Reiseführer gibt es wie Sand am Meer, und man braucht sie, wie das Salz in der Suppe. Leider merkt man aber immer erst zu spät, wenn das Ding nichts taugt. Das kann sich nach dieser Lektüre ändern.
Ich lese Reiseführer wie andere Krimis. Schlimmer noch: Ich sammle die Dinger. Dort, wo sonst in den Regalen anderer Leute Goethes sämtliche Werke, die MOTORRAD-Jahresbände oder schicke Modellautos stehen, reihen sich bei mir Reiseführer, Reiseliteratur und Reisebildbände. Vor einer Tour kann ich mich stundenlang mit der Routenplanung beschäftigen, um das Land - so gut wie es eben geht - kennenzulernen.
Ich will etwas über die Menschen dort erfahren, was mich erwartet, und wo ich zelten, tauchen, allein sein oder feiern kann, will als Motorradfahrer zudem möglichst aussichtsreich von A nach B gelangen und auch dann nicht die Orientierung verlieren, wenn ich unterwegs sämtliche Pläne über den Haufen werfe - was eigentlich immer der Fall ist. Aber egal, ob nun Dänemark oder die Mongolei ansteht: Eine Reise beginnt bei mir immer bereits mit der Auswahl eines Reiseführers.
Die Qual der Wahl: Ein Überblick über den Markt
Wieviel sich allerdings in den Regalen der Buchhandlungen türmt, verschlägt mir jedes Mal den Atem: Derzeit sind über 5000 Titel zum Thema Reisen im Handel. Die Welt ist touristisch nahezu vollständig erschlossen, so viel ist klar. Wandern in den Anden. Ferien auf einem Bauernhof in der Auvergne. Per Mountain Bike über die Alpen. Wein und Kultur im Apennn. Es gibt sie, die passende Anleitung für jedes Land und für jeden Zweck. Auch an Motorradfahrer wird gedacht.
Doch all diesen Spezial-Führern haftet oftmals ein großer Nachteil an: Sie sind schlicht und einfach zu speziell, so dass es an Infos fehlt, sobald man sich abseits der genannten Routen oder Orte befindet. Richtig Sinn machen diese Werke erst als Ergänzung zu einem Standard-Reiseführer, zu dem ich in der Regel immer zuerst greife. Bei diesen oft üppigen »Allrounder« habe ich meist die Gewähr, dass sie mir während einer Tour den größtmöglichen Freiraum lassen.
Wichtig sind ausführliche Streckenbeschreibungen und Landkarten, die mir eine individuelle Routenplanung ermöglichen (auch abseits touristischer Hochburgen), interessante Geschichten mit umfangreichen Hintergrundinfos, um Land und Leute zu verstehen (auch, um unterwegs Regentage zu überbrücken), und natürlich ein übersichtlicher wie reichhaltiger Infoteil mit Stichwortregister, damit ich nicht unnötig lang nach Abbazia di Farneta (Toscana) oder Beaumes-de-Venise (Provence) suchen muss. Die Ausführlichkeit der einzelnen Kapitel gewinnt natürlich umso mehr an Bedeutung, je exotischer das Reiseziel ist. Für eine Tour nach Luxembourg reicht bereits ein handlicher Führer im Westentaschenformat, weil ich dort keine GPS-Koordinaten für die nächste Tankstelle brauche. Dagegen würde ich mich in den Dünen der Sahara nur ungern ausschließlich auf einen schöngeistigen Kunstreiseführer über das Töpferhandwerk der Tuareg verlassen.
Dass ich bei meinen Fahrten inzwischen immer wieder auf die gleichen Reiseführer-Reihen verlasse, hat nichts mit Gewohnheit zu tun. Mehr als einmal haben sich teure Hochglanzprodukte wie alternative Low Budget-Führer als Flop erwiesen. Entweder schlecht recherchiert, schlecht geschrieben oder einfach nicht umfangreich genug. Umso ärgerlicher, wenn Infos fehlen oder falsch sind: Man merkt dies immer erst, wenn man bereits unterwegs ist.
Auf der anderen Seite gibt es natürlich keinen besten Reiseführer. Dazu sind Ansprüche und Geschmäcker zu verschieden. Aber es gibt einige sehr gute Reisebuchreihen, die sich auf sogenannte Selbstfahrer spezialisiert haben und deren Werke kaum noch Wünsche offen lassen - und sich somit natürlich auch für Motorradfahrer eignen, egal ob ein Kurztrip oder eine expeditionsähnliche Reise ansteht. Gelegentlich wird sogar auf organisierte Motorradreisen oder Vermietstationen hingewiesen.
Unabhängig vom Land steht dabei jedes Buch in Sachen Gestaltung, Informationsgehalt und Nutzwert als Stellvertreter für die entsprechende Reihe; die einzelnen Titel sind dabei nach dem Zufallsprinzip gewählt und wären bei dieser Beurteilung austauschbar. Das Fazit setzt sich aus folgenden Kriterien zusammen: Informationsgehalt, Übersichtlichkeit, Bildqualität sowie Preis-/Leistungs-Verhältnis. Natürlich spielen auch die mit den jeweiligen Reihen gemachten Erfahrungen eine große Rolle bei der Bewertung.
Die Reiseführer im Detail: Stärken und Schwächen
Baedecker
Die Bücher aus dem Hause Baedeker kann man getrost als den »traditionellen Allgemeinführer« bezeichnen sie wirken fast schon ein bisschen verstaubt. Doch der erste Eindruck täuscht. Zwar können sie nicht mit der erschöpfenden Menge an Infos eines Führers aus dem Loose-Verlag aufwarten, für die Planung und Durchführung einer Urlaubstour mit einem eigenen Fahrzeug reichen sie aber allemal.
Und das nicht zuletzt wegen der guten Routenvorschläge, einer sehr übersichtlichen Anordnung der einzelnen Themen sowie einer brauchbaren Reisekarte, die im durchsichtigen Umschlag steck. Zusätzlich stimmt hier in den meisten Fällen die Bildqualität, und statt ausschließlich infolastiger Texte findet man sogar Geschichten, bei denen auch der Lesespaß nicht zu kurz kommt. Dennoch ein guter Standard-Führer für den Selbstfahrer, der ein Land nicht allzu weit abseits der gängigen Routen entdecken will.
ADAC
Die ADAC-Reiseführer fallen zuerst durch ihr ungewöhnliches Hochformat auf. Und dadurch, dass die praktischen Hinweise leider recht knapp gehalten und die einzelnen Kapitel auf den ersten Blick sehr unübersichtlich angeordnet sind. Dafür gibt´s eine gute Dosis an Infos über Land und Leute, über Historie, Kunst und Kultur der betreffenden Region.
Rote Pfeile, die »Top Tips«, weisen auf die wichtigsten Sehenswürdigkeiten hin, und anhand der detaillierten, farbigen Karten wie Stadtpläne findet man sich auf Anhieb zurecht. Schade nur, dass die informativen Texte recht lustlos geschrieben sind ein Lesespaß sind die ADAC-Reiseführer nicht. Dafür vermitteln die zahlreichen Fotos trotz ihrer eher durchschnittlichen Qualität einen guten Eindruck über das Land oder die Region. Wenn aber Bauwerke (Kirchen, Klöster, Burgen), Kunst und Kultur interessieren oder auch ein Stadtführer gesucht wird, ist das Geld gut angelegt.
abenteuer&reisen
In der Reihe »entdecken & erleben« wird man mit mehreren Reise-Geschichten auf insgesamt 53 Länder und Städte zwischen Alaska und Wien eingestimmt: Der jeweilige Autor erzählt, was er bei seiner Reise erlebt hat. Nebenbei kommen Einheimische zu Wort, werden historische Ereignisse oder sonstige Infos verarbeitet. Am Ende eines Kapitels folgt jeweils ein überschaubarer Infoteil mit leider nur den nötigsten Angaben.
Dass dabei trotz Register und guter Fotos unterm Strich kein vollwertiger Reiseführer herauskommt, ist klar. Aber: Im Gegensatz zu den oftmals infolastigen oder wenig unterhaltsamen Texten anderer Werke macht das Lesen dieser Bücher richtig Spaß. Zur Vorbereitung einer Reise sind die roten abenteuer&reisen-Werke eine brauchbare Ergänzung zu einem »echten« Reiseführer. Bei der Vorbereitung einer Reise stimmen sie aber recht gut auf das Land ein.
Michael Müller Verlag
Die Reisehandbücher aus dem Michael Müller Verlag sind eine Wucht. Die inzwischen über 80 Titel mit dem Schwerpunkt Europa (ausführliche Reihen über Deutschland, Griechenland und Italien) lassen bei Individualreisenden kaum noch Wünsche offen und werden in der Regel spätestens nach drei Jahren aktualisiert.
Ausführliche Geschichten über Land und Leute, eine Unmenge an sehr gut recherchierten Infos und unzählige Tipps für die Routenplanung, egal ob man mit dem Auto oder Motorrad, einem Fahrrad, Kanu oder zu Fuß unterwegs ist. Die kompakten Führer sind zudem sehr übersichtlich geordnet, verfügen über ein ausführliches Register und passen problemlos in jeden Tankrucksack. Leider hapert es in den meisten Fällen an der Bildqualität, aber das lässt sich bei dem opulenten Inhalt locker verkraften.
Apa Guides
Apa Guides machen zuerst einmal Lust auf eine Reise. Auch die zum Teil sehr gut geschriebenen Geschichten über Land und Leute sucht man in dieser Qualität und Themenvielfalt oft vergebens. Die Kapitel über die jeweiligen Regionen eines Landes sind zudem sehr übersichtlich und leserfreundlich aufgebaut und mit Karten und Stadtplänen versehen.
Wer sich aber wirklich sehr gut auf ein Land einstimmen will, ist mit den Guides bestens bedient. Soviel Optik liefert sonst kein Reiseführer. Perfekt für die Vorbereitung.
Stefan Loose Verlag
Wer seinen nächsten Urlaub in Asien, Amerika, Afrika oder Ozeanien verbringen will, kommt um die Stefan Loose-Führer nicht herum: Was Besseres lässt sich für diese Regionen auf dem deutschsprachigen Markt kaum finden. Die Menge an allgemeinen wie speziellen Infos und Tipps ist nahezu konkurrenzlos, es fehlen weder Sprachführer, Sach- oder Ortsregister noch gute Karten und Stadtpläne.
Egal, ob zu Fuß, per Bus oder Motorrad unterwegs: Leichter lassen sich Routen nicht mehr planen und mit kaum einem anderen Werk kommt man unterwegs einfacher voran. Mehr ist kaum möglich, und wer außerhalb Europas auf eigene Faust reisen will, sollte sich diese Führer - oder die von Reise Know-How - unbedingt näher anschauen.
Reise Know-How
Das Angebot von Reise Know-How ist überwältigend: Kaum ein Land, über das nicht in dieser Reihe geschrieben wurde und vermutlich kein Sahara-Fahrer ohne einen Därrschen Reise Know-How im Gepäck. Und egal, ob man zu Fuß, per Bus, Fahrrad oder Motorrad ein Land Europas oder den Rest der Welt entdecken will, ob eine Extrem- oder Kulturreise ansteht - selbst für den anspruchsvollsten Individualtouristen gibt es kaum eine Alternative.
Die Menge an Infos ist nicht nur auf den ersten Blick beeindruckend, und hier wird praktisch an alles gedacht, was man unterwegs auch abseits aller gängigen Routen brauchen oder was einem dort passieren könnte. Wen stört´s da noch, dass die Qualität der Bilder nicht 100prozentig ist? Vermutlich keinen. Erste Wahl besonders bei extremeren Reisezielen, aber auch die Deutschland-Bände sind erwartungsgemäß vom Feinsten.
Die Handlichen
Wer wenig Platz hat oder nur eine kurze Tour plant, findet hier die passende wie günstige Alternative zu einem umfangreichen Reiseführer, ohne dabei auf die wichtigsten Infos zu verzichten. Der »DuMont Extra« gefällt durch seine hervorragende Bildqualität sowie durch eine herausnehmbare und zudem brauchbare Straßenkarte. Davon können sogar die »Großen« noch etwas lernen. Natürlich fehlen weder ein Register, Ausschnittskarten, Sprachführer oder Stadtpläne. Und auch an Routenvorschläge wurde gedacht - mehr kann man einfach nicht verlangen.
Noch etwas ausführlicher sind die kleinen Marco Polo-Führer. Dafür sind sie etwas umständlicher in der Handhabung, da sich zum Beispiel die Stadtpläne am Ende des Buches und nicht im entsprechenden Kapitel befindet. Aufgrund der brauchbaren Infos ebenfalls eine sehr gute Wahl. Der große unter den kleinen heißt ohne Zweifel »Merian Live«: In dieser Reihe stehen eindeutig die meisten Infos. Selbst die Routenvorschläge sind hier so umfassend beschrieben wie in sonst keinem der kleinen Führer. Allgemeine und spezielle Reiseinfos, Geschichte oder Sprachführer von allem darf´s hier ein bisschen mehr sein. Was fehlt, ist allerdings eine brauchbare Landkarte. Fast schon ein »richtiger« Reiseführer.
Andere Wege geht der »Polyglott«: Nach einer Einleitung mit allgemeinen Infos wird das Land anhand mehrerer Routenvorschläge beschrieben. Eine gute Idee, aber leider kann der kleine Polyglott nicht ganz mit der Menge an Infos seiner Konkurrenten aufwarten. Trotzdem noch eine gute Wahl. Ebenfalls von Polyglott: Der »City Guide«: Wer eine Stadt wirklich erleben will, liegt mit diesem prall gefüllten Führer richtig. Infos pur, egal ob über Hotels, Einkaufen, Sightseeing oder Feiern. Dazu gibt´s noch eine äußerst attraktive wie abwechslungsreiche Aufmachung.
Die Speziellen
Eines gleich vorweg: Die vorgestellten Motorrad-Reiseführer sind keine Reiseführer im eigentlichen Sinn. Sie funktionieren nur, wenn man sich ausschließlich an die beschriebenen Routen hält. Der Vorteil: Wer keine Lust auf die Reiseplanung hat, bekommt die klassischen Reiserouten in den jeweiligen Regionen auf dem Servierteller.
Gleich zwei Werke aus dem Highlights-Verlag: »Lust auf...Dolomiten« sowie »In Deutschland unterwegs Eifel«. In beiden Reihen werden jeweils zehn Tagestouren sehr übersichtlich beschrieben; dabei überwiegen natürlich die motorradgerechten Fahreindrücke. Kartenausschnitte, Infos über Hotels oder Motorradtreffs fehlen ebenfalls nicht. Zu jeder Reisegeschichte gibt´s natürlich einen Info-Teil sowie ein loses Kartenblatt mit den notwendigsten Angaben auf der Rückseite. Sehr gut zum Nachfahren. Auch hier findet sich ein Infoteil am Ende jeder Geschichte, der allerdings öfter etwas ausführlicher sein könnte - dafür stimmen Bild- und Textqualität. Ein Sprachführer und eine Pannenwörterbuch rundet die Sache ab.
Ein Reiseführer ist und bleibt nur eine Orientierungshilfe. Wer ständig mit dem Buch vor der Nase umherrennt, sieht nichts vom Land.
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