Flyer E-Bike: Krise und Restrukturierung beim Schweizer Pionier

Die Meldung über die finanzielle Schieflage und drohende Massenentlassungen beim Schweizer E-Bike Hersteller Flyer schockierte viele. Rund 14 Tage später vermeldet das Unternehmen nun, "dass die Zukunft der Flyer AG langfristig gesichert sei." Dafür gibt es ein Restrukturierungsprogramm. Entlassungen bleiben dennoch nicht aus.

Die Anfänge und der Aufstieg von Flyer

Mit Pioniergeist, Schweizer Präzision und höchsten Qualitätsansprüchen wurde Flyer in den frühen 1990er Jahren gegründet. In Huttwil, im Herzen der Schweiz, fertigen rund 300 Mitarbeitende mit der Erfahrung und Kompetenz aus drei Jahrzehnten täglich bis zu 400 Premium E-Bikes. Mit wegweisenden Innovationen hat das Unternehmen die Entwicklung des E-Bikes geprägt und ist heute einer der Big Player im stark umkämpften E-Bike Business.

Wie kam es zur finanziellen Schieflage bei Flyer?

Seit jeher fertigt Flyer qualitativ hochwertige E-Bikes, die preislich im Premium-Segment angesiedelt sind. Das Unternehmen ist in Europa breit aufgestellt, verfügt über Tochtergesellschaften in Deutschland, Österreich und den Niederlanden sowie ein stabiles Händlernetzwerk. So weit, so gut. Nur was, wenn die Nachfrage nach sogenannten Premium E-Bikes nachlässt und die Händler die Ware nicht mehr abverkaufen? Laut externen Quellen ist genau das bei Flyer geschehen. Die «Berner Zeitung» spricht von einer "Halbierung der Umsätze und der Bestellungen innerhalb der letzten zwei Jahren."

Premium als Problem?

Das Problem voller Lager und sinkender Nachfrage ist allgemeiner Natur und betrifft nicht nur die Flyer AG. Weitere Hersteller (Prophete, VanMoof) mussten in den vergangenen Monaten Insolvenz anmelden und sind von der Bildfläche verschwunden. Gilt zu hoffen, dass sich die Märkte wieder stabilisieren ...

Restrukturierungen zur Rettung von Flyer

Bei Flyer zumindest scheint die Kuh erst mal vom Eis. Die Unternehmenszentrale vermeldet, dass die Zukunft der Flyer AG langfristig gesichert sei. Dafür sind umfassende Restrukturierungsmaßnahmen erforderlich. So wird sich das Unternehmen strategisch konsequent auf das Kerngeschäft fokussieren und auch künftig am Standort Schweiz festhalten. Unumgänglich sei laut Flyer-Pressemitteilung der Stellenabbau von rund einem Viertel der Belegschaft. Von 302 Mitarbeitenden sind von den Entlassungen ca. 80 Mitarbeitende aus den Bereichen Produktion und Administration betroffen. Laut Flyer soll der Stellenabbau so sozialverträglich wie möglich durchgeführt werden.

ZEG als Eigentümer und die Verlagerung der Produktion

Als Flyer 2017 von Europas größter Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft - der ZEG - mitsamt ihrer vierstelligen Händlerzahl übernommen wurde, war das also durchaus ein folgerichtiger Schritt: Der Vertrieb wurde gebündelt, und Flyer profitierte von der starken Stellung der ZEG gegenüber Zulieferern und Teileproduzenten. Vom branchenweiten Abschwung nach dem Höhenflug der Corona-Jahre ist selbst ein Branchen-Primus wie Flyer nicht verschont geblieben. Bereits 2023 wurde die Montage am Firmenstandort Huttwil, einem Städtchen zwischen Bern und Luzern, deutlich verschlankt, und dass man nicht um den Fortbestand der Traditionsmarke bangen muss, ist wiederum der ZEG zu verdanken: Die Eigentümerin der Marke hat jüngst beschlossen, angesichts der veränderten Marktlage die Montage der Flyer-E-Bikes zu verlagern.

Fachhandel wie Kundschaft werden von diesem Schritt aber nicht berührt sein - für sie ändert sich nichts. Gleichzeitig beweist die ZEG Standorttreue: Da Entwicklung und Produktmanagement in Huttwil verbleiben sollen, ist es nach wie vor legitim, Flyer als Schweizer Marke zu bezeichnen. Den Erfindergeist der frühen Jahre sieht man den aktuellen Modellen nicht mehr an, wohl aber Innovationskraft, Kreativität und die Leidenschaft fürs E-Bike als wesentlichem Teil der Lösung der Mobilität von heute und morgen.

Die aktuelle Situation und der Stellenabbau

Die deutsche Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft ZEG plant offenbar einen weitreichenden Stellenabbau beim 2017 übernommenen Schweizer E-Bike-Hersteller Flyer in Huttwil. Der Standort im Kanton Bern soll zwar erhalten bleiben, aber die Produktion ins Ausland verlagert werden. Das Unternehmen hat seine Mitarbeitenden am Mittwoch über die Einschnitte informiert. Wie unter anderem das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) berichtet, schreibt das Unternehmen, dass ein „großer Teil der Belegschaft“ vom Stellenabbau betroffen sei. Zurzeit arbeiten 170 Menschen bei Flyer. Einem vom SRF zitierten Insider zufolge sollen rund 155 Beschäftigte ihren Job verlieren.

Die damalige Vision: Der führende Schweizer Produzent von Premium-E-Bikes sollte als Teil der ZEG von der starken Einkaufsposition und dem ausgesprochen dichten Vertriebsnetz der Genossenschaft profitieren - allein in Deutschland vereinte die ZEG seinerzeit 670 Händler, europaweit sogar mehr als 1000. Doch die Rechnung geht nicht mehr auf. Nachdem die Nachfrage nach Elektrofahrrädern über Jahre stetig gestiegen war und die Hersteller während der Pandemie nochmals Rekordverkäufe erzielen konnten, schwindet seit 2023 die Nachfrage. Die ZEG schreibt von einer „schwierigen Marktsituation in der Fahrradbranche“. Deshalb soll bei Flyer nun die Produktion ins Ausland verlagert und die Verwaltung in Huttwil auf ein Minimum reduziert werden. Eine erneute Restrukturierung von Flyer sei ein „unumgänglicher betriebswirtschaftlicher Schritt“, heißt es.

Flyer hatte bereits vor rund einem Jahr etwa 80 Mitarbeitende entlassen - damals rund ein Viertel der Belegschaft. Dazu legte sich das Unternehmen eine Restrukturierung auf, um „die langfristige Zukunft des Unternehmens zu sichern“, so der O-Ton seinerzeit. Der Stellenabbau im Oktober 2023 betraf sowohl die Produktion als auch die Administration. Flyer verwies auch damals fast wortgleich auf „die aktuell schwierige Marktsituation in der gesamten Fahrradbranche mit einer Marktkorrektur nach der Pandemie“.

Auswirkungen auf die Region Huttwil

Für die Gemeinde Huttwil kommt die Nachricht völlig unerwartet. Flyer gilt als eines der Aushängeschilder des Wirtschaftsstandorts und ist ein wichtiger Arbeitgeber in der Region. Gemeindepräsident Walter Rohrbach äußerte gegenüber dem SRF seine Enttäuschung und erklärte, dass der Verlust der Arbeitsplätze ein herber Rückschlag für die Gemeinde sei. "Flyer war eine Konstante in unserer Region, und jetzt stehen viele Menschen vor einer ungewissen Zukunft."

Die Marktsituation der E-Bike-Branche

Flyer ist nicht der einzige E-Bike-Hersteller mit Problemen. Im Juli 2023 hatte der niederländische Hersteller VanMoof Insolvenz angemeldet. Anfang September 2023 kündigte Lavoie, ein zu McLaren Applied gehörender britischer Anbieter von E-Tretrollern, die Übernahme von VanMoof an.

Am E-Bike-Markt brodelt es erneut. Obwohl wir gerade aus den absoluten Boom-Jahren für die Fahrrad-Branche kommen, häufen sich die Meldungen von Insolvenzen und finanziellen Notlagen. In den letzten Jahren gab es vor allem positive Nachrichten am E-Bike-Markt. Die Verkaufszahlen stiegen 2022 auf ein Rekordhoch und die Nachfrage war ungebrochen. Doch der Markt konnte die Nachfrage teilweise nur schwer bedienen. Lieferengpässe setzten den Herstellern zu. Der deutsche Hersteller Prophete weckte die Öffentlichkeit Ende 2022 mit seiner Insolvenz auf: Nicht überall läuft es gut. Auch der prominente Fall der Insolvenz von VanMoof zeigte, dass nicht alle Hersteller fähig waren, sich an die Marktsituation anzupassen.

Anderswo ist jedoch die gesunkene Nachfrage das Hauptproblem: so soll es auch in der Schweiz kriseln: Laut Informationen der Berner Zeitung droht vielen Mitarbeitern beim E-Bike-Hersteller Flyer der Verlust des Arbeitsplatzes. 80 von 300 Stellen stehen im Gespräch, gestrichen zu werden. In der „Information bezüglich möglicher Massenentlassung“ betont Flyer, wie ernst die Lage ist: Bei dem Hersteller seien die Umsätze innerhalb des letzten Jahres beinahe um 50 Prozent eingebrochen. Die Kündigung der Mitarbeiter ist allerdings noch nicht spruchreif. Bei der Mitteilung handelt es sich um einen gesetzlich notwendigen Warnruf. Fällt den Mitarbeitern und Unternehmern innerhalb von zwei Wochen keine Möglichkeit ein, das Unternehmen wieder aufzupäppeln, ist die Entlassung die letzte Option.

Mit den Problemen von Prophete oder VanMoof ist der Fall Flyer nicht zu vergleichen. Prophete wurde zusätzlich zu Lieferengpässen von Hackern attackiert. VanMoof hatte vor allem wegen der hohen Anzahl an Rückläufern massive Probleme, die Kosten für Reparaturen und Co. zu decken. Bei Flyer hingegen kann die finanzielle Notlage auf ein allgemeines Problem hinweisen. Der Hersteller produziert seit Jahrzehnten Fahrräder und E-Bikes von sehr hoher Qualität, räumt am laufenden Band Awards ab und hat ein weites Händlernetzwerk. Viele Kunden sind glücklich mit ihren E-Bikes. Hier ist es weniger das operative Geschäft, als viel mehr die sinkende Nachfrage nach hochpreisigen E-Bikes, welche dem Unternehmen zu schaffen macht.

Im Winter 2024/25 gerät die Bike-Branche immer stärker unter Druck. Schließlich hatten die Corona-Jahre einen regelrechten Bike-Boom ausgelöst. Die Verkaufszahlen erreichten für 2022 einen Rekord und die Nachfrage blieb zunächst weiter hoch. Allerdings beklagten Hersteller immer wieder Schwierigkeiten mit Lieferengpässen und steigenden Preisen. Zuletzt überschwemmte zu allem Übel auch noch die verspätete Ware aus Bestellungen von 2022 und 2023 den schon schwächelnden Markt. Die Folge: Bei Händlern und Herstellern sind die Lager voll wie nie, verkauft wird in der Nebensaison und der aktuellen Konsum-Flaute aber kaum noch etwas. Die Verkäufer überbieten sich mit Rabatten, gleichzeitig müssen immer mehr Bike-Firmen nun Insolvenz beantragen.

Weitere Entwicklungen in der Fahrradbranche

Die E-Bike-Branche steht vor einem Umbruch: Während der Pandemie gingen die Verkaufszahlen durch die Decke, doch inzwischen haben viele Hersteller volle Lager und eine geringere Nachfrage. Flyer ist hier nicht allein - die gesamte Branche muss sich auf die neue Marktsituation einstellen. Ein wesentlicher Faktor sind hohe Produktionskosten, die besonders in Ländern wie der Schweiz zu wirtschaftlichen Herausforderungen führen. Der Kostendruck zwingt viele Unternehmen dazu, ihre Produktion zu verlagern oder ihren Geschäftsbetrieb zu straffen. Zuletzt musste der österreichische Hersteller Simplon Insolvenz anmelden, Giant und Merida melden Umsatzverluste und auch die Plattform Fahrrad.de war betroffen.

Einige Beispiele für Veränderungen in anderen Unternehmen der Fahrradbranche:

  • Accell Group: Optimiert Produktionsstandorte und zentralisiert die Produktion in Ungarn.
  • 7Anna-Gruppe (NS Bikes, Rondo): Hat Insolvenz angemeldet aufgrund von Liefer- und Distributionsproblemen.
  • Pierer Mobility Gruppe: Treibt ihren Ausstieg aus dem Fahrradgeschäft voran.
  • UVEX Group: Geht mehrheitlich an US-Investor Warburg Pincus.
  • Canyon: Verzeichnet einen Wertverlust von über 40 %.
  • BMC Group: Leitet Stellenabbau und Restrukturierung ein.
  • Rocky Mountain: Wurde von kanadischen Investoren übernommen.
  • KTM Motorrad: Pierer New Mobility soll deutlich eingekürzt werden, was Auswirkungen auf Husqvarna und GasGas haben könnte.
  • Flyer: Baut nun in Deutschland im Werk von Kettler Alu-Rad.

Die Verlagerung der Produktion nach Deutschland

Vor zwei Monaten wurde das endgültige Aus für das Flyer-Montagewerk in Huttwil, Schweiz, bekannt gegeben. Doch bereits im Februar sollen die E-Bikes von Flyer offenbar im Werk von Kettler Alu-Rad produziert werden, wie das Branchenblatt SAZ berichtet. Die Krise in der Fahrradbranche führte im vergangenen November dazu, dass der Schweizer E-Bike-Pionier Flyer Bikes die Montage in Huttwil vollständig einstellen musste und den Großteil seiner Mitarbeiter entließ. Mittlerweile stehe wohl fest, dass die neue Fertigungsstätte für Flyer Elektrofahrräder das Montagewerk von Kettler Alu-Rad in St. Ingbert sein werde, das die erforderlichen Kapazitäten bereitstellen könne. In Huttwil verbleibe ein kleines Team von Mitarbeitern, das den Schweizer Markt betreue, so SAZ.

Tabelle: Überblick über die Situation bei Flyer

Aspekt Details
Standort der Produktion Verlagerung von Huttwil (Schweiz) nach St. Ingbert (Deutschland)
Stellenabbau Etwa 155 von 170 Mitarbeitern in Huttwil betroffen
Eigentümer ZEG (Zweirad-Einkaufs-Genossenschaft)
Grund für die Krise Rückgang der Nachfrage nach Premium-E-Bikes, volle Lagerbestände

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