Die Frage, ob man im höheren Alter noch Motorrad fahren sollte, ist unausweichlich und oft unbequem. Die Antwort darauf kann nur höchst individuell ausfallen, denn sie hängt vom eigenen Befinden ebenso ab wie vom persönlichen Lebensentwurf. Dennoch gewährt sie gewisse Spielräume, wenn es darum geht, die Motorradkarriere doch noch ein wenig zu verlängern. Das allerdings erfordert einen festen Entschluß und konsequente Arbeit an sich selbst.
Die veränderte Perspektive
Bisweilen irritiert die Fähigkeit, scheinbar liebgewordenen Dingen emotionslos Lebewohl zu sagen. Doch die Entscheidung selbst berührt das Motorradfahrerleben noch viel tiefer, denn sie zeigt, wie sehr man sich in der „dritten Lebensphase“ neu orientieren muss, wenn man noch für ein paar Jahre Spaß am Fahren haben möchte.
Ein Wendepunkt
Die Ursprünge dieses Motorradwechsels liegen an dem Tag, als ein vertrottelter Autofahrer in einem sehr komplexen Kreisverkehr die GS schrottete und nur ein beherzter Sprung aus dem Sattel vor größerem Unheil bewahrte. Angesichts des wirtschaftlichen Totalschadens hegte man - mitten in der Saison - die naive Illusion, an Ort und Stelle ein Ersatzmotorrad ordern zu können.
Die Suche nach einer Alternative
Nach einem Sturz gibt es nur eines: So schnell wie möglich wieder rauf auf die Maschine. Deshalb steuerte man zielstrebig die nächstgelegene Motorradhandlung an, eine Yamaha-Vertretung gleich um die Ecke. Aus der Phalanx der ausgestellten Motorräder lachte einen erwartungsvoll eine FJR 1300 an, mit Erfolg. Erste Annäherung: Sitzprobe positiv, Ergonomie und Bedienung stimmig. Anderntags Probefahrt, zunächst solo, dann mit der Frau. Am Straßenrand kurzes Resümee der Fahreindrücke: Die Maschine passt, die nehmen wir.
Erfahrungen mit der FJR 1300
In den folgenden 6 Jahren hat die FJR über 70.000 km mächtig Spaß gemacht und uns von Sizilien bis Schweden unvergessliche Reiseerlebnisse beschert. Mit der Zeit konnte es aber nicht ausbleiben, dass der seidenweiche Kraftprotz mit seinem gediegenen Fahrkomfort seinen Preis forderte: Allmählich wurde die FJR immer schwerer. Nicht in der Bewegung, da lief alles prima. Aber das händische Rangieren auf Kopfsteinpflaster oder steinigem Untergrund wurde zunehmend beschwerlich. Immerhin wollte fahrfertig ein Gewichtsäquivalent von 6 Waschmaschinen bugsiert werden. Und reisefertig gepackt mit Sozia kam eine gute halbe Tonne zusammen.
Die Entscheidung für einen Wechsel
Damit stand man vor der Alternative: Entweder fahre ich die FJR weiter, bis sie mir wirklich zu schwer wird. Dann wäre es mit dem Motorradfahren wohl vorbei. Oder ich erkaufe mir ein paar zusätzliche Motorradjahre, indem ich den schweren Brocken schon jetzt gegen eine leichtere, für mich besser handhabbare Maschine eintausche. Mit diesem Entschluß begannen die Vergleichsstudien - eine „schreckliche“ Aufgabe in der grauen, regnerischen Winterzeit: die Suche nach einem leichten, agilen und für uns als Doppelpack komfortablen Sporttourer.
- BMW F 900 XR: aus den oben genannten Gründen aus dem Rennen.
- Honda NT1100 DCT: sehr solide, aber auch nicht sehr viel leichter als unsere FJR.
- Yamaha Tracer 9 GT: Leichteste Maschine im Angebots-Quartett mit fulminantem Dreizylinder, guten Manieren, einem Quickshifter von ballerinenhafter Leichtfüßigkeit und insgesamt bestem Preis-/Leistungsverhältnis.
Die Yamaha Tracer 9 GT als neue Wahl
Der japanischen Ästhetik wohnt offensichtlich die Vorstellung inne, dass ein Gegenstand zu seiner Perfektion auch Schattenseiten haben muss, um brillieren zu können. Das gilt bei allen Vorzügen (in hinnehmbarem Maße) auch für die Tracer: frickelige Menüführung der Assistenzprogramme, überfrachtete Anzeigen auf einem zweigeteilten, blendungsanfälligen Display. Um all ihrer Vorzüge willen bin ich aber gerne bereit, das hinzunehmen. Wie stets gilt auch hier: There is no free lunch.
Wenig Wunder, dass die motorradmäßige Neuorientierung mit einem Kaufvertrag für die Vorführer-Tracer als neues Fluchtfahrzeug endete. Die altgediente FJR blieb gleich beim Händler. Mit den Helmen auf den Knien fuhren wir, unter den ratlosen Blicken der übrigen Fahrgäste, per U-Bahn zurück nach Hause.
Selbstreflexion und Anpassung
Die Frage nach dem Motorradfahren im Alter hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, die im Grunde jeder für sich ganz individuell beantworten muss. Willst du im höheren Alter überhaupt noch Motorrad fahren? Gehe diesen Fragenkatalog im stillen Kämmerlein selbstkritisch mit dir durch. Mehrfach und in zeitlichen Abständen, damit du deine Entscheidung nicht von einer etwaigen „Tagesform“ abhängig machst.
Wenn du glaubst, alle Fragen positiv beantworten zu können, dann arbeite den folgenden Katalog mit allen Konsequenzen ab:
- Jede Betätigung, jedes Hobby, findet irgendwann einmal ein natürliches Ende, auch das Motorradfahren. Das ist normal. Hoffentlich nicht durch einen Unfall; aber irgendwann hat man das Gefühl, damit „durch“ zu sein.
- Klar, mit den Jahren lassen die körperlichen Kräfte nach. Auch das ist normal. Wenn dir das Motorradfahren über die Maßen beschwerlich wird, dann macht das nicht nur keinen nachhaltigen Spaß mehr; es geht auch auf Kosten der Sicherheit. Deiner eigenen und der von Anderen. Das ist fatal. Bist du aber körperlich noch gut beieinander oder in der Lage, die erforderliche Fitness zu erreichen, dann mache Sport/Gymnastik. Zielgerichtet und vor allem regelmäßig, jeden Tag. Du brauchst dafür keine Maximalkraft mehr, aber Ausdauer und Beweglichkeit. Wieviel, das merkst du spätestens, wenn die Lunge pfeift und die morschen Knochen krachen. Das ist kein Spaß, aber stetige Übung ist unverzichtbar.
- Motorradfahren ist zu 50% Kopfsache: Erfahrung, Gefühl, Intuition, Konzentration, Reaktion, Reflexe. Vertraue bitte nicht darauf, daß du das Motorradfahren noch gut beherrschst, weil du Jahrzehnte auf zwei Rädern unterwegs warst. Sei dir bewußt, dass dein neuronales System strukturiert ist wie ein Computer: Auf der Festplatte hast du zwar unheimlich viel Erfahrung gespeichert, mit der du dich anderen (vielleicht sogar zu Recht) überlegen fühlst. Deshalb prüfe dich kritisch, ob Reaktionen, Reflexe und Konzentration noch in ausreichendem Maße vorhanden sind. Übungen dafür gibt es zuhauf, vom Flipper bis zu einem langen, anspruchsvollen Vortrag, den du dir auf YouTube konzentriert reinziehst. Ein Freund meines Vaters, ehemaliger Jagdflieger, erzählte immer, sie hätten zwischen den Einsätzen (dienstlich angeordnet!) Mikado gespielt, zur Förderung von Ruhe und Konzentration.
- Das schönste Hobby kann einem sauer werden, wenn es zu Hause unüberwindliche Einwände dagegen gibt. Die Sorge um dein Wohlbefinden und deine Sicherheit ist gewiß aller Ehren wert, besonders, wenn du im Inneren zugeben musst, dass deine bessere Hälfte im Grunde schon Recht hat.
Wie ihr seht, hat meine eingangs erzählte Geschichte vom Motorradwechsel durchaus einen ernsten Hintergrund. Denn mit der Zeit stellt sich unweigerlich das eine oder andere „Problemchen“ ein: wenn das Bein Beschwerden macht beim Schwung über den Sattel oder der Rücken beim Fahren, wenn das Gewicht zum Problem wird - das der Maschine oder dein eigenes.
Solltest du das feststellen, dann gestehe dir ruhig ein, dass die Zeit für einen Wechsel gekommen ist und schaue dich nach etwas Neuem um. Auf einem potenten Motorradmarkt wie Deutschland/Österreich/Schweiz gibt es so gut wie alles und für jeden etwas, das passen sollte. Ob neu, gebraucht, als Vorführer oder Leasingfahrzeug, ganz egal. Und wenn es irgendwann doch einmal nicht mehr geht: Gehe zurück zu Punkt 1.
Motorradfahren im Alter - ja oder nein? - diese Frage ist unausweichlich und oft unbequem oder sogar schmerzlich. Die Antwort darauf kann nur höchst individuell ausfallen, denn sie hängt vom eigenen Befinden ebenso ab wie vom persönlichen Lebensentwurf. Dennoch gewährt sie gewisse Spielräume, wenn es darum geht, die Motorradkarriere doch noch ein wenig zu verlängern. Das allerdings erfordert einen festen Entschluß und konsequente Arbeit an sich selbst.
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