Harley Davidson Rocker C Testbericht

Auf den ersten Blick könnte man die Rocker C für die Kreation eines mutigen Motorradveredlers halten: Lang ist es und tief der Sitz, mit schmalem Vorder- und einem fetten Hinterrad setzt das Bike ganz auf den coolen Auftritt.

Design und Ausstattung

Mit dem jüngsten Mitglied der Softail-Baureihe gelingt den Designern von Harley-Davidson ein echtes Meisterstück von einem Custombike. Das um 2 400 Euro günstigere Basismodell Rocker ist an der metallischen Pulverbeschichtung erkennbar.

Die Rocker C hingegen wurde mit einer Extraportion Chrom bedacht. Beinahe alles, was am Schwestermodell eine Pulverbeschichtung trägt, ist bei der C hochglanzverchromt - von den Gabeltauchrohren über den Scheinwerfer bis hin zum Lenker. Zudem rollt das Bike auf polierten Leichtmetall-Gussrädern im Fünfspeichen-Design.

Die Schwinge und der verrippte Öltank hingegen sind farblich passend zum Rahmen und den Metallteilen lackiert, während Tank und Fender mit ihrem aufwendigen Flammen-Design für Aufsehen sorgen. Chrom findet sich natürlich auch am verhalten bollernden Motor.

Das übersichtlicher gestaltete Harley-Instrument bietet eine Uhr sowie einen zweiten Tagestrip-Zähler und eine automatische Blinkerrückstellung.

Motor und Getriebe

Der 1 584 ccm große V2 wird von einer sauber ansprechenden Einspritzung befeuert und leistet 52 kW/71 PS bei 5 300 U/min. Das maximale Drehmoment von 117 Nm liegt bei 3 200 Touren an.

Schon mal eine Harley gestartet? Nein? Sollten Sie unbedingt mal machen. Jedes Mal, wenn das Anlasserrad geräuschvoll in die Verzahnung einschert, um die Kolben auf ihre lange Reise zu schicken, geht ein kerniger Ruck durch den Stahlriesen. So, als würde er sich erschrecken. Das hat was Ereignisreiches, Zeremonielles.

Gleich zwei Ausgleichswellen sollen Vibrationen des Harley-V2, genannt Twin Cam 96B, menschenfreundlich mindern. Sie schaffen es. Fast. Nur im letzten Drehzahldrittel nerven unangenehme Vibrationen. Im Leerlauf hüpft der 1585 Kubik starke Vau so lebenslustig und takt- wie stilvoll im Rocker-Chassis, man könnte allein für diese Vorstellung Eintrittsgeld verlangen.

Gang rein, Schalten ist hier kein Geheimnis. Der Motor hängt sanft am Gas. Lastwechselreaktionen sind sehr gering. Und bereits nach wenigen Kilometern stellt sich das Gefühl für die optimalen Drehzahlen ein: Der Langhuber mag es gemütlich. Alles zwischen 2000 bis 3500 Touren liegt im gut temperierten Wohlfühlbereich. Über 4000/min dreht er unlustig und zäh.

Es muss also mehr als früher geschaltet werden, da jedoch das lang übersetzte Sechsganggetriebe Cruise Drive zum Einsatz kommt, sind die Zeiten vorbei, in denen man morgens den großen Gang einlegte und abends wieder herunterschaltete.

Muss er aber auch fast nie, denn das höchste Drehmoment von 121 Newtonmetern liegt bei 3200/min an. Und die Spitzenleistung, 73 PS bei 5250/min, wird höchstens mal bei Überholvorgängen benötigt. 50-km/h-Zonen durchcruist die Rocker am besten im Dritten bei 2200/min, 100 km/h sind im Fünften bei 2800/min am erholsamsten. Dann ist der Sound am schönsten, gibt sich herrlich bassig, sonor, kernig. Ein Ohrenschmaus für Fahrer wie Hinterherfahrer.

Sitz und Komfort

Der Clou der Rocker C verbirgt sich jedoch unter dem mit dem passenden Namen „Trick Sitz“ getauften Solo-Sitz: ein herausnehmbarer Soziusteller, der nur durch die Mitfahrerfußrasten verraten wird.

In ausgeklapptem Zustand ruht das Beifahrer-Sitzpolster auf einem Träger, der sich ohne Werkzeug über dem Heck einhaken lässt. Der Soziussitz ruht dabei nicht auf dem Fender, sondern schwebt regelrecht in der Luft. Allerdings ist die knapp bemessene Sitzfläche eher für schlanke Mitfahrerinnen gedacht - und auch dann nicht unbedingt für lange Strecken.

Die Federbeine sind nämlich wie bei anderen Softail-Modellen unter dem Getriebe verborgen.

Der Sitzkomfort ist im breiten, soften, etwas nach hin-ten abfallenden Harley-Sitz besser als auf der Victory.

Fahrverhalten

Um die Rocker C zentimetergenau zu platzieren, kommt man mitunter ganz schön ins Schwitzen. Dabei ist die Harley mit 326 Kilogramm vollgetankt nur neun Kilo schwerer als die Victory. Auch der 76 Millimeter längere Radstand oder ultralange Nachlauf von 157 Millimetern machen den Unterschied nicht wirklich aus.

Es sind vielmehr der flache Lenkkopfwinkel und die lange Gabel: Um das Vorderrad der Rocker im Stand einzuschlagen, ist viel Kraft nötig. Umgekehrt lässt sich die Rocker durch ihren größeren Lenkeinschlag auf Straßen und Wegen etwas leichter und einfacher wenden. Was man übrigens erst dann glaubt, wenn man es selbst ausprobiert hat.

Für beide gilt: Weite Radien sind Pflicht. Denn wir sprechen hier nicht über Schräglagenfreiheit, sondern -befangenheit. Sowohl Rocker als auch Jackpot setzen früh, aber sehr zart auf und hebeln die Brumme nicht gleich vom Kurs.

Erstmal in Fahrt, lassen sich beide einfacher und leichter lenken als aufgrund von Gewicht und Radstand vermutet.

Vergleich mit Victory Jackpot

Gleich vorweg: Die Victory beschleunigt mächtiger, bremst effektiver, hat das bessere Fahrwerk und ist obendrein noch günstiger als die Harley. Harleys Stammplatz sozusagen.

Die Victory integriert ihren Fahrer, eingebettet zwischen Heckfender und tropfenförmigem Tank sitzt er quasi IN der Maschine. Während der Harley-Pilot im Wortsinn AUF seiner Maschine sitzt. Oder hockt. Fragt sich, warum Harley das Motorrad nicht gleich Hocker C nennt. Die Fußrasten der Harley sind weit vorn, richtig abstützen können sich die Füße des Fahrers nicht. Dafür bräuchte es elend lange Beine.

Im Vergleich dazu lässt sich die Jackpot fast wie ein Spielzeug dirigieren.

Bremsen

Die Bremsen der Victory sind denen der Harley sowohl in Wirkung als auch beim Dosieren überlegen. Vor allem der hintere Stopper der Jackpot ist außergewöhnlich effektiv.

Details und Verarbeitung

Das Auge isst mit. Daran kann man nicht rütteln. Und es liebt leckere Detaillösungen, schöne Farben, tolle Lacke und blitzenden Chrom. Von alledem bieten beide Maschinen mehr als ausreichend und nehmen sich im Prinzip nichts. Die optischen Wege gehen allerdings auseinander: Während die Rocker C trotz allem Glanz eindeutig mit der gewollten Schmucklosigkeit der Chopper kokettiert, wird man die Jackpot klar in die Custom-Ecke verweisen. Der fachlich richtige Begriff wäre hier eindeutig: Custom-Muscle-Cruiser.

Technische Daten im Vergleich:

Merkmal Harley-Davidson Rocker C Victory Jackpot
Motor Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-45-Grad-V-Motor Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-50-Grad-V-Motor
Hubraum 1585 cm3 1731 cm³
Leistung 54,0 kW (73 PS) bei 5250/min 66,0 kW (90 PS) bei 4900/min
Getankt Gewicht 326 kg 317 kg
Tankinhalt 18,6/3,8 Liter 17,0 Liter
Preis (ab) 20935 Euro 17740 Euro

Fazit

Ein echtes „Charaktermotorrad“ also, das sich nicht an Alltagstalenten wie Gepäckhaken, Schräglagenfreiheit oder Soziuskomfort messen lassen möchte, sondern nur dafür gebaut ist, einen Biker möglichst lässig über die Landstraße cruisen zu lassen. Dass man dabei mitunter meinen könnte, Peter Fonda und Denis Hooper würden hinter einem herfahren, kommt nicht von ungefähr.

Trotz der teilweise anachronistisch anmutenden Technik gilt Harley seit knapp zwei Jahrzehnten als Inbegriff von Beständigkeit in einem ständig schwankenden Markt. Ein Wert, den viele Menschen in unruhigen Zeiten missen. Und suchen.

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