Fahrwerke sind das Bindeglied zwischen Straße und Motorrad. Eingestellt hat man sie bislang meist mit Schraubendreher und -schlüssel.
Elektronische Fahrwerke unter der Lupe
Doch nun kommen vermehrt elektronisch kontrollierte Fahrwerke. Was bringt das? Seit einer gefühlten Ewigkeit ist die BMW R 1200 GS der absolute Topseller - nicht nur in Deutschland. Mehr als 90 Prozent der Käufer wählen bei der Ausstattung neben weiteren Goodies die Option Dynamic ESA (790 Euro Aufpreis), also das elektronisch kontrollierte und semiaktiv arbeitende Fahrwerk. Bei Testmaschinen ist es grundsätzlich verbaut.
Niemals gelang es MOTORRAD bislang, eine BMW mit serienmäßigem Basisfahrwerk zu testen, eine solche war einfach nicht zu bekommen. Dabei wäre die Frage doch äußerst interessant, wie das im Vergleich zum ESA-Fahrwerk funktioniert. Daher suchten die Tester über einen Aufruf einen Leser mit R 1200 GS in Basiskonfiguration - und fanden schließlich nahe Stuttgart eine, die für den Vergleich mit der ESA-Testmaschine ausgeliehen wurde - dafür hier noch einmal herzlichen Dank an den Besitzer. Zwei verschiedene Fahrwerke: einmal gänzlich konventionell, einmal semiaktiv gedämpft; einmal schlichte Mechanik und Hydraulik, einmal sehr aufwendige Technologie.
Theoretische Erläuterungen
Doch zum besseren Verständnis vor dem Praxistest einige theoretische Erläuterungen: Die Basis-GS verfügt über konventionelle, recht schlicht aufgebaute Federbeine mit wenigen manuellen Einstellmöglichkeiten, vorn nur für die Federbasis, hinten daneben für die Zugdämpfung. Die Feder ist progressiv ausgelegt, auch die Dämpfungscharakteristik, kurz WAD, arbeitet wegabhängig. Kurzum: ein solides, aber nur eingeschränkt einstellbares Fahrwerk - was aber keineswegs schlecht sein muss.
Ein erster Entwicklungsschritt hin zu mehr Komfort bei der Fahrwerkseinstellung war bei BMW das 2004 vorgestellte ESA-Fahrwerk (Electronic Suspension Adjustment). Dahinter verbirgt sich die Möglichkeit, Federelemente elektronisch per Knopfdruck zu justieren. Mehr Funktionsumfang gab’s mit dem 2009 eingeführten ESA II. Ein zusätzlich zur Dämpferfeder verbautes Elastomer-Element wirkt dabei als zweite, variable Feder. So ließen sich mit ESA II erstmals hinten nicht nur die Federbasis, sondern auch die Federrate verändern.
Dynamic ESA der nächste Evolutionsschritt
Neben dem verbesserten Einstellkomfort ein Pluspunkt zur individuellen Fahrwerksanpassung. Der nächste Evolutionsschritt war dann das aktuelle Dynamic ESA, die erste semiaktive Dämpfung von BMW. Dahinter verbirgt sich ein Fahrwerkssystem, das permanent auf Fahrwerksbewegungen reagiert, die über Wegsensoren vorn und hinten gemessen werden. Dynamic ESA ist mit dem ABS und der Stabilitätskontrolle ASC vernetzt und passt anhand von hinterlegten Kennfeldern über elektromagnetische Ventile die Dämpfung an - und zwar vorn wie hinten.
Für jede Voreinstellung ist ein Bereich zur Regulierung der Dämpfung hinterlegt und nicht wie beim früheren ESA II ein starrer Wert. Dadurch kann das System sensibler auf unterschiedlichste Fahrmanöver reagieren. Auch beim Dynamic ESA kann der Fahrer Dämpfungscharakteristik sowie Beladungszustand vorwählen. Noch ausgeklügelter wird es bei BMW mit DDC, der Dynamic Damping Control. Dieses semiaktive Fahrwerk der S 1000-Modelle bezieht die Daten aus der Sensorbox ein, adaptiert zum Beispiel das Fahrwerk je nach Schräglage.
Fahrmodi der BMW R 1200 GS
Die Sonderausstattung umfasst die Automatische Stabilitätskontrolle ASC (Automatic Stability Control) mit einer speziellen Endurokonfiguration für die Modi Enduro und Enduro Pro. Auch enthalten ist eine spezielle Endurokonfiguration für das serienmäßige BMW Motorrad ABS, das ebenfalls in den Modi Enduro und Enduro Pro zur Anwendung kommt. Zusätzlich ist das optional erhältliche Dynamic ESA in diese „Moduswelt“ integriert.
- Rain-Modus: Bei Fahrten auf nasser Strecke und schwierigen Gripverhältnissen wird der Fahrer im „Rain“-Modus durch ein besonders weiches Dosier- und Ansprechverhalten entlastet, verfügt aber dennoch über das volle Drehmoment- und Leistungspotenzial. Das elektronische Regelsystem ASC (Automatic Stability Control) spricht früher an als im „Road“-Modus.
- Road-Modus: Im „Road“-Modus sind die Regelsysteme so eingestellt, dass die optimale Performance auf trockener Straße erreicht wird.
- Dynamic-Modus: Im „Dynamic“-Modus lässt die neue BMW R 1200 GS ihr sportliches Temperament für die Straße aufblitzen.
- Enduro-Modus: Im „Enduro“-Modus zeigt sich die R 1200 GS im Gelände von ihrer besten Seite. Weiche Gasannahme, zurückhaltender Regeleingriff des Enduro-ASC, optimale Bremsverteilung und ideales ABS-Regelverhalten machen das Motorrad zusammen mit dem traktionsstark abgestimmten Dynamic ESA (Option) bereit für neue Endurowelten. Damit kommen auch Fahrer mit weniger Enduro-Erfahrung im Gelände schnell mit der neuen R 1200 GS zurecht und genießen Fahrspaß.
- Enduro Pro-Modus: Ambitionierten Endurofahrern bietet BMW Motorrad den „Enduro Pro“-Modus. Dieser Fahrmodus mit spontanem Ansprechverhalten des Motors ist auf den Betrieb mit Stollenreifen ausgelegt. Gleichzeitig ist bei Betätigung des Fußbremshebels die ABS-Funktion hinten abgeschaltet; das optionale Dynamic ESA ist auf Traktion und optimales Durchschlagsverhalten abgestimmt. Das ASC ist auf den professionellen Endurobetrieb abgestimmt und lässt deutlich mehr Schlupf zu.
Vergleich zwischen Basisfahrwerk und Dynamic ESA
Weshalb speziell das Telelever bei sportlicher Fahrweise und/oder groben Unebenheiten früher an Grenzen kommt. Ansprechverhalten und Fahrkomfort auf guten Straßen liegen aber auf einem recht hohen Niveau. Auf jeden Fall eine gelungene Abstimmung für touristische Fahrweise im Solobetrieb. Anzumerken wäre in diesem Zusammenhang, dass die Vorderradaufhängung Telelever unabhängig von der Fahrwerksausstattung einen prinzipiellen Vorteil hat: Sie besitzt einen Anti-Dive-Effekt, hält auf der Bremse die Front oben, was die Federung selbst bei harten Bremsmanövern nicht durchschlagen lässt. Das ermöglicht eine relativ komfortbetonte Abstimmung.
In puncto Einstellkomfort ist sie auf jeden Fall im Vorteil. Läuft der Motor, genügen wenige Tastendrücke am Lenkerende, um die hintere Federbasis an die Beladung anzupassen. Ähnlich simpel kann die Dämpfung geregelt werden. Bei gleichem Tempo im Fahrmodus „normal“ über die Rüttelbahn bewegt, lässt die semiaktive Variante ebenfalls deutliche Fahrwerksbewegungen zu. Unterschiede zwischen den Dämpfungsoptionen „soft“, „normal“ und „hard“ sind allenfalls in Nuancen zu spüren. Bei reduziertem, also eher normalem Tempo lassen sich die Dämpfungsunterschiede der verschiedenen Modi deutlicher spüren. In der Einstellung „soft“ bügelt das Fahrwerk mit hohem Komfort über den Flickenteppich hinweg. Die Bandscheiben freut’s, die Fahrpräzision leidet. Die gewinnt wieder, wenn die Modi „normal“ oder „hard“ aktiviert sind, allerdings nimmt der Komfort dann ab. In jedem Fall wirkt das Dynamic ESA verbindlicher, bietet mehr Reserven und einen breiteren Bereich in der Abstimmung.
Fazit
Das Fahrwerk der normalen GS muss unter den Testbedingungen keinesfalls die weiße Fahne schwenken. Es funktioniert im Alltag recht ordentlich, stößt aber bei hoher Belastung oder sehr sportlicher Fahrweise früher an Grenzen. Was auch ein bisschen daran liegt, dass die ausgewählten Federelemente von relativ schlichter Bauart sind. Die semiaktiv ausgerüstete GS basiert auf hochwertigeren Teilen und erledigt diesen Job besser, sammelt außerdem Pluspunkte bei der Handhabung. Mit ihren wenigen Setup-Wahlmöglichkeiten (drei Voreinstellungen für Federvorspannung und Dämpfung in Abhängigkeit vom gewählten Fahrmodus) holt sie nahezu das Optimum aus dem Fahrwerk heraus, ohne dass sich der Fahrer die Finger schmutzig machen muss.
Der Vergleich zeigt, dass das Dynamic ESA seinen Aufpreis wert ist. Vor allem, weil sich ohne besonderes Fahrwerks-Know-how schnell gute Ergebnisse in der Abstimmung erzielen lassen. Das gilt besonders für alle, die oft mit viel Gepäck unterwegs sind und gerne einen Sozius mitnehmen. Und nicht zuletzt bringt das Dynamic ESA auch ein Plus an Fahrsicherheit. Da es einfach richtig, aber nur schwer falsch zu bedienen ist, werden mit Sicherheit weniger Fahrer mit schlechter Fahrwerkseinstellung unterwegs sein. Ein konventionelles Fahrwerk erfordert mehr Erfahrung und Kenntnisse. Wer hier etwas falsch macht, kann leicht weit daneben liegen.
Die Federbeine - egal ob normale oder Dynamic ESA-Ausführung - sind laut BMW wartungsfrei.
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