2004 Harley Davidson Sportster 883 Custom Testbericht

Chopper und Cruiser erlebten ihren Höhepunkt in den 90er Jahren und waren damals ein marktbestimmendes Motorradsegment. Heutzutage sind sie eher eine Randgruppe und vor allem als Neumaschinen immens teuer. Doch kann man mächtige V2-Motoren und blitzendes Chrom auch für leistbare Summen erstehen?

Wenn man sich für gebrauchte Chopper und Cruiser interessiert und diese auch einmal in natura bestaunen, begutachten, oder vielleicht sogar probefahren möchte, dem ist der Stuttgarter Motorradhändler Limbächer ans Herz zu legen. Bei keinem anderen Händler Deutschlands, Österreichs oder in der Schweiz gibt es so eine breite, markenübergreifende Auswahl an Chopper- und Cruisermodellen. Schon allein die Harley-Davidson Abteilung stellt die meisten offiziellen Harley-Händler in den Schatten.

Die Geschichte der Harley-Davidson Sportster Modelle ist geprägt von zwei Jahrzehnten erfolgreicher Neugeschäfte und hoher Zulassungszahlen, was sich nun positiv auf den Verbraucher auswirkt. Bereits 1957 wurde die Sportster in ihrer Urform vorgestellt und diente traditionell als Einstiegs-Harley. Bis 1985 war die "Sporty", ursprünglich als Konkurrenz zu britischen Sportmaschinen gedacht, eher etwas für Liebhaber mit Schrauberkenntnissen.

Doch als der alte Shovelhead-Graugussmotor durch den Evolution-Twin (kurz "Evo") mit Leichtmetall-Zylindern und -köpfen abgelöst wurde, gewann die US-amerikanische Ikone deutlich an Alltagstauglichkeit. Abgesehen von einem kurzen Gastspiel der 1100er Variante war die Evo-Sporty für Gebrauchtkäufer immer in zwei Hubraumvarianten erhältlich: als 883er und als 1200er.

Die kleine Sportster richtet sich eher an ruhigere Fahrer und/oder Chopper-Fans, was sich in Modellen wie der Hugger, XL 53 C oder 883 Custom widerspiegelt. Die 1200er hingegen erfüllt ihren Namen eher - zumindest gemessen an den sportlichen Maßstäben von 1957. Das charakteristische Antrittsvermögen aus niedrigen Drehzahlen, das Harley-Davidson gerne zuschreibt, findet man nur bei der 1200er.

Die von uns bei Limbächer ausgewählte Sportster ist eine XL 1200 C, Baujahr 2007. Mit nur 20.000 km und einem Top-Zustand liegt auch die von uns getestete Sportster mit ihrem Preis von 9.989 € nur ganz knapp im finanziellen Rahmen. Für den Preis bekommt man aber auch ein ikonisches Fahrerlebnis geboten.

Fahreigenschaften und Handling

Der druckvolle Motor der XL 1200 C Sportster Custom lässt sich leicht kontrollieren und bietet in der ersten Hälfte des Drehzahlbandes ordentlich Druck aus den niedrigen Touren. Mit einem Hubraum von 1200 cm³ und einem Drehmoment von 98 Nm bei 3200 U/min sorgt der luftgekühlte Evolution-Motor für kraftvollen Vortrieb.

Die ergonomische Gestaltung der XL 1200 C Sportster Custom ist atypisch für eine Sportster, mit weit nach vorne verlegten Fußrasten. In Kombination mit dem recht schmalen, geraden Lenker macht das die Sitzposition angenehm und passend für einen Chopper. Der Radstand von 1.520 mm sorgt für eine kompakte und wendige Bauweise. Das Handling ist agil, sodass auch schnelle Wechselkurven problemlos gemeistert werden können.

Die Bremsen der XL 1200 C Sportster Custom sind chopper-typisch, beißen also nicht übertrieben kräftig zu, insbesondere an der Front. Die Mitverwendung der Hinterradbremse ist für verlässliche Bremsmanöver notwendig. Es braucht etwas Zeit zur Eingewöhnung auf die langsame Verzögerung, arrangiert sich aber nach einigen Kilometern damit.

Die Schräglagenfreiheit der XL 1200 C Sportster Custom ist baubedingt recht begrenzt, jedoch ausreichend, um Spaß auf der Straße zu haben. Das Getriebe schaltet Harley-typisch sehr knackig und kracht regelrecht, was ein irgendwie befriedigendes Gefühl vermittelt. Die Sitzbank ist jedoch recht schnell durchgesessen, was bei längeren Fahrten etwas unbequem werden kann.

Es bleibt jedoch fraglich, ob man jemals so lange Strecken am Stück im Sattel der Sportster überwinden möchte, denn die schicken verchromten Bauteile, der knackende Motor verlangen nach regelmäßigen Pausen zur äußerlichen Betrachtung des Prachtstücks auf zwei Rädern. Während der Fahrt wird der Genuss um bollernde Klangnoten erweitert.

Worauf beim Gebrauchtkauf achten?

Interessenten, denen das Gewicht wichtig ist, sollten nach einem vor dem Spätsommer 2003 gebauten Exemplar suchen, da das Modelljahr 2004 zusätzliches Gewicht mit sich brachte. Bei gebrauchten Sportster-Motorrädern ist Vorsicht geboten, da sie oft Experimentierfelder für Umbauten sind. Insbesondere inoffizielle Modifikationen können zu Problemen bei der Hauptuntersuchung führen.

Gebrauchtberatung Harley-Davidson Sportster 883

Die Harley-Davidson Sportster 883 ist sackschwer, etwas untermotorisiert und fahrwerksmäßig schnell überfordert. Und sie macht mächtig Spaß. Doch Vorsicht: Das Billig-Dope ist der Einstieg in so manche Drogenkarriere.

Der Name ist eigentlich ein Witz: Sportster! Engagiert bewegte Rollatoren haben gegen die kleinste und günstigste Harley echte Chancen. Der Verweis auf eine nun schon fast 60-jährige Karriere, an deren Beginn die für damalige Harley-Verhältnisse durchaus sportliche Kampfansage an leichte und schnelle Twins aus England stand, macht die Sache aus heutiger Sicht nicht besser.

Egal, die von ihren Fans liebevoll „Sporty“ genannte und seit jeher unter dem Typkürzel XL gehandelte Harley Davidson Sportster 883 entzog sich immer schon allen klassischen Bewertungskriterien und machte - grob vereinfacht gesagt - in ihrem Leben drei wesentliche Phasen durch. Von 1957 bis 1985 war sie ein Fall für US-affine Liebhaber mit ausgeprägten Schrauberkenntnissen. Der Wechsel vom gusseisernen Shovel- zum komplett neuen, endlich vollgasfesten Evolution-Motor machte die Sporty ab Ende 1985 massentauglich und strafte alle Harley-Vorurteile (ölt, hält nicht…) Lügen.

Quantensprung für 2004er-Jahrgang

Mit dem Wechsel zum 2004er-Jahrgang stand dann der nächste und bislang letzte Quantensprung für die Harley Davidson Sportster 883 an - und um genau diese Generation geht es hier. Ein vormals etwas phlegmatischer und ab und an ziemlich nerviger Vibrator mauserte sich zum Spaßgerät, das praktisch nur noch good vibrations an die Besatzung weitergibt.

Geheimnis des Erfolgs: Der in den meisten seiner über 400 Teile kräftig überarbeitete Evo-Motor steckt seitdem nicht mehr starr, sondern über Silentblöcke und Schubstangen schwingungsentkoppelt im Rahmen. In einem komplett neuen und deutlich verwindungssteiferen Rahmen. Obendrauf gab’s bessere Federbeine und leistungsstärkere Bremsen. 30 Kilo Mehrgewicht? Geschenkt, nie zuvor fühlte sich eine Harley Davidson Sportster 883 besser an.

Sportster-Neupreise waren und sind politische Preise, um die Kundschaft anzufixen. Prima für potenzielle Gebrauchtkäufer, denn so gibt’s zum recht überschaubaren Tarif die erste Dosis Harley-Spirit. Und wer’s dann doch nicht mag, macht nicht viel Geld kaputt.

Marktsituation

Das Gebrauchtangebot ist gut, doch relativ junge Exemplare der beliebtesten Modelle (Iron, SuperLow) sind nicht sehr weit vom (relativ günstigen) Neupreis entfernt.

Beispiel: Erstzulassung 07/2009, 15.800 Kilometer, aus erster Hand; Preis: 8400 Euro. Typisches Händlerangebot: beliebtes Modell (883 Custom) aus erster Frauenhand, beim Vertragshändler scheckheftgepflegt, Scheibe, vorverlegte Rasten, Garantie.

Preisniveaus

  • ab 5000 Euro: Beispielanzeige: XL 883 Sportster 32 545 km, EZ 4/2004, HU neu, aus erster Hand, scheckheftgepflegt, flacher Lenker, Solositz, neue Kupplungsfedern, 5678 Euro (freier Harley-Händler, Niedersachsen). Niedriges Preisniveau. Unter fünf Mille geht praktisch gar nichts, aber auch unter 6000 Euro wird es schwer, etwas richtig Gutes zu finden. Wer etwas länger sucht, stößt immerhin auf Standardmodelle mit Vergaser und relativ hoher Kilometerleistung oder auf „individuelle“ Umbauten.
  • ab 6500 Euro: Beispielanzeige: XL 883 R, 9600 km, EZ 10/2011, HU 2/2018, aus zweiter Hand, scheckheftgepflegt, technisch und optisch wie neu, 7500 Euro (Privatangebot aus Bayern). Mittleres Preisniveau. Wer zwischen 7000 und 8000 Euro ausgeben kann, hat die ganz große Auswahl, dafür sind auch schon die beliebten Iron- und SuperLow-Modelle zu bekommen. Die Kilometerleistung liegt meist knapp unter oder nur wenig über 10000 Kilometern.
  • ab 8500 Euro: Beispielanzeige: XL 883N Iron, 2895 km, EZ 7/2014, HU 7/2016, aus erster Hand, ABS, Scheibe Originalzustand, 8900 Euro (Indian-Vertragshändler und freier Harley-Händler aus Nordrhein-Westfalen). Hohes Preisniveau. In dieser Preislage sind ganz junge Gebrauchte mit wenig Kilometern, gut gemachte Umbauten und Vorführer zu finden. Wer unbedingt ABS möchte, muss ebenfalls in dieser Preisklasse suchen - und spart im Vergleich zur Neumaschine selten mehr als 1000 Euro.

Modellpflege 2004 bis 2015

Die Sportster-Historie ist prall gefüllt mit mehr oder weniger umfangreichen Modellpflegemaßnahmen, die die Maschine technisch von Jahr zu Jahr besser machten.

  • 2004: Erstes Modelljahr (Verkauf ab Herbst 2003) der stark modellgepflegten Sportster, u. a. neuer Rahmen, neue Bremsen, komplett überarbeiteter Motor, Lagerung in Silentblöcken. Zwei Modelle: Standard (XL 883) und Custom 53 (XL 53C).
  • 2005: Vier Modelle: XL 883, XL 883C ersetzt Custom 53, neu: 883 Roadster (XL 883R) und 883 Low (XL 883L).
  • 2006: Vier Modelle: XL 883, XL 883C, XL 883R, XL 883L.
  • 2007: Vier Modelle: XL 883, XL 883C, XL 883R, XL 883L. Wichtigste technische Änderung: elektronische Kraftstoffeinspritzung.
  • 2008: Vier Modelle: XL 883, XL 883C, XL 883R, XL 883L.
  • 2009: Anfangs vier Modelle: XL 883, XL 883C, XL 883R, XL 883L; im Laufe des Jahres zusätzlich präsentiert: Iron 883 (XL 883N).
  • 2010: Vier Modelle: XL 883C, XL 883R, XL 883L, XL 883N, das Standardmodell XL 883 entfällt.
  • 2011: Drei Modelle: XL 883R, XL 883N, die SuperLow ersetzt die Low (Modellkürzel weiterhin XL 883L), die Custom entfällt.
  • 2012: Drei Modelle: XL 883R, XL 883N, XL 883L.
  • 2013: Drei Modelle: XL 883R, XL 883N, XL 883L.
  • 2014: Drei Modelle: XL 883R, XL 883N, XL 883L. Wichtigste technische Änderung: ABS serienmäßig (bei Iron optional).
  • 2015: Drei Modelle: XL 883R (letztes Modelljahr), XL 883N (jetzt ebenfalls serienmäßig mit ABS), XL 883L.

Technische Daten Sportster 883-Iron, Modelljahr 2009

Evolution-Motor (2004), 883 cm³, 40 kW (54 PS) bei 6.000 U/min, 69 Nm bei 4.000 U/min, 251 kg Leergewicht, 160 km/h Vmax, 1 Keihin 40mm-Vergaser, Beschl. 0-100: 7,1s, Verbrauch 5,4l / 100 km.

Schlussfolgerung

Die XL 1200C Sportster bietet auch als Gebrauchtmaschine mit ihrem luftgekühlten Evolution-V2 noch das typische Harley-Sportster Feeling, dank vorverlegter Rasten und elektronischer Einspritzung aber auch Komfort und Praktikabilität. Die Bremsen verlangen zwar einen vorausschauenden Fahrstil, ansonsten ist die Sportster Custom aber ein recht agiler, spritziger Chopper. Untermalt wird das Fahrerlebnis mit einem schönen, gut wahrnehmbaren, aber nicht aufdringlich bollernden Klang aus dem Endtopf.

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