In Agatha Christies Kriminalroman »Elefanten vergessen nie« erklärt die Krimiautorin Mrs Oliver ihre Romanidee: »Elefanten vergessen nie. Das war die Idee, mit der alles anfing. Die Menschen können sich an Dinge erinnern, die weit zurückliegen, genau wie die Elefanten.
Tatsächlich können sich Elefanten besser an Vergangenes erinnern als Menschen. Das liegt daran, dass sich der Mensch fast ausschließlich auf seine Augen verlässt.
Es sind insbesondere zwei Faktoren, die ein solches Elefantengedächtnis fast zwingend erforderlich machen: ihre lange Lebenserwartung, die der menschlichen Lebenserwartung von durchschnittlich 80 Jahren entspricht, und die ungewöhnliche Gesellschaftsstruktur der Elefanten, die nicht ständig zusammenbleiben. Die Elefantengruppen trennen sich immer mal wieder.
Das Elefantengedächtnis
Gedächtnis ist die Fähigkeit, etwas Gelerntes, Eindrücke und Ereignisse dauerhaft im Gehirn zu speichern.
Es gibt zwei Arten von Gedächtnis:
- Implizites Gedächtnis: Hier liegen sämtliche Informationen der Wahrnehmung, die nicht unser Bewusstsein erreicht haben, und auch prozedurale Informationen wie Treppen steigen oder Fahrrad fahren.
- Explizites Gedächtnis: Es besteht aus dem semantischen Gedächtnis, welches Fakten, Informationen und Kenntnisse speichert, sowie aus dem episodischen Gedächtnis, welches alle persönlichen Erlebnisse und die zugehörigen Emotionen speichert.
Manche Menschen können sich noch nach Jahren detailreich an eine bestimmte Begebenheit erinnern, sogar an Nebensächlichkeiten. Dann sagen wir, sie hätten »ein Gedächtnis wie ein Elefant«.
Die Verhaltensforscherin Marion East vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) beantwortet diese Frage mit einem klaren Ja: »Alle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass diese Tiere wirklich ein sehr gutes Gedächtnis haben.
Für Elefanten ist das nämlich kein Problem. Sie können sich tatsächlich besser an Vergangenes erinnern als Menschen.
Gerüche und Laute sind eng an das Elefantengedächtnis gekoppelt. In meinem Beitrag »Vor welchen Tieren haben Elefanten einen Heidenrespekt?« habe ich beispielsweise darüber berichtet, dass Elefanten aufgrund schmerzhafter Erfahrungen in der Vergangenheit sofort nervös werden und flüchten, wenn sie Bienen brummen hören.
Und die Verhaltensforscherin Karen McComb von der Universität von Sussex in Brighton konnte an 48 in Kenia lebenden Elefantenherden nachweisen, dass sie Angehörige unterschiedlicher Stämme an der Sprache unterscheiden können. Karen McComb erklärt: »Die menschliche Stimme enthält sehr viele Informationen über den Sprecher. Elefanten können sie deshalb als frühes Warnsystem nutzen: An der Sprache können sie schon von Weitem erkennen, dass sich da ein Massai nähert.
Eine große Gedächtnisleistung erbringen die Tiere auch, indem sie sich in großen Gebieten von mehreren hundert Quadratkilometern räumlich orientieren und sich merken können, wo es Wasserstellen gibt. Ein Elefant, der als Kalb an eine Wasserstelle geführt wurde, findet diese auch Jahrzehnte später problemlos wieder, selbst wenn er diesen Weg nur einmal gegangen ist. Verhaltensforscher nennen dieses hervorragende Ortsgedächtnis »Mapping«, also eine Art Landkarte für überlebenswichtige Ressourcen, die im Gedächtnis eines Elefanten gespeichert ist. Mit GPS-Sendern ausgestattete Elefanten liefen aus nahezu jeder Position heraus den jeweils kürzesten Weg zur nächsten Wasserstelle, ohne die Richtung korrigieren zu müssen.
Die genetisch bedingte fluide Intelligenz ist die Voraussetzung für das Lernvermögen in jungen Jahren. Sie umfasst die Geschwindigkeit und Genauigkeit der Informationsverarbeitung (Fähigkeit, eine Situation zu begreifen, Schlussfolgerungen zu ziehen und ein Problem zu lösen), welche vor allem zur Aneignung von Wissen genutzt werden kann. Gleichzeitig verknüpft die kristalline Intelligenz, die auch soziale Kompetenzen umfasst, dieses Wissen, so dass mit der Zeit ein großer Gedächtnisschatz aus den mit Faktenwissen verknüpften und gesammelten Erfahrungen entsteht. Während die fluide Intelligenz stetig abnimmt, kann die kristalline Intelligenz durch Üben weiter anwachsen und die Abbauprozesse des Gehirns verlangsamen. Üben heißt, dafür zu sorgen, dass gezielt neue Synapsen (neuronale Verknüpfungen) im Gehirn gebildet werden. Üben heißt, interessiert und mit offenen Augen durch das Leben zu gehen, sich weiterzubilden - sei es seinen Horizont durch Reisen zu erweitern oder durch den Erwerb neuer Fähigkeiten wie ein Instrument zu spielen, Tanzen oder eine neue Sprache zu lernen, sich in ein Hobby zu vertiefen und vieles andere mehr.
Schon Jean-Jacques Rousseau soll gesagt haben: »Die Jugend ist die Zeit, die Weisheit zu lernen.
»Elefanten sind uns kognitiv viel ähnlicher, als man bisher erkannt hat. … Das versetzt sie in die Lage, unsere charakteristische Art zu verstehen, mit der wir durch Zeigen auf Dinge in der Umgebung aufmerksam machen«, meint Richard Byrne von der University of St Andrews in Schottland. Er war überrascht, dass etwa zwei Drittel der elf Afrikanischen Elefanten ohne Training den Fingerzeig auf einen von zwei Eimern, von denen nur der eine mit Futter gefüllt war, sofort verstanden. Diese intelligente Reaktion führt er darauf zurück, dass Elefanten in einem komplexen sozialen Miteinander leben und dabei untereinander auch mit ihrem Rüssel kommunizieren.
Forschungen zum Elefantengedächtnis zeigen zudem, dass Elefanten die Fähigkeit haben, Werkzeuge herzustellen, wie zum Beispiel Bürsten aus Ästen, und solche Werkzeuge zudem bei Bedarf in Kooperation verwenden, um an Futter zu gelangen.
Es ist also wahr: Elefanten sind intelligente Tiere und haben ein besonders gutes Gedächtnis. Genauso wie sich Elefanten an Menschen erinnern, die gut zu ihnen waren, genauso erinnern sie sich auch an Menschen, die ihnen etwas angetan haben.
Daphne Sheldrick, die als »Mutter der Elefanten« bekannt wurde, war der Ansicht: »Bei Elefanten erntet man, was man sät. Behandelt man sie gut, erwidern sie dies mit Liebe. Ist man grausam zu ihnen, dann mit Aggression.«
Daphne Sheldrick kümmerte sich um traumatisierte Elefantenwaisen, die den Schock über den Verlust der Familie hautnah miterleben mussten. Da Elefanten einen sehr ausgeprägten Familiensinn und ein Verständnis für den Tod eines Herdenmitglieds haben, kann die Trauerphase viele Monate dauern. Nur mit viel Liebe und Mitgefühl der Pfleger, die sie rund um die Uhr betreuen, schöpfen die kleinen Elefanten wieder Vertrauen und können dann langsam wieder ausgewildert werden. Sehr interessant finde ich, dass sogar seit langer Zeit ausgewilderte Elefanten immer wieder zurückkommen, um die Menschen zu begrüßen, die ihnen geholfen haben.
Die Geschichte von Tuffi: Ein Elefant in der Schwebebahn
Franz Althoff war Zirkusmann durch und durch. 1908 in der Nähe von Bonn geboren, stammte er aus einer alten Zirkusfamilie, deren Geschichte als Schausteller bis ins 17. Jahrhundert zurückreichte. Seine Vorfahren hatten sich auf Tierdressuren spezialisiert und zeigten vor allem Kunststücke mit Pferden. Aber auch exotische Tiere lernte Franz im ältesten deutschen Zirkusunternehmen, dem "Circus Althoff", schon früh kennen.
Tuffi war 1946 in Indien geboren und drei Jahre später an Althoff verkauft worden. Das Jungtier war noch klein, als es nach Deutschland kam, lernte aber schnell und ließ sich gut dressieren. Weil sie so zutraulich war, setzte Franz Althoff die junge Elefantendame oft bei Werbeauftritten ein. Im Ruhrgebiet fuhr sie Straßenbahn, Solinger Bauarbeitern brachte sie Bierkästen ans Gerüst, in Duisburg schipperte sie bei einer Hafenrundfahrt übers Wasser.
Selbst wenn mal etwas schiefging, wurde Tuffi verziehen. In Altötting hatte sie so großen Durst, dass sie einen Weihwasserbrunnen leer soff; in Oberhausen fuhr sie zwar erst problemlos mit der Straßenbahn zum Rathaus, verspeiste dann allerdings eine Zimmerpflanze und einen Blumenstrauß und erleichterte sich anschließend plätschernd auf den Rathausteppich. Althoff lächelte, zahlte die Schäden und freute sich über den Werbeeffekt der Auftritte.
Im Juli 1950 startet der Zirkus Franz Althoff sein Gastspiel in Wuppertal. Auch hier will der Zirkusdirektor einen Marketinggag landen und beschließt, mit Tuffi eine Schwebebahnfahrt zu machen - was sonst? Schließlich ist das weltweit einzigartige Transportmittel, 1901 in Betrieb genommen, als Wahrzeichen der Stadt weithin bekannt.Und so schiebt sich am 21. Juli 1950 an der Schwebebahnstation Alter Markt in Wuppertal-Barmen ein Elefantenrüssel durch das Gitter am Fahrkartenschalter. Fünf Fahrkarten zweiter Klasse wechseln den Besitzer - vier für die junge Elefantenkuh und eine für den Zirkusdirektor.
Wie schwer Tuffi zu diesem Zeitpunkt ist, lässt sich nicht mehr rekonstruieren: Manche Quellen sprechen von 200, andere von bis zu 700 Kilogramm. Jetzt aber, kurz nach 10 Uhr, hat er die Fahrscheine in der Hand. Es geht die Stufen zum Bahnsteig hinauf, für die dressierte Tuffi kein Problem. Pünktlich um 10.30 Uhr schwebt der Wagen Nummer 13 in Richtung Elberfeld in die Haltestelle, wo ein Abteil für Tuffi und ihre Begleiter reserviert ist. Hektik kommt auf: Erst passt die Elefantendame nur knapp durch die schmale Tür der Schwebebahn, dann drängeln sich deutlich mehr Fotografen und Schaulustige in den Wagen, als abgesprochen war. Schließlich will niemand das Spektakel verpassen, wenn zum ersten Mal ein Elefant über der Wupper schwebt.
Der Wupperfall
Schnell ist klar: Der Elefantenkuh wird das alles zu viel. Eine Zeitzeugin gibt später zu Protokoll: "Der Schaffner war sehr aufgeregt und schrie immer: 'Ruhe bewahren! Ruhe bewahren!'" Das Gedränge sei so groß gewesen, dass Tuffi sich habe umdrehen wollen, um zu sehen, was hinter ihr los war, vermutet Harry Althoff. Das Licht ist hinter den Fensterscheiben zu sehen, Tuffi steigt auf eine Sitzbank - und die bricht unter dem Elefanten zusammen.
Dann geht alles ganz schnell: Tuffi nimmt zweimal Anlauf, bricht gewaltsam durch Fenster und Außenwand auf der linken Seite der Bahn und stürzt rund zehn Meter tief in die Wupper, nur wenige hundert Meter hinter der Einstiegshaltestelle.
Tuffi hat Glück im Unglück: Obwohl die Wupper hier gerade mal 50 Zentimeter tief ist, zieht sie sich bei ihrem Sturz nur ein paar Schrammen am Hintern zu, weil sie an einer schlammigen Stelle aufkommt. Franz Althoff will seinem Tier im ersten Moment sofort hinterherspringen, wird aber von seinem Sohn Harry und anderen Fahrgästen zurückgehalten. Die Fotografen sind so perplex, dass keiner von ihnen auf den Auslöser drückt. Ein Foto vom Sprung gibt es deshalb nicht, nur mehr oder weniger schlecht gemachte Fotomontagen.
Die Sensation hatte für den Zirkusdirektor ein juristisches Nachspiel: Er musste sich wegen Körperverletzung und - zusammen mit dem Leiter der städtischen Verkehrsabteilung - wegen fahrlässiger Transportgefährdung verantworten. Die beiden Männer wurden zu einer Geldbuße von 450 Mark verurteilt, und das Gericht gab sich humorfrei: Die Schwebebahn sei als Transportmittel für Elefanten ungeeignet. Zwar sei die Belastungstoleranz des Fahrzeugs nicht überschritten gewesen, Althoff habe aber gegen die Beförderungsbedingungen verstoßen, die er mit dem Fahrscheinkauf anerkannt habe.
Am Abend dieses ereignisreichen Freitags stand Tuffi schon wieder in der Manege in Wuppertal-Barmen und zeigte ihre Dressur. Und Althoff baute den Fall aus der Schwebebahn in seine Nummer ein.
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