Fahrrad.de: Insolvenzgründe und Neustart

Die Fahrradbranche erlebt turbulente Zeiten. Zahlreiche Meldungen über Insolvenzen und Massenentlassungen bei Fahrradherstellern häufen sich. Ein prominentes Beispiel hierfür ist Fahrrad.de, dessen Insolvenz für Aufsehen sorgte.

Die Insolvenz von Fahrrad.de

Die Meldung, dass Fahrrad.de Insolvenz anmelden musste, schlug hohe Wellen. Hintergrund war die Entscheidung des Investors René Benko, den Geldhahn für den Teil seines Unternehmens zuzudrehen, der hinter 80 Online-Händlern steht. Signa Sports United (SSU) gewährte eine zugesagte Finanzierung von 150 Millionen Euro nicht, was zu finanziellen Schwierigkeiten führte.

Internetstores ist seit Herbst pleite, weil Benko kein Geld mehr nachschoss und damit auch das Fahrradgeschäft komplett aus der Spur brachte.

Die Rolle von René Benko und Signa Sports United

Bekannt wurde Benko und seine Signa Holding vor allem bei der “Rettung” des gekenterten Warenhauskonzerns Galeria, die auch nur in Teilen geglückt war - die meisten Filialen sind mittlerweile geschlossen. Das Firmen-Imperium von René Benko ist Ende 2023 in sich zusammengebrochen - ein Unternehmen nach dem anderen musste Insolvenz anmelden. In den Strudel der Signa-Pleite ist auch Internetstores und seine bekannteste Marke Fahrrad.de geraten.

Laut Wirtschaftswoche sei der Unternehmenswert von 3,2 Milliarden US-Dollar auf nur noch wenige Millionen Dollar gesunken.

Der Insolvenzverwalter der Internetstores GmbH hat vom Gläubigerausschuss die Zustimmung für Maßnahmen zur Liquidation des Geschäftsbetriebs als Ganzes erhalten. Rund 450 Beschäftigte sind dadurch wohl von der Entlassung bedroht. Das Insolvenzverfahren der Internetstores GmbH war im vergangenen Oktober beantragt und am 1. Januar 2024 vom Amtsgericht Bielefeld eröffnet worden.

Der Neustart unter René Marius Köhler

Der schwäbische Multimillionär René Marius Köhler, der Fahrrad.de einst gegründet und später an Signa verkauft hatte, übernimmt das Unternehmen nun wieder - und damit auch den Laden und die Belegschaft in Düsseldorf. Köhler hatte sich auch schon der Belegschaft vorgestellt, dort sei die Stimmung jetzt wieder gut, sagt der Filialleiter. Das hat Köhler unserer Redaktion am Mittwoch telefonisch bestätigt.

„Seit gestern haben wir alle Verträge neu abgeschlossen und können sicher sagen, dass es weitergeht“, sagt Köhler. Vergangene Woche wurde dort der Mietvertrag unterzeichnet, die Laufzeit liegt bei fünf Jahren.

Aktuell wird auf der rund 500 Quadratmeter großen Verkaufsfläche noch das alte Sortiment verschleudert, weil der Insolvenzverwalter möglichst viel Geld für die Gläubiger herausholen will. Manche E-Bikes sind um Tausende Euro reduziert, Straßen-Rennräder kosten nur die Hälfte. Ab Mai übernimmt Köhler den Rest, „zunächst starten wir mit einem zerfledderten Sortiment“.

Alle fünf Vollzeitmitarbeiter bekommen neue Arbeitsverträge, das Gehalt werde deutlich erhöht.

Köhlers Beweggründe für den Neustart

"Alles, was ich bisher verkauft oder aufgebaut habe, existiert noch. Dieses Unternehmen war das einzige, das nicht funktionierte. Ich bin nicht daran gewöhnt, dass Dinge, die ich erschaffen habe, mit dem Wort Insolvenz in Verbindung gebracht werden. Wenn etwas strukturell nicht mehr funktioniert, wie vielleicht der Kohlebergbau oder ein altes Geschäftsmodell wie zum Beispiel Karstadt und Kaufhof, hätte ich nicht noch mal gestartet. Aber bei etwas, das grundsätzlich intakt ist und nur durch Missmanagement scheitert, finde ich es schade, es so zu belassen. Das ist der Grund, warum ich es ändern wollte."

Die Pläne für die Zukunft

Dann soll der Fokus auf einer Handvoll Marken liegen, darunter Cube und Kalkhoff.

Köhler: Es geht nur um Internetstores - nicht um Wiggle, Chain Reaction und andere Elemente der Signa Sports United. Internetstores war Weltmarktführer für den Versand von Fahrrädern - in der Spitze waren es 600 Millionen Euro Umsatz. Wir haben keinen alten Rechtsträger übernommen, sondern nur die Domain, die Markenrechte und die Kundendaten gekauft. Im Kern haben wir Fahrrad.de und Bikester übernommen und der Deal umfasst auch die Eigenmarken wie Votec. Nicht übernommen haben wir das nordeuropäische Geschäft, also Finnland, Dänemark und Norwegen und Schweden. Und wir haben nicht das Outdoor-Geschäft übernommen, das unter Campz lief.

Am 1. Mai soll die neue Seite von Fahrrad.de online gehen. Köhler plant, sich auf Kompletträder zu konzentrieren und ein kuratiertes Sortiment anzubieten, um Kunden nicht mit einer zu großen Auswahl zu überfordern. Die Prozesse sollen wieder reibungslos funktionieren, um schnelle Lieferzeiten zu gewährleisten.

Es gibt stationäre Fahrradgeschäfte in Hamburg, Dortmund, Düsseldorf und zwei in Stuttgart und Berlin. Berlin geben wir ab, das war innerhalb von der Karstadt-Fläche, zu den überzogenen Benko-Mieten, das macht keinen Sinn - alle anderen Standorte übernehmen wir. Wir wollen auch gerne expandieren.

Die Situation der Fahrradbranche

Die Fahrradbranche erlebt derzeit schwierige Zeiten. Nach dem Boom während der Corona-Pandemie kam es zu einem Absturz. Hohe Lagerbestände und eine schwache Konsumlaune führten zu Rabattschlachten und Insolvenzen.

Ursachen für die Krise

  • Peitscheneffekt: Überhöhte Bestellmengen während der Corona-Zeit
  • Russlands Krieg gegen die Ukraine
  • Steigende Energiepreise und hohe Inflation
  • Schwache Konjunktur und politische Verwerfungen

Positive Entwicklungen

Trotz der schwierigen Gesamtsituation gibt es auch positive Entwicklungen. E-Bikes und Gravelbikes erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit. Technologische Weiterentwicklungen und politische Bemühungen zur Förderung nachhaltiger Mobilität tragen zur Attraktivität von E-Bikes bei.

Auch Gravelbikes und Rennräder laufen gut. Canyon und Rose Bikes meldeten im letzten Jahr gute Geschäfte mit beiden Radgattungen.

Auswirkungen auf Verbraucher

Die aktuelle Situation bietet Fahrradkäufern die Möglichkeit, Schnäppchen zu machen. Besonders bei klassischen Trekkingrädern, Mountainbikes und manchen E-Bikes gibt es hohe Rabatte. Allerdings sind Preiserhöhungen auf lange Sicht unvermeidlich, da Rohstoffe, Komponenten und Transportkosten teurer geworden sind.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0