Wenn sich Joe Breeze, Charles Kelly und Gary Fisher an ihre Jugend Anfang der siebziger Jahre in Kalifornien zurückerinnern, sehen sie nicht Drogen, freie Liebe oder die Friedensbewegung, sondern ihre eigene Revolution. Noch heute zieren sie mit ihren Namen die Rahmen Hunderttausender Mountainbikes. Damals waren sie Teil einer Bande von Nobodys, die in den Hügeln von Marin Country um Mount Tamalpais nach neuen Wegen suchten, sich auf zwei Rädern auszutoben.
Die Anfänge: Von alten Rädern zu "Klunkern"
"Wir besaßen zwar alle hochwertige italienische Rennräder, doch für den Alltag waren die fragilen Maschinen einfach zu unpraktisch", erklärt Breeze. Also besorgten sie sich, nicht selten von Schrottplätzen oder aus dunklen Kellern, simple und vor allem billige Vorkriegsräder mit breitem Lenker und Ballonreifen. "Ein Kumpel scherzte, wir sollten es einmal mit den alten Rädern der Zeitungsjungs probieren. Ich kaufte für fünf Dollar einen maroden 1941er Schwinn-Cruiser und los ging's", erzählt Breeze.
Bleischwer, ohne Gangschaltung und nur mit Rücktrittbremsen ausgestattet, waren die Räder für den Einsatz im Gelände allerdings denkbar ungeeignet. "Bergauf war an Fahren nicht zu denken, stattdessen wurde geschoben und sich auf die Abfahrt gefreut", erinnert sich Charles Kelly, ein weiterer Pioneer und wohl der erste Mountainbike-Journalist.
Das "Appetite Seminar" und die Geburt des "Repack"-Rennens
Mit der Routenlegung des "Appetite Seminar", einer 20-Meilen-Ausfahrt, die, wie im Namen angedeutet, den Appetit auf den Truthahn beim traditionellen Thanksgiving-Festmahl schüren sollte, geriet im November 1974 das Rad endgültig ins Rollen. Nach der Quälerei der ersten 18 Meilen wartete nämlich am Ende des Ausflugs - quasi als Belohnung - ein 2,1 Meilen langer Bergabritt an der Flanke des Mount Tam: 400 Höhenmeter vernichtete ein Fahrer auf dem kurzen Streckenabschnitt, durch uneinsehbare Haarnadelkurven über Geröll, Sand und Baumwurzeln - Schwerkraft und Materialgüte hoffnungslos ausgeliefert.
Tatsächlich sorgte die Kombination aus übermotivierten Piloten und unterdimensionierten Fahrrädern für manch spektakuläre Bodenprobe oder Ausritte in die Botanik am Wegesrand. Lenker und Gabeln, ausgelegt für Sonntagsausflüge und die morgendliche Runde der Zeitungsboten, brachen in den Händen der Schotter-Hasadeure wie Streichhölzer.
"Im unteren Teil der Strecke überhitzten die Bremsen und wurden wirkungslos. Nach jedem Lauf mussten die Fahrer ihre Naben neu mit Fett befüllen (englisch "to repack") - und verpassten damit dem Serpentinen-Rennen, das ab 1976 regelmäßig ausgetragen wurde, seinen Namen. Die Poster-Ankündigungen zum "Repack Downhill Time Trial" hängen heute in der Mountainbike-Ruhmeshalle in Crested Butte, Colorado.
Immer noch der Bergkönig: Gary Fisher hält den Rekord auf dem "Repack"-Downhill-Rennen. In 4:22 Minuten absolvierte er knapp zwei Meilen über Schotter, Geröll und durch Haarnadelkurven.
Gegen die Uhr: Wie auf diesem Poster angedeutet, organisierten die Hippies sogar ein Zeitnahme-System für das "Repack"-Rennen.
Technische Innovationen und die Entstehung des Mountainbikes
"Repack war der Startschuss für die Massenbewegung. Doch nicht nur der Trend wurde von dem Downhill-Trial beflügelt, sondern auch die Technik. Unzufrieden mit Fahr- und vor allem Bremsverhalten ihrer Räder, die oft genug nicht mehr als eine Abfahrt überstanden, begannen Breeze, Kelly und Co., mit den ersten Modifikationen ihrer Bikes. An Bauteilen fand alles Verwendung, was Stabilität und Funktionalität versprach.
Trommelbremsen (vom Tandem) und Gangschaltungen (dem Rennrad entliehen), massive Lenker und robuste Bremshebel (aus der Moto-Cross-Szene) machten aus den gemütlichen Alltagsrädern martialische Rennmaschinen, die sogenannten "Klunker" und Vorfahren der heutigen Hightech-Mountainbikes. Und so brutzelte Breeze 1977 aus hochwertigem Stahl eine Kleinstserie haltbarer Rahmen, die praktisch sofort ausverkauft waren.
Als nächster versuchte sich der talentierte Schweißer Tom Ritchey am Stollenreifen-Trend. Als er für seine edlen (und teuren) Kreationen einen Vertrieb und vor allem einen Namen suchte, sprangen Fisher und Kelly ein. 1979 gründeten sie mit einigen hundert Dollar Startkapital die Firma "Mountainbikes". Annoncen in BMX-Magazinen und erste Fachartikel, nicht selten von Charles Kelly selbst verfasst, trugen die Botschaft der radelnden Hippies ins Land.
Schnell etablierte sich der Begriff des Mountainbikes, und immer mehr Radsportfreunde wollten wissen, was es mit dieser merkwürdigen Erfindung aus der kalifornischen Provinz auf sich habe. "Die Nachfrage war so hoch, dass selbst unser Mangel an Geschäftssinn das Unternehmen nicht ruinieren konnte. Immerhin musste der Kunde uns windigen Gestalten eine erhebliche Summe vorab zahlen und dann monatelang auf sein Bike warten", erinnert sich Kelly.
Der Specialized Stumpjumper: Das erste Serien-Mountainbike
Wer den Ursprung des ersten Serien-Mountainbikes der Welt verstehen möchte, muss in das Jahr 1974 zurückblicken. Genauer: Zum Oktoberfest 1974 in München. Dort beschloss der heutige Specialized-Chef Mike Sinyard, sein Geld mit Radteilen zu verdienen. Kaum wieder in den Staaten, startete Sinyard mit 1500 Dollar Startkapital das Kapitel Specialized. Rahmenbauer Tom Ritchey war einer von Sinyards ersten Kunden. „Der erzählte mir von diesen neuartigen Mountainbikes”, erinnert sich Sinyard, der sich umgehend von Ritchey solch ein Bike schweißen ließ.
Damals waren Bikes nur über wenige kleine Garagen-Schmieden zu bekommen. „Das müsste anders laufen”, dachte sich Geschäftsmann Sinyard. So ließ er sich 1980 von Tim Neenan in Santa Cruz einen Rahmen bauen und gab davon unter dem Namen „Specialized” 450 Stück bei einer Firma in Japan in Auftrag. Knapp 750 Dollar kostete das erste Stumpjumper 1981. Die erste Serie verkaufte sich innerhalb weniger Wochen.
Das Tor in die weltweite Radszene war aufgestoßen, Mountainbiken konnte vom Hippie-Spaß zur Sportart wachsen. Das Stumpjumper war somit das Urmodell aller Serien-Bikes, läuft mittlerweile seit 28 Jahren in unzähligen Modellvarianten und verkörpert die Tradition des Sports wie kein anderes Mountainbike.
Der Aufstieg des Mountainbikes und seine weltweite Verbreitung
Mit ihrer Kombination aus Offroadfähigkeit, Komfort und Stabilität im Alltag eroberte die Allzweckwaffe auf Stollenreifen schnell die USA - und weckte das Interesse von Mike Sinyard. Als dieser die Produktion seiner Specialized-Bikes nach Asien auslagerte, konnte er Großserien-Räder zu deutlich niedrigeren Preisen anbieten.
Speziell entwickelte Schalt- und Bremskomponenten, Vollfederung und High-Tech-Materialien lassen die Mountainbikes des Jahres 2009 nur noch entfernt an ihre Urahnen der siebziger Jahre erinnern. Dafür sind viele der Biker der ersten Stunde noch heute mit eigenen Firmen erfolgreich und treiben die Entwicklung ihrer Babys voran.
Sinyard und Fisher verkauften auf dem Höhepunkt des Mountainbike-Booms Anteile ihrer Firmen an größere Radkonzerne und wurden dafür äußerst großzügig entlohnt. Schweißer-Guru Tom Ritchey produziert immer noch hochwertige Rahmenkunstwerke.
Als Geburtsstunde des Mountainbikes wird heute allgemein das Jahr 1973 angesehen. Eine Gruppe von Radsportlern um Gary Fisher, Joe Breeze und Charles Kelly nutzten die Schotterpisten des Mount Tamalpais in Marin County (Kalifornien) um mit ihrem Rädern den Berg hinab zu rasen.
Die ersten regelmäßigen Mountainbike-Rennen gab es dann 1976 und sie wurden von den drei Pionieren der Mountainbike Geschichte am Mount Tamalpais ausgerichtet. Im Jahr 1977 hat Joe Breeze für Charles Kelly das erste „echte“ Mountainbike hergestellt.
Ein Kunde, der eins der Räder im Verkaufsraum entdeckte, bezeichnete das Bike als „Mountainbike“. Der Name war geboren. Tom Ritchey vertrieb die von ihm gebauten Räder fortan unter dem Markennamen „Ritchey-Mountainbike“. Gary Fisher und Charles Kelly übernahmen den Aufbau der von Ritchey gefertigten Rahmen zu vollständigen Mountainbikes und den Vertrieb dieser Fahrräder.
Das Mountainbike nahm in der globalen Industrie einen so großen Stellenwert ein, dass etablierte Fahrrad-Hersteller den neuen Fahrrad-Typ in ihre Produktion aufnahmen.
Die wichtigsten Daten auf einen Blick:
- 1973: Idee des Mountainbikes wird geboren
- 1976: erstes „Repack“-Rennen findet statt
- 1977: erstes „echtes“ Mountainbike wird konstruiert
- 1979: Tim Ritchey schließt sich der Gruppe um Fisher, Breeze und Kelly an
- ca. 1980: Name Mountainbike wird ins Leben gerufen
- 1981: Gründung des ersten Mountainbike-Magazins der Welt
- 1981: Erste Großserien-Produktion eines Mountainbikes (Specialized Stumpjumper)
- 1982: Produktion spezieller MTB-Komponenten läuft an
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