Taubheitsgefühle im Schritt beim Radfahren: Ursachen und Lösungen

Gefühlsstörungen am Damm und in der Genitalregion sind bei Radfahrern, die längere Strecken zurücklegen, sehr häufig. Männer wie Frauen berichten über entsprechende Missempfindungen. Bei Männern besteht jedoch die Gefahr, dass sich der Druck auf den Damm auch auf Fruchtbarkeit und Potenz auswirkt.

Gleich vorweg: Die Taubheitsgefühle, die beim Radfahren entstehen, verursachen keine irreparablen Schäden. Wie Du wahrscheinlich selbst schon gemerkt hast, lassen die Taubheitsgefühle nach einer gewissen Zeit, wenn Du vom Rad abgestiegen bist, nach. Dabei handelt es sich um eine sogenannten Neuropraxie, der mildesten Form einer Nervenverletzung. Das Phänomen ist dasselbe, wie wenn Dir Hände oder Arme einschlafen, weil Du z.B. ungeschickt darauf gelegen bist - Mediziner sprechen dann scherzhaft von einer „Parkbankläsion“.

Ursachen für Taubheitsgefühle im Dammbereich

Der Auslöser ist in unserem Fall übermäßiger Druck auf den Dammbereich, also der Zone, die sich zwischen dem Sitzbein befindet. Als Resultat kommt es im Dammbereich zu einer Neuropraxie des Nervus pudendus - hier insbesondere seiner Verästelung der Nervi perineales, welche in den Bereich der Geschlechtsorgane führen. Und damit haben wir den Salat: Taubheit an einer Stelle, wo man sie nun wirklich nicht haben will.

Hier gilt eine sehr einfache Regel: Der Winkel, in dem das Becken stehen soll, darf nicht zu "flach" werden, d.h. nicht zu weit nach "vorne" in Richtung Lenker abkippen. Passiert das trotzdem, erfährt der Damm erhöhten Druck und es steht nur noch ein kleiner Teil des Sitzbeins zur Gewichtsablastung zur Verfügung. Erhöhter Druck im Dammbereich resultiert in der Belastung der oben genannten Nervenbahnen. Ergebnis sind genau die Taubheitsgefühle, über die wir hier sprechen.

Sättel sind nicht dafür gemacht, dass man sitzt, wo es einem beliebt. Jeder Sattel hat eine klar umrissene Zone, die für gutes Sitzen gemacht ist. In der vereinfachten Satteldarstellung kannst Du erkennen, dass sich diese Zone grob im hinteren Drittel des Sattels befindet. Dort hast Du die größte Auflagefläche, das ist sehr wichtig. Sitzt Du nun zu weit vorne, nimmst Du Dir nicht nur wertvolle Fläche zur Gewichtsablastung, sondern läufst zudem Gefahr, dass Du mit der knöchernen Sitzstruktur im Becken keinen Gegenhalt auf dem Sattel findest. Du also mit dem Sitzbein am Sattel „vorbeisitzt“ und sämtlicher Druck vom Gewebe zwischen dem Sitzbein abgefangen wird. Das ist schlecht. Hier ist die oben erwähnte druckempfindliche Zone.

Die Form des Sattels

Für uns ist der entscheidende geometrische "Parameter" die Form des Sattels in der designierten Sitzzone, die sich im Querschnitt zeigt. In den Beispielen zeigen wir Dir neben den Geometrietypen zusätzlich, wie diese zum Beckenmodell "passen".

"Flache Sättel" sind aus dem Versuch heraus entstanden, den Damm so weit wie möglich zu entlasten. Das klappt außerordentlich gut, da Du beim flachen Satteltyp maximal "hoch" nahezu ausschließlich auf dem Sitzbein sitzt - allerdings erhöht dies den Druck auf das Sitzbein erheblich. Je runder nun die Geometrie wird, desto mehr umgebendes Gewebe wird belastet. Ist die Geometrie zu „rund“, kann die Belastung in der Mitte, also im Dammbereich so stark zunehmen, dass Taubheitsgefühle entstehen können.

Hier gilt es ein "vernünftiges" Mittel zu finden.

Die Sattelbreite

Über die Sattelbreite und die Meinungen dazu könnte man Bücher schreiben. In unserem Kontext der Taubheitsgefühle im Dammbereich sind, wenn es um Sattelbreite geht, immer zu geringe Breiten das Problem. Ähnlich wie bei einer zu weit nach vorne gerückten Position auf dem Sattel kann es passieren, dass Du mit der knöchernen Sitzstruktur keinen Gegenhalt mehr auf dem Sattel findest, Du also wieder am Sattel „vorbeisitzt“. Das macht Druck im Dammbereich und wir haben das Dilemma.

Vereinfacht könnte man nun meinen, dass ein tendenziell breiterer Sattel besser ist. Das ist allerdings nur bedingt richtig. Da Du Dich auf dem Sattel bewegst, muss die Breite/ Form zu den räumlichen Bewegungsanforderungen passen, sonst rubbelt und schleift es.

Sitzpolster und Sattelpolsterung

Die Kombination aus Sitzpolster in der Hose (sofern Du eines hast) und der Sattelpolsterung bestimmt, wie tief das Sitzbein in das "Polstersystem" einsinken kann. Ist das System groß dimensioniert und weich sehr tief, bei geringer dimensionierten System, die härter sind, weniger tief.

Bei unserem Thema, den Taubheitsgefühlen im Dammbereich, ist das zu tiefe Einsinken ein Problem. Findet die knöcherne Sitzstruktur keinen ausreichenden Gegenhalt im Polstersystem, wird der Druck sich weiter im System auf das umgebende Gewebe verteilen, dazu kann auch Dein Damm zählen.

In der Praxis machen wir die beste Erfahrung mit Systemen, die im Aufbau nicht zu "dick" sind und dafür etwas "straffer" in der Härte der Polsterung. Also Finger weg von "fetten" windelartigen Sitzpolstern und massiven, weich gepolsterten "Komfortsätteln". Weniger ist hier definitiv mehr.

Erektionsstörungen durch Radfahren

Erektionsstörungen sind bei Radsportlern häufiger: Eine Untersuchung bei 1786 männlichen Radsportlern ergab, dass die Rate der Erektionsstörungen zwei- bis dreimal höher lag als bei Nicht-Radsportlern der selben Altersgruppe.

Der Penis besteht aus einem elastischen Gewebe und setzt sich überwiegend aus paarig angelegten Schwellkörpern zusammen. Während einer sexuellen Stimulation füllen sich diese beiden Schwellkörper mit Blut, bis der Penis hart und erigiert ist. Nach Ende der Stimulation oder nach einer Ejakulation fließt das Blut wieder ab und der Penis erschlafft. Auslöser für diesen erhöhten Blutfluss sind nervale Impulse, die im Gehirn entstehen und über das Rückenmark zum Penis gelangen.

Wenn ein Mann auf einem Fahrradsattel sitzt, lastet ein großer Teil seines Oberkörpergewichts auf der Arterie, die den Penis mit Blut versorgt. Hierdurch wird Druck auf die Arterien und Nerven ausgeübt, die zum Penis führen. Da diese Gefäße und Leitungsbahnen im Wesentlichen ungeschützt sind, ist die Gefahr, sie zu beschädigen, relativ groß. Zusätzlich kann der Nerv, der für die Erektion wichtig ist, gegen den Schambeinknochen gedrückt werden. Dies wird durch die Vorwärtsneigung des Oberkörpers hervorgerufen.

Diese Kompression durch den Fahrradsattel vermindert ebenfalls die Blutzufuhr zum Penis. Darüber hinaus kann auch die perineale Kompression, also der Bereich zwischen den Beckenknochen, während des Radfahrens Ursache für Erektionsstörungen sein. Die Kompression führt zu einer Minderdurchblutung des Penis. Dies geht mit einer verminderten Sauerstoffversorgung einher und hat eine Gewebsveränderung (penile Fibrosierung) zur Folge.

Diagnose und Behandlung von Erektionsstörungen

Wenn Sie unter Erektionsstörungen leiden oder diese befürchten, sollten Sie einen Facharzt für Männergesundheit konsultieren. Dieser stellt eine ausführliche Diagnose, um die Ursache Ihrer Beschwerden festzustellen. Wir bieten unseren Patienten ein spezielles Diagnoseverfahren an, um zu ermitteln, inwieweit das Fahrradfahren bereits zu Erektionsproblemen geführt hat bzw. führen kann. Hierzu bringen Betroffene ihre Sättel und ggf. ihr Fahrrad mit. Während des Radfahrens auf dem eigenen Sattel erfassen wir die Durchblutung mittels einer speziell entwickelten Elektrode, die an den Penis gelegt wird. Das Fahrrad kann im Anschluss so eingestellt werden, dass die Durchblutung nicht eingeschränkt wird. Auf Wunsch können auch andere Sättel getestet werden, bis ein entsprechend geeigneter Sattel gefunden ist.

Was können Radfahrer tun?

Es gibt ein paar Punkte, die Männer und Frauen beachten können, um ihre sexuelle Gesundheit beim Fahrradfahren zu schützen.

  • Fahrradfahrer, die Taubheitsgefühle in der Genitalregion verspüren, sollten so lange mit dem Radeln aufhören, bis das Taubheitsgefühl verschwunden ist.
  • Teilweise ist es auch hilfreich, vom Sattel aufzustehen und etwas herumzulaufen oder in stehender Position weiterzufahren.
  • Männer sollten einen geeigneten Sattel auswählen. Einige Männer verwenden einen sogenannten "Keine-Nase-Sattel". Dieser erhöht den Druck auf die Sitzbeinhöcker - statt auf das Perineum.
  • Zusätzlich sollten das Fahrrad und der Sattel individuell eingestellt werden.
  • Bei Frauen kann die Stellung des Lenkers zu Problemen führen. Lenker, die niedriger als der Sattel oder extrem nach unten gebogen sind, führen möglicherweise zu einem erhöhten Druck im perinealen Bereich.
  • Eine gepolsterte Fahrradkleidung macht ebenfalls Sinn.

Weitere Tipps zur Vorbeugung

  • Auf eine ausreichende Sattelbreite achten. Hierzu setzt man sich am besten auf eine Wellpappe. Nach einer Minute Sitzen kann man die Abdrücke der Sitzbeinhöcker erkennen und die äußeren Ränder abmessen. Beim Sattelkauf an diesen Maßen orientieren.
  • Den Sattel horizontal einstellen beziehungsweise die Sattelspitze um ein bis drei Grad nach unten neigen.
  • Die perineale Kompression durch eine effektive Sitzposition vermindern. Um das zu erreichen, sollten die Beine nicht völlig gestreckt sein, wenn sich die Pedale an der tiefsten Stelle befinden, und die Knie etwas gebeugt sein.
  • Alle zehn Minuten die Position wechseln und im Stehen fahren. Das ist wichtig, um den Blutfluss aufrechtzuerhalten, ist. Für Radfahrer, die auch gerne in der Halle trainieren, empfiehlt sich das “Spinning“. Während des Trainings sind viele Wechsel der Körperposition an der Tagesordnung.
  • Zur Vorbeugung von penilem Taubheitsgefühl und erektiler Dysfunktion auf langen und anstrengenden Fahrradtouren Ruhepausen machen.

Die Vorteile des Radfahrens

Radfahren fördert die Ausdauer, schont die Gelenke und ist als Breitensport für fast jeden geeignet. Selbst bei geringen Geschwindigkeiten kann die Ausdauer gefördert werden. Herz, Lunge und Atemfunktionen werden kräftiger. Die Bewegung an der frischen Luft hat zudem einen positiven Effekt auf das Immunsystem. Gerade für Übergewichtige ist Radfahren als Ausgleichssport zu empfehlen, weil Bänder, Sehnen und Gelenke nicht überlastet werden. Wichtig: Keine zu großen Gänge einstellen, besser mit möglichst kleinen Übersetzungen und einer relativ hohen Trittfrequenz radeln. Auch nach einer Meniskus- oder Kreuzbandoperation ist Radeln eine der ersten Sportarten, die auf sanfte Weise das Gelenk wieder beweglicher machen und kräftigt.

Grundsätzlich ist das Radfahren eine großartige körperliche Übung. Männer und Frauen sollten dabei jedoch ihre sexuelle Gesundheit im Blick behalten. Daher ist es wichtig, einen passenden Sattel auszuwählen, der eine gesundheitlich unbedenkliche Sitzposition ermöglicht. Ebenso essentiell sind eine richtige Fahrradeinstellung und die Positionierung des Lenkers.

Sauerstoffversorgung im Penis bei verschiedenen Sattelformen

Die Kölner Sporturologen haben verschiedene Sattelformen und Designs getestet. Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede in der Sauerstoffversorgung des Penis je nach Sattelform:

Sattelform Sauerstoffreduktion im Penis
Damensättel (fast rund, mittlere Polsterung, keine Spitze) ca. 20%
Schmale Rennrad- oder Mountainbikesättel > 60% (nach halbstündiger Fahrzeit)
"Anatomisch" oder "bodygeometrisch" bezeichneten Sättel 60 - 70%

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