaftlicher Maschinen sollten die Fahrzeuge präventiv mindestens mit folgenden Fahrerassistenzsystemen ausstatten bzw. diese Systeme zur Serienreife weiterentwickeln:
    • Standardisierte, interoperable und jederzeit sowie überall verfügbare Technologie zur Direktkommunikation in sicherheitskritischen Situationen (typische, zeitkritische Unfallsituationen), insbesondere zur Warnung vor langsamen oder linksabbiegenden Fahrzeugen. Diese Technologie sollte über die Fahrzeuglebensdauer kostenneutral zur Verfügung stehen.
    • Abbiegeassistenten, die den Fahrenden insbesondere beim Spurwechsel und dem anschließenden Linksabbiegen bei der Wahrnehmung anderer Verkehrsteilnehmender seitlich neben sowie seitlich hinter dem Traktor durch ein Warnsignal unterstützen. Perspektivisch sollte das Ziel sein, sämtliche Abbiegesituationen, auch durch aktiv eingreifende Systeme, adressieren zu können.
    • Front-/Vorbausensoriksysteme (z.B. Kamera, Lidar u.ä.), welche mittels eines informierenden Systems dabei unterstützen, schwer einsehbare Kreuzungsbereiche oder Grundstücksausfahrten mit Sichteinschränkungen besser zu überblicken und andere Verkehrsteilnehmende rechtzeitig wahrzunehmen.
    • Kollisionsvermeidung für den Längsverkehr, mit dem Ziel, bei drohenden Kollisionen mit anderen Verkehrsteilnehmenden den Fahrenden zu warnen. Perspektivisch sollte das Ziel sein, durch eine automatische Teil- oder Vollbremsung zur Kollisionsvermeidung oder der Abmilderung der Unfallfolgen beizutragen.
  2. Die überarbeiteten „Empfehlungen für Kamera-Monitor-Systeme für Fahrzeuge mit einer Sichtfeldeinschränkung insbesondere auch durch Vorbaumaßüberschreitung von mehr als 3,5 m“ mit den entsprechenden Spezifikationen für Frontkamerasysteme sollten zeitnah aktualisiert, im Verkehrsblatt veröffentlicht und zur Anwendung gebracht werden.
  3. Die Entwicklung und Nachrüstung von technischen Maßnahmen für landwirtschaftliche Fahrzeuge zur Erhöhung der Verkehrssicherheit (z.B. KMS, Abbiegeassistent, Vehicle-to-X, Erhöhung der Sichtbarkeit) sollten gefördert werden. Zudem sollten Pilotprojekte zur Demonstration der Wirksamkeit der Systeme zur Reduzierung der Unfallzahlen gefördert werden.
  4. Die Nutzung der gelben Rundumkennleuchte für landwirtschaftliche Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr sollte verpflichtend vorgeschrieben werden. Weiterhin sollten Möglichkeiten der Optimierung des Signalbildes im Sinne der Erhöhung der Verkehrssicherheit geprüft werden. Entsprechende internationale Anforderungen (z. B. UNECE R 86 und DIN EN 17750) liegen vor und sind größtenteils auch für eine Nachrüstung der in Verkehr befindlichen Fahrzeugen geeignet.
  5. Auf europäischer Ebene sollte sich dafür eingesetzt werden, die unter Punkt 1 genannten Systeme im Rahmen der Fortschreibung der Regelwerke und Anpassung an den technischen Fortschritt künftig verpflichtend für landwirtschaftliche Fahrzeuge vorzuschreiben.

Weitere Empfehlungen

  1. Fahrzeughersteller (Pkw, Lkw, Busse, Motorräder) sollten landwirtschaftliche Maschinen bei der Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen sowie der V2X-Kommunikation vollständig berücksichtigen.
  2. Verbraucherschutzorganisationen (z.B. Euro NCAP) sollten die Erkennung landwirtschaftlicher Maschinen durch Fahrerassistenzsysteme positiv berücksichtigen.
  3. Infrastrukturelle Maßnahmen (permanent sowie temporär) sollten genutzt werden, um an Unfallschwerpunkten das Gefahrenpotenzial von Ein- und Abbiegesituationen zu reduzieren (z.B. Anordnung von Überholverboten und Geschwindigkeitsbeschränkungen, Herstellung besserer Sichtverhältnisse, Warnhinweise).
  4. Die Sensibilisierung aller Verkehrsteilnehmenden für die besonderen Gefahren von landwirtschaftlichen Maschinen im Straßenverkehr muss weiterhin einen festen Platz in der Fahrausbildung und der allgemeinen Kommunikationsarbeit zur Verkehrssicherheit haben.
  5. Traktorfahrende sollten das Angebot von Fahrsicherheitstrainings nutzen, um die Risiken im Straßenverkehr durch und mit landwirtschaftlichen Maschinen besser kennenzulernen. Typische Unfallsituationen unter Beteiligung von Traktoren sollten im Rahmen der Trainings, bspw. durch den Einsatz von Fahrsimulatoren, verstärkt adressiert werden. Besonders junge Fahrende sollten auf das bestehende Angebot entsprechender Programme und Fahrsicherheitstrainings aufmerksam gemacht werden. Das Angebot an Fahrsicherheitstrainings sollte zudem weiter ausgebaut werden.

Verhalten nach einem Unfall mit Traktor

Sollte es dennoch dazu kommen, dass durch einen Traktor Unfälle verursacht werden, sollten Sie sich im Notfall an folgende Punkte halten:

  • Unfallort absichern: Bringen Sie sich zunächst in Sicherheit und werfen Sie sich Ihre Warnweste über. Anschließend sollten Sie das Warndreieck 100 m vor dem Unfallort abstellen und so andere Verkehrsteilnehmer vor dem Unfall warnen.
  • Erste Hilfe: Schauen Sie nach, ob es Verletzte gibt und leisten Sie, wenn nötig, Erste Hilfe.
  • Polizei und Notarzt rufen: Kontaktieren Sie Rettungskräfte, die sowohl die verletzten Personen versorgen und in ein Krankenhaus bringen als auch den Unfallschaden aufnehmen und sich um die Beseitigung dessen kümmern.
  • Fragen beantworten: Bleiben Sie für mögliche Fragen der Polizei vor Ort bis diese alles zum Unfall aufgenommen hat. Sie könnten als Zeuge wichtig sein.

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