DDR Motorrad Schwalbe: Geschichte und Technik eines Kultrollers

Roller aus dem Simson Werk in Suhl, darunter die legendäre Schwalbe, genossen Kult-Status zwischen Ostsee und Erzgebirge.

Ein klassisches Beispiel solcher Nostalgiegefährte ist der legendäre Roller Simson Schwalbe aus der DDR, den nach der Wende auch etliche Liebhaber im Westen in ihr Herz geschlossen haben.

So manches Zwei- oder Vierradfahrzeug dient seinem Besitzer jahrelang als anspruchsloses Fortbewegungsmittel, das vor allem zuverlässig und preiswert zu sein hat.

Die Geschichte von Simson und der Schwalbe

Der Name Simson steht für eine der ältesten deutschen Waffen- und Fahrzeugfabriken. Die Gebrüder Simson erwerben am 7.4.1856 einen Anteil am alten Stahlhammer und gründen darauf aufbauend die Firma „Gebrüder SIMSON“.

Bereits 1911 begann im thüringischen Suhl die Herstellung von Kleinserien hochwertiger Limousinen, Cabriolets und Sportwagen mit Vier-, Sechs- und Achtzylindermotoren.

Bei SIMSON sind 1918 bereits 3500 Mitarbeiter beschäftigt.

Den Bekanntheitsgrad steigerte nicht zuletzt eine abenteuerliche Fahrt des Aerodynamik-Pioniers Reinhard Freiherr von Koenig-Fachsenfeld, der im Februar 1929 in seinem offenen Simson Supra Typ S den zugefrorenen Bodensee 7 km weit von der Insel Reichenau bis nach Gaienhofen am Westufer überquerte.

Auf Druck der Nazi- Regierung wird das Werk SIMSON in die „Suhler- Waffen- und Fahrzeugwerke GmbH“ (WAFFA) eingeordnet.

Im September 1934 ging die Automobilproduktion in Suhl zu Ende.

1936 beginnt der Serienanlauf des BSW Motor- Fahrrades Modell 100.

1936 muss die Familie Simson in die USA fliehen; im selben Jahr kommen Motorräder zur Produktpalette hinzu.

Im April 1945 besetzen amerikanische Truppen das SIMSON- Werk in Suhl und beschlagnahmen und entfernen wichtige Produktionsunterlagen.

Im Juli besetzen sowjetische Truppen die Stadt Suhl und stellen das Waffenwerk SIMSON unter Kontrolle des SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland).

1946 beginnt die Demontage des SIMSON-Werkes und der Abtransport von vielen Maschinen und Anlagen als Reparationsleistungen in die Sowjetunion.

Nach dem Krieg entstanden in der jetzt als „VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Ernst Thälmann“ firmierenden Fabrik ab 1950 unter dem Namen AWO Einzylinder-Motorräder mit 248 cm³ Hubraum und Kardanwellenantrieb.

1957 wird das Ende der Fahrradproduktion eingeleitet und es beginnt der Einstieg in die Produktion kleinmotorisierter Zweiräder. Das Moped SR2 E, entwickelt unter Verantwortung des bekannten Ing.

Um den auch im Arbeiter- und Bauernstaat steigenden Mobilitätsbedarf zu decken, ordneten die Funktionäre kurze Zeit später die Herstellung von Mopeds und Kleinkrafträdern an.

Der VVB Automobilbau verlangt 1960 die Einstellung der Motorradproduktion der AWO 425 in Suhl.

Die Simson Schwalbe war 1964 das erste zweisitzige Kleinkraftrad des volkseigenen Betriebs (VEB) Simson Suhl.

Am 1.Januar 1970 erfolgt auf Grund einer politischen Entscheidung der SED die Gründung des „IFA Kombinat für Zweiradfahrzeuge“.

Der VEB Fajas wird damit als Stammbetrieb zugeordnet und muss kurzfristig eine Kombinatsleitung aufbauen.

Durch die Firma Krause, wird unter Leitung von Herrn Kwokal, das Krankenfahrzeug DUO 4/1 produziert. Als Zulieferungen kommt der SIMSON Motor M 53 und weitere SIMSON Bauteile zur Anwendung.

Das letzte Modell der Vogelserie, der SIMSON Habicht SR 4-4, mit Viergang Motor M54, geht in Serie.

Die Produktion der Schwalbe war nach 1,058 Mio. Exemplaren schon im April 1986 ausgelaufen.

Dennoch kommt es zu einer Weiterentwicklung des SIMSON S51.

Der Neustart in die Marktwirtschaft erfolgt noch mit der Produktion der bekannten Kleinkrafträder S51/1 und SR50/1.

Das Ende der guten alten Schwalbe ist eingeleitet.

Das IFA-Kombinat für Zweiradfahrzeuge löst sich auf. Mit kleiner Belegschaft, ca. 60 Beschäftigte, wird die Produktion des Mokick S53 und des Rollers SR50/1 im März wieder aufgenommen.

Durch die Veränderung des Fahrschulrechts dürfen Jugendliche nun schon ab 16 Jahre Motorräder bis 125 ccm mit begrenzter Leistung (15 PS) fahren. Damit bricht der Markt für SIMSON- Kleinkrafträder mit 70 ccm komplett weg.

Die Produktion des Sperber MS50 und des Sperber S53 Beach Racer im Jahr 1997 beginnt. Beides sind ebenfalls echte Neuheiten, die auf dem deutschen Markt konkurrenzlos sind.

Hotzenblitz Mobile GmbH & Co. Der Elektroroller SR50 E wird produziert. Zum 31.12.

Am 1.6.2000 wird die Simson Motorrad GmbH & Co. Auf Basis des Motorrades Schikra wird das Motorrad 125, bzw. das Motorrad 125 RS neu entwickelt und auf den Markt gebracht.

Am 1.10. 2002 wird das Insolvenzverfahren über die Firma Simson Motorrad GmbH eröffnet.

Im Dezember 1990 wurde das traditionsreiche Unternehmen von der Treuhand abgewickelt.

Technische Details der Schwalbe

Angetrieben wurde die erste Schwalbe mit ihren für diese Fahrzeugart atypisch großen 16-Zoll-Rädern von einem 49 cm³-Einzylinder-Zweitakter mit Gebläsekühlung, der 3,4 PS (2,5 kW) bei 6500/min leistete.

Er verhalf dem vollgetankt nur 79 kg wiegenden Kleinroller zu einer für diese Klasse respektablen Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h.

Die drei Gänge wurden per Drehgriff geschaltet, später gab es die Schwalbe auch als KR 51 F mit Fußschaltung.

Der Tank fasste 6,8 l Zweitaktgemisch (1:33), was bei einem Durchschnittsverbrauch von 2,8 l auf 100 km gut für 250 km Reichweite langte.

Kultstatus und Besonderheiten

Mobilität macht attraktiv: Der Schwalbe-Roller war begehrt, es wurden mehr als 1 Mio. Stück produziert.

Schließlich ermöglichte sie Ausfahrten mit der ersten großen Liebe zum Baggersee oder in den dörflichen Tanzschuppen.

Kein Wunder, dass die Schwalbe vor allem bei jungen Leuten ganz weit oben auf der Wunschliste rangierte.

Reparieren ließ sich die simple Technik von jedem, der nicht gerade zwei linke Hände hatte.

Ein weiterer Pluspunkt war das niedrige Einstiegsalter: Ab 16 Jahre durfte man den Kickstarter der Schwalbe niedertreten.

Dank einer Ausnahmeregelung im Einigungsvertrag darf man das sogar heute noch, obwohl die Schwalbe wegen ihrer Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h kein Moped mehr ist.

Die Simson Schwalbe war 1964 das erste zweisitzige Kleinkraftrad des volkseigenen Betriebs (VEB) Simson Suhl.

Sie war Teil der damals neuen "Vogelserie". Andere Modelle der Serie waren "Spatz", "Star", "Sperber" und "Habicht".

Die Schwalbe machte viele DDR-Bürger mobil. In den 1950er- und 1960er Jahren konnten sich die meisten Familien andere Fahrzeuge schlicht nicht leisten.

Wegen ihres tiefen Durchstiegs konnte die Schwalbe auch von Frauen in Röcken gefahren werden. So galt die Schwalbe lange Zeit als Frauen-Moped, gefahren von Gemeindeschwestern, Volkspolizisten und älteren Herrschaften.

Die Erfolgsgeschichte der Schwalbe begann vor 50 Jahren, im Jahr 1964.

Die Vorgaben für die Entwickler des Herstellers Simson waren klar: Schnell sollte sie sein, dazu robust und leicht zu reparieren, mit Platz für zwei.

Das Zweirad war der Auftakt zur legendären Simson-Vogelreihe, auf die Schwalbe folgten die Modelle Spatz, Star, Sperber und Habicht.

Die Schwalbe mit ihrem gebläsegekühlten Einzylinder-Zweitaktmotor ist für sie mehr als nur ein Fortbewegungsmittel, sie ist ein Image, eine Selbstinszenierung, für manche gar ein Lebensgefühl.

Vom Produktionsstandort Suhl schwärmte die Schwalben in alle Welt aus, vor allem in die "sozialistischen Bruderstaaten".

Heute fahren davon noch geschätzte 150.000, der Großteil in Deutschland.

Warum die Schwalbe so schnell fahren darf:

Die Schwalbe und auch andere Motorroller von Simson dürfen wie zu DDR Zeiten bis zu 60 km/h fahren und nicht die gesetzlich vorgeschriebenen 45. So wurde es nach der Wende per Einigungsvertrag beschlossen.

Außerdem gilt das Zweirad als besonders ausdauernd und leicht zu reparieren.

Im Einigungsvertrag wurde festgelegt, dass für Simson-Mopeds weiterhin dieses Tempo-Limit gilt. Die übrigen Roller und Scooter in diesem Segment dürfen nur bis maximal fünfzig km/h fahren.

Die zweirädrigen Oldtimer haben dafür nur eine Voraussetzung zu erfüllen: Sie müssen vor Ende Februar 1992 zugelassen worden sein.

Ein weiterer Grund für deren große Beliebtheit auch nach der Wende ist die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern in der 50ccm-Klasse. Nach den heutigen Vorschriften dürfen zweirädrige Kleinkrafträder nur noch eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 45 Stundenkilometern erreichen.

Die Schwalbe im Wandel der Zeit:

Die Schwalbe sollte mindestens zehn Jahre halten und 45.000 Kilometer fahren, ohne dass eine Generalreparatur nötig war.

Doch bald zeigte sich, dass sich die robuste Qualität der Simson-Vögel bewährt.

Man hat ihr viele Namen gegeben: Nonnenhocker, Zwiebelsäge, Pferd in Ritterrüstung.

Häme war meist dabei, wenn es um die Antwort des Sozialismus auf die schier übermächtige Moped-Konkurrenz der kapitalistischen Welt ging.

Dabei hat die Schwalbe, die laut Betriebsanleitung ein "zweisitziger Roller mit Spritzschutz" ist, längst ihre Wettbewerbsfähigkeit bewiesen. Bis heute.

Zwar wird der Roller mit dem Vogelnamen gar nicht mehr gebaut, doch eine hartgesottene Fangemeinde aus Ost - und mittlerweile auch aus West - schwört auf die Schwalbe und das nun schon seit 50 Jahren.

Menschen lassen sich immer etwas Neues einfallen, um von A nach B zu kommen. Originale gibt es kaum noch.

Vor 30 Jahren wurde die Produktion in Suhl eingestellt. Die Mopeds wurden als wertlos erachtet. Viele verstaubten in Scheunen oder wurden im Wald entsorgt.

Heute zahlen Enthusiasten bis zu 5000 Euro.

Ersatzteile und Restauration

Ersatzteile für Schwalbe und Co. sind deshalb so gefragt, dass das Unternehmen MZA, das nach der Insolvenz des Traditionswerkes Teile von Simson übernommen hatte, unzählige Ersatzteile für die alten Kleinkrafträder produziert.

MZA Meyer-Zweiradtechnik GmbH mit Sitz in Vellmar bei Kassel ist heute der große Anbieter und Lieferant von Simson-Ersatzteilen, ebenfalls hergestellt nach Original-Zeichnungen.

MZA beliefert ausschließlich Fachhändler und verschickt nach eigenen Angaben jährlich mehr als 60.000 Pakete mit Ersatzteilen.

Im Nordwesten Hamburgs führt der 68-Jährige als "Schwalbendoktor " eine eigene Werkstatt.

Einen Rat erhält man bei ihm meistens kostenlos, aber seine Schwalben verkauft er nicht jedem: "Das Herz muss schon am rechten Fleck sitzen", sagt er.

Als noch niemand an den Kult dachte, der sich einmal aus diesen Oldtimern entwickeln könnte, fing Jeschke bereits an, Ersatzteile zu sammeln.

Mittlerweile reichen die - wie er sagt - "Schätze" in seinem Lager für 15 komplette Schwalben.

Die Schwalbe als Neuaufbau

Aber wie kann es sein, dass ein Zweirad, das schon seit Jahren nicht mehr gebaut wird, nun in neuem Glanz auf den Markt kommt? Es handelt sich dabei um sogenannte Neuaufbauten.

Dabei dürfen fast alle Teile neu sein - Scheinwerfer, Sitz, Speichen, Motoren. Eines muss aber aus der originalen Baureihe stammen: der Rahmen samt Fahrgestellnummer. Nur so gilt weiterhin die technische Zulassung des Fahrzeugs.

Um den alten Rahmen herum entsteht praktisch ein neues Gefährt - mit Materialien, wie es sie zu Zeiten der Serienfertigung in Suhl noch gar nicht gab.

Die Schwalben aus dem Modekatalog werden von der Firma Zweiradtechnik Schilling in Kraftsdorf, Landkreis Greiz in Thüringen, hergestellt.

Chef Daniel Schilling ist ein Fan der Simson-Zweiräder, insbesondere der Schwalbe.

Die E-Schwalbe

In Meiningen, rund 25 Kilometer entfernt von Suhl, entstand ein neues Logistikzentrum.

Im polnischen Breslau motzt Michał Koziołek seit 2016 Schwalben auf und stattet sie mit einem modernen Elektromotor aus.

Seine Firma "RetroElectro" hat er mit Freunden gegründet.

Trotz vieler Anfragen aus Polen verkauft er seine immerhin gut 4.000 Euro teuren Schwalben derzeit nur ins Ausland.

Besser hat es da die Münchner Firma "Govecs".

Sie hat die Markenrechte für die E-Schwalbe und fertigt sie seit 2017 in Breslau in großem Stil.

Allerdings verwendet das mittelständische Unternehmen keine Originalbauteile - und umgeht so den Behördenärger.

Ein Elektroroller sollte der legitime Nachfolger der Schwalbe werden.

Leider gibt es bislang nicht mehr als einen Prototypen.

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