Ferngesteuerte Bremse für Laufräder: Mehr Sicherheit für Kinder

Viele Eltern kennen die Situation: Die Kleinen sind begeistert mit dem Laufrad unterwegs, düsen aber auf eine Kreuzung zu oder fahren immer schneller bergab und schaffen es nicht mehr rechtzeitig zu bremsen. Stopp-Rufe wollen beziehungsweise können sie manchmal auch gar nicht mehr hören. Mutter oder Vater rennen dann besorgt hinterher.

So ging es auch Sebastian Lyschick aus Bad Neustadt an der Saale, selbst Vater von zwei Töchtern. Eine Lösung musste her: einfach zu montieren, nicht zu teuer, immer einsatzbereit sollte sie sein. Vor vier Jahren dann, mitten in der Nacht, kam dem Wirtschaftsingenieur schließlich die zündende Idee: Eine ferngesteuerte Bremse, bei der per Funk ein Bremskeil ausgelöst wird und so das Laufrad stoppt.

Firmengründung im Lockdown

Überzeugt von seiner Idee nimmt Lyschick ein Abfindungsangebot seines Arbeitgebers an und steckt Zeit, Geld und Energie in seine Erfindung. Fast drei Jahre lang tüftelt der heute 40-Jährige in seiner Werkstatt, feilt an diversen Prototypen. Per Zufall lernt er Julius Müller kennen und kann den IT-Unternehmer sofort für seine Innovation begeistern. Die beiden Rhöner merken, sie passen gut zusammen und so gründen sie ihre gemeinsame Firma mystopy - Anfang 2020, kurz vor dem ersten Lockdown in der Corona-Pandemie.

Erfindung überzeugt Weltmarktführer

Sie lassen sich ihre Erfindung patentieren, erstellen Businesspläne, nehmen Kredite auf, verpflichten sich zu Bürgschaften. Doch ihr Mut wird belohnt: Seit etwa einem Monat wird ihre Erfindung produziert und kann im eigenen Online-Shop bestellt werden. Und auch Puky, der Weltmarktführer für Laufräder, ist von der Rhöner Innovation überzeugt: Ab 2022 wird der Hersteller die Bremse ins Sortiment aufnehmen und direkt vertreiben - mit oder ohne Laufrad.

So funktioniert die Bremse fürs Laufrad

Der ferngesteuerte Bremsassistent wird einfach an der Sattelstange des Laufrads befestigt und kann durch ein Funksignal aktiviert werden. Dazu müssen die Aufsichtspersonen lediglich den Knopf am mitgeliefertem Armband drücken. Dadurch fällt der Bremskeil auf das Hinterrad und das Laufrad bleibt stehen. Die Eltern oder Großeltern können entspannt zu ihrem Kind laufen, die Bremse wieder lösen und gleichzeitig die Situation gemeinsam besprechen - bevor die Fahrt wieder weitergeht.

Lerneffekt und lange Akkulaufzeit

Durch diese einfache Funktionsweise wird kaum Energie benötigt: Denn für den Bremsvorgang selbst wird die vorhandene kinetische Energie genutzt und wieder gelöst wird die Bremse nicht automatisch per Knopfdruck, sondern mit der Hand. Das war den Unternehmern wichtig: Die Kinder können somit nicht einfach unkommentiert aus der Entfernung abgebremst werden und wieder weiterfahren. Stattdessen müssen die Aufsichtspersonen kontrolliert eingreifen und können so bei den Kindern vielleicht auch einen Lerneffekt erzielen.

Durch den geringen Energieverbrauch hat die Bremse auch eine enorm lange Akkulaufzeit. Schließlich soll das Laufrad jederzeit einsatzbereit sein.

Made in Germany - auch dank Corona-Pandemie

Aus Kostengründen dachte Julius Müller zunächst, dass er das Produkt vorwiegend in China produzieren lassen müsste. Doch durch die Corona-Pandemie und dem teils damit verbundenen Chipmangel oder Lieferschwierigkeiten bei ganz banalen Schrauben wurde er schließlich doch in Deutschland fündig. Sämtliche Teile werden hierzulande produziert und müssen nicht erst quer über den Globus transportiert werden. "In deutlich besserer Qualität und auch zu vernünftigen Preisen", freuen sich Müller und Lyschick, denen Nachhaltigkeit wichtig ist. Und dass ihre Bremse "Made in Germany" ist, hat obendrein auch so manche Genehmigungsverfahren oder Zertifizierungen beschleunigt.

Montage in Wülfershausen an der Saale

Montiert und verpackt werden die Bremsen derzeit am Firmensitz in Wülfershausen an der Saale. Die Familie wurde eingespannt und auch die Gründer selbst packen mit an. Bis zu 150 Stück schaffen sie pro Tag. 10.000 haben sie fürs erste geordert. Im nächsten Jahr wird bei Großbestellungen einer ihrer Lieferanten die Montage übernehmen, außerdem wollen Lyschick und Müller die Lebenshilfe für einfache Vorarbeiten engagieren. Einen hohen sechsstelligen Betrag haben die beiden Männer bisher in ihre Idee investiert. Sie haben keinen Zweifel daran, dass sich ihr Mut und ihre Ausdauer am Ende auszahlen wird.

Der myStopy-Bremsassistent im Detail

Die beiden Gründer von myStopy, Sebastian Lyschick und Julius Müller, haben das offenbar selbst zu oft erlebt - und kamen auf die Idee der ferngesteuerten Notbremse für Laufräder. Der myStopy-Bremsassistent ist interessant für Eltern, die in einer Gegend mit hohem Verkehrsaufkommen wohnen und Kinder haben, die eine Gefahrensituation auf dem Laufrad noch nicht richtig einschätzen können. Diese Gefahrensituationen können übrigens nicht nur im Straßenverkehr entstehen, sondern auch beim Zurollen auf eine steile Rampe oder beim falschen Abbiegen auf dem Pumptrack. Mit dem myStopy können die Eltern schnell und vor allem aus der Distanz reagieren, noch bevor das Kind in eine brenzlige Situation kommt.

Montage des myStopy-Bremsassistenten

Die Montage des myStopy-Bremsassistenten ist sehr einfach und geht wirklich schnell. Zunächst wird die Sattelklemme mit dem beiliegenden 5-mm-Innensechskantschlüssel gelöst und der Sattel samt Stütze aus dem Rahmen gezogen. Jetzt wird der myStopy-Bremsassistent auf den Rahmen beziehungsweise auf das Sattelrohr gesteckt. Selbstverständlich sollte dabei das Bremselement knapp über dem Hinterrad sitzen. Sollte das Brennelement bereits hier schon am Reifen streift, kann man das mitgelieferte, etwas dünnere Brennelement anstelle des dickeren Elements verwenden. Die Bremselemente sind mit jeweils zwei Schrauben am Bremsassistenten befestigt.

Ist die Klemmschelle wieder komplett auf das Sattelrohr gesteckt und der Sattel in der richtigen Höhe eingestellt, kann die Schraube der Schelle mit dem Innensechskantschlüssel angezogen werden. Hierfür sind an den Seiten des Bremsassistenten entsprechende Aussparungen vorhandent. Tipp: Puky-Laufräder besitzen meist einen Stahlrahmen, der rosten kann, sollte der Lack beschädigt werden. Bestreicht man die Innenseite der Klemmschelle mit etwas Fett, kann man das Rosten an dieser Stelle das Rosten etwas verzögern.

So weit, so gut - allerdings gibt es auch eine Einschränkung: Im Moment lässt sich der myStopy-Bremsassistent nur an Puky-Laufräder montieren. Laut Hersteller soll sich das jedoch in naher Zukunft ändern. Beim Kauf ist außerdem unbedingt darauf zu achten, dass der myStopy zum genauen Laufrad passt, die hier die Bremselemente unterschiedlich dick sind.

Bedienung und Funktionsweise

Die Bedienung sowie die Funktionsweise des myStopy-Bremsassistenten ist sehr einfach, durchdacht und funktioniert tadellos. Um den myStopy einzuschalten, hält man die Fernbedienung direkt an das Rücklicht und drückt den roten Knopf der Fernbedienung für 3 Sekunden. Leuchtet das Rücklicht dauerhaft auf, ist der myStopy einsatzbereit. Vielleicht mag das Aktivieren zunächst etwas umständlich erscheinen, es ist aber ziemlich genial. Denn so wird sichergestellt, dass weder das Kind noch die Begleitpersonen den myStopy unbeabsichtigt ausschalten können.

Damit die Kinder überhaupt losfahren können, wird der Bremskeil gegen eine Federkraft nach oben gezogen, bis dieser durch einen Halter einrastet. Sollte es bei einer Laufradrunde nun zu einer Gefahrensituation kommen, kann durch Betätigen des roten Kopfes an der Fernbedienung die Bremse ausgelöst werden. Dabei löst sich der Halter und der Bremskeil wird durch die Federkraft nach unten gedrückt. Durch den Reifen und die vielen kleinen Zähne am Bremselement wird der gesamte Bremskeil zwischen Reifen und dem myStopy eingeklemmt, wodurch das Hinterrad blockiert wird.

Falls das Kind samt Laufrad bereits teilweise auf der Straße steht, kann es mit dem blockierten Hinterrad nicht mehr nach vorne fahren, der myStopy erlaubt es jedoch, dass das Kind das Laufrad rückwärts schieben kann, um selbstständig aus der Gefahrensituation rollen zu können. Hier schiebt der rollende Hinterreifen den Bremskeil ein kleines Stück nach oben. So kann ein Elternteil nicht nur durch Auslösen des myStopy eine Gefahrensituation verhindern, sondern die Kinder können sich bei Bedarf selbst aus einer Situation retten.

Um die Fahrt nach der Bremsung fortzusetzen, wird der Bremskeil einfach an der kleinen Lasche wieder nach oben gezogen, bis er einrastet. Mit etwas Übung bekommen die Kinder das auch selbst hin.

Sichtbarkeit und Akkulaufzeit

Um die Sichtbarkeit zu erhöhen, ist der myStopy-Bremsassistent mit zwei roten LEDs ausgerüstet. Bei einer Bremsung blinken diese deutlich heller und insgesamt achtmal auf. Der myStopy verfügt zudem über eine Ladestandsanzeige. Bei einem Akkustand von weniger als 20 Prozent blinken die beiden LEDs alle zehn Sekunden und signalisieren so, dass des myStopy aufgeladen werden muss. Ab einem Akkustand von weniger als 5 Prozent blinken die beiden LEDs alle fünf Sekunden zweimal auf. Nach weiteren fünf Minuten bremst der myStopy schließlich das Laufrad und schaltet sich aus. Insgesamt sollen mit dem myStopy 6500 Auslösungen möglich sein. Im Standby-Modus hat der Akku eine Laufzeit von ca.

Praxistest

Im Praxistest hat sich der myStopy-Bremsassistent gut geschlagen und in seiner Funktion hat er uns nicht enttäuscht. Während mehreren Testrunden mit Kind und Puky-Laufrad haben wir weit mehr als 100 Testbremsungen absolviert, so lange bis unser kleiner Testpilot erschöpft war. Generell raten wir aber dazu, die Kinder mit dem myStopy vertraut zu machen und etwas zu üben. Das Auslösen der Bremsung ist mit einem deutlich hörbaren und klackenden Geräusch verbunden, bei dem sich Kinder zu Beginn vielleicht erschrecken können. Auch erfolgt die Bremsung sehr ruckartig, da das Hinterrad blockiert. Überschlagen kann sich das Kind zwar nicht, dennoch kann gerade auf rutschigem Untergrund das Heck zu einer Seite hin ausbrechen.

Nachhaltigkeit und Garantie

myStopy arbeitet und produziert laut eigenen Angaben nachhaltig und verwendet zum Beispiel recycelte Materialien für ihre Kunststoffe und Verpackungsmaterialien. Ein USB-Ladekabel ist nicht im Lieferumfang. Das Argument ist hier, dass solche Kabel schon zur Genüge in jedem Haushalt vorhanden sein sollten, womit myStopy mit hoher Wahrscheinlichkeit Recht hat. Böse Zungen könnten behaupten, dass sich hier etwas Kosten sparen lassen, denn um den montierten myStopy laden zu können, ist ein entsprechend langes Kabel notwendig. Außerdem verwendet myStopy noch eine Micro-USB Ladebuchse, der Standard ist heutzutage jedoch USB-C.

Wenn man über das Thema Nachhaltigkeit spricht, gehört auch die Haltbarkeit der Produkte dazu. myStopy gibt auf den Bremsassistenten eine Garantiezeit von 24 Monaten, was eine entsprechend lange Haltbarkeit verspricht.

Sollbruchstelle

Dennoch müssen wir an dieser Stelle berichten, dass unser Testgerät die Testdauer nicht unbeschadet überstanden hat. Der Bremskeil wird über eine kleine Haltenase aus Kunststoff in der Auslöseposition gehalten, die beim Hochziehen des Bremskeils am Ende der Tests abgebrochen ist. Betrachtet man die kleine abgebrochene Haltenase, wirkt diese etwas unterdimensioniert. Man sollte im Hinterkopf behalten, dass Kinder oftmals nicht sehr schonend mit den Laufrädern umgehen. Mal fällt das Laufrad auf den Boden, mal wird es mit einem Stock oder einem Stein bearbeitet. So könnte auch der myStopy beschädigt werden.

Daher musste die Firma auf Anraten der Prüfstelle aus eine Sollbruchstelle einbauen, um eine Zulassung zu bekommen. Treffen plötzliche Erschütterungen von 20 kg und mehr schlagartig von oben auf den myStopy auf, bricht die Nase ab. Durch den Bruch der Haltenase ist der myStopy offensichtlich nicht mehr funktionsfähig. Im Falle einer Beschädigung kann der myStopy eingeschickt und repariert werden. Bricht die Haltenase jedoch wie in unserem Fall durch Krafteinwirkung von außen ab, wird das Gerät innerhalb der Garantiezeit ersetzt oder repariert. Zudem hat uns die Firma myStopy versichert, dass bisher ein entstandener Schaden wie bei uns nicht vorkam.

Fazit

Am Ende können wir berichten, dass uns der myStopy-Bremsassistent gut gefallen hat und er das tut, was er soll: Beim Auslösen bringt er Kind und Laufrad innerhalb kürzester Strecke zum Stehen. Das einzige, was zu bemängeln ist, wäre eben jene Haltenase aus Kunststoff, die aber wie erwähnt von der Prüfstelle aus eingebaut werden musste.

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