Die Tour d’Afrique ist das längste Radrennen der Welt. Wer sie überstehen will, muss nicht nur ein zäher und ausdauernder Radler sein, sondern vor allem ein willensstarker und anspruchsloser Abenteurer.
Ein bisschen verrückt muss man wohl sein, wenn man sich auf den Weg macht, die Tour d'Afrique mitzuradeln. Hardy Grüne ist einer von denen, die sich auf die rund 12.000 Kilometer lange Strecke abseits der Touristenwege begeben haben. "Ohne Willenskraft, Durchsetzungs- und Durchhaltevermögen ist diese Fahrt nicht zu bestehen", sagt der Sportjournalist.
Die Strecke und ihre Herausforderungen
Es geht durch Ägypten, Sudan, Äthiopien, Kenia, Tansania, Sambia, Botswana, Namibia nach Südafrika, teils auf ausgebauten Straßen, oft auf Schotter- und Sandpisten. Unter schwierigsten Bedingungen müssen sich die Fahrer einen Weg durch den mitunter lebensgefährlichen Verkehr suchen, an Ziegenherden vorbei oder sich durch drängelnde Passanten schlängeln.
Die Streckenführung ist pragmatisch. Flatternde orangefarbene Bändchen zeigen an, wo wir abbiegen müssen. Doch meistens müssen wir gar nicht abbiegen, denn die Tour d’Afrique folgt diesem ewigen Traum einer Direktverbindung zwischen Kairo und Kapstadt, den schon die britischen Kolonialisten hatten und der bis heute nicht realisiert ist.
Meist gibt es nur eine einzige Straße, die wir uns mit anderen Verkehrsteilnehmern teilen müssen. Neben LKW, die von Brutalo-Chauffeuren gesteuert sind, und proppenvollen Sammeltaxen, deren Karossen von Rost und Kabelbindern zusammengehalten werden, beteiligt sich an Afrikas Verkehr allerlei Exotisches: Eselkarren, die gerne auch mal auf der falschen Straßenseite unterwegs sind, Kühe, Ziegen und Hunde, deren Leben sich auf der Straße abspielt, sowie Radfahrer, die sich auf turmhoch mit Gütern beladenen Vehikeln der Marken „China“ oder „Indien“ durch die Landschaft kurbeln.
Die mentalen Anforderungen
Die mental größte Herausforderung besteht in der enormen Vielfalt der Tour. Kein Land gleicht dem anderen, jeder Grenzübertritt bedeutet völlige Neuorientierung. Kulturell, klimatisch, emotional und verkehrstechnisch.
"Die Tour d'Afrique ist keine gewöhnliche Abenteuerreise", schreibt Grüne im Vorwort. Nicht das bereiste Objekt stehe im Fokus und Interesse des Reisenden, sondern das eigene Wohlbefinden und der Erhalt der körperlichen Fitness.
"Das schlimmste an der Fahrt waren die Camps", erzählt Grüne im Gespräch. Auf teilweise unwirtlichsten Plätzen schlugen die über 60 Fahrer jeden Tag ihre Zelte auf, oft bei sengender Hitze von über 40 Grad Celsius, ohne Schatten und ohne die Möglichkeit, eine Dusche zu nehmen oder eine Toilette zu besuchen.
Der Tagesablauf
Der Tagesablauf ist einer Kontinentdurchquerung angemessen strikt. Um fünf klingelt der Wecker, dann heißt es, das Zelt abbrechen und die Ausrüstung auf dem LKW verstauen. Um sechs gibt es Frühstück, und um sieben geht es auf die Straße, um der größten Hitze zu entgehen. Im Ziel rasch das Zelt aufbauen und etwas schattige Entspannung suchen, was nicht immer einfach ist. Abends um sechs Besprechung für den nächsten Tag. Dann gibt es Abendessen, und spätestens um acht: ab in den Schlafsack. Ein verdammt übersichtliches Leben.
Die Teilnehmer und ihre Motivation
Dabei fängt die Tour schon bei der Planung aufregend an: Denn das erste Abenteuer mag sicherlich darin bestehen, alle Visa rechtzeitig zu erhalten. Doch was dann folgt, ist ein Wettkampf mit sich selbst.
Grüne zählt sich zu der Gruppe der "Das kann noch nicht das ganze Leben gewesen sein". Er wollte einfach mal eine Pause vom Berufsleben und ist damit nicht alleine unter den Teilnehmern. Andere stehen dagegen erst am Anfang ihres Berufslebens und suchen das Abenteuer. Eine Handvoll Herren um die 60 will es vor der dritten Lebensphase noch einmal wissen.
Grüne ist einer von 63 Radfahrern, die sich für die Tour angemeldet haben. Streckenweise fahren noch andere Radler mit, so schwillt das Peloton manchmal auf 80 Fahrer plus Begleitpersonal an. "Grenzwertig" , befindet Grüne.
Die Fahrer können wählen, ob sie als "Racer" oder "Touristen" fahren. Für die einen spielt die schnellste Zeit eine Rolle, die anderen gönnen sich auch mal eine Pause, um die Landschaft zu genießen. Das Gepäck wird auf Lastwagen transportiert. Die Tour begleitet unter anderen ein Rettungssanitäter, ein Mechaniker und ein Koch.
Einzigartige Erlebnisse
Sie alle werden durch einzigartige Erlebnisse belohnt. Bizarre Landschaften, atemberaubende Ausblicke, reiche wie arme Menschen, freundlich winkende Passanten, aber auch Steine werfende Kinder begegnen Grüne und seinen Mitstreitern.
"Das intensivste Erlebnis war", meint der eigentliche Fußballexperte im Nachhinein, "als in Kenia ein mit traditioneller Kleidung bekleideter Massai mich bei einem Stopp beobachte, als ich eine Cola trank". Der Massai zückte sein Handy und schoss ein Foto von dem Deutschen. "Da wird einem noch einmal der Exotenstatus sehr deutlich", sagt er. Nur wenige Kilometer weiter streckte ihm ein von Hunger gezeichnetes Kind die Hände entgegen und bettelte um Wasser.
"Die Gruppe motiviert, weiter mitzufahren", auch wenn man zwischendurch einfach keine Lust mehr hat und nicht mehr kann. Sie helfen sich gegenseitig und versuchen, den anderen aus dem Loch zu ziehen. "So war es bei mir und so war es bei anderen." Privatsphäre gibt es auf dieser Tour nicht. Geheimnisse auch nicht. Jeder müsse seinen eigenen Stil und Rhythmus finden.
"Ich habe Afrika nie in seiner Größe erfassen können", resümiert Grüne. Das sei ihm auch jetzt noch nicht gelungen. "Am Ende der Tour war ich einfach nur noch stolz, dass ich es geschafft habe", sagt der Wahlgöttinger. Für das kommende Jahr plant der reisefreudige Fahrradfahrer bereits die nächste Herausforderung. Dann will er an dem Südamerikarennen "Anden Trail" teilnehmen. Grüne kann offenbar nicht genug bekommen.
Das Transcontinental Race
Auftakt zum Transcontinental Race nach Istanbul - eines der anstrengendsten Radrennen der Welt: Verwegene Männer und gut zehn mutige Frauen stehen in Fahrrad-Montur beisammen, unterhalten sich. Das Transcontinental wird zum dritten Mal ausgetragen. Die Regeln des Rennens sind simpel. Jeder Fahrer ist für sich selber verantwortlich.
Die ungefähr 4000 Kilometer müssen ohne Hilfe bewältigt werden. Das heißt: Serviceautos oder ähnliches, wie man es von der Tour de France kennt, gibt es nicht. Auch ist es jedem Fahrer selbst überlassen, welche Route er oder sie nach Istanbul einschlägt. Diese Freiheiten macht das Transcontinental einmalig. Es ist frei von Zwängen.
Mike Hall ist berühmt in der Szene der Ultra-Langstreckenradfahrer. 2012 umrundet er in 91 Tagen die Welt mit dem Fahrrad. Weltrekordzeit. Zwei Jahre später gewinnt Hall dann das Trans Am Bike Race. Fast 7000 Kilometer durch zehn US-Bundesstaaten von der Ost- zur Westküste.
Die Spannung steigt, es sind nur noch wenige Minuten bis zum Start - es ist Nacht geworden. Der Glockenschlag gibt den Start frei. Der Tross setzt sich behäbig in Bewegung. Die Teilnehmer tauchen ein in die belgische Nacht. Kurs Richtung Süden.
Der erste Kontrollpunkt, den alle Teilnehmer überfahren müssen, ist der in der Radfahrerszene berühmt-berüchtigte Mont Ventoux. 1900 Meter hoch.
Trotzdem sieht Mike Hall seine Teilnehmer, im Internet. Kleine Zahlenkärtchen wandern auf der Europakarte. Jede Zahl ist ein Fahrer. Jeder Fahrer hat einen Sender.
Eigentlich ist das Transcontinental ein Minusgeschäft. Die knapp 200 Euro Startgeld pro Fahrer decken kaum die Unkosten.
Anderthalb Tage sind seit dem nächtlichen Start in Belgien vergangen. Einige haben in der zweiten Nacht ein Hotel genommen oder sich am Straßenrand kurz in den Schlafsack geworfen.
Zu dem Zeitpunkt, an dem Bernd Paul aufgibt, liegt der Dortmunder Andreas Wittkämper im hinteren Teil des Hauptfeldes. Mit einem Rückstand von rund 500 Kilometern.
Entscheidend, und da sind sich alle einig, ist die Fahrleistung bei Nacht. Um das Rennen zu gewinnen, dürfen nicht mehr als 4 Stunden pro Tag gerastet werden. Wie man sich wachhält? Die meisten sagen mit Kaffee oder Cola.
Es ist Nacht am Fuße des Mont Ventoux. Sternklarer Himmel. Die viel befahrene Passstraße hinauf ist mit einmal wie ausgestorben. Keine Touristen mehr.
Hans-Jürgen Schmitz-Rech kauft in einem kleinen Supermarkt ein. Kekse und Cola. 57 Jahre ist er alt, ein erfahrener Langstreckenfahrer. Schmitz-Rech will sich in diesem Jahr verbessern. 12 und nicht mehr 14 Tage benötigen. Der Mann aus der Nähe von Koblenz ist groß. Über 1,90 Meter. Kräftig und demnach schwer.
Mike Hall ist am zweiten Kontrollpunkt in Sestriere angekommen. Sestriere, ein aus dem Boden gestapfter Ski-Ort. Die Straßen sind leer in der Mittagssonne. Die nächsten 30 Kilometer führen über Schotter. Eine der wenigen vorgeschriebenen Passagen.
Fünf Tage dauert das Rennen nun. Der Führende ist längst über alle Berge und passiert bereits Slowenien.
Jana Kesenheimer und Joschka Völkel beim TCR 2024
Erschöpfung, Überwindung, Hochgefühle: die deutschen Ultracycling-Athleten Jana Kesenheimer und Joschka Völkel beim TCR, dem härtesten Radrennen der Welt - über 4000 km ohne Hilfe.
Nach 4.000 Kilometern, kurz vor dem Ziel in Istanbul, hätte eine Katze beinahe noch den großen Traum von Jana Kesenheimer platzen lassen. Sie sprang der 30-Jährigen unvermittelt vor das Fahrrad und sorgte für einen Sturz. Kesenheimer fluchte erst und weinte dann. Aber alles war heile geblieben, an ihr und an ihrem Fahrrad. Sie konnte auch die letzten Meter noch absolvieren und erreichte nach 4.008,61 Kilometern und nahezu 45.000 Höhenmetern in elf Tagen das Ziel des "Transcontinental Race" 2024. Als erste Frau.
Das Rennen, abgekürzt TCR, gilt als eines der härtesten in der Ultracycling-Szene. Jana Kesenheimer hat sich dabei ebenso wie ihr Kollege Joschka Völkel von einem Filmteam begleiten lassen.
Ihr Debüt im Ultracycling gab Kesenheimer beim "Three Peaks Bike Race" von Wien nach Nizza, sie wurde auf Anhieb Dritte und ein Jahr später siegte sie bei den Frauen und wurde insgesamt Fünfte. Kesenheimer machte sich schnell einen Namen in der Szene, heute gehört sie zu den weltbesten Frauen.
Vor dem Transcontinental Race hatte sie dennoch enormen Respekt, das Rennen war lange ihr großer Traum gewesen. Sie meisterte es dann bewundernswert souverän und schrieb anschließend auf Instagram: "Das Beste ist, dass mir dieses Rennen einen richtigen Selbstbewusstseins-Boost gegeben hat." Es sei ein großartiges Gefühl, "etwas komplett auf dich allein gestellt erreicht zu haben, das einst wie ein surreales und gigantisches Ziel gewirkt hat."
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