Durch den Druck des Fahrradsattels laufen exzessive Radfahrer Gefahr, Erektionsstörungen zu bekommen und unfruchtbar zu werden. Was Männer tun können, um ihren Genitalbereich beim Radsport zu schützen, erklärt Experte Frank Sommer.
Wie entsteht erektile Dysfunktion beim Radfahren?
Um zu verstehen, warum durch das Radfahren eine erektile Dysfunktion verursacht werden kann, ist eine kurze Betrachtung der männlichen Physiologie und Anatomie notwendig:
Der Penis besteht aus einem elastischen Gewebe, das sich überwiegend aus zwei Schwellkörpern zusammensetzt. Während einer sexuellen Stimulation füllen sich die Schwellkörper mit Blut, bis der Penis hart und erigiert ist. Nach Beendigung der Stimulation oder nach einer Ejakulation fließt das Blut wieder ab und der Penis erschlafft. Auslöser für diesen erhöhten Blutfluss sind nervöse Impulse, die im Gehirn entstehen und über das Rückenmark zum Penis gelangen. Alle diesbezüglichen wichtigen Leitungen - Nerven und Blutgefäße - liegen zusammen in einem Bereich, dem Perineum, zwischen den Beckenknochen.
Druck auf das Perineum
Beim Fahrradfahren lastet das Körpergewicht genau zwischen den Beckenknochen auf diesem Bereich. Dadurch wird Druck auf die Arterien und Nerven, die zum Penis führen, ausgeübt. Da diese Gefäße und Leitungsbahnen im Wesentlichen ungeschützt sind, ist die Gefahr, sie zu beschädigen, relativ groß. Dazu kommt möglicherweise auch eine Gefährdung durch chronisch auf sie einwirkenden Satteldruck.
Wenn ein Mann auf einem Fahrradsattel sitzt, lastet fast sein gesamtes Oberkörpergewicht auf der Arterie, die den Penis mit Blut versorgt. Zusätzlich kann der Nervus pudendus gegen den Schambeinknochen gedrückt werden, hervorgerufen durch Vorwärtsneigung des Oberkörpers. Diese Kompression durch den Fahrradsattel vermindert die Blutzufuhr zum Penis. Bedingt werden die Erektionsstörungen also in erster Linie durch den Druck des Fahrradsattels - bei extremer Belastung teilweise sogar irreversibel!
Mehr als 30 Prozent des Penis’ befinden sich im Inneren des Körpers.
Studienlage zum Thema Radfahren und Impotenz
Kann das Radfahren zu Impotenz und Unfruchtbarkeit führen? Diese Frage beschäftigt auch die Wissenschaft, spätestens seitdem Professor Irwin Goldstein vom Boston University Medical Center in den frühen 1990er-Jahren zu dem Schluss kam, dass die Folgen des dauerhaften Aufprallstresses beim Radfahren zu Impotenz führen.
Inzwischen weiß man jedoch, dass Radsportler sich im Allgemeinen keine Sorgen um ihre „Männlichkeit“ machen müssen - auch wenn eine groß angelegte Studie unter etwa 2000 Radfahrern zu dem Ergebnis kam, dass durch das Fahren längerer Strecken und durch eine falsche Sitzposition vereinzelt Erektionsstörungen auftreten können. Die Rate der Erektionsstörungen war bei den Probanden zwei- bis dreimal höher als bei Nicht-Fahrradsportlern der gleichen Altersgruppe.
Eine Untersuchung bei 1786 männlichen Radsportlern ergab, dass die Rate der Erektionsstörungen zwei- bis dreimal höher lag als bei Nicht-Radsportlern der selben Altersgruppe.
Eine Studie "Cycling and penile oxygen pressure: The type of saddle matters", die von der European Association of Urology 2012 veröffentlicht wurde, untersuchte den Einfluss von Fahrradsitzen auf die sexuelle Gesundheit von Männern. Die Studie ergab, dass schmale Fahrradsitze den Sauerstoffgehalt im Penis um bis zu 82 Prozent reduzieren können und damit das Risiko für Potenzprobleme erhöhen. Die Forscher empfehlen breite, gut gepolsterte Sättel mit einer Nasenlänge von nicht mehr als sechs Zentimetern, um den Damm zu entlasten und das Risiko für erektile Dysfunktion zu verringern.
Eine weitere Studie "The impact of bicycle seat shape on the pressure to the perineum of the bicyclist" aus dem Jahr 2014, die im Journal of Sexual Medicine veröffentlicht wurde, führte Druckmessungen mit speziellen Sensoren Druckmessungen auf den Sattel durch. Die Teilnehmer waren 90 männliche Radfahrer, die in drei verschiedenen Sattelpositionen auf einem Fahrrad saßen. Die Ergebnisse zeigten, dass der Druck im Dammbereich am niedrigsten war, wenn ein breiter, gepolsterter Sattel verwendet wurde und der Lenker niedriger als der Sattel positioniert war.
Neuere Studien
- Motallebi et al. (2021) führten eine systematische Überprüfung und Meta-Analyse durch, um den Zusammenhang zwischen Radfahren und Erektionsstörungen zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigten, dass langes Radfahren, insbesondere bei unzureichender Polsterung, signifikant mit einem erhöhten Risiko für Erektionsstörungen verbunden ist.
- Kovac et al. (2020) führten ebenfalls eine systematische Überprüfung der Literatur durch und stellten fest, dass langes Radfahren das Risiko von Erektionsstörungen erhöhen kann, da es zu Nerven- und Durchblutungsstörungen in den Genitalien führen kann.
- Riccetto und Silva (2020) veröffentlichten einen Übersichtsartikel, in dem sie die bisherigen Erkenntnisse zur Verbindung zwischen Radfahren und sexueller Funktion zusammenfassen. Sie betonen dabei, dass weitere Studien erforderlich sind, um den Zusammenhang zwischen Radfahren und sexueller Funktion genauer zu untersuchen.
- Choi et al. (2020) führten eine randomisierte, kontrollierte Untersuchung durch, um den Einfluss der Sattelhöhe beim Radfahren auf den Blutfluss zum Penis bei jungen, gesunden Erwachsenen zu untersuchen. Sie stellten fest, dass eine niedrigere Sattelhöhe zu einem verbesserten Blutfluss im Penis führte.
- Salonia et al. (2019) veröffentlichten einen aktuellen Überblick über die Verbindung zwischen kardiovaskulären Erkrankungen und männlichen sexuellen Störungen. Sie stellen einen Zusammenhang zwischen längerem Radfahren und einem erhöhten Risiko für Erektionsstörungen her und empfehlen eine Verbesserung der Sattelkonstruktion, um den Druck auf das Perineum zu reduzieren.
So schützen sich Radsportler vor Impotenz
Generell lässt sich sagen, dass das Radfahren - und besonders das Mountainbiken - eine Gefahrenquelle für den Genitalbereich darstellt. Daher ist es ratsam, sich einen vernünftigen Sattel anzuschaffen, der die Durchblutung des Penis’ nicht einschränkt und das Verletzungsrisiko minimiert.
Patienten mit Prostatabeschwerden beziehungsweise Gefäß- und Nervenerkrankungen und Männer, die häufig Sensibilitätsstörungen nach längeren Fahrradfahrten haben, sind mit einem breiten und gegebenenfalls geteilten Sattel gut beraten.
Weitere Empfehlungen:
- Auf eine ausreichende Sattelbreite achten. Hierzu setzt man sich am besten auf eine Wellpappe. Nach einer Minute Sitzen kann man die Abdrücke der Sitzbeinhöcker erkennen und die äußeren Ränder abmessen. Beim Sattelkauf an diesen Maßen orientieren.
- Den Sattel horizontal einstellen beziehungsweise die Sattelspitze um ein bis drei Grad nach unten neigen.
- Die perineale Kompression durch eine effektive Sitzposition vermindern. Um das zu erreichen, sollten die Beine nicht völlig gestreckt sein, wenn sich die Pedale an der tiefsten Stelle befinden, und die Knie etwas gebeugt sein.
- Alle zehn Minuten die Position wechseln und im Stehen fahren. Das ist wichtig, um den Blutfluss aufrechtzuerhalten. Für Radfahrer, die auch gerne in der Halle trainieren, empfiehlt sich das “Spinning“. Während des Trainings sind viele Wechsel der Körperposition an der Tagesordnung.
- Zur Vorbeugung von penilem Taubheitsgefühl und erektiler Dysfunktion auf langen und anstrengenden Fahrradtouren Ruhepausen machen.
Weitere Tipps zur Vorbeugung
Einige zusätzliche Tipps, um Beschwerden und potenziellen Problemen vorzubeugen:
- Regelmäßige Pausen: Stehen Sie regelmäßig auf dem Fahrrad auf oder legen Sie Pausen ein, um den Druck auf den Dammbereich zu reduzieren.
- Richtige Fahrradeinstellung: Achten Sie auf eine korrekte Einstellung von Sattelhöhe und Lenkerposition, um eine optimale Sitzposition zu gewährleisten.
- Sattelneigung anpassen: Ein leichtes Nach-vorn-Kippen der Sattelnase kann helfen, den Druck zu verringern.
- Bikefitting: Lassen Sie sich von einem Bikefitter beraten, um Ihre Sitzposition und den Sattel optimal an Ihre Anatomie anzupassen.
- Ergonomische Ausrüstung: Verwenden Sie ergonomische Sättel mit Aussparungen oder geteilten Sitzflächen, um den Druck auf empfindliche Stellen zu minimieren.
- Bewusste Fahrtechnik: Achten Sie auf eine bewusste Fahrtechnik und vermeiden Sie unnötige Stöße und Vibrationen.
- Hochwertige Kleidung: Tragen Sie hochwertige Radhosen mit guter Polsterung, um Hautreizungen und Druckstellen zu vermeiden.
Wann sollte man einen Arzt aufsuchen?
Wenn Sie unter Erektionsstörungen leiden oder diese befürchten, sollten Sie einen Facharzt für Männergesundheit konsultieren. Dieser stellt eine ausführliche Diagnose, um die Ursache Ihrer Beschwerden festzustellen. Hierzu wird es einen speziellen Fragebogen geben.
Wir bieten unseren Patienten ein spezielles Diagnoseverfahren an, um zu ermitteln, inwieweit das Fahrradfahren bereits zu Erektionsproblemen geführt hat bzw. führen kann. Hierzu bringen Betroffene ihre Sättel und ggf. ihr Fahrrad mit. Während des Radfahrens auf dem eigenen Sattel erfassen wir die Durchblutung mittels einer speziell entwickelten Elektrode, die an den Penis gelegt wird. Das Fahrrad kann im Anschluss so eingestellt werden, dass die Durchblutung nicht eingeschränkt wird. Auf Wunsch können auch andere Sättel getestet werden, bis ein entsprechend geeigneter Sattel gefunden ist.
Positive Aspekte des Radfahrens
Es kann also Entwarnung gegeben werden, egal wie schlecht der Fahrradsattel beziehungsweise wie ungünstig die eingenommene Position auf dem Fahrrad ist, wer weniger als drei Stunden Fahrrad pro Woche fährt, läuft jedoch keine Gefahr, Erektionsstörungen zu bekommen.
Radfahren fördert die Ausdauer, schont die Gelenke und ist als Breitensport für fast jeden geeignet. Selbst bei geringen Geschwindigkeiten kann die Ausdauer gefördert werden. Herz, Lunge und Atemfunktionen werden kräftiger. Die Bewegung an der frischen Luft hat zudem einen positiven Effekt auf das Immunsystem. Gerade für Übergewichtige ist Radfahren als Ausgleichssport zu empfehlen, weil Bänder, Sehnen und Gelenke nicht überlastet werden. Wichtig: Keine zu großen Gänge einstellen, besser mit möglichst kleinen Übersetzungen und einer relativ hohen Trittfrequenz radeln. Auch nach einer Meniskus- oder Kreuzbandoperation ist Radeln eine der ersten Sportarten, die auf sanfte Weise das Gelenk wieder beweglicher machen und kräftigt.
Grundsätzlich ist das Radfahren eine großartige körperliche Übung. Männer und Frauen sollten dabei jedoch ihre sexuelle Gesundheit im Blick behalten. Ebenso essentiell sind eine richtige Fahrradeinstellung und die Positionierung des Lenkers.
Tabelle: Empfehlungen zur Vorbeugung von Erektionsstörungen beim Radfahren
| Empfehlung | Beschreibung |
|---|---|
| Sattelbreite | Auf ausreichende Sattelbreite achten; Sitzbeinhöckerabstand messen und Sattel entsprechend wählen. |
| Sattelneigung | Sattel horizontal einstellen oder Sattelspitze leicht nach unten neigen (1-3 Grad). |
| Sitzposition | Beine nicht vollständig strecken; Knie leicht gebeugt halten, um perineale Kompression zu vermeiden. |
| Positionswechsel | Alle 10 Minuten Position wechseln und im Stehen fahren, um Blutfluss aufrechtzuerhalten. |
| Pausen | Regelmäßige Pausen auf langen Touren einlegen, um Taubheitsgefühle zu vermeiden. |
| Sattelwahl | Breite, gut gepolsterte Sättel mit kurzer Nase verwenden; Sättel mit Aussparungen können helfen. |
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