Französische Motorräder Oldtimer: Eine Reise in die Vergangenheit

Frankreich ist nicht nur für seinen exzellenten Wein und die gute Küche bekannt, sondern auch für seine Automobilindustrie. Weitgehend unbekannt sind jedoch die über 1400 Motorradmarken, die es zwischen den 1920er und 1930er Jahren in Frankreich gab.

Die vergessene Ära der französischen Motorradindustrie

Als nach dem Ersten Weltkrieg die Massenmobilität via motorisierte Zweiräder in Schwung kam, entstanden in Frankreich fast an jeder Ecke Motorradfirmen. Meist waren es kleine Werkstätten oder mittelständische Betriebe, die als Konfektionäre in der damals noch jungen Fahrzeugindustrie ihr Glück versuchten. Das Angebot umfasste Leichtmotorräder sowie Maschinen mit 350, 500, 600 und 1000 Kubikzentimeter Hubraum. Vertraute man aus Kostengründen in den unteren Klassen auf Zweitakt-Triebwerke, kamen bei den Motorrädern dagegen meist Viertaktaggregate mit sv- oder ohv-Steuerung zum Einsatz.

Namhafte Motorenlieferanten waren Villiers, JAP, MAG, Chaise und Blackburne, bei den Schaltgetrieben hatte meist Burman die Nase vorne. Zu den Favoriten mauserten sich damals Peugeot, Motobécane, Monet Goyon, Gnome Rhône und Terrot. Diese Firmen waren groß genug, um Motoren in Lizenz zu fertigen oder auch gleich eigene Triebwerke zu entwickeln. In der Regel waren es robuste Einzylinder-Motoren. Aber auch großvolumige V2-Triebwerke sowie in geringer Stückzahl drehmomentstarke Boxer-Motoren und agile Vierzylinder-Reihenmotoren dienten als Antriebseinheit.

Rennen und Wettbewerbe

Besonders große Mühe gab man sich in den Entwicklungsabteilungen bei der Konstruktion von Rennmaschinen. Wie überall auf der Welt dienten auch in Frankreich Langstreckenfahrten und Rennveranstaltungen dazu, die Leistungsfähigkeit der Motorräder unter Beweis zu stellen. Siege und Erfolge waren die beste Werbung für den Verkauf der Straßenmotorräder. Dabei blieb man allerdings weitgehend unter sich. Anders als britische oder deutsche Hersteller, die im internationalen Rennsport reihenweise beachtenswerte Erfolge nach Hause brachten, konnte sich keine französische Marke auf diesem Parkett einen glorreichen Namen aufbauen.

Gründe für die relative Unbekanntheit

Dazu kam, dass nach Deutschland, vor dem Zweiten Weltkrieg immerhin weltweit bedeutendster Motorradproduzent, nur sehr wenig französische Motorräder gelangten. Bei uns gab es keine oder nur ausnahmsweise Händler, die sich um dieses Geschäft kümmerten. Entsprechend unbekannt blieb die Markenvielfalt und das reichhaltige Angebot. Hinzu kam die Meinung, dass französische Motorräder nichts taugen. Ein bei uns weit verbreitetes Klischee, das jedoch in keinster Weise zutraf.

New-Map: Ein französisches Produkt mit englischem Namen

Im Land der ungezählten köstlichen Käsesorten hatte New-Map ein ausgezeichnetes Image. Was auf den ersten Blick jedoch überhaupt nicht zusammen passte: Ein französisches Produkt mit einem englischen Namen. Das Institut de Langue Française wachte nämlich darüber, dass die Muttersprache von nicht-französischen Einflüssen frei gehalten wurde. Hatte das System in diesem Fall versagt oder war es ein geschickter Schachzug? Schon in den frühen 1920er Jahren genossen nämlich englische Motorräder einen hervorragenden Ruf. Vielleicht wollte man mit dem anglizistischen Markennamen New-Map bewusst die Aufmerksamkeit von potentiellen Kunden wecken.

Von 1926 über mehr als 30 Jahre lang baute New-Map in der Avenue Lacassagne 122-124 in Lyon an der Rhône als Konfektionär Motorräder von 175 ccm bis 500 ccm Hubraum. Die Motoren kamen von den etablierten Herstellern MAG, JAP, Blackburne, LMP, Anzani, Chaise und Zurcher, um hier nur die Wichtigsten zu nennen. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges hielt sich das Werk gemäß der wirtschaftlichen Situation im Lande mit preisgünstigen Mopeds und 125er Leichtmotorrädern, die überwiegend mit Zweitakt-Motoren von Ydral, AMC, Sachs und Mistral auf Trab gebracht wurden, über Wasser. 175er Modelle und eine 250er mit Opti Motor des deutschen Konstrukteurs Richard Küchen (!) rundeten das Angebot nach oben ab. 1958 ging nichts mehr, wie in ganz Europa lag auch in Frankreich das Zweiradgeschäft am Boden.

Peugeot: Ein Pionier des Motorradbaus

Kein Zufall also, dass der weltweit älteste Automobilhersteller - Peugeot - in Frankreich ansässig ist und seit 1891 Automobile in Serie herstellt. Bei der Firma Peugeot, die ja schon mit verschiedenen Produkten aus Metall am Markt präsent war, wurde diese Entwicklung aufmerksam beobachtet, da man die sich daraus ergebenden Chancen sah. 1882 begann der Fahrzeugbau mit der Produktion von Hochrädern unter dem Markennamen „Le Francais“.

Ab 1887 experimentierte man mit Motorantrieben und im März 1890 wurde das erste dreirädrige Peugeot-Fahrzeug gebaut. 1899 folgte das erste wirkliche Peugeot-Motorrad mit schweizerischen „Zedel-Motor“, das bereits über 2 PS verfügte. Zeitgleich wurde auch ein werkseigener Viertaktmotor entwickelt, der den Zedel ersetzen sollte und dies nach eingehender Erprobung auch tat.

Ab 1904 wurde ausschließlich Peugeot-Motoren verbaut, die zunächst über 2,5 PS aus 238 ccm verfügten und für eine Geschwindigkeit von 60 km/H ausreichten. Mit einem abgewandelten 1 Liter-Motor gelang 1905 ein Weltrekord mit über 123 km/h auf ebener Strecke. Die 333 ccm Einzylindermodelle mit quadratischer Bohrung/Hub konnten im gleichen Jahr bei der Tour de France den ersten und zweiten Platz belegen. Das war so eindrucksvoll, dass auch andere Hersteller (z. B. Norton) für Renneinsätze auf Peugeotmotoren zurückgriffen. Das Norton-Siegermotorrad der ersten Tourist Trophy auf der Isle of Man war mit einem Peugeot-Motor ausgestattet.

Im Ersten Weltkrieg lieferte Peugeot Motorräder praktisch ausschließlich ans Militär, wo man viele Erfahrungen sammelte. Ab 1919 wurde ein 750 ccm seitengesteuerter DOHC-Zweizylinder-Motor mit Königswelle hergestellt, der bereits 27 PS bei 5000 U/min leistete. Diese sportlichen Erfolge führten dazu, dass Peugeot einer der führenden Hersteller von Serien-Maschinen in Frankreich wurde.

So wurde 1921 die „Motocyclette de Tourisme“ vorgestellt. Es war ein zeittypisches Motorrad, wie es viele andere Hersteller auch im Programm hatten. Ab 1927 wurde die obengesteuerte „P 105“ produziert, die bis Mitte der dreißiger Jahre hergestellt wurde. Sie überzeugte durch Zuverlässigkeit und einen moderaten Preis. Auf Basis der P 105 wurde die seitengesteuerte P 107 entwickelt, der dann kurz hintereinander die Modelle P 111 - P 117 sowie die Modelle P 515 und P 517 folgten.

Terrot: Traditionelle französische Motorradbaukunst

Die Marke Terrot steht für traditionelle französische Motorradbaukunst mit langer Geschichte. Zum Verkauf steht ein seltener Scheunenfund - eine originale Terrot 250 aus dem Jahr 1939. Die 250er-Modelle waren in den 1930er Jahren äußerst beliebt - nicht zuletzt wegen ihrer Robustheit und dem charakteristischen Design. Diese Terrot 250 befindet sich im unverbastelten Originalzustand. Der Motor und das Fahrgestell sind vollständig erhalten - ein echtes Highlight für Restaurationsliebhaber.

Weitere französische Motorradmarken

Neben den bereits genannten Marken gab es zahlreiche weitere französische Motorradhersteller, die jedoch heute weitgehend unbekannt sind. Einige dieser Marken sind:

  • MBK
  • Voxan
  • Rene Gillet
  • Gnome et Rhône

Die Entwicklung des Motorrads: Ein kurzer Rückblick

Die Geschichte des Motorrads ist lang und ereignisreich. Hier ein kurzer Überblick über einige wichtige Meilensteine:

  • 17. Jh.: Ein anonymer Künstler malt auf das Fensterglas der Kirche St. Gides in Stoke Page in England ein hölzernes Einspurfahrzeug.
  • 1771: Mede de Sivrac, ein französischer Adliger, taucht in den Pariser Gärten des Palais royal auf einem Holzrahmen mit zwei Rädern auf, den er Celerifera, später dann Velocifera nennt.
  • 1817: Karl Drais von Sauerbronn, ein deutscher Waldhüter, lässt sich eine "Laufmaschine" mit lenkbarem Vorderrad patentieren. Volkstümlich wird sie aber Draisine genannt.
  • 1819: Erstes Draisinenrennen in Deutschland von München zum Schloss Nymphenburg und zurück.
  • 1838: Der schottische Schmied Kirk Patrick Mac Millan aus Courthill baut einen Hebelmechanismus zur Übertragung der Fußbewegung auf das Hinterrad.
  • 1845: Der Engländer W. Thompson erfindet Gummireifen für die Räder.
  • 1852: Der deutsche Schüler Phillipp Heinrich Fischer aus Schweinfurt montiert Pedale an das Vorderrad und vergrößert dessen Durchmesser.
  • 1855: Der Pariser Schlosser und Wagenmacher Ernst Michaux montiert an das Vorderrad der Draisine Pedale.
  • 1860: Der schottische Mechaniker Mac Donald führt in der Fahrradkonstruktion den Rohrrahmen ein.
  • 1861: Die erste Fahrradfirma entsteht.
  • 1864: Der Franzose Pierre Lallemant konstruiert ein Fahrrad mit Pedalen am Vorderrad. Die Konstruktion, bekannt unter dem Namen "boneshaker" hatte einen Eisenrahmen und und Holzräder. Patentiert wird es 1866 auch in den USA.
  • 1867: Madison ersetzt die Holz- und Metallspitzen in den Rädern durch Drahtspitzen. Beim Fahrradrennen von Paris nach Rouen werden erstmals Kugel- und Wälzlager benutzt.
  • 1868: Der deutsche Mechaniker K. Meyer fertigt nach Plänen des Pariser Uhrmachers Andre Guilment das erste Fahrrad mit Kettenantrieb des Hinterades.
  • 1869: Das Fahrrad bekommt einen gefederten Sattel und eine Hinterradbremse. Der Franzose Mayer baut das erste Ganzmetall-Fahrrad mit einem Gewicht von 25 kg.
  • 1870: der Engländer Couper modifiziert die ursprünglich radialen Drähte in verkreuzte tangentiale, wodurch sich die Druckbelastung in Zugbelastung änderte.
  • 1873: Der Engländer L. H. Lawson platziert die Pedale zwischen beiden Rädern in den Rahmen und überträgt mit hilfe einer Kette die Bewegung auf das Hinterrad.
  • 1882: Dion-Bouton baut ein Dampfmotorrad.
  • 1885: James K. Starley von der Firma Starley & Sutton in Coventry bringt das sogenannte"Rover safety bicycle" auf den Markt. Der Sattel befindet sich bereits über dem Hinterrad, beide Räder haben den gleichen Durchmesser. Die englische Firma Humber benutzt erstmals einen viereckigen Rahmen, der sich aus zwei verbundenen Dreiecken zusammensetzt. Gotlieb Daimler montiert in einen Holzrahmen einen senkrecht stehenden Verbrennungsmotor, so entstand das erste wirkliche Motorrad.
  • 1888: Der irische Tierarzt John B. Dunlop montiert auf die Räder des Dreirades seines Sohnes luftgefüllte Gummireifen.
  • 1892: Heinrich Hildebrandt, ein Münchener Konstrukteur, erprobt ein mit einem Zweitaktmotor angetriebenes Fahrrad.
  • 1893: E. J. Pennington konstruiert in Amerika das erste Motorrad mit Zweizylinder-Verbrennungsmotor. Der Franzose Millet baut ein Zweirad mit Fünfzylinder-Sternmotor, der in der Hinterradnabe gelagert ist. Er verwendet erstmals einen drehbaren Griff am Lenker, einen Luftfilter und die Vorwärmung des Gemischs. Der Italiener Bernardi hängt an ein Fahrrad einen Einradanhänger mit Motor, der den Anhänger antreibt-und so eigentlich das Fahrrad von hinten schiebt.
  • 1895: In der Ausschreibung des von der Zeitschrift Times-Herald in Amerika für die Kategorie leichter Fahrzeuge wird das Wort "Motorrad" verwendet. Sir David Salomon veranstaltet in Tunbridge Wells in England die Ausstellung great Horseless Carriage Exhibition. Dort werden zwei Motorräder gezeigt, die Dreiräder de Dion-Bouton und Gladiateur Company.
  • 1897: Die Brüder Werner führen ein Motorrad mit Hilfsmotor über dem Vorderrad vor.
  • 1898: In Deutschland werden die ersten Rennen von Berlin nach Potsdam über eine Strecke von 54 Kilometern organisiert.
  • 1899: In Deutschland findet das erste "Zuverlässigkeitsrennen" statt. Die Fahrzeuge werden in Gewichtsklassen unterteilt.
  • 1900: Die englische Firma Phelon & Moore produziert das erste Motorrad mit Kettenantrieb Marke Renold.
  • 1902: Die französische Firma Clemant baut das erste Rennmotorrad mit einem Vierzylinder-V- Motor und 1000 ccm Hubraum, das eine Geschwindigkeit von 115 km/h ermöglichte.
  • 1903: Der englische Hersteller Ashburn aus Leeds verwendet an seinem Motorrad mit einem Minerva-Motor eine durch eine senkrechte Spiralfeder gefederte Hinterradgabel. Der Franzose Boudeville lässt sich die Hochspannungs-Magnetzündung patentieren, die für die Zündung des Gemischs im Zylinder mittels einer Kerze sorgte. In London wird der Auto-Cycle-Club gegründet und die Zeitschrift The Motor Cycle erscheint erstmals. Auf der Motorradausstellung in Paris erscheint der Vierzylindermotor der belgischen Firma F. N.

Hildebrand & Wolfmüller: Das erste Serienmotorrad

Das erste in Serie gefertigte Motorrad wurde 1894 von Alois Wolfmüller vorgestellt. Zusammen mit Heinrich Hildebrand gründete er die Motor-Fahrrad-Fabrik Hildebrand & Wolfmüller, wo das Fahrzeug entstand. Statt der ursprünglichen 3000 Stück wurden bis zum Konkurs der Firma "nur" 700 gebaut.

Das Motorrad von Hildebrand & Wolfmüller sah kaum noch den ersten Fahrrädern ähnlich, die einige Firmen als Muster für ihre Prototypen verwendeten. Es war ein originelles Einspurfahrzeug mit einem räumlichen Doppelrohrrahmen, gut geeignet für die Unterbringung des Motors. Die Anordnung der Antriebsaggregate erinnerte an die Konstruktion von Dampfmaschinen. Der liegende Zweizyliner-Viertaktmotor mit 1488 cccm Hubraum trieb mit seinen Pleuelstangen eine Kurbelwelle an, die gleichzeitig die Achse des Hinterrades bildete.

Zur Überwindung der Totpunkte des Kolbens wurden anstelle von Schwungrädern Gummibänder verwendet, die an beiden Seiten des Motors angebracht waren. Das angesaugte Kraftstoff-Luft-Gemisch zündete ein Glührohr. Das hintere Schutzblech diente gleichzeitig als Oberflächenkühler, da der Motor eine Wasserkühlung hatte. Mit einer Leistung von 2,5 PS bei 240U/min erreichte das Motorrad eine Geschwindigkeit von 40 km/h.

Es fand auch in Frankreich große Verbreitung, wo es die Firma Duncan Superbie & Co es unter der Bezeichnung "La Petrolette" in Lizenz herstellten.

Bekannte Motorradmarken

Es gibt Motorradmarken aus den 1920er und 1930er Jahren, einige davon existieren noch heute, die haben sich im erlauchten Kreis der Oldtimer-Experten fest ins Gedächtnis gebrannt. Denken wir nur an DKW, Wanderer, NSU, BMW und Zündapp. Oder die legendären Maschinen von der grünen Insel, allen vorweg Triumph, BSA, Norton, AJS und HRD-Vincent. Große Namen haben auch die italienischen Hersteller Benelli, Moto Guzzi und Gilera. Und dann sind da noch die amerikanischen Traditionsschmieden Harley-Davidson, Indian und Henderson.

Fazit

Die französische Motorradindustrie hat eine reiche und vielfältige Geschichte. Obwohl viele der einst blühenden Marken heute vergessen sind, haben sie dennoch einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Motorrads geleistet. Die Oldtimer-Motorräder aus Frankreich sind heute begehrte Sammlerstücke und zeugen von der Ingenieurskunst und dem Design jener Zeit.

Verwandte Beiträge:

Kommentar schreiben

Kommentare: 0